Teil 5: Got­tes Exis­tenz – Wis­sen­schaft­ler über den mensch­li­chen Geist

Themenbereiche: Die Existenz Gottes

Vie­le mate­ria­lis­ti­sche Wis­sen­schaft­ler ver­su­chen, die höchs­ten For­men geis­ti­ger Pro­zes­se, dar­un­ter Selbst­be­wusst­sein und Bewusst­sein, als End­pro­duk­te bio­che­mi­scher Reak­tio­nen zu erklä­ren. Kann der mensch­li­che Geist ledig­lich das Pro­dukt der Evo­lu­ti­on der Mate­rie sein?

Das Bild ähnelt einer Röntgenaufnahme. Es zeigt den Kopf eines Mannes mit dem Gehirn darin. In der Mitte des Gehirns leuchtet rotes Licht. Der Hintergrund ist schwarz, aber voller mathematischer Formeln. Ist das,was wir den menschlichen Geist nennen, nur das Produkt biochemischer Aktivitäten des Gehirns?

Tho­mas Hen­ry Hux­ley, ein Freund Dar­wins, schrieb 1863:

No one is more stron­gly con­vin­ced than I am of the vast­ness of the gulf bet­ween … man and bru­tes … for, he alo­ne pos­s­es­ses the mar­ve­lous endow­ment of intel­li­gi­ble and ratio­nal speech [and] … stands rai­sed upon it as on a moun­tain top, far abo­ve the level of his hum­ble fel­lows, and trans­fi­gu­red from his gros­ser natu­re by reflec­ting, here and the­re, a ray from the infi­ni­te source of truth.[1]

Eini­ge mate­ria­lis­ti­sche Wis­sen­schaft­ler ver­su­chen, die höchs­ten geis­ti­gen Pro­zes­se, so auch das Selbst­be­wusst­sein und das Bewusst­sein, als Ergeb­nis­se bio­che­mi­scher Pro­zes­se zu erklä­ren. Man nennt sie daher auch Reduk­tio­nis­ten, da sie die gesam­te Wirk­lich­keit auf die Ebe­ne der mate­ri­el­len Pro­zes­se redu­zie­ren. Vie­le ande­re Wis­sen­schaft­ler gehö­ren die­ser Kate­go­rie nicht an, denn sie erken­nen die Gren­zen der Wis­sen­schaft und spre­chen z. B. vom „Wun­der und Geheim­nis des mensch­li­chen Selbst mit sei­nen spi­ri­tu­el­len Wer­ten, sei­ner schöp­fe­ri­schen Kraft und der Ein­zig­ar­tig­keit, mit der es jeden Ein­zel­nen von uns begabt“, wie es hier John C. Eccles, Neu­ro­wis­sen­schaft­ler und Nobel­preis­trä­ger, tut.[2] Er ver­wirft den mate­ria­lis­ti­schen Reduk­tio­nis­mus und hält in Zusam­men­ar­beit mit dem Phi­lo­so­phen Karl Pop­per an der dua­lis­ti­schen Interaktionismus‐Theorie fest, wel­che besagt, dass das Ich das Gehirn steu­ert, wäh­rend bei­de in enger Inter­ak­ti­on anein­an­der arbeiten.

Das anthro­pi­sche Prin­zip erreicht in der Tat­sa­che, dass jeder von uns zu einem ein­ma­li­gen selbst­be­wuss­ten Wesen wird, eine neue Dimen­si­on. Die­se Tran­szen­denz war das Motiv mei­nes Lebens­wer­kes, das in dem Bemü­hen gip­felt, das Gehirn zu ver­ste­hen, um das Geist‐Gehirn‐Problem wis­sen­schaft­lich dar­stel­len zu kön­nen. Ich blei­be dabei, dass das Mys­te­ri­um des Men­schen vom wis­sen­schaft­li­chen Reduk­tio­nis­mus in unglaub­li­cher Wei­se her­ab­ge­wür­digt wird, wenn er bean­sprucht und ver­spricht, die gesam­te spi­ri­tu­el­le Welt letz­ten Endes auf mate­ria­lis­ti­sche Wei­se mit Mus­tern neu­ro­na­ler Akti­vi­tät erklä­ren zu kön­nen. Die­ser Glau­be muss als ein Aber­glau­be betrach­tet wer­den.[3]

Er sieht kei­ne Span­nung zwi­schen sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Arbeit und dem Glau­ben an eine der Wis­sen­schaft unzu­gäng­li­che geist­li­che Realität:

Da unse­re erleb­te Ein­ma­lig­keit mit mate­ria­lis­ti­schen „Lösungs­vor­schlä­gen nicht zu erklä­ren ist, bin ich gezwun­gen, die Ein­ma­lig­keit des Selbst oder der See­le auf eine über­na­tür­li­che spi­ri­tu­el­le Schöp­fung zurück­zu­füh­ren. Um es theo­lo­gisch aus­zu­drü­cken: Jede See­le ist eine neue gött­li­che Schöp­fung …[4]

Wir möch­ten mit der Fest­stel­lung schlie­ßen, dass die bio­lo­gi­sche Evo­lu­ti­on sich selbst tran­szen­diert, indem sie mit dem mensch­li­chen Gehirn die mate­ri­el­le Basis für selbst­be­wuss­te Wesen schafft, deren Natur es ist, nach Hoff­nung zu stre­ben und nach Sinn zu for­schen auf der Suche nach Lie­be, Wahr­heit und Schön­heit.[5]

Ich drü­cke hier mei­ne Bemü­hun­gen aus, ein Selbst – mein Selbst – als erfah­ren­des Wesen zu ver­ste­hen. Ich spre­che davon in der Hoff­nung, dass wir mensch­li­chen Ichs einen ver­wan­deln­den Glau­ben an den Sinn und die Bedeu­tung die­ses wun­der­vol­len Aben­teu­ers fin­den mögen, das jedem von uns auf die­ser heil­sa­men Erde beschie­den ist und auf der wir alle über ein wun­der­ba­res Gehirn ver­fü­gen, das uns gehört, um es zu steu­ern und zu gebrau­chen für unser Gedächt­nis, für unse­re Freu­de und Krea­ti­vi­tät und mit Zunei­gung für ande­re mensch­li­che Wesen.[6]

John Eccles Mei­nung über den Tod ist folgende:

Den Tod des Kör­pers und des Gehirns kön­nen wir als Auf­lö­sung unse­rer dua­lis­ti­schen Exis­tenz betrach­ten. Die befrei­te See­le wird, so ist zu hof­fen, eine ande­re Zukunft fin­den, mit einem noch tie­fe­ren Sinn und noch berü­cken­de­ren Erfah­run­gen, viel­leicht in einer neu­en kör­per­li­chen Exis­tenz, … in Über­ein­stim­mung mit der tra­di­tio­nel­len christ­li­chen Leh­re.[7]

Was ist das Bewusst­sein? Ist es nicht mehr als Che­mie, blo­ße Funk­ti­on eini­ger mole­ku­la­rer Struk­tu­ren des Gehirns, wer ist dann das „Ich“, wel­ches doch die Wirk­lich­keit erfährt? John Sear­le, ein moder­ner Phi­lo­soph, schreibt dazu:

I’m con­scious, I AM con­scious. We could dis­co­ver all kinds of start­ling things about our­sel­ve and our beha­viour; but we can­not dis­co­ver that we do not have minds, that they do not con­tain con­scious, sub­jec­ti­ve, inten­tio­na­li­stic men­tal sta­tes; nor could we dis­co­ver that we do not at least try to enga­ge in vol­un­t­a­ry, free, inten­tio­nal actions.[8]

Des­car­tes, häu­fig als Vater der moder­nen Phi­lo­so­phie bezeich­net, meint, wir wis­sen um die Exis­tenz des Geis­tes wegen unse­rer direk­ten Erfah­rung, so wie wir durch Beob­ach­tung und Ver­nunft auch das Dasein der Mate­rie erfah­ren. „Ich den­ke, dar­um bin ich.“ Er dach­te fer­ner, dass es in einer gewis­sen Ein­heit des Indi­vi­du­ums eine stän­di­ge Inter­ak­ti­on zwi­schen Kör­per und Geist gibt:

Auch lehrt mich die Natur durch jene Gefüh­le des Schmer­zes, des Hun­gers, des Durs­tes u.s.w., dass ich nicht blos, wie der Schif­fer in dem Schif­fe, in mei­nem Kör­per gegen­wär­tig bin, son­dern dass ich mit ihm auf das Engs­te ver­bun­den und gleich­sam gemischt bin, so dass ich eine Ein­heit mit ihm bil­de. Denn sonst wür­de ich, der ich nur ein den­ken­des Wesen bin, bei Ver­let­zun­gen mei­nes Kör­pers kei­nen Schmerz füh­len, son­dern nur im rei­nen Wis­sen die­se Ver­let­zung bemer­ken, wie der Schif­fer durch das Gesicht bemerkt, wenn etwas im Schiff zer­bricht.[9]

