Teil 4: Got­tes Exis­tenz – Argu­men­te von der Natur des Menschen

Themenbereiche: Die Existenz Gottes

Die fol­gen­den Gedan­ken beru­hen auf von uns allen erfahr­ba­ren Rea­li­tä­ten im Zusam­men­hang mit unse­rem Mensch­sein. Wir wol­len dar­an erin­nern, dass unse­re tiefs­ten Absich­ten und Sehn­süch­te auf ein letzt­end­li­ches Ziel hin­wei­sen, wel­ches alles zur Erfül­lung brin­gen kann.

Wir erle­ben unser Leben als ein stän­di­ges Suchen. Jedes irdi­sche Ziel aber kann uns bes­ten­falls vor­über­ge­hen­de Erfül­lung schen­ken. Die­ser Umstand erklärt sich am bes­ten, wenn wir ein letzt­end­li­ches Ziel anneh­men. Erreicht der Mensch die­ses nicht, kön­nen ihm auch die „pro­vi­so­ri­schen“, d. h. irdi­schen Zie­le kei­ne Erfül­lung geben. Des­halb neh­men wir auch an, dass die­ses letzt­end­li­che Ziel außer­halb die­ser Welt liegt.

Ein kleiner Junge, der gerne mit Seifenblasen spielt – das veranschaulicht treffend die einzigartige Fähigkeit des Menschen, die Welt um sich herum zu verstehen, glücklich zu sein und Fragen zu stellen.

1 Ziel des Lebens, der Freu­de, des Ver­lan­gens nach Erfüllung

Jeder Mensch streckt sich jeden Tag nach Din­gen aus, die er für wich­tig hält. Jugend­li­che stre­ben nach Erfolg beim Stu­di­um, Erwach­se­ne wol­len genug Geld ver­die­nen, um für sich und die Fami­lie sor­gen zu kön­nen. Eini­ge inves­tie­ren viel Zeit und Ener­gie, um die Wis­sen­schaft vor­an­zu­brin­gen, oder wol­len sich für das Wohl der Gesell­schaft auf ande­ren Gebie­ten ein­set­zen. Das sind alles gute Din­ge, doch was ist ihr letzt­end­li­cher Sinn? Obwohl die Men­schen davon aus­ge­füllt sein kön­nen und Zei­ten der Freu­de dar­an erle­ben, kön­nen die­se Din­ge weder völ­li­ge Erfül­lung noch Sicher­heit bie­ten. Ein Erd­be­ben kann in einem Augen­blick alles, was ein Mensch in vie­len Jah­ren auf­bau­te, zer­stö­ren. Der Tod eines gelieb­ten Men­schen kann jeman­den in Depres­sio­nen stür­zen. Es gibt unzäh­li­ge Fäl­le, in denen der Mensch mit der End­lich­keit sei­nes Lebens und der irdi­schen Din­ge kon­fron­tiert wird.

Man­che mei­nen, Unter­hal­tung, Belus­ti­gung und Ver­gnü­gen wären der eigent­li­che Sinn im Leben; doch jeder ehr­li­che Mensch erkennt, dass die­ses Den­ken und die­ser Lebens­stil ins Lee­re und zum Ver­lust der wirk­li­chen Wer­te im Leben führt. Die­se Ideo­lo­gie bie­tet den bes­ten Nähr­bo­den für Las­ter­haf­tig­keit, Zügel­lo­sig­keit und Aggres­si­vi­tät. Dies ist mit Sicher­heit ein Irrweg.

Jeder­mann besä­ße gern einen fes­ten Grund, auf dem er jeder­zeit den rich­ti­gen Halt fän­de. Wel­cher kann das sein? Jesus Chris­tus sagt:

Sam­melt euch nicht Schät­ze auf der Erde, wo Mot­te und Rost zer­stö­ren und wo Die­be durch­gra­ben und steh­len… (Mat­thä­us 6,19)

Auch wenn jemand die­sen Jesus nicht als Got­tes Sohn betrach­ten kann, kann er doch sehen, dass die­ses Wort sehr gut zur Wirk­lich­keit passt. Wie vie­le Men­schen, die immens reich und oben­drein noch berühmt waren, begin­gen Selbst­mord? Wie vie­le setz­ten ihr Hoff­nung auf ande­re Men­schen und wur­den zu Wracks, nach­dem sie von jenen bit­ter ent­täuscht wur­den? Was über­haupt kann der Mensch in die­ser Welt fin­den, das ihm völ­li­ge Sicher­heit geben könn­te? Wer kann befrie­di­gen­de, gute Ant­wor­ten auf die größ­ten Fra­gen der Mensch­heit geben? Jesus setzt sei­ne Aus­sa­ge fort:

… sam­melt euch aber Schät­ze im Him­mel, wo weder Mot­te noch Rost zer­stö­ren und wo Die­be nicht durch­gra­ben noch steh­len; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. […] Trach­tet aber zuerst nach dem Reich Got­tes und nach sei­ner Gerech­tig­keit, und dies alles wird euch hin­zu­ge­fügt wer­den. (Mat­thä­us 6,20–21 und 33)

