Teil 2: Got­tes Exis­tenz – das Argu­ment von der Kausalität

Themenbereiche: Die Existenz Gottes

Die Gül­tig­keit des Prin­zips von Ursa­che und Wir­kung (Kau­sa­li­tät) oder des hin­rei­chen­den Grun­des ist die Basis allen logi­schen Den­kens, auf dem alle Wis­sen­schaft und mensch­li­che Erkennt­nis auf­bau­en. Dies set­zen wir im Fol­gen­den vor­aus. Es ist eines der vier Geset­ze des Den­kens (Gesetz der Iden­ti­tät, des Wider­spruchs, vom aus­ge­schlos­se­nen Drit­ten und des hin­rei­chen­den Grun­des), die stän­dig von jeder­mann im All­tag ver­wen­det wer­den, wenn­gleich häu­fig unbewusst.

Aus übereinander gelegten Steinen werden Türme gebaut. Die Position jedes Steins hängt von den darunterliegenden Steinen ab. Rechts sind zwei Hände zu sehen, die gerade einen weiteren Turm bauen. Ein Beispiel dafür, dass alles eine Ursache hat, die schließlich zu einer finalen Ursache führt: dem Erbauer.

Die­ses Prin­zip besagt, dass alles, was exis­tiert, einen befrie­di­gen­den Grund ent­we­der in sich selbst oder in etwas ande­rem haben muss.

Theo­re­tisch kön­nen wir zwi­schen zwei Kate­go­rien des Seins unter­schei­den: das abso­lut not­wen­di­ge Sein, das sich selbst erklärt, und das mög­li­che oder abhän­gi­ge (kon­tin­gen­te) Sein, das nur aus ent­spre­chen­den Grün­den außer­halb sei­ner selbst erklärt wer­den kann. Ver­su­chen wir nun alles uns Umge­ben­de in eine der bei­den Kate­go­rien ein­zu­ord­nen, wer­den wir frü­her oder spä­ter fest­stel­len, dass alles zu letz­te­rer gehört. Auf das All ange­wen­det ergibt sich, dass, da alle Ele­men­te des Gan­zen abhän­gig sind, das Gan­ze auch so sein muss. Wir kön­nen nicht anneh­men, dass Ele­men­te, die wir als kon­tin­gent cha­rak­te­ri­sie­ren, nur auf­grund ihrer Ver­bin­dung mit­ein­an­der dem Gan­zen, das sie bil­den, abso­lu­te Eigen­schaf­ten geben kön­nen. Spricht jemand also dem Uni­ver­sum einen abso­lu­ten, sich selbst erklä­ren­den Cha­rak­ter zu, obwohl alle Ele­men­te des Uni­ver­sums abhän­gig sind, müs­sen wir dies als unlo­gisch ver­wer­fen, denn das Abso­lu­te, sich selbst Erklä­ren­de kann nicht das Resul­tat vor­he­ri­ger Pro­zes­se oder Grün­de sein. Wir kön­nen einen befrie­di­gen­den Grund für die Exis­tenz des Uni­ver­sums nur außer­halb sei­ner selbst finden.

Wil­liam Ock­ham, ein Phi­lo­soph des 13. Jahr­hun­derts, for­mu­lier­te ein grund­sätz­li­ches Prin­zip wis­sen­schaft­li­cher For­schung, das besagt, dass bei der Suche nach der Ant­wort auf ein bis­her unge­klär­tes Phä­no­men nicht mehr als die unbe­dingt not­wen­di­gen Annah­men ver­wen­det wer­den sol­len. Eini­ge Athe­is­ten, die die­sen Satz anwen­den, schlie­ßen dar­aus, dass die Annah­me von Got­tes Exis­tenz grund­los ist, da wir ja das Uni­ver­sum und sei­ne Ent­ste­hung nicht erklä­ren kön­nen. Sie mei­nen, es wäre logi­scher, an einen sich selbst erklä­ren­den Kos­mos zu glau­ben. Aber gera­de die Anwen­dung des ock­ham­schen Prin­zips macht es leich­ter und logi­scher, ein ein­zi­ges, tran­szen­den­tes Wesen, das voll­kom­me­ne Qua­li­tä­ten besitzt, als Quel­le allen Seins anzu­neh­men, als dem Uni­ver­sum selbst vie­le ein­zel­ne abso­lu­te Attri­bu­te zuzu­schrei­ben, die es gemäß unse­rer Beob­ach­tun­gen gar nicht besitzt, wofür es auch nicht den lei­ses­ten Anhalts­punkt gibt. Ist es wirk­lich nai­ver und Aus­druck gerin­ger Rei­fe, eine unsicht­ba­re, über allem ste­hen­de ers­te Ursa­che anzunehmen?

War­um ist es nicht wider­sprüch­lich zu sagen, dass alles einen vor­he­ri­gen Grund hat und es trotz­dem eine unver­ur­sach­te ers­te Ursa­che gibt? Wenn wir sagen, dass alles einen Grund hat, den­ken wir an die imma­nen­ten Ele­men­te unse­rer abhän­gi­gen Welt. Die ers­te Ursa­che hin­ge­gen beschrei­ben wir als tran­szen­dent. Der Wider­spruch ergä­be sich erst, wenn wir Gott eben­falls als die­ser Welt inne­woh­nend betrachteten.

Vie­le Men­schen kom­men ganz ohne phi­lo­so­phi­sche oder theo­lo­gi­sche Begrün­dun­gen zu dem Gedan­ken, dass der Kos­mos eine letzt­end­li­che Ursa­che haben muss. Das Pro­blem ist dann eher, wie man die­se nen­nen soll. Für nicht weni­ge ist dies dann wie­der­um völ­lig uner­heb­lich. Oft hören wir die Leu­te von der „uralten Mate­rie“, dem „Atom“, dem „Abso­lu­ten“, der „Idee“, dem „Geist“ oder „Etwas“ oder „Jemand“ spre­chen. Eini­ge die­ser „Vor­schlä­ge“ kann man wegen der Bedeu­tung der Begrif­fe leicht als falsch bezeich­nen. Im Fal­le der Mate­rie ist dies bei­spiels­wei­se so, da ja gemäß unse­rer Erfah­rung alles Mate­ri­el­le abhän­gig ist und eben zu unse­rer kon­tin­gen­ten Welt gehört und wir des­halb auch anneh­men müs­sen, dass die „letzt­end­li­che Ursa­che“ weit über jeder Ver­än­der­lich­keit und Ver­gäng­lich­keit steht.

Oft wer­den auch die Gren­zen der Evo­lu­ti­ons­theo­rie ent­ge­gen ihrem Zweck sehr weit aus­ge­dehnt. Jene Theo­rie kann aber nie­mals den letzt­end­li­chen Grund unse­rer Welt erklä­ren, da sie sich selbst nur mit der Ent­wick­lung exis­tie­ren­der Din­ge beschäf­tigt, jedoch nicht mit dem Sprung von Nicht­exis­tenz zu Existenz.

Ande­re, die schon das „geist­li­che Wesen“ der ers­ten Ursa­che anneh­men, leug­nen aber deren per­so­na­len Cha­rak­ter. Die Erfah­rung unse­rer eige­nen „geist­li­chen Natur“ zeigt uns aber, dass sie sich durch Intel­li­genz, den frei­en Wil­len und die Fähig­keit, zu lie­ben und selbst­lo­se Bezie­hun­gen zu ande­ren zu bau­en, aus­zeich­net. Bezeich­nen wir uns als Per­so­nen, schlie­ßen wir gera­de die­se Din­ge mit ein. Grei­fen wir nun auf einen der vor­her genann­ten Gedan­ken zurück, näm­lich dass die Eigen­schaf­ten der abso­lu­ten und ers­ten Ursa­che denen der abhän­gi­gen Ele­men­te nicht nach­ste­hen kön­nen, son­dern sie im Gegen­teil bei Wei­tem über­tref­fen müs­sen, folgt dar­aus, dass jene ers­te Ursa­che auf wesent­lich höhe­rem Niveau als dem der unper­sön­li­chen Exis­tenz ste­hen muss.

Der Begriff Per­son aber wird oft tri­via­li­siert und dadurch miss­ver­stan­den. Auch tren­nen wir ihn übli­cher­wei­se nicht von den bestimm­ten Gren­zen mensch­li­chen Seins, von Raum und Zeit, von den Schran­ken der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der Fähig­kei­ten. Aber Gott ist die­sen Gren­zen natür­lich nicht unter­wor­fen. Wen­den wir also „Per­son“ auf Gott an, so mei­nen wir, dass er zu per­sön­li­cher Bezie­hung und zum Dia­log mit sei­nen intel­li­gen­ten Geschöp­fen fähig ist. Des­halb muss er auch Intel­li­genz, frei­en Wil­len und Selbst‐Bewusstsein besitzen.

Des­halb ist die Exis­tenz einer intel­li­gen­ten und frei­en ers­ten Ursa­che, eines per­sön­li­chen Got­tes, der sowohl über der mate­ri­el­len Welt als auch dem mensch­li­chen Geist steht, eine abso­lu­te Notwendigkeit.

Alle Denk­an­sät­ze, die nicht von der Exis­tenz des unab­hän­gi­gen und per­sön­li­chen Schöp­fers aus­ge­hen, son­dern das Bestehen der Welt auf inne­re Grün­de zurück­füh­ren, indem sie der Mate­rie, dem Geist oder irgend­et­was ande­rem aus die­ser Welt Selbst­exis­tenz (d. h. ohne vor­he­ri­ge Grün­de exis­tie­rend; in sich selbst not­wen­dig) zuschrei­ben, kann man als ver­schie­de­ne For­men eines indi­rek­ten „Pan­the­is­mus“ bezeich­nen. Die­se Denk­wei­se führt aber zu wider­sprüch­li­cher Begriffs­ver­wen­dung, sie ver­mischt Ursa­che und Wir­kung, das Not­wen­di­ge mit dem Mög­li­chen, das End­li­che mit dem Unend­li­chen. Bei vie­len resul­tiert dar­aus eine pes­si­mis­ti­sche, hoff­nungs­lo­se oder min­des­tens gleich­gül­ti­ge Ein­stel­lung zum Leben und der Welt, denn wenn die Welt so ist, dann sind Bos­heit und alles Schlech­te ewi­ge und unver­meid­li­che Not­wen­dig­kei­ten. Ersetzt der Mensch Gott durch etwas ande­res, ver­liert er letzt­lich den rich­ti­gen Blick für sei­ne Wer­te, die Per­sön­lich­keit, die Ver­ant­wort­lich­keit, die Über­zeu­gun­gen des gesun­den Men­schen­ver­stan­des und damit auch das rech­te Motiv für gutes Handeln.

Der­je­ni­ge aber, der die Exis­tenz des per­sön­li­chen und lie­ben­den Got­tes annimmt, hat dadurch die Mög­lich­keit, den Aus­weg aus dem pessimistisch‐hoffnungslosen Den­ken zu erken­nen, denn die erwähn­ten nega­ti­ven Din­ge gehö­ren nicht zu Got­tes unab­hän­gi­gem und voll­kom­me­nem Wesen. So kann der Mensch auch sich selbst bezüg­lich sei­nes eige­nen Bei­trags zur Ent­wick­lung der Welt beur­tei­len, anstatt das Wesen der Welt dafür ver­ant­wort­lich zu machen.