Die des­car­tes­sche dua­lis­ti­sche Sicht wur­de im 20. Jahr­hun­dert durch eini­ge Wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­so­phen fort­ge­führt und wei­ter­ent­wi­ckelt. Der Neu­ro­wis­sen­schaft­ler und Nobel­preis­trä­ger C. S. Sher­ring­ton leg­te die Grund­la­gen für das Ver­ständ­nis der Funk­ti­ons­wei­se des Gehirns. Einer sei­ner wich­tigs­ten Schü­ler, der kana­di­sche Neu­ro­chir­urg Wil­der Pen­field, begann sei­ne Stu­di­en des Gehirns als Mate­ria­list, kam spä­ter aber zu fol­gen­der Sicht:

It is easier to ratio­na­li­ze man„s being on the basis of two ele­ments than on the basis of one.[10]

Wir wol­len nicht in die Details der ver­schie­de­nen Geist‐Theorien ein­tau­chen, aber doch her­aus­strei­chen, dass wirk­li­che Wis­sen­schaft die geist­li­chen Qua­li­tä­ten des Men­schen nicht ver­leug­net, wie es jedoch durch die materialistisch‐reduktionistische Vor­stel­lung geschieht, wie auch Roger W. Sper­ry (Nobel­preis­trä­ger) beobachtete:

Befo­re sci­ence, man used to think hims­elf a free agent pos­ses­sing free will. Sci­ence gives us, ins­tead, cau­sal deter­mi­nism whe­r­ein every act is seen to fol­low ine­vi­ta­b­ly from pre­ce­ding pat­terns of brain exci­ta­ti­on. Whe­re we used to see pur­po­se and mea­ning in human beha­viour, sci­ence now shows us a com­plex bio‐physical machi­ne com­po­sed enti­re­ly of mate­ri­al ele­ments, all of which obey inex­orab­ly the uni­ver­sal laws of phy­sics and che­mis­try.… I find that my own con­cep­tu­al working model of the brain leads to infe­ren­ces that are in direct dis­agree­ment with many of the fore­go­ing; espe­ci­al­ly I must take issue with that who­le gene­ral materialistic‐reductionist con­cep­ti­on of human natu­re and mind that seems to emer­ge from the curr­ent­ly pre­vai­ling objec­ti­ve ana­ly­tic approach in the brain‐behaviour sci­en­ces. When we are led to favour the impli­ca­ti­ons of modern mate­ria­lism in oppo­si­ti­on to older, more idea­li­stic values in the­se and rela­ted mat­ters, I suspect that sci­ence may have sold socie­ty and its­elf a some­what ques­tionable bill of goods.[11]


Fußnoten

  1. T. H. Hux­ley from Nature’s Eco­no­my. Ch. 9. Donald Wors­ter. Cam­bridge 1985.
  2. John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steu­ert, 1994, Sei­te 255.
  3. John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 388 und 389.
  4. John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 381.
  5. John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 391.
  6. John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steu­ert, 1994, S. 262.
  7. John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 391.
  8. John Sear­le, Minds, Brains and Sci­ence, 1984.
  9. René Des­car­tes, Medi­ta­ti­ons, 1641. Zeno Mei­ne Biblio­thek: Phi­lo­so­phie.
  10. Wil­der Pen­field, The Mys­tery of the Mind, 1975.
  11. Sper­ry, Roger W., „Mind, Brain, and Huma­nist Values“, Bul­le­tin of the Ato­mic Sci­en­tists, Sep­tem­ber, 1966, S. 2–3.


T. H. Hux­ley from Nature’s Eco­no­my. Ch. 9. Donald Wors­ter. Cam­bridge 1985.

John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steu­ert, 1994, Sei­te 255.

John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 388 und 389.

John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 381.

John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 391.

John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steu­ert, 1994, S. 262.

John C. Eccles, Die Evo­lu­ti­on des Gehirns – die Erschaf­fung des Selbst, 1994, S. 391.

John Sear­le, Minds, Brains and Sci­ence, 1984.

René Des­car­tes, Medi­ta­ti­ons, 1641. Zeno Mei­ne Biblio­thek: Phi­lo­so­phie.

Wil­der Pen­field, The Mys­tery of the Mind, 1975.

Sper­ry, Roger W., „Mind, Brain, and Huma­nist Values“, Bul­le­tin of the Ato­mic Sci­en­tists, Sep­tem­ber, 1966, S. 2–3.