Teil 9: Gottes Existenz – Zusammenfassung
Im Laufe von Jahrhunderten haben sich viele Philosophen und Theologen mit der Frage der Existenz Gottes beschäftigt. Verschiedenste Arten von Argumenten für und wider wurden gesammelt. Wir bringen hier keine Auflistung und Beurteilung all dieser Argumente oder endgültige Beweise für das Dasein Gottes. Aber wir hoffen, mit diesem Text eine Hilfestellung zur Beurteilung der Gründe, die für den Glauben an Gott, oder gegen diesen sprechen, zu geben.

1 Einleitung
Viele Menschen würden gerne den Sinn des Lebens, die Wahrheit und das wunderbare Geheimnis des Menschen oder die verschiedenen Aspekte der Wirklichkeit tief verstehen, doch sie kommen nicht weiter, weil für sie der Glaube an Gott mit vernunftgemäßem Denken unvereinbar ist. Wir würden gerne helfen, diese Spannung zu beseitigen, und damit aufzeigen, dass in Wirklichkeit der Glaube an Gott nicht ein Zeichen mangelnden Denkens ist, sondern, dass im Gegenteil jemand, der tief nachdenkt, erkennen kann und wird, dass das Leben mehr als diese vergängliche materielle Welt und die Wahrheit nicht nur eine abstrakte Idee ist.
Eine wichtige Bemerkung für den Anfang
Die Anerkennung der Existenz Gottes berührt den Menschen in seinem tiefsten Inneren und fordert ihn auf, Stellung zu beziehen. Denn wer Gottes Existenz akzeptiert, wird erkennen, dass eine Konsequenz dieser Erkenntnis ist, sein ungläubiges und egoistisches Leben völlig aufzugeben und Gott als seinen Herrn anzuerkennen. Das bedeutet, dass wir unseren Stolz, unser Streben nach Macht, Bedeutung, Ehre und Ansehen, auf die Dinge, die uns in unserem Leben ohne Gott wichtig waren, ablegen. Das verlangt von uns Demut, die Bereitschaft, unsere eigene Kleinheit und Schwäche anzunehmen. Die Argumente können jemandem helfen, die Existenz Gottes zu akzeptieren, aber der Glaube an Gott, die Unterordnung unter seinen Willen, ist die freie Entscheidung jedes einzelnen. Sie kann durch kein Argument erzwungen werden und hängt von der Offenheit und der Einstellung des Einzelnen ab. Viele Menschen akzeptieren Gott nicht, weil sie ihr Leben nicht ändern wollen. Die Existenz Gottes zu akzeptieren bedeutet noch nicht, an ihn zu glauben. Glaube an Gott heißt, dass wir ihm unser ganzes Leben anvertrauen, dass wir in Gemeinschaft mit ihm leben, dass wir seinen heiligen Willen zu unserem machen, und so nach seinen Geboten leben.
2 Verschiedene Einwände gegen Gottes Existenz
Zuerst wollen wir einige häufig vorgebrachte Gründe nennen, die gegen den Glauben an Gott angeführt werden:
- Viele Menschen lehnen eine primitive Vorstellung von Gott ab, demzufolge „Gott als ein alter Mann mit langem weißem Bart auf einer Wolke sitze.“ Was aber ist das wahre Wesen Gottes an das wir glauben?
- Oft suchen Menschen für die Existenz Gottes nach wissenschaftlichen Beweisen. Kann die Wissenschaft die Existenz oder Nichtexistenz Gottes beweisen? Kann man Gott durch Wissenschaft ersetzen, um auf alles eine ausreichende Antwort zu geben?
- „Ich würde an Gott glauben, wenn er sich mir zeigte.“ Glaubst du wirklich, es würde dich zu einem Gläubigen machen, sähest du ein Wunder?
- Viele Menschen glauben nicht an Gott wegen des Problems des Leids und des Bösen in der Welt, indem sie sagen: „Wenn ein allmächtiger und liebender Gott existierte, gäbe es weder das Böse noch das Leiden?“
3 Argumente für die Existenz Gottes
In diesem Artikel wollen wir nicht zu abstrakte Begriffe oder schwierige philosophische Begründungen verwenden. Wir wollen eher mit einigen Grundsatzfragen beginnen, auf die sich jeder eine zufriedenstellende Antwort erwartet. Wenn wir über die Existenz Gottes nachdenken, wollen wir nicht über eine abstrakte Idee herumphilosophieren, die mit unseren wirklichen Erfahrungen nichts zu tun hat, sondern die Frage nach Gottes Dasein ist mit unseren tiefsten grundsätzlichen Fragen bezüglich Existenz und Universum, Leben und Tod, Sünde und Leiden, Gut und Böse verbunden.
3.1 Die Existenz Gottes als hinreichender Grund für die Existenz des Universums
Warum ist eher etwas als nichts? Warum existiert unser Universum und warum ist es gerade so, wie es ist?
Im den folgenden Abschnitten formulieren wir dasselbe Argument auf zwei unterschiedliche Weisen.