Jeder Mensch hat einen gewis­sen Wunsch, das Ziel sei­nes Lebens zu fin­den. Wenn auch vie­le dies ver­drän­gen wol­len, schei­nen die Men­schen doch Erfül­lung, Freu­de und Lie­be zu suchen. Die­je­ni­gen, die ihr Ziel nicht fin­den, ver­sin­ken in sich selbst. Somit ist das Ver­lan­gen nach Fül­le ein natür­li­ches mensch­li­ches Bedürf­nis, wel­ches aber logischer‐ und prak­ti­scher­wei­se unmög­lich zu befrie­di­gen wäre, wenn es nicht etwas oder jemand gäbe, das oder der die­se Fül­le in sich selbst besitzt. Da, soweit wir wis­sen, der Mensch das Wesen mit dem höchs­ten Ent­wick­lungs­grad im Kos­mos ist, kön­nen wir von vorn­her­ein eine Erfül­lung durch mate­ri­el­le Din­ge aus­schlie­ßen, da die­se gerin­ge­ren Niveaus sind.

Natür­lich kön­nen wir an ande­ren Men­schen oder auch an Din­gen Freu­de fin­den. Die­se Freu­de kann von ihrem Wesen her aber nur pro­vi­so­risch und nicht umfas­send sein, denn selbst Men­schen kön­nen mir die­se letzt­end­li­che Fül­le nicht geben, da sie auf glei­cher Stu­fe wie ich ste­hen und mit den glei­chen Nöten kämp­fen wie ich. Jedes Suchen nach dau­er­haf­ter Erfül­lung in die­sen mate­ri­el­len Din­gen oder Men­schen ist ein fata­ler Selbst­be­trug. Dage­gen ist die Exis­tenz eines abso­lu­ten Wesens, wel­ches alle Bedürf­nis­se des Men­schen zu erfül­len ver­mag, eine grund­sätz­li­che Not­wen­dig­keit für das Leben.

2 Das gene­rel­le Bedürf­nis des Men­schen nach Liebesbeziehung

Gemäß der Sozi­al­phi­lo­so­phie (z. B. Mar­tin Bubers) ist Bezie­hung, d. h. Offen­heit und Lie­be zu ande­ren Men­schen, ein Grund­be­dürf­nis des Men­schen. Lie­be ist der tiefs­te Aus­druck des Wesens unse­rer Per­sön­lich­keit. Der Mensch ist von Natur aus ein sozia­les Wesen. Er kann alle Mög­lich­kei­ten sei­ner Natur nicht nur für sich selbst, son­dern auch für ande­re nut­zen. Dafür ist die Bezie­hung „ich und du“ unab­ding­bar. Vor allem unser Seh­nen nach dem ande­ren und die Hin­ga­be an ihn formt in uns den Sinn für Ver­ant­wor­tung und rich­ti­ger Ein­schät­zung des ande­ren und uns selbst. Indem wir in Bezie­hung mit dem ande­ren tre­ten, erlan­gen wir Selbst­re­fle­xi­on, Selbst­be­ur­tei­lung, Selbst­be­wusst­sein. Da wir Gemein­schaft mit ande­ren brau­chen, sind Selbst­ge­nüg­sam­keit und Zurück­ge­zo­gen­heit die größ­ten Hin­der­nis­se in der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung. Selbst­sucht dient mir nur schein­bar, denn wenn ich die Bedürf­nis­se des ande­ren nicht beach­te, wenn ich nicht ler­ne, zuguns­ten des ande­ren zu ver­zich­ten, wenn ich grund­sätz­lich miss­trau­isch bin, dann iso­lie­re ich mich selbst und fin­de nicht, was ich doch in gewis­ser Wei­se suche: Erfül­lung mei­ner selbst. Wer also für sich selbst lebt oder Macht über ande­re gewin­nen will, kann nicht frei sein, denn nur dem ande­ren zu die­nen kann befrei­en. Nur durch Hin­ga­be fin­den wir Zufrie­den­heit in unse­rem Leben.

Doch sieht der Mensch immer sei­ne Gren­zen, dass er voll­kom­me­ne Lie­be weder emp­fan­gen noch geben kann. Wir erfah­ren stän­dig, dass unse­re Fähig­keit, den ande­ren mit all sei­nen Nöten und Eigen­hei­ten zu lie­ben, sehr begrenzt ist. Oft über­steigt die dafür nöti­ge Kraft unser Ver­mö­gen. Dies ist auch wich­tig zu erken­nen, damit wir den ande­ren nie als ein Werk­zeug zur Erfül­lung unse­rer eige­nen Wün­sche betrach­ten. Auch endet die Lie­be, die wir von einem ande­ren Men­schen emp­fan­gen, spä­tes­tens mit des­sen Tod. Des­halb kann unser natür­li­ches Bedürf­nis, voll­kom­me­ne und ewi­ge Lie­be zu emp­fan­gen, nur von einem ewi­gen, voll­kom­me­nen Wesen erfüllt wer­den, das selbst Quel­le uner­schöpf­li­cher Lie­be ist. Je näher jemand die­ser Quel­le ist, um so fähi­ger wird er zu lie­ben, wie er von ihr emp­fängt. Wenn jemand davon erfüllt ist, wird er auch ande­re voll­kom­men lie­ben können.

3 Der Wunsch nach Gerechtigkeit

Jeder hat ein natür­li­ches Gerech­tig­keits­emp­fin­den. Dies wird leicht sicht­bar durch die Tat­sa­che, dass die schlech­ten, bösen Taten von ande­ren, von „Fein­den“, sehr streng beur­teilt wer­den. Wir sind unse­ren „Fein­den“ gegen­über übli­cher­wei­se viel sen­si­bler als gegen uns selbst. So haben selbst sehr ego­is­ti­sche Men­schen den ( durch­aus berech­tig­ten) Wunsch, gerecht behan­delt zu werden.

Nun wol­len Evo­lu­tio­nis­ten die­ses Phä­no­men als Resul­tat des gemein­schaft­li­chen Lebens der Spe­zi­es „Mensch“ erklä­ren, da es im Kol­lek­tiv von Vor­teil sei, gerecht zu sein. Aber ers­tens kann sich der Gerech­tig­keits­sinn nicht ein­fach „ent­wi­ckeln“. Da gibt es eigent­lich nicht ein Mehr oder Weni­ger. Es scheint auch wenig sinn­voll anzu­neh­men, dass sich die Mensch­heit in einem frü­hen Sta­di­um dafür ent­schied, gerecht zu sein, was dann in der Fol­ge auf die Nach­kom­men über­tra­gen wur­de. Sol­che Erschei­nun­gen kön­nen nicht ver­erbt wer­den, son­dern jeder Ein­zel­ne muss sich ent­schei­den, gerecht zu sein. Zwei­tens ist Gerech­tig­keit kei­ne Fra­ge des Vor­teils für mich oder ande­re. Eine gerech­te Tat geschieht nicht aus Berech­nung. Wie kann nun unser Wunsch nach Gerech­tig­keit erfüllt werden?

In unse­rer Welt gab es immer viel Unge­rech­tig­keit und es wäre unrea­lis­tisch zu den­ken, dies wür­de sich völ­lig ändern. Auch der Kampf man­cher Poli­ti­ker, Huma­nis­ten oder reli­giö­ser Men­schen um Gerech­tig­keit befrie­digt uns nicht, da immer nur eine bruch­stück­haf­te Gerech­tig­keit erstrebt und erreicht wird. Wirk­lich all­um­fas­sen­de Gerech­tig­keit, die dar­über hin­aus für alle gül­tig ist, ist auf die­ser Welt nicht zu fin­den. Ist nun also die­ses Ver­lan­gen nur eine sinn­lo­se, weil nie erfüll­ba­re Eigen­schaft des Men­schen oder ist es nicht gera­de ein Hin­weis auf ein tran­szen­den­tes Wesen, wel­ches dies für immer gewäh­ren kann?

4 Schön­heit und Harmonie

Wenn der Grund für das Ent­ste­hen des Kos­mos und des Men­schen nur in der Abfol­ge bestimm­ter extrem sel­ten vor­kom­men­der Ereig­nis­se läge, woher kämen dann Schön­heit und Har­mo­nie? War­um besitzt der Mensch Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten, wel­che vom Stand­punkt des Über­le­bens­kamp­fes und der Erhal­tung der Art völ­lig unnö­tig sind? Woher kom­men künst­le­ri­sche Gaben, Dicht­kunst und Musik? Wenn das Leben letzt­lich doch nur ein grau­sa­mer Kampf ums Über­le­ben wäre, war­um sind dann sol­che Din­ge ent­stan­den und war­um haben sie überlebt?

Ein Kind, das gern und her­vor­ra­gend mal­te, setz­te sich eines Tages in sein Zim­mer und begann, eine schö­ne Land­schaft zu malen. Nach­dem es vie­le Stun­den mit Pin­sel, Lein­wand und Far­ben umge­gan­gen war, wur­de es müde, ging nach drau­ßen, erblick­te den Him­mel und die Bäu­me und rief spon­tan: „Oh ja, dies ist viel schö­ner, als was ich male oder je malen wer­de. Wer ist nur der Maler all die­ser Dinge?“

Der Mensch hat einen natür­li­chen Wunsch nach Schön­heit, wel­che das Voll­kom­me­ne, das Idea­le wider­spie­gelt. Schön ist, was dem Voll­kom­me­nen, dem Idea­len nahe­kommt. Der Rhyth­mus der Pro­por­tio­nen, Lini­en, Far­ben, Klän­ge hat kei­nen mate­ri­el­len oder bio­lo­gi­schen Wert in sich, und selbst wenn es damit ver­bun­den wäre, lie­ben wir all das doch aus ande­ren Grün­den. Wir freu­en uns, Schö­nes zu sehen, weil es uns der unend­li­chen Schön­heit näher bringt, wel­che wir uns wün­schen und die wir lie­ben. Wir mögen es, das Wel­len­spiel am Meer oder die hohen Ber­ge zu sehen, denn es lässt uns etwas von Grö­ße, Unend­lich­keit, Majes­tät erah­nen. Die anzie­hen­de Kraft der Schön­heit lei­tet uns zur unend­li­chen Quel­le der Voll­kom­men­heit, bei der unser Ver­lan­gen gestillt wer­den kann.

Die Expe­di­ti­on, wel­che von Ralph Sole­cki von der Colum­bia Uni­ver­si­ty gelei­tet wur­de und in die zer­klüf­te­te Land­schaft des Zagross‐Gebirges führ­te, grub 1960 in der Shanidar‐Höhle die Kno­chen eines vor 60.000 Jah­ren ver­stor­be­nen Nean­der­ta­lers aus. Sei­ne Begräb­nis­stät­te war in beson­de­rer Wei­se berei­tet: Er ruh­te auf einem aus Bün­deln höl­zer­ner Schach­tel­halm­zwei­ge her­ge­stell­ten Bett. Gir­lan­den aus Schaf­gar­be, Stock­ro­sen, Hya­zin­then, Korn­blu­men und ande­ren Blu­men waren um die Füße des Bet­tes gewo­ben. Sole­cki schrieb über die­ses Blumenbegräbnis:

Plötz­lich wur­den wir gewahr, dass die Viel­sei­tig­keit der Mensch­heit und die Lie­be zur Schön­heit weit über die Gren­zen unse­rer eige­nen Spe­zi­es rei­chen. … Wir kön­nen nicht län­ger leug­nen, dass die frü­hen Men­schen die vol­le Band­brei­te mensch­li­cher Gefüh­le und Erfah­run­gen hat­ten.[1]

Hier soll nur ange­merkt wer­den, dass die Fra­ge, ob der Nean­der­ta­ler eine eige­ne Art oder eine Unter­art des Homo sapi­ens ist, wis­sen­schaft­lich umstrit­ten ist.

5 Die Moral (Das Argu­ment auf­grund des Gewissens)

War­um gibt es die Moral und ein gene­rel­les Ver­lan­gen nach Gutem im Men­schen? War­um gibt es das Gewissen?

5.1 Es gibt ein objek­ti­ves mora­li­sches Gesetz

Auch wenn man­che Men­schen sich des­sen nicht bewusst sind und ande­re es bewusst nicht zuge­ben, dass es ein uni­ver­sa­les mora­li­sches Gesetz gibt, stimmt doch jeder eini­gen grund­sätz­li­chen mora­li­schen Prin­zi­pi­en zu, die für uns sowohl als Indi­vi­du­en als auch für die Gesell­schaft not­wen­dig sind. Zwar ist es rich­tig, dass es immer gewis­se Unter­schie­de bezüg­lich die­ser Prin­zi­pi­en gab; die Über­ein­stim­mun­gen waren aber alle­zeit wesent­lich grö­ßer. Wenn jemand die mora­li­schen Leh­ren ver­schie­de­ner Kul­tu­ren und Epo­chen ver­gleicht, wird er die weit­ge­hen­den Ähn­lich­kei­ten zwi­schen die­sen und unse­rem heu­ti­gen Ver­ständ­nis feststellen.

C. S. Lewis beweist in sei­nem Buch „The Aboli­ti­on of Man“, dass die alten Ägyp­ter, Baby­lo­ni­er, Hin­dus, Chi­ne­sen, Grie­chen und Römer sehr ähn­li­che mora­li­sche Ansich­ten hat­ten. Kei­ne die­ser Kul­tu­ren ver­ehr­te ver­rä­te­ri­sche, betrü­ge­ri­sche oder selbst­süch­ti­ge Men­schen. Es gab unter­schied­li­che Ansich­ten bezüg­lich der Anzahl von Ehe­frau­en, doch nie wur­de Ehe­bruch glo­ri­fi­ziert oder als Tugend betrach­tet. Nir­gend­wo war Mord erlaubt, ja nicht ein­mal unter Kan­ni­ba­len darf man ein­fach töten, wen man will. Die Tat­sa­che, dass eines der vor­ran­gigs­ten Zie­le der Nazis die Aus­rot­tung bestimm­ter Völ­ker war, zeigt nicht, dass auch dies ein Teil des natür­li­chen Geset­zes ist. Viel­mehr deu­tet die doch ziem­lich ein­hel­li­ge Ver­ur­tei­lung die­ses Mas­sen­mor­des auf eine „höhe­re“ Wahr­heit hin, der wir alle unter­wor­fen sind und nach der wir alle gerich­tet werden.

Schau­en wir uns die Ent­wick­lung die­ses inne­ren Geset­zes in einem Men­schen an. Die­se Ent­wick­lung des Gewis­sens ist von Kind­heit an beob­acht­bar. Sie wird von ver­schie­de­nen Din­gen (wie Umwelt und Erzie­hung) beein­flusst, von denen aber die per­sön­li­che Ent­schei­dung am stärks­ten zu Buche schlägt. Der Mensch ist fähig, sein Gewis­sen zu leug­nen, und jede sol­che Ent­schei­dung „bear­bei­tet“ sein inne­res Gesetz. Damit beein­flusst er aber auch, auf wel­che Din­ge und in wel­chem Maße das Gewis­sen reagiert. Dies ist der Haupt­grund für die Unter­schie­de in der Wei­se, wie Men­schen moralisch‐ethisch beur­tei­len, und nicht, wie immer stär­ker behaup­tet wird, das Feh­len eines all­ge­mei­nen Aus­gangs­punk­tes. Die­se Rein­heit des Gewis­sens exis­tiert und wird bestimmt von dem mora­li­schen Gesetz in uns. Jeder­mann erfährt den ver­pflich­ten­den Cha­rak­ter der Stim­me die­ses inne­ren Geset­zes. Wenn der Mensch nicht danach han­delt, so weiß er doch, „wie es sein soll­te“, „was gut wäre“ oder „wie es gut gewe­sen wäre“. Die­se inne­ren War­nun­gen haben höhe­re Auto­ri­tät, weil sie mir das Rich­ti­ge vor Augen füh­ren, selbst wenn es mir nicht gefällt. Die Beur­tei­lung durch die Stim­me des Gewis­sens ist vor, wäh­rend und nach unse­ren Taten gegen­wär­tig, indem sie uns anklagt oder auch recht­fer­tigt. Die­ser unbe­dingt ver­pflich­ten­de Cha­rak­ter dient unse­rer Erzie­hung. Wir wer­den in unse­ren sub­jek­ti­ven Abwei­chun­gen, die wir durch unse­re schlech­ten Moti­ve und Ent­schei­dun­gen her­vor­brin­gen, kor­ri­giert und zur objek­ti­ven Rein­heit und dem höchs­ten Gut zurück­ge­führt – vor­aus­ge­setzt wir wol­len das. Durch die­se Auf­ga­be zeigt sich, dass sein Ursprung außer­halb von uns liegt und wir zu die­sem Ursprung, der abso­lu­ten Wahr­heit und Objek­ti­vi­tät, geführt wer­den sol­len, auch wenn sich das per­sön­li­che Gewis­sen im Lau­fe der Zeit auf Grund der oben genann­ten Umstän­de ändert.

5.2 Was kann die Quel­le des objek­ti­ven mora­li­schen Geset­zes sein?

Kann das Gewis­sen nur das Pro­dukt unse­rer Erzie­hung und der Umwelt­ein­flüs­se sein? Wäre dem so, müss­te unse­re mora­li­sche Ori­en­tie­rung not­wen­di­ger­wei­se immer von der unse­rer Eltern bestimmt sein, da dies sicher der größ­te aller Ein­flüs­se ist. Aber die Kin­der den­ken und han­deln bei Wei­tem nicht immer wie ihre Eltern. Glück­li­cher­wei­se kön­nen wir auch unter den Jugend­li­chen der moder­nen Gesell­schaft eini­ge sehen, die nicht den ver­schie­de­nen For­men der Moral­lo­sig­keit zum Opfer fal­len, son­dern die­sem Irr­weg zu ent­kom­men suchen. Dies wäre unmög­lich, wenn das Gewis­sen nur das Resul­tat der jewei­li­gen Fami­li­en – und Gesell­schafts­si­tua­ti­on wäre. Damit wol­len wir nicht deren Ein­fluss auf das Gewis­sen leug­nen, son­dern zei­gen, dass die­se Art von Her­kunfts­er­klä­rung eine unsach­li­che Ver­ein­fa­chung einer kom­pli­zier­ten Fra­ge ist.

Wir wol­len hier gar nicht auf die mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ver­su­che für die Her­kunft der inne­ren Stim­me ein­ge­hen. Es sei genug, auf die grund­sätz­li­chen Mei­nun­gen von Nobel­preis­trä­gern und ande­ren Exper­ten auf die­sem Gebiet zu ver­wei­sen, die die enor­me Lücke sehr wohl erken­nen, die zwi­schen dem mensch­li­chen Gewis­sen einer­seits und selbst den höchs­ten For­men von Instinkt­kom­bi­na­tio­nen in der Tier­welt ande­rer­seits klafft. Da die­ser rie­si­ge Unter­schied nicht ein­fach eine Sache ver­schie­de­ner Ent­wick­lungs­gra­de der­sel­ben Eigen­schaf­ten, son­dern ein­zig­ar­tig neu­er Qua­li­tä­ten ist, muss die Lösung der Her­kunfts­fra­ge anders­wo gesucht wer­den. Eini­ge Zita­te berühm­ter Wis­sen­schaft­ler haben wir geson­dert unter Wis­sen­schaft­ler über den Geist aufgeführt.

Wenn nun die Her­kunft und das Wesen des mora­li­schen Geset­zes weder durch evo­lu­tio­nä­re Pro­zes­se der mate­ri­el­len Welt noch durch indi­vi­du­el­le und gesell­schaft­li­che Ein­flüs­se gleich wel­cher Art erklärt wer­den kön­nen, muss es eine Quel­le außer­halb die­ser Welt haben. Die­se Quel­le ist sozu­sa­gen der „Gesetz­ge­ber“, der von sei­nem Wesen her in voll­kom­me­ner Über­ein­stim­mung mit den Geset­zen ist, die er gibt. Die­sen voll­kom­me­nen, höchs­ten und per­so­na­len Gesetz­ge­ber nen­nen wir Gott.

5.3 Wei­te­re auf der Moral fußen­de Argumente

In der Spät­pha­se sei­nes Lebens ver­warf Imma­nu­el Kant die tra­di­tio­nel­len Got­tes­be­wei­se und betrach­te­te die Exis­tenz Got­tes und die Unsterb­lich­keit der See­le nicht mehr als Din­ge der Ver­nunft, son­dern des Glau­bens, da sie auf die Sin­nes­wahr­neh­mung beschränkt sei­en. Er woll­te nur noch das Argu­ment der Moral gel­ten las­sen und dies auch in ande­rer Wei­se, als es oben aus­ge­führt ist, näm­lich dass das Ziel aller Men­schen voll­kom­me­nes Glück sei und dass dem­zu­fol­ge ein jeder das „summum bonum“ (das höchs­te Gut) suchen sol­le, indem er dem Gesetz der Moral gehor­sam sei. Der end­li­che Mensch jedoch kann nicht erfül­len­des Glück allein durch einen hoch­mo­ra­li­schen Lebens­stil fin­den; des­halb ist die Exis­tenz Got­tes, der uns nach dem Tod mit Voll­kom­men­heit belohnt, eine Notwendigkeit.

Das Argu­ment von der Ver­dam­mung in Peter Ber­gers „A Rumor Of Angels“ kann man zurecht die nega­ti­ve Ver­si­on des Bewei­ses anhand der Moral nen­nen. Der Grund­ge­dan­ke lie­fert gute Denk­an­stö­ße (wenn­gleich eine posi­ti­ve Grund­ein­stel­lung beim Leser vor­aus­ge­setzt wird), näm­lich dass jeder erhal­ten muss, was er ver­dient. Dem­ge­mäß kön­nen die unsag­ba­ren Grau­sam­kei­ten, die durch Skla­ve­rei, Völ­ker­mord, Holo­caust usw. ver­übt wur­den, nicht ein­fach durch irdi­sche Stra­fen „auf­ge­wo­gen“ wer­den. Es müs­se also eine über­na­tür­li­che Ver­dam­mung geben, sonst gäbe es kei­ne wirk­li­che Gerechtigkeit.

6 Der freie Wil­le des Menschen

Frei­heit des Wil­lens bedeu­tet Den­ken und Han­deln auf­grund eige­nen Ermes­sens gemäß der Eigen­ver­ant­wort­lich­keit ohne äuße­ren Zwang. Wir kön­nen sagen, dass die Frei­heit der Gedan­ken und Ent­schei­dun­gen durch kein mora­li­sches, bio­lo­gi­sches, che­mi­sches oder phy­si­ka­li­sches Gesetz bestimmt wird und somit durch kei­ne For­mel beschrie­ben wer­den kann. Im Gegen­satz zur sons­ti­gen Mate­rie, deren „Han­deln“ ja immer gemäß der ihr gege­be­nen Bestim­mun­gen geschieht, ist der Mensch fähig, aus einer Fül­le von Mög­lich­kei­ten her­aus sei­ne eige­nen, bewuss­ten Ent­schei­dun­gen zu fäl­len. Er kann sei­ne Fähig­kei­ten ent­wi­ckeln und sogar gezielt gegen sei­ne Instink­te, Eigen­hei­ten und Ver­an­la­gun­gen han­deln. Dar­über hin­aus ver­mag er sich die mate­ri­el­le Welt sowohl in guter wie auch in schlech­ter Wei­se dienst­bar zu machen. Selbst Ein­grif­fe in die Geset­ze der Natur sind ihm nicht unmög­lich, frei­lich oft mit ver­hee­ren­den Fol­gen. All dies zeigt in deut­li­cher Wei­se, dass die Eigen­schaf­ten mensch­li­cher Intel­li­genz und mensch­li­chen Wil­lens in völ­li­gem Gegen­satz zur Cha­rak­te­ris­tik der Mate­rie ste­hen. Dies wie­der­um macht es offen­sicht­lich, dass der Grund für die Ent­ste­hung der Wil­lens­frei­heit nicht der Mate­rie inne­woh­nen kann, die doch völ­lig unfä­hig ist, ver­nünf­tig und zweck­ori­en­tiert aus sich selbst her­aus zu han­deln. Der Urhe­ber der Intel­li­genz und des Wil­lens muss die­se Eigen­schaf­ten selbst besit­zen und auch fähig sein, sie wei­ter­zu­ge­ben. Das schließt not­wen­di­ger­wei­se sei­ne Per­so­nen­haf­tig­keit ein, da die­se Eigen­schaf­ten nur mit Per­so­nen ver­bun­den wer­den können.

7 Der Dyna­mis­mus des Men­schen (Sehn­sucht nach Unendlichkeit)

Erschei­nun­gen von gewis­ser Bewusst­heit in der Tier­welt sind immer das Resul­tat inne­rer und äuße­rer Infor­ma­tio­nen des Augen­blicks. Das Leben und das Inter­es­se der Tie­re wer­den ganz bestimmt und erfüllt durch den Rah­men, in dem sie sich bewe­gen. Das mensch­li­che Selbst­be­wusst­sein aber wird nicht nur durch Instink­te oder Infor­ma­tio­nen von außen her­vor­ge­ru­fen, was man an einer gan­zen Rei­he von geis­ti­gen Akti­vi­tä­ten sehen kann.

Das Leben des Men­schen ist durch die unbe­grenz­te Offen­heit und Frei­heit der Erkennt­nis und des Stre­bens gekenn­zeich­net. Er inter­es­siert sich nicht nur für das gera­de Anste­hen­de sei­nes eige­nen All­tags, son­dern er hat grund­le­gen­de Fra­gen, ja gera­de auch bezüg­lich des „Woher und Wohin“ sei­ner selbst und der exis­tie­ren­den Welt über­haupt. Fra­gen wie „Woher kommt die Welt?“, „Was ist die Wahr­heit und kann ich sie fin­den?“ und „Wor­in liegt der Sinn unse­res Daseins?“ zei­gen, dass der mensch­li­che Geist bestrebt ist, die Tota­li­tät des unend­li­chen Seins zu ver­ste­hen. Er über­steigt damit die irdi­sche Sinnes‐ und Begriffs­welt und will das Sein an sich erfas­sen. Dem Men­schen ist das Ver­lan­gen gege­ben, aus den Gren­zen von Raum und Zeit aus­zu­bre­chen. Er kann im Geist (d. h. in Gedan­ken) an jedem belie­bi­gen Punkt von Zeit und Raum die­ser Welt sein, was auch zeigt, dass die­ser Geist nicht nur von Mate­rie abhän­gig ist. Die­se geis­ti­gen Akti­vi­tä­ten sowie deren intel­lek­tu­el­le Aus­rich­tung und Moti­va­ti­on gehen weit über das Maß unse­rer end­li­chen Welt hin­aus; sie sind auf eine unend­li­che und voll­kom­me­ne Wirk­lich­keit ausgerichtet.

Die­se ganz natür­li­che Fähig­keit, die­ses Stre­ben des Men­schen muss ein Ziel, ein Objekt außer­halb unse­rer Sin­nes­er­fah­rungs­welt haben, sonst wäre all dies grund‐ und sinn­los. Wie könn­te der Mensch auch über­haupt End­lich­keit und Unvoll­kom­men­heit erken­nen, wenn Unend­lich­keit und Voll­kom­men­heit gar nicht existierten?

8 Der Wunsch nach Unsterblichkeit

Das Leben ist eine gro­ße Über­ra­schung. Ich ver­ste­he nicht, war­um der Tod nicht eine noch viel grö­ße­re sein soll­te. – Vla­di­mir Nabokov

Der Mensch ist das ein­zi­ge Lebe­we­sen, wel­ches sich sei­nes Todes bewusst ist. Der Wunsch nach Unsterb­lich­keit ist zumin­dest so alt wie die mensch­li­che Zivi­li­sa­ti­on. Schon in den frü­hes­ten Kul­tu­ren rüs­te­ten die Men­schen ihre Toten für das Leben in der ande­ren Welt aus. Zwar hat­ten die ver­schie­de­nen Stäm­me und Völ­ker unter­schied­li­che Begräb­nis­ri­ten, doch reflek­tie­ren all die­se einen Glau­ben an die Exis­tenz nach dem Tod. Es ist daher fol­ge­rich­tig anzu­neh­men, dass die­ser Glau­be sehr eng mit dem Wesen des Men­schen ver­bun­den ist und es dafür wirk­li­che Grün­de gibt. Dass heu­te vie­le Men­schen die Vor­stel­lung einer Aus­lö­schung so leicht akzep­tie­ren, hängt eher mit wenig Nach­den­ken als mit tie­fer Über­zeu­gung zusam­men. Neh­men wir dage­gen die Exis­tenz der unsterb­li­chen See­le an, so kann die­se nie das Pro­dukt evo­lu­tio­nä­rer Pro­zes­se sein (wel­che nur zu mehr oder weni­ger kurz­le­bi­gen Din­gen füh­ren), son­dern wir set­zen damit einen unsterb­li­chen Schöp­fer voraus.

9 Das Argu­ment auf­grund der all­ge­mei­nen Übereinstimmung

Die Vor­stel­lung der Exis­tenz einer Art über­ge­ord­ne­ter Auto­ri­tät – das bedeu­tet Reli­gio­si­tät – hat nach­weis­lich die Geschich­te der Mensch­heit über Jahr­tau­sen­de, von der frü­hes­ten Zeit bis heu­te, beglei­tet. Der Glau­be an Gott konn­te von vie­len radi­ka­len sozia­len, kul­tu­rel­len oder ideo­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen weder wider­legt noch abge­schafft wer­den. Wie konn­te eine abso­lut grund­lo­se und irrea­le Annah­me trotz all die­ser Wand­lun­gen überleben?

Lei­der gab es zu jeder Zeit man­nig­fal­ti­ge For­men völ­lig ent­stell­ter Reli­gio­si­tät und des Aber­glau­bens. Vie­le Völ­ker akzep­tier­ten Poly­the­is­mus, Dua­lis­mus, Pan­the­is­mus und ande­re irri­ge Vor­stel­lun­gen. All die­se Erschei­nun­gen aber wider­le­gen nicht das Argu­ment der all­ge­mei­nen Über­ein­stim­mung, denn hier­bei geht es nicht dar­um, wie das genaue Ver­ständ­nis der Gott­heit und des Glau­bens der ver­schie­de­nen Völ­ker ist, son­dern dass es einen all­ge­mei­nen Glau­ben an die Exis­tenz eines oder meh­re­rer über­welt­li­cher Wesen gibt, von dem oder denen die mate­ri­el­le Welt ein­schließ­lich der Mensch­heit abhän­gig ist. Selbst wenn also Men­schen ihre Erkennt­nis ver­dreh­ten, kann doch die all­ge­mei­ne, sich im Keim befind­li­che Wahr­heit ihrer Vor­stel­lun­gen nicht anders erklärt wer­den, als dass es sich um den Kon­sens des natür­li­chen, gesun­den Men­schen­ver­stan­des auf­grund der vor­han­de­nen Bewei­se handelt.

Obwohl es zahl­rei­che Erklä­run­gen für die Her­kunft und die welt­wei­te Ver­brei­tung der Reli­gi­on gibt, stim­men Anthro­po­lo­gen und Phi­lo­so­phen bezüg­lich des o. g. Kon­sen­ses der Mensch­heit über­ein. Zudem gibt es eini­ge posi­ti­ve Grün­de für die Annah­me, dass die ursprüng­li­che Reli­gi­on der Men­schen eine Art Mono­the­is­mus war, wel­cher dann im Ver­lauf der Geschich­te immer wie­der dem Ver­fall aus­ge­setzt war. Aber auch wenn die­ser Aus­gangs­punkt in vie­len Fäl­len sehr im Dun­kel liegt, konn­te doch der Kern der ursprüng­li­chen Wahr­heit nicht völ­lig unkennt­lich gemacht werden.

Dies kann man im Fal­le des Athe­is­mus über­haupt nicht sagen. Die Geschich­te beweist, dass die athe­is­ti­sche Phi­lo­so­phie eine „moder­ne Errun­gen­schaft“ ist, wel­che nicht als cha­rak­te­ris­tisch für die mensch­li­che Gesell­schaft gel­ten kann, son­dern eher als eine abnor­ma­le Reak­ti­on rela­tiv weni­ger Men­schen gewer­tet wer­den muss. In gegen­wär­ti­ger Form ist der Athe­is­mus eng ver­knüpft mit der plötz­li­chen und inten­si­ven Ver­bes­se­rung der Kennt­nis­se über die Natur durch die Wis­sen­schaft im letz­ten Jahr­hun­dert. Trotz der wirk­lich beacht­li­chen Ergeb­nis­se die­ser Zeit muss doch ehr­li­cher­wei­se aner­kannt wer­den, dass die größ­ten Fra­gen des Lebens noch offen sind.

Aus den Schrif­ten vie­ler soge­nann­ter Athe­is­ten der Anti­ke kön­nen wir eher deren Ableh­nung des (auch damals vor­han­de­nen) Miss­brauchs der Reli­gi­on und ihr Ein­tre­ten für die Ver­nunft erken­nen, als dass sie sich gegen die Exis­tenz der Gott­heit rich­te­ten. In den Fäl­len, in denen ihre Gedan­ken wohl­be­grün­det und auf höhe­re Zie­le wie z. B. das Auf­de­cken der Wahr­heit oder das Erstre­ben eines bes­se­ren Lebens aus­ge­rich­tet waren, betrach­ten wir es als eine bewun­derns­wer­te Tugend, dass die Non­kon­for­mis­ten nicht dem Zeit­geist und den Ansich­ten der gro­ßen Mehr­heit folg­ten. Das ist aber nicht der Fall des Athe­is­mus, vie­le Bei­spie­le zei­gen eher das Gegen­teil. Daher kön­nen weder die anti­ken noch die moder­nen Geg­ner der Reli­gi­on den Glau­ben ent­wur­zeln, wel­cher so tief in des Men­schen Herz ver­an­kert ist.

10 Was sagen Wis­sen­schaft­ler über den mensch­li­chen Geist? Ist er nur das Resul­tat der Evo­lu­ti­on der Materie?

Eini­ge mate­ria­lis­ti­sche Wis­sen­schaft­ler erklä­ren die höchs­ten geis­ti­gen Pro­zes­se ein­schließ­lich des Selbst­be­wusst­seins nur als Resul­tat von bio­che­mi­schen Reak­tio­nen. Sie wer­den Reduk­tio­nis­ten genannt, weil sie die gesam­te Rea­li­tät auf die Ebe­ne von mate­ri­el­len Pro­zes­sen redu­zie­ren. Es gibt aber vie­le ande­re Exper­ten der Wis­sen­schaft, wel­che nicht zu die­ser Kate­go­rie gehö­ren, wel­che sich der Gren­zen der Wis­sen­schaft bewusst sind und so wie John C. Eccles, Gewin­ner des Nobel­prei­ses für Neu­ro­lo­gie, über „Wun­der und Geheim­nis des mensch­li­chen Selbst mit sei­nen spi­ri­tu­el­len Wer­ten, sei­ner schöp­fe­ri­schen Kraft und der Ein­zig­ar­tig­keit, mit der es jeden Ein­zel­nen von uns begabt“ spre­chen.[2]


Fußnoten

  1. Sci­ence 190/1975.
  2. John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steu­ert, 1994, S. 255.


Sci­ence 190/1975.

John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steu­ert, 1994, S. 255.