Teil 1: Der Anspruch des Papst­tums und wie Jesus die Gemein­de wollte

Themenbereiche: Das Papsttum

Was sagen offi­zi­el­le Lehr­do­ku­men­te der römisch katho­li­schen Kir­che zum Anspruch auf ihre Auto­ri­tät und Macht? Wie hat Jesus die Gemein­de gewollt?

Blick auf die Vatikanstadt mit dem von einer Säulenhalle umgebenen Petersplatz – Symbol für den Reichtum und Machtanspruch des Papsttums.

1.1 Der Anspruch des Papsttums

Wir las­sen zuerst die offi­zi­el­len Lehr­do­ku­men­te der römisch‐katholischen Kir­che spre­chen. Wir haben vier Doku­men­te ausgewählt:

  1. Die Bul­le „Unam Sanc­tam“ von Papst Boni­faz VIII. aus dem Jah­re 1302 ist zwar vor einem kon­kre­ten poli­ti­schen Hin­ter­grund ent­stan­den, der Schluss­satz beinhal­tet aber eine blei­ben­de dog­ma­ti­sche Aussage.
  2. Das Ers­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil hat die Unfehl­bar­keit des Paps­tes zum Dog­ma gemacht,
  3. das Zwei­te Vati­ka­num hat zwar kein Dog­ma ver­kün­det, aber das Dog­ma des Ers­ten Vati­ka­nums voll­in­halt­lich bestätigt.
  4. Das Zitat aus dem Kodex des Kano­ni­schen Rechts zeigt die Ver­an­ke­rung des Papst­tums im Kirchenrecht.

Wir las­sen die­se Doku­men­te unkommentiert.

1.1.1 Die Bul­le „Unam Sanc­tam“ 1302

[…] Die eine und ein­zi­ge Kir­che (hat) also einen

[…] Die­se Auto­ri­tät ist aber, auch wenn sie einem Men­schen ver­lie­hen wur­de und durch einen Men­schen aus­ge­übt wird, kei­ne mensch­li­che, son­dern viel­mehr eine gött­li­che Gewalt, die Petrus aus gött­li­chem Mun­de ver­lie­hen und ihm und sei­nen Nach­fol­gern in Chris­tus selbst, den er als Fels bekannt hat, bestä­tigt wur­de, als der Herr zu Petrus selbst sag­te: „Alles, was du gebun­den hast“ usw. [Mt 16,19]. Wer immer sich also die­ser von Gott so ange­ord­ne­ten Gewalt „wider­setzt, wider­setzt sich der Anord­nung Got­tes“ [Röm 13,2]. […]

Wir erklä­ren, sagen und defi­nie­ren nun aber, dass es für jedes mensch­li­che Geschöpf unbe­dingt not­wen­dig zum Heil ist, dem Römi­schen Bischof unter­wor­fen zu sein.

1.1.2 Das Ers­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on „Pas­tor Aeter­nus“ 1870

Zur Ehre Got­tes, unse­res Hei­lan­des, zur Erhö­hung der katho­li­schen Reli­gi­on, zum Heil der christ­li­chen Völ­ker leh­ren und erklä­ren wir end­gül­tig als von Gott geof­fen­bar­ten Glau­bens­satz, in treu­em Anschluss an die vom Anfang des christ­li­chen Glau­bens her erhal­te­ne Über­lie­fe­rung, unter Zustim­mung des hei­li­gen Kon­zils: Wenn der Römi­sche Papst in höchs­ter Lehr­ge­walt (ex cathe­dra) spricht, das heißt: wenn er sei­nes Amtes als Hirt und Leh­rer aller Chris­ten wal­tend in höchs­ter apos­to­li­scher Amts­ge­walt end­gül­tig ent­schei­det, eine Leh­re über Glau­ben oder Sit­ten sei von der gan­zen Kir­che fest­zu­hal­ten, so besitzt er auf­grund des gött­li­chen Bei­stan­des, der ihm im hei­li­gen Petrus ver­hei­ßen ist, jene Unfehl­bar­keit, mit der der gött­li­che Erlö­ser sei­ne Kir­che bei end­gül­ti­gen Ent­schei­dun­gen in Glaubens‐ und Sit­ten­leh­ren aus­ge­rüs­tet haben woll­te. Die­se end­gül­ti­gen Ent­schei­dun­gen des Römi­schen Paps­tes sind daher aus sich und nicht auf­grund der Zustim­mung der Kir­che unab­än­der­lich. Wenn sich jemand — was Gott ver­hü­te — her­aus­neh­men soll­te, die­ser unse­rer end­gül­ti­gen Ent­schei­dung zu wider­spre­chen, so sei er aus­ge­schlos­sen.Neuner‐Roos, Nr. 454, S. 302.

1.1.3 Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on „Lumen Gen­ti­um“ 1964

Die­ser Unfehl­bar­keit erfreut sich der Bischof von Rom, das Haupt des Bischofs­kol­le­gi­ums, kraft sei­nes Amtes, wenn er als obers­ter Hirt und Leh­rer aller Christ­gläu­bi­gen, der sei­ne Brü­der im Glau­ben stärkt (vgl. Lk 22,32), eine Glaubens‐ oder Sit­ten­leh­re in einem end­gül­ti­gen Akt ver­kün­det. Daher hei­ßen sei­ne Defi­ni­tio­nen mit Recht aus sich und nicht erst auf­grund der Zustim­mung der Kir­che unan­fecht­bar, da sie ja unter dem Bei­stand des Hei­li­gen Geis­tes vor­ge­bracht sind, der ihm im hei­li­gen Petrus ver­hei­ßen wur­de. Sie bedür­fen daher kei­ner Bestä­ti­gung durch ande­re und dul­den kei­ne Beru­fung an ein ande­res Urteil. In die­sem Fal­le trägt näm­lich der Bischof von Rom sei­ne Ent­schei­dung nicht als Pri­vat­per­son vor, son­dern legt die katho­li­sche Glau­bens­leh­re aus und schützt sie in sei­ner Eigen­schaft als obers­ter Leh­rer der Gesamt­kir­che, in dem als ein­zel­nem das Cha­ris­ma der Unfehl­bar­keit der Kir­che selbst gege­ben ist. (Lumen Gen­ti­um 25)Zitiert nach: Dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on Lumen Gen­ti­um: Über die Kir­che, abge­ru­fen am 25.06.2015.

1.1.4 Der Kodex des Kano­ni­schen Rechts (Codex Iuris Cano­ni­ci) 1983

Der Bischof der Kir­che von Rom, in dem das vom Herrn ein­zig dem Petrus, dem Ers­ten der Apos­tel, über­tra­ge­ne und sei­nen Nach­fol­gern zu ver­mit­teln­de Amt fort­dau­ert, ist Haupt des Bischofs­kol­le­gi­ums, Stell­ver­tre­ter Chris­ti und Hir­te der Gesamt­kir­che hier auf Erden; des­halb ver­fügt er kraft sei­nes Amtes in der Kir­che über höchs­te, vol­le, unmit­tel­ba­re und uni­ver­sa­le ordent­li­che Gewalt, die er immer frei aus­üben kann. (Canon 331)

Der Papst hat kraft sei­nes Amtes nicht nur Gewalt in Hin­blick auf die Gesamt­kir­che, son­dern besitzt auch über alle Teil­kir­chen und deren Ver­bän­de einen Vor­rang ordent­li­cher Gewalt, durch den zugleich die eigen­be­rech­tig­te, ordent­li­che und unmit­tel­ba­re Gewalt gestärkt und geschützt wird, die die Bischö­fe über die ihrer Sor­ge anver­trau­ten Teil­kir­chen inne­ha­ben. (Canon 333 §1)

Gegen ein Urteil oder ein Dekret des Paps­tes gibt es weder Beru­fung noch Beschwer­de. (Canon 333 §3)

1.2 Wie hat Jesus Gemein­de gewollt?

Da rief Jesus sie zu sich und sag­te: Ihr wisst, dass die Herr­scher ihre Völ­ker unter­drü­cken und die Mäch­ti­gen ihre Macht über die Men­schen miss­brau­chen. Bei euch soll es nicht so sein, son­dern wer bei euch groß sein will, der soll euer Die­ner sein, und wer bei euch der Ers­te sein will, soll euer Skla­ve sein. Denn auch der Men­schen­sohn ist nicht gekom­men, um sich die­nen zu las­sen, son­dern um zu die­nen und sein Leben hin­zu­ge­ben als Löse­geld für vie­le. (Mat­thä­us 20,25–28 Ein­heits­über­set­zung[]Anders als in ande­ren Tex­ten auf die­ser Web­site zitie­ren wir in die­ser Abhand­lung die Bibel nach der Ein­heits­über­set­zung.[])

Ihr aber sollt euch nicht Rab­bi nen­nen las­sen; denn nur einer ist euer Meis­ter, ihr alle aber seid Brü­der. Auch sollt ihr nie­mand auf Erden euren Vater nen­nen; denn nur einer ist euer Vater, der im Him­mel. Auch sollt ihr euch nicht Leh­rer nen­nen las­sen; denn nur einer ist euer Leh­rer, Chris­tus. Der Größ­te von euch soll euer Die­ner sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird ernied­rigt, und wer sich selbst ernied­rigt, wird erhöht wer­den. (Mat­thä­us 23,8–12)

Jesus ist gekom­men, um zu die­nen und sich für die Men­schen hin­zu­ge­ben. Die­sel­be Hin­ga­be erwar­tet und wirkt er in denen, die sich selbst ver­lie­ren und ihm nach­fol­gen. Durch Jesus wer­den wir als sei­ne Jün­ger Kin­der des himm­li­schen Vaters. Er befä­higt uns, ein­an­der als Brü­der und Schwes­tern zu lie­ben. Alle Unter­schie­de, die in die­ser Welt Men­schen von­ein­an­der tren­nen, ver­lie­ren in der Gemein­de ihre Bedeutung.

Es gibt nicht mehr Juden und Grie­chen, nicht Skla­ven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Chris­tus Jesus. (Gala­ter 3,28)

Aus die­ser geschwis­ter­li­chen Bezie­hung ergibt sich, dass es für Chris­ten nur einen Vater gibt, näm­lich den im Him­mel. Die Bibel kennt nur einen Hei­li­gen Vater:

Hei­li­ger Vater, bewah­re sie in dei­nem Namen, den du mir gege­ben hast, damit sie eins sind wie wir. (Johan­nes 17,11b)

Wenn sich ein Mensch als „Hei­li­ger Vater“Mehr dazu unter Punkt 6.1. anre­den lässt,Mit­un­ter reagie­ren Katho­li­ken auf Mat­thä­us 23,9 mit dem Ein­wand: “Nennst du dei­nen Vater nicht Vater?” Jesus geht es hier nicht dar­um, dass man sei­nen bio­lo­gi­schen Vater nicht mehr Vater nen­nen dür­fe. Er spricht im Zusam­men­hang über reli­giö­se Titel. Die katho­li­sche Pra­xis, Men­schen als „Pater“, „Abt“ (= Vater) oder „Hei­li­ger Vater“ anzu­re­den, ist von den Wor­ten Jesu direkt betrof­fen. Unter den Juden war es bei Wei­tem nicht so ver­brei­tet, reli­giö­se Füh­rer als „Vater“ anzu­spre­chen, wie es bei den Katho­li­ken üblich ist. so ist das eine kla­re Miss­ach­tung sowohl der Wor­te Jesu als auch des Hei­li­gen Geis­tes, der eine geschwis­ter­li­che Lie­be unter den Kin­dern Got­tes wirkt.Mehr zur Fra­ge, wie Kirche/Gemeinde nach dem Wil­len Got­tes aus­sieht, ist in unse­ren Abhand­lun­gen Die Gemein­de im Neu­en Tes­ta­ment, Über das Leben der ers­ten Chris­ten und Ämter und Auf­ga­ben in der Kir­che zu finden.


Fußnoten

  1. Neuner‐Roos, Nr. 454, S. 302.
  2. Zitiert nach: Dog­ma­ti­sche Kon­sti­tu­ti­on Lumen Gen­ti­um: Über die Kir­che, abge­ru­fen am 25.06.2015.
  3. Anders als in ande­ren Tex­ten auf die­ser Web­site zitie­ren wir in die­ser Abhand­lung die Bibel nach der Einheitsübersetzung.
  4. Mehr dazu unter Punkt 6.1.
  5. Mit­un­ter reagie­ren Katho­li­ken auf Mat­thä­us 23,9 mit dem Ein­wand: “Nennst du dei­nen Vater nicht Vater?” Jesus geht es hier nicht dar­um, dass man sei­nen bio­lo­gi­schen Vater nicht mehr Vater nen­nen dür­fe. Er spricht im Zusam­men­hang über reli­giö­se Titel. Die katho­li­sche Pra­xis, Men­schen als „Pater“, „Abt“ (= Vater) oder „Hei­li­ger Vater“ anzu­re­den, ist von den Wor­ten Jesu direkt betrof­fen. Unter den Juden war es bei Wei­tem nicht so ver­brei­tet, reli­giö­se Füh­rer als „Vater“ anzu­spre­chen, wie es bei den Katho­li­ken üblich ist.
  6. Mehr zur Fra­ge, wie Kirche/Gemeinde nach dem Wil­len Got­tes aus­sieht, ist in unse­ren Abhand­lun­gen Die Gemein­de im Neu­en Tes­ta­ment, Über das Leben der ers­ten Chris­ten und Ämter und Auf­ga­ben in der Kir­che zu finden.