3.1.1 Argument von der unabhängigen Existenz
„Warum existiere ich?“ Wir erleben unsere Existenz als ein Geschenk. In derselben Weise existiert alles in diesem Universum, weil es seine Existenz von etwas oder von jemandem erhalten hat. Wir glauben, dass das Universum von außen zu seiner Existenz gerufen wurde, und dass derjenige, der es in die Existenz gerufen hat, unabhängig von allem anderen sein muss. Er muss unveränderlich sein, über Zeit und Raum stehen. Die Bibel spricht auf diese Weise über Gott.
3.1.2 Allgemeines Kausalitätsargument
In unserem alltäglichen Leben sind wir daran gewöhnt, für alles einen Grund zu sehen, warum etwas so oder auch anders geschieht. Warum sollten wir diese natürliche Erwartung unseres Verstandes aufgeben, wenn wir nach dem letzten Grund der Existenz des gesamten Universums suchen? Dieses muss auch einen ausreichenden Grund haben! Zu glauben, dass das Universum sich selbst hervorgerufen habe, ist überhaupt nicht logisch, oder auch, dass es einfach ohne jeden Grund existiere. Seine Ursache muss jenseits seiner selbst liegen. Epikur formulierte das vor langer Zeit folgendermaßen:
Offensichtlich existiert etwas jetzt. Niemals ist etwas aus nichts geworden.
3.2 Das Argument vom Plan bzw. Design (Teleologisches Argument)
Wovon kommt die Ordnung und die Harmonie im Universum? Ist es vernünftig zu glauben, dass alles nur zufällig entstanden ist und sich entwickelt hat? Was ist das Ende von allem? Ist diese wunderbare Welt ohne jedes Ziel?
In der Natur finden wir eine sehr komplexe und gut aufeinander abgestimmte Ordnung. Im Universum geschieht alles auf eine derart wunderbare Weise, dass es eine sehr freundliche Umgebung für die harmonischen Strukturen, für das Leben und für den Menschen, bietet. Wir finden in der Natur eine erstaunliche Einheit und Übereinstimmung vor. Woher kommt das? Durch die natürliche Evolution? Die natürlichen Phänomene besitzen keine Intelligenz in sich selbst und die Evolution kann sich selbst nicht zu ihrem Ziel führen. Daher ist diese Erklärung nicht glaubwürdig, wir müssen hingegen eine Intelligenz jenseits der Natur annehmen.
Die Ordnung, das Ebenmaß, die Harmonie bezaubern uns … Gott ist lauter Ordnung. Er ist der Urheber der allgemeinen Harmonie. (Gottfried Wilhelm Leibniz 1646–1716; Mathematiker, Physiker und Philosoph)
3.3 Argumente von der Natur des Menschen
3.3.1 Ziel des Lebens, der Freude, des Verlangens nach Erfüllung
Jeder Mensch hat einen bestimmten Anspruch das Ziel seines Lebens, Freude, Fröhlichkeit zu finden. Trotzdem versuchen viele Menschen diesen Anspruch zu unterdrücken, aber es scheint, dass die Menschheit auf ganz unterschiedliche Weise nach der Erfüllung sucht. Die Sehnsucht nach Erfüllung ist ein natürliches menschliches Bedürfnis, aber sie zu finden ist logisch und praktisch unmöglich, wäre nicht etwas oder jemand, der diese Fülle in sich selbst besitzt.
3.3.2 Das grundsätzliche Bedürfnis des Menschen nach Liebesbeziehung
Der Mensch ist gemäß seiner Natur ein soziales Wesen und kann keine Erfüllung ohne Offenheit und gegenseitige Liebe zu anderen finden. Andererseits kann er immer seine menschlichen Grenzen sehen: Er kann vollkommene Liebe weder bekommen noch geben. Die von jemand anderem erhaltene Liebe hat ihre Grenzen und wird zu Ende sein, wenn wir ihn verlieren. Daher kann das natürliche Bedürfnis des Menschen, ewige Liebe zu erhalten, nur von einem ewigen vollkommenen Wesen erfüllt werden, das die unerschöpfliche Quelle der Liebe ist.
3.3.3 Der Wunsch nach Gerechtigkeit
Jeder Mensch hat ein natürliches Empfinden von Gerechtigkeit. Wir merken in uns den Wunsch, dass Menschen gerecht behandelt werden. Selbst ein egozentrischer Mensch hat zumindest den Wunsch, dass er selbst gerecht behandelt wird. In unserer Welt gab es immer viel Ungerechtigkeit und es ist nicht realistisch zu denken, dies werde völlig verändert werden. Weiters sind wir nicht zufrieden mit teilweiser Gerechtigkeit, für die sich humanistisch geprägte und religiöse Leute einsetzen. Wirkliche allumfassende und für jeden gültige Gerechtigkeit kann innerhalb dieser Welt nicht gefunden werden. Ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit also nur eine sinnlose Eigenschaft des Menschen oder weist sie nicht vielmehr auf ein transzendentes Wesen hin, das sie für ewig gewähren kann?
3.3.4 Schönheit und Harmonie
Der Mensch hat einen natürlichen Wunsch nach Schönheit, die das Vollkommene, das Ideal widerspiegelt. Schön ist, was sich dem Ideal oder dem Vollkommenen annähert. Der Rhythmus von Proportionen, Linien, Farben und Tönen hat keinen gewöhnlichen materiellen oder biologischen Wert, auch wenn es damit verbunden werden kann, lieben wir es aus anderen Gründen. Wir freuen uns, wenn wir schöne Dinge sehen, weil sie uns der unendlichen Schönheit, die wir ersehnen und lieben, näherbringen. Wir freuen uns am Anblick der Meereswogen oder der hohen Berge, weil sie uns Größe, Unendlichkeit und Majestät vermitteln. Die anziehende Kraft der Schönheit führt uns zu einer unendlichen Quelle, zur Vollendung, die unsere Sehnsucht nach ihr zu stillen vermag.
3.3.5 Die Moral (Das Argument aufgrund des Gewissens)
Auch wenn sich manche Menschen der Realität eines universellen moralischen Gesetzes nicht bewusst sind, oder dies bewusst nicht anerkennen, stimmt im Allgemeinen jeder zu, dass einige moralische Grundsätze für unser Leben als Individuen und als Kollektiv notwendig sind. Die Frage ist jetzt, woher sie stammen. Sind sie nur soziale Konventionen oder das Produkt einer historischen Evolution? Wäre das so hätte das moralische Gesetz nicht so eine obligatorische Kraft über uns, es würde uns in vielen Fällen nicht so schwere Gewissensbisse verursachen. Wir sind uns nämlich dessen bewusst, dass wir auf ein vollkommenes übergeordnetes Gesetz, das uns persönlich richtet, hören sollen.
3.3.6 Der freie Wille des Menschen
Eines der wichtigsten und wertvollsten Merkmale des Menschen ist der freie Wille. Er wird weder in der materiellen Welt noch unter Tieren gefunden, daher kann er sich auch nicht von dort entwickelt haben, sondern sein Ursprung muss woanders liegen. Persönliche Eigenschaften können sich nicht aus unpersönlichen entwickeln, der Urheber der Intelligenz und des freien Willens aber muss diese Eigenschaften selbst besitzen und auch fähig sein, sie weiterzugeben.
3.3.7 Sehnsucht nach Unendlichkeit (der Dynamismus des Menschen)
Auch wenn sich der Mensch seiner Endlichkeit und Begrenzung bewusst ist (in Zeit, Kraft, Erkenntnis etc.), strebt er durch all seine Aktivitäten danach, seine Grenzen zu überwinden, weil er die Idee der Vollkommenheit und des Absoluten hat. Die geistige Aktivität, intellektuelle Orientierung und Motivation des Menschen gehen über die endliche Welt hinaus und sind auf das Unendliche gerichtet. Diese natürliche Fähigkeit und dieses Streben des Menschen muss ein Objekt haben, das jenseits der sinnlichen Erfahrung der Realität liegt. Anders wäre diese Sehnsucht nach Unendlichkeit ohne Basis. Wie könnte ein Mensch die Endlichkeit und Unvollkommenheit erkennen, existierte nicht das Unendliche und Vollkommene.
3.3.8 Der Wunsch nach Unsterblichkeit
Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist mindestens so alt wie die menschliche Zivilisation. Der Glaube an die Existenz nach dem Tod ist mit der Natur des Menschen so eng verbunden, dass es uns zum Gedanken führen kann, dass diese Tatsache eine Grundlage in der Wirklichkeit hat.
3.3.9 Das Argument aufgrund der allgemeinen Übereinstimmung
Die Vorstellung der Existenz einer Art übergeordneter Autorität – das bedeutet Religiosität – hat nachweislich die Geschichte der Menschheit über Jahrtausende, von der frühesten Zeit bis heute, begleitet. Der Glaube an Gott konnte von vielen radikalen sozialen, kulturellen oder ideologischen Veränderungen weder widerlegt noch abgeschafft werden. Wie konnte eine absolut grundlose und irreale Annahme trotz all dieser Veränderungen überleben?
3.3.10 Was sagen Wissenschaftler über den menschlichen Geist? Ist er nur das Resultat der Evolution der Materie?
Einige materialistische Wissenschaftler erklären die höchsten geistigen Prozesse einschließlich des Selbstbewusstseins nur als Resultat biochemischer Reaktionen. Sie werden Reduktionisten genannt, weil sie die gesamte Realität auf die Ebene von materiellen Prozessen reduzieren. Es gibt aber viele andere Experten der Wissenschaft, die nicht zu dieser Kategorie gehören und sich der Grenzen der Wissenschaft bewusst sind und so wie John C. Eccles, Gewinner des Nobelpreises für Neurologie, über
Wunder und Geheimnis des menschlichen Selbst mit seinen spirituellen Werten, seiner schöpferischen Kraft und der Einzigartigkeit, mit der es jeden Einzelnen von uns begabt (John C. Eccles, Wie das Selbst sein Gehirn steuert, 1994, S. 255),
sprechen.