Teil 3: Got­tes Exis­tenz – das Argu­ment vom Plan (Teleo­lo­gi­sches Argument)

Themenbereiche: Die Existenz Gottes

Kant schrieb in einem sei­ner frü­hen Werke:

Die­ser Beweis ver­dient jeder­zeit mit Ach­tung genannt zu wer­den. Er ist der ältes­te, klars­te und der gemei­nen Men­schen­ver­nunft am meis­ten ange­mes­se­ne. … Ob wir aber gleich wider die Ver­nunft­mä­ßig­keit und Nütz­lich­keit die­ses Ver­fah­rens nichts ein­zu­wen­den, son­dern es viel­mehr zu emp­feh­len und auf­zu­mun­tern haben …[1]

Die­ses Argu­ment basiert auf einer sehr grund­sätz­li­chen und offen­sicht­li­chen Beob­ach­tung von Men­schen aller Zeiten.

Der abgebildete Pfau mit seinen ausgebreiteten Schwanzfedern vermittelt Schönheit und Eleganz. Steckt hinter seinem Design ein Geist?

1 In der Natur herr­schen Ord­nung und Harmonie

Wo immer wir auch hin­se­hen: Wir fin­den eine sehr kom­ple­xe und gut pas­sen­de Ord­nung vor; gera­de auch in unse­rer Umge­bung. Wir sehen eine erstaun­li­che Ein­heit und Über­ein­stim­mung in der Natur. Das gesam­te Uni­ver­sum ist ein aus streng auf­ein­an­der abge­stimm­ten und ver­bun­de­nen Tei­len bestehen­des kom­ple­xes Sys­tem, das genau­en Gesetz­mä­ßig­kei­ten folgt.

Es wür­de den Rah­men spren­gen, alle Gebie­te auf­zu­lis­ten, in denen die Wis­sen­schaft Bewei­se für die Regel­mä­ßig­keit, die Ord­nung und Har­mo­nie lie­fert. Es gibt ande­re Bücher (oder sagen wir eher Biblio­the­ken), die dies tun. Wer sich damit aus­ein­an­der­setzt, erkennt dies im ent­fern­ten Makro­kos­mos, in den unglaub­li­chen Pro­zes­sen im Mikro­kos­mos, in den kom­pli­zier­ten Struk­tu­ren der orga­ni­schen und anor­ga­ni­schen Mate­rie, den Zel­len, dem Bie­nen­tanz, dem Flug der Vögel, der Beschaf­fen­heit des mensch­li­chen Auges, dem Zusam­men­spiel der Organe …

Selbst wenn man die Welt aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrach­tet, wenn man Unvoll­kom­men­heit, Dis­har­mo­nie, Kampf, Natur­ka­ta­stro­phen sieht, sodass Men­schen vom soge­nann­ten evo­lu­tio­nä­ren Prin­zip spre­chen – näm­lich dass die Natur von einem grau­sa­men Über­le­bens­kampf beherrscht wird, in dem eine Ent­wick­lung nur durch die Unter­drü­ckung der Schwa­chen mög­lich ist – muss man auf der ande­ren Sei­te doch sehen: Gleich­mä­ßig­keit, Ord­nung und Har­mo­nie sind gegen­wär­tig, Leben und Mensch fin­den bes­ten Schutz, selbst unter schwie­rigs­ten Bedingungen.

2 Das Design des Uni­ver­sums kann man weder durch Zufall noch durch die Natur­ge­set­ze erklä­ren. Die “ Zufäl­le“ sind „zufäl­lig“ gut auf­ein­an­der abge­stimmt, zu gut für Zufälle

Zufall ist kei­ne Erklä­rung, son­dern im Gegen­teil der Ver­zicht dar­auf. Wis­sen­schaft­ler erklä­ren Natur­phä­no­me­ne durch die Annah­me, dass bestimm­ten Wir­kun­gen bestimm­te Ursa­chen vor­aus­ge­hen. Es gibt kei­nen Grund, die Rich­tig­keit der Anwen­dung die­ses Prin­zips bei den bis­her gelös­ten Fra­gen in Zwei­fel zu zie­hen. Vie­le Fra­gen jedoch har­ren noch einer Lösung, sind aber sicher­lich kom­ple­xer und ver­lan­gen dadurch auch kom­ple­xe­re Ant­wor­ten. War­um soll­ten wir die­sen logi­schen Schluss ver­wer­fen und statt­des­sen Zufall und Cha­os annehmen?

Gibt die Evo­lu­ti­ons­theo­rie eine zufrie­den­stel­len­de Antwort?

Vie­le Men­schen, auch Wis­sen­schaft­ler, mei­nen, die Evo­lu­ti­ons­theo­rie erklä­re die Ent­wick­lung des Uni­ver­sums und des Lebens und „erset­ze“ somit Gott. Ande­rer­seits gibt es aber auch nicht weni­ge ernst zu neh­men­de Wis­sen­schaft­ler, die bezeu­gen, dass das Gegen­teil der Fall sei. Denn selbst vom evo­lu­tio­nis­ti­schen Stand­punkt aus zeigt der Kos­mos kei­ne Unord­nung, son­dern ein phan­tas­ti­sches Design, das jeden ehr­li­chen For­scher in demü­ti­ges Stau­nen ver­setzt: dass doch alles trotz so vie­ler Hin­der­nis­se und solch gro­ßer Lücken zwi­schen den ver­schie­de­nen Schrit­ten so gut ein­ge­stellt ist, dass sogar die Kro­ne der Evo­lu­ti­on erreicht wer­den konn­te – das Leben und beson­ders der Mensch, der die­ses alles noch bewusst bewun­dern kann. Ist nicht selbst das eher ein kla­rer Beweis für höchst intel­li­gen­tes Design?

Von Wil­liam Paley stammt der Gedan­ke, dass der Mann, der zufäl­lig eine Uhr fin­det, rich­ti­ger­wei­se auf die Exis­tenz des Uhr­ma­chers schließt. Vol­taire resümiert:

Wenn die Uhr die Exis­tenz eines Uhr­ma­chers beweist, das Uni­ver­sum jedoch nicht die Exis­tenz eines gro­ßen Archi­tek­ten, dann stim­me ich zu, ein Narr genannt zu werden.

Wenn nun jemand eine voll­au­to­ma­ti­sche Fabrik vor­fin­det, die ohne jeden Ein­griff des Men­schen Uhren her­stellt, wird er nicht den­ken, dass das alles von einer höhe­ren Intel­li­genz ent­wor­fen wur­de? In ähn­li­cher Wei­se wer­den wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se und Theo­rien nie­mals zei­gen, dass alles sich selbst erklärt. Sie wer­den viel­mehr immer deut­li­cher machen, wie wun­der­voll die­se Welt ist und wie gut alles zusam­men­passt, was doch einen über­aus intel­li­gen­ten, über­welt­li­chen Schöp­fer erfordert.

In Wahr­heit lie­fert uns die der­zei­ti­ge Evo­lu­ti­ons­theo­rie weder eine befrie­di­gen­de Ant­wort auf die Fra­ge nach der offen­sicht­lich zweck­mä­ßi­gen Ent­wick­lung – zumal wei­ter­hin gro­ße Lücken in der angeb­li­chen Ent­wick­lungs­ket­te klaf­fen – noch kann sie irgend­ei­nen Grund für die Ent­ste­hung des Alls, des Lebens, der Arten und des mensch­li­chen Geis­tes ange­ben oder auch nur erah­nen. Auch wenn vie­le Men­schen mei­nen, dies wäre nur eine Fra­ge der Zeit, und hof­fen, irgend­wann ein­mal doch auf alles eine Ant­wort geben zu kön­nen, gibt es sehr star­ke Grün­de, dies zu bezwei­feln. Denn selbst die bes­te wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung oder die umfas­sends­te, all­ge­meins­te Theo­rie erklär­te immer noch nicht, war­um die Natur­ge­set­ze gera­de so sind, wie sie sind, und war­um alles so geschah, wie es eben geschah. Die Wis­sen­schaft kann wohl vie­le Details im Kos­mos ver­ste­hen, sie kann jedoch Fra­gen außer­halb die­ses Rah­mens nicht erfassen.

3 Der Plan des Uni­ver­sums kann völ­lig befrie­di­gend durch die Annah­me eines intel­li­gen­ten, über­welt­li­chen Pla­ners erklärt wer­den. Dar­an kön­nen wir glau­ben und dies macht ande­re Erklä­rungs­ver­su­che überflüssig

Die Erschei­nun­gen der Natur besit­zen kei­ne Intel­li­genz in sich selbst; wir kön­nen auch nicht über beab­sich­tig­tes Han­deln bei ihnen spre­chen. Die­ses lässt sich nur durch die Kon­trol­le eines wei­sen Wesens erklä­ren, das einen frei­en Wil­len besitzt. Die­ses Argu­ment beweist noch nicht abso­lut die Unend­lich­keit und Voll­kom­men­heit des Pla­ners, zeigt aber zumin­dest, dass die­ser über dem Kos­mos steht und ein über­le­ge­ner Geist ist, der allem Zweck und Ziel zuord­net. Wir kön­nen sogar etwas von die­sem Ziel erah­nen, wenn wir unse­ren frei­en Wil­len und unse­re Lie­bes­fä­hig­keit betrachten.

Sci­ence can only be crea­ted by tho­se who are tho­rough­ly imbued with the aspi­ra­ti­on toward truth and under­stan­ding. This source of fee­ling, howe­ver, springs from the sphe­re of reli­gi­on. To this the­re also belongs the faith in the pos­si­bi­li­ty that the regu­la­ti­ons valid for the world of exis­tence are ratio­nal, that is, com­pre­hen­si­ble to reason. I can­not con­cei­ve of a genui­ne sci­en­tist wit­hout that pro­found faith. The situa­ti­on may be expres­sed by an image: sci­ence wit­hout reli­gi­on is lame, reli­gi­on wit­hout sci­ence is blind.[2]


Fußnoten

  1. Kri­tik der rei­nen Ver­nunft, I. Tran­szen­den­ta­le Ele­men­tar­leh­re, Zwei­ter Teil, Zwei­te Abtei­lung, Zwei­tes Buch, Drit­tes Haupt­stück, Sechs­ter Abschnitt.
  2. A. Ein­stein: Sci­ence, Phi­lo­so­phy, and Reli­gi­on: A Sym­po­si­um, 1941.


Kri­tik der rei­nen Ver­nunft, I. Tran­szen­den­ta­le Ele­men­tar­leh­re, Zwei­ter Teil, Zwei­te Abtei­lung, Zwei­tes Buch, Drit­tes Haupt­stück, Sechs­ter Abschnitt.

A. Ein­stein: Sci­ence, Phi­lo­so­phy, and Reli­gi­on: A Sym­po­si­um, 1941.