Gut sein – ohne Gott?

„Ich bin so auch ein ganz guter Mensch. Man kann auch gut sein ohne Gott.“ So den­ken vie­le nicht an Gott gläu­bi­ge Men­schen. Damit drü­cken sie aus, dass sie kei­ne Not­wen­dig­keit sehen, sich mit der Fra­ge nach Gott auseinanderzusetzen.

Die fol­gen­den Gedan­ken wol­len die­se Ansicht etwas genau­er unter die Lupe neh­men und ein Anstoß sein, das Gan­ze zu überdenken …

Hügeliges Land mit der untergehenden Sonne im Hintergrund. Ein Mann steht auf dem Gipfel und streckt einem Jungen die Hand entgegen, um ihn nach oben zu ziehen. Wir schaffen nicht alles alleine.

Es ist offen­sicht­lich, dass auch ungläu­bi­ge Men­schen gute Din­ge tun. Ärz­te set­zen sich für kran­ke Men­schen ein, Feu­er­wehr­män­ner ris­kie­ren ihr Leben, um ande­re aus den Flam­men zu ret­ten, Ent­wick­lungs­hel­fer neh­men vie­le Ent­beh­run­gen auf sich, um der Not in der Welt etwas entgegenzusetzen.

Wenn man etwas tie­fer blickt, wird mehr von der Rea­li­tät sicht­bar. So man­cher Arzt, der sich einer­seits für das Leben der Kran­ken ein­setzt, schreibt ande­rer­seits Attes­te für die Tötung unge­bo­re­ner wehr­lo­ser Kin­der. Wie vie­le Feu­er­wehr­män­ner sind ihrer Frau untreu und wel­cher Ent­wick­lungs­hel­fer ist in sei­nem pri­va­ten Leben frei von mora­li­schen Ver­feh­lun­gen? Men­schen hin­ter­zie­hen die Steu­er, belü­gen und ver­ach­ten ein­an­der, sind nei­disch, reden hin­ter dem Rücken, sind spöt­tisch, ego­is­tisch, gleich­gül­tig und bequem, hab­gie­rig, unauf­rich­tig und undankbar …

„Gut sein“ und „etwas Gutes tun“ ist nicht iden­tisch. Auch sol­che Men­schen, die viel Leid über ande­re Men­schen gebracht haben, haben punk­tu­ell Gutes getan. Wenn wir als Chris­ten von „Gut­sein“ reden, dann mei­nen wir etwas anderes.

Ein gläu­bi­ger Mensch hat in der Defi­ni­ti­on des Gut­seins einen ganz ande­ren Aus­gangs­punkt als ein ungläu­bi­ger Mensch. Die Annah­me eines abso­lut guten Schöp­fers, der jedes sei­ner Geschöp­fe gewollt und bejaht hat, führt zu einer grund­sätz­lich ande­ren Vor­stel­lung von Lie­be, Gerech­tig­keit und Wahr­heit als eine Welt­sicht ohne Gott.

Es führt auch zu einem ande­ren Ver­ständ­nis des Wer­tes und der Wür­de des Men­schen als die Über­zeu­gung, der Mensch sei ein Zufalls­pro­dukt blind wal­ten­der Mate­rie. Wenn der Mensch nur als zufäl­lig ent­stan­de­ner Mole­kül­hau­fen exis­tier­te, gäbe es eigent­lich kei­nen Grund dafür, war­um das mensch­li­che Leben schüt­zens­wert ist. Man könn­te dem Men­schen auch kein mora­li­sches Ver­ge­hen zur Last legen, denn wer könn­te sich das Recht her­aus­neh­men zu bestim­men, was gut und was schlecht ist?

Wenn es kei­nen abso­lu­ten Maß­stab gibt, muss man jedem sei­nen eige­nen Wert­maß­stab zuge­ste­hen. Wel­chen Grund gäbe es dann zu behaup­ten, Lei­den sei schlech­ter als Nicht‐Leiden oder Leben sei bes­ser als Tod?

… Natür­lich denkt nie­mand so, was zeigt, dass dem Men­schen – bewusst oder unbe­wusst – die Vor­stel­lung eines gewoll­ten sinn­vol­len Daseins viel näher liegt als die Zufalls­theo­rie. Das kon­se­quen­te Zu‐Ende‐Denken des athe­is­ti­schen Welt­bil­des führt ein­fach zu absur­den Schlussfolgerungen.

Oft­mals den­ken die Men­schen, den Maß­stab für gut und böse – für sich selbst – in sich selbst, in ihrem Gefühl, in ihrer Intui­ti­on fin­den zu können.

Sie beden­ken dabei viel­leicht nicht, dass das sub­jek­ti­ve Gute gleich­zei­tig schlecht für den andern sein kann. Wer wirk­lich gut sein will, muss das objek­tiv Bes­te suchen, unab­hän­gig von sei­ner eige­nen Per­sön­lich­keit, sei­nen Wün­schen und sei­nen sub­jek­ti­ven Emp­fin­dun­gen, denn nur dann kann man sicher sein, dass es auch für den ande­ren gut ist.

Mit der Fra­ge nach dem Bes­ten kommt man zur Fra­ge nach der Wahr­heit: Was ist wahr­lich das Bes­te? Wenn der Mensch sich die­se Fra­ge nicht stellt, kann das ver­hee­ren­de Fol­gen haben.

An einem Bei­spiel kann das deut­lich wer­den: Jemand, der kei­ne Ahnung von Kran­ken­pfle­ge hat und auf einen Ver­hun­gern­den trifft, wird ihm wahr­schein­lich ein reich­li­ches Mahl vor­set­zen. Und der Ver­hun­gern­de wird ster­ben, den er hät­te ret­ten kön­nen, wenn er das ent­spre­chen­de Wis­sen gehabt hät­te (dass ein aus­ge­hun­ger­ter Kör­per nur mit ganz leich­ter Nah­rung zurecht­kom­men kann).

Für einen ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Men­schen muss die Fra­ge nach dem Bes­ten zu einer bren­nen­den Fra­ge wer­den. Wo ist die Quel­le der Wahr­heit?

Man­che set­zen den Men­schen abso­lut. Er sei das Maß aller Din­ge. Leis­tung, Intel­li­genz, Fort­schritt wer­den betont und dass man sich auf Men­schen­rech­te eini­gen muss. Die Pra­xis zeigt spä­tes­tens in Grenz­si­tua­tio­nen, dass die­se Theo­rie nicht trägt. Mit gro­ßer Mühe kann man sich auf bestimm­te Wert­maß­stä­be und Regeln eini­gen, aber spä­tes­tens in Krieg oder Not glei­tet das Gan­ze oft ins Unmensch­li­che ab, weil jeder doch sei­nen Vor­teil sucht, wenn er nicht eine höhe­re mora­li­sche Instanz aner­kennt, die ihm das verbietet.

Wenn man den Men­schen als das abso­lu­te Maß der Din­ge sieht, erkennt man aller­dings damit zumin­dest die Mög­lich­keit eines abso­lu­ten Maß­sta­bes an. Im Men­schen kann er aber nicht lie­gen, weil der Mensch unvoll­kom­men ist.

Athe­is­ti­sche Huma­nis­ten ver­tre­ten auch bestimm­te Idea­le. Aber ohne die Aner­ken­nung eines abso­lu­ten Maß­sta­bes gehen Idea­le eben sehr schnell zugrun­de, was tag­täg­lich unter den Men­schen sicht­bar wird. Obwohl vom Wert mensch­li­chen Lebens gespro­chen wird, der unan­tast­bar ist, wird doch in kon­kre­ten prak­ti­schen Situa­tio­nen deut­lich, dass es lei­der immer wie­der eine Theo­rie bleibt. Wir sehen das an sol­chen Bei­spie­len wie Abtrei­bung, Eutha­na­sie und sozia­ler Ungerechtigkeit.

Über­all und immer wie­der wird deut­lich, dass der Mensch aus sich her­aus nicht die Kraft hat, die von ihm doch oft aner­kann­ten Idea­le auf­recht­zu­er­hal­ten und danach zu handeln.

Ein auf­rich­ti­ger Mensch sieht, dass er an Gren­zen stößt, sowohl in der Erkennt­nis als auch in der Umset­zung des Guten. Wer wirk­lich das Gute tun will, wird suchen, wer ihn leh­ren kann zu ver­ste­hen, was wirk­lich gut ist, und ihn auch dazu befä­hi­gen kann, es zu tun. Er wird sehen, dass das, was er sucht, bei Men­schen nicht zu fin­den ist.

Vie­le von uns haben das auch erfah­ren. Irgend­et­was in uns hat uns gedrängt, wei­ter zu suchen. Am Ende unse­rer Suche stand Jesus. Er allein hat voll­kom­men gut gelebt und hat zugleich alle Ehre dafür sei­nem himm­li­schen Vater gege­ben. Durch ihn haben wir den leben­di­gen Gott ken­nen­ge­lernt. Wir haben gese­hen, wer es war, der uns die­sen inne­ren Drang der Suche nach dem Guten und der Wahr­heit gege­ben hat.

Abel­ard hat es so formuliert:

„Das Gute liegt in der Zustim­mung zum Wil­len Gottes.“

Gutes zu tun und nach dem Bes­ten zu stre­ben ist für uns Chris­ten nichts, was uns beson­ders macht. Wir kön­nen und wol­len das nut­zen, was unser Schöp­fer uns gab in dem Sinn, wofür er es uns gege­ben hat. Ohne ihn könn­ten wir nichts tun, denn nie­mand hat sei­ne Gaben und Fähig­kei­ten aus sich selbst heraus.

Die­ses Wis­sen hilft uns, in Demut zu sehen, wie sehr wir auf ihn ange­wie­sen sind, damit er uns Klar­heit gibt in der Fra­ge nach dem Guten. Wir sind froh und dank­bar, dass wir uns immer an ihn wen­den kön­nen, damit er uns zum Tun des Guten fähig macht.