Teil 3: War Petrus der ers­te Papst?

Themenbereiche: Das Papsttum

Wie im vori­gen Arti­kel beschrie­ben, hat­te Petrus eine füh­ren­de Rol­le in der dama­li­gen Kir­che. War­um soll­te man dann nicht sagen, dass er die­sel­be Auto­ri­tät hat­te wie spä­ter die Päps­te? War­um kann Petrus nicht das Urbild der Päps­te sein?

Aufeinander gestapelte, wackelige Steine – haben die Päpste wirklich auf Petrus gebaut?

3.1 Die Stel­lung Petri in der Urkirche

3.1.1 Im Allgemeinen

Wäh­rend der Zeit des irdi­schen Wir­kens Jesu war Petrus einer der drei Jün­ger im engs­ten Kreis. In den „Apos­tel­lis­ten“ wird er stets an ers­ter Stel­le genannt. Nach der Auf­er­ste­hung Jesu war er es, der die Bestel­lung eines Ersatz­man­nes für Judas in die Wege lei­te­te.[1] Immer wie­der fin­den wir in den Anfangs­ka­pi­teln der Apos­tel­ge­schich­te, dass Petrus in der Öffent­lich­keit für die Gemein­de spricht. Auf sei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Aus­deh­nung der Gemein­de auf Sama­ri­ter und Hei­den wur­de bereits hin­ge­wie­sen. War er also doch der, der alles in der Hand hat­te, der ers­te Papst?

Wir möch­ten hier auf eini­ge Details hin­wei­sen, die die­ses Bild korrigieren:

Petrus war wich­tig, aber doch nur einer der Apos­tel. Er hat Kri­tik und Kor­rek­tur demü­tig ange­nom­men. Er hat weder Unfehl­bar­keit noch einen Juris­dik­ti­ons­pri­mat bean­sprucht. Aus der Apos­tel­ge­schich­te gewin­nen wir den Ein­druck, dass, je gefes­tig­ter die Gemein­de wur­de, Petrus mehr und mehr in den Hin­ter­grund trat.

3.1.2 In Rom

Da der Papst den Anspruch erhebt, als Bischof von Rom der Nach­fol­ger Petri zu sein, ist auch die Fra­ge nach der Stel­lung Petri in der Gemein­de von Rom zu behandeln.

Die Gemein­de von Rom ist ver­mut­lich durch Juden, die beim Pfingst­fest des Jah­res 30 zum Glau­ben an Jesus fan­den, ent­stan­den.[7] Petrus war an der Ent­ste­hung die­ser Gemein­de durch sei­ne Ver­kün­di­gung in Jeru­sa­lem beteiligt.

Ob Petrus sich nach sei­ner wun­der­ba­ren Befrei­ung aus dem Gefäng­nis[8] nach Rom bege­ben hat, wie nicht nur von katho­li­scher Sei­te ange­nom­men wird, ist frag­lich. Der Satz „Dann ver­ließ er sie und ging an einen ande­ren Ort“[9] lässt alles offen.

Pau­lus erwähnt in sei­nem im Jah­re 57 geschrie­be­nen Brief an die Römer Petrus nicht, was dafür spricht, dass Petrus damals nicht in Rom war. Des­glei­chen erwähnt auch Lukas, wenn er über die Ankunft des Pau­lus als Gefan­ge­ner in Rom im Jah­re 60 berich­tet,[10] nichts von Petrus. Auch das bedeu­tet mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit, dass Petrus damals nicht in Rom war.

In 1. Petrus 5,13 lesen wir:

Es grü­ßen euch die Mit­aus­er­wähl­ten in Baby­lon und mein Sohn Markus.

Auch wenn in man­chen pro­tes­tan­ti­schen Krei­sen ver­sucht wird zu erklä­ren, dass hier Baby­lon in Meso­po­ta­mi­en bzw. eine römi­sche Kolo­nie die­ses Namens in Ägyp­ten gemeint sei, spricht doch alles dafür, dass Petrus die­sen Brief aus Rom geschrie­ben hat und dass „Baby­lon“ – wie im Buch der Offen­ba­rung – ein Deck­na­me für Rom ist. Zur Zeit der Nie­der­schrift die­ses Brie­fes war Petrus in Rom. Ver­mut­lich ist er bald nach 62 dort eingetroffen.

In 1 Kle­mens 5 (in Fuß­no­te 32 zitiert) wird Petrus im Zusam­men­hang mit Opfern der nero­ni­schen Chris­ten­ver­fol­gung erwähnt, was sei­nen Tod in Rom voraussetzt.

Petrus hat also sein irdi­sches Leben in Rom been­det. Das bedeu­tet aber nicht, dass er Bischof von Rom war. Als Apos­tel hat­ten sei­ne Wor­te in der Gemein­de von Rom auf jeden Fall Gewicht. Das heißt jedoch nicht, dass er der Lei­ter die­ser Gemein­de war. Da die Gemein­de von Rom schon lan­ge vor der Ankunft Petri bestand, hat­te die­se schon ihre gewach­se­nen Struk­tu­ren, in die Petrus, der sich als „Mit­äl­tes­ter“ ver­stand, nicht eingriff.

3.2 Zur Fra­ge der Apos­to­li­schen Sukzession

Wenn Petrus weder Grün­der noch „Bischof“ der Gemein­de von Rom war, erüb­rigt sich die Fra­ge nach der apos­to­li­schen Suk­zes­si­on. Da aber katho­li­scher­seits der Anspruch erho­ben wird, dass es zwi­schen Petrus und dem der­zei­ti­gen Papst eine unun­ter­bro­che­ne Ket­te von Hand­auf­le­gun­gen gebe, wol­len wir uns auch mit die­ser Fra­ge auseinandersetzen.

3.2.1 Kann es einen Nach­fol­ger Petri geben?

Wie bereits erwähnt, berich­tet Apos­tel­ge­schich­te 1,15–26 von der Bestel­lung eines Nach­fol­gers oder Ersatz­man­nes für Judas. Dort heißt es in den Ver­sen 21–22:

Einer von den Män­nern, die die gan­ze Zeit mit uns zusam­men waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, ange­fan­gen von der Tau­fe durch Johan­nes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Him­mel) auf­ge­nom­men wur­de, – einer von die­sen muss nun zusam­men mit uns Zeu­ge sei­ner Auf­er­ste­hung sein.

Der neu zu bestim­men­de Apos­tel muss­te ein Zeu­ge der Auf­er­ste­hung Jesu sein. Des­we­gen konn­te auch Pau­lus, dem der auf­er­stan­de­ne Herr Jesus erschie­nen ist, Apos­tel sein:

Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apos­tel? Habe ich nicht Jesus, unse­ren Herrn, gese­hen? Seid ihr nicht mein Werk im Herrn? (1. Korin­ther 9,1)

Als Jako­bus, der Bru­der des Johan­nes, durch Hero­des Agrip­pa I. (König von Judäa 41–44) ent­haup­tet wur­de,[11] wur­de kein Nach­fol­ger für ihn bestimmt.

Auch die bereits erwähn­ten Stel­len Ephe­ser 2,20 und Offen­ba­rung 21,14 unter­strei­chen die Ein­ma­lig­keit des Apostelamtes.

Beach­tens­wert sind auch die Wor­te Petri in 2. Petrus 1,12–15:[12]

Dar­um will ich euch immer an das alles erin­nern, obwohl ihr es schon wisst und in der Wahr­heit gefes­tigt seid, die ihr emp­fan­gen habt. Ich hal­te es näm­lich für rich­tig, euch dar­an zu erin­nern, solan­ge ich noch in die­sem Zelt lebe, und euch dadurch wach zu hal­ten; denn ich weiß, dass mein Zelt bald abge­bro­chen wird, wie mir auch Jesus Chris­tus, unser Herr, offen­bart hat. Ich will aber dafür sor­gen, dass ihr auch nach mei­nem Tod euch jeder­zeit dar­an erin­nern könnt.

Petrus weist hier nicht dar­auf hin, dass sich die Gläu­bi­gen nach sei­nem Tod an Linus bzw. an den Bischof von Rom wen­den sol­len. Er erin­nert sie an sei­ne Leh­re und er hat auch sei­nen Brief des­we­gen geschrie­ben, um sie an die Grund­la­ge zu erin­nern, die er durch sei­ne Leh­re bei ihnen gelegt hat.

Wenn wir von einem „Nach­fol­ger“ Petri bzw. der Apos­tel spre­chen kön­nen, dann kön­nen nur die Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments gemeint sein. Die­se Schrif­ten ent­hal­ten die Leh­re der Apos­tel unverfälscht.

3.2.2 Seit wann gab es in Rom ein mon­ar­chi­sches Bischofsamt?

Mit dem Begriff „mon­ar­chi­sches Bischofs­amt“ mei­nen wir eine Kir­chen­struk­tur, in der es in einer Gemein­de nur einen ein­zi­gen Gemein­de­lei­ter gibt. Die­se Struk­tur ist im Neu­en Tes­ta­ment unbe­kannt und erst­mals in den Brie­fen von Igna­ti­us von Antio­chi­en (gestor­ben um 110) bezeugt.[13]

Es gibt aus der frü­hen nach­apos­to­li­schen Zeit (spä­tes ers­tes und frü­hes zwei­tes Jahr­hun­dert) drei Doku­men­te, aus denen wir einen gewis­sen Ein­blick in die dama­li­ge Struk­tur der Gemein­de von Rom gewin­nen können.

3.2.2.1 Der Ers­te Klemensbrief

Die­ser Brief wird übli­cher­wei­se in die 90er‐Jahre des 1. Jahr­hun­derts datiert, häu­fig in das Jahr 96. Es gibt aber gute Grün­de dafür, ihn bereits in das Jahr 69 zu datie­ren. Auf jeden Fall ist er das frü­hes­te Zeug­nis eines Schrei­bens der römi­schen Chris­ten­ge­mein­de. Es han­delt sich um einen Brief der Gemein­de von Rom an die Gemein­de von Korinth. Anlass für das Schrei­ben ist, dass die Korin­ther auf ihre Ältes­ten nicht mehr gehört haben und die­se durch ande­re ersetzt haben. In die­sem in der Wir‐Form geschrie­be­nen Brief wird kein Autor genannt. Die Tra­di­ti­on schreibt ihn Kle­mens von Rom zu.

Die­ser Brief kennt das mon­ar­chi­sche Bischofs­amt nicht. Es geht um die Ältes­ten (Plu­ral) in Korinth, die wie­der mit ihren Auf­ga­ben betraut wer­den sol­len. In Kapi­tel 44 wer­den die Begrif­fe epi­sko­pos (Vor­ste­her – „Bischof“) und pres­by­te­ros (Ältes­ter) aus­tausch­bar ver­wen­det.[14]

Auch für Rom gibt es in die­sem lan­gen Brief nichts, was auf ein mon­ar­chi­sches Bischofs­amt schlie­ßen ließe.

3.2.2.2 Der Hirt des Hermas

Die­se in Rom ent­stan­de­ne Schrift aus dem spä­ten 1. oder frü­hen 2. Jahr­hun­dert[15] kennt eben­so kein mon­ar­chi­sches Bischofs­amt. In die­ser Schrift geht es nicht um Kir­chen­struk­tur. In der zwei­ten Visi­on in Kapi­tel 4,3 heißt es:

Du wirst zwei Abschrif­ten fer­ti­gen und eine dem Kle­mens, eine der Grap­te sen­den. Kle­mens wird es an die aus­wär­ti­gen Städ­te schi­cken, das ist ihm auf­ge­tra­gen wor­den; Grap­te wird die Wit­wen und Wai­sen mah­nen. Und du wirst es in die­ser Stadt gemein­sam mit den Pres­by­tern, den Vor­ste­hern der Kirche

Von einem mon­ar­chi­schen Bischof ist kei­ne Rede. Wir kön­nen daher davon aus­ge­hen, dass es zur Zeit der Nie­der­schrift, die gewiss nach dem Tod des Petrus war, kei­nen mon­ar­chi­schen Bischof von Rom gab, son­dern nur eine Grup­pe von Pres­by­tern (Ältes­ten).

3.2.2.3 Der Brief des Igna­ti­us an die Römer

Igna­ti­us war Bischof von Antio­chi­en in Syri­en[16] und wur­de unter Tra­jan zum Tier­kampf in Rom ver­ur­teilt. Es wird ver­mu­tet, dass er um ca. 110 in Rom gestor­ben ist. Auf sei­ner Rei­se nach Rom schrieb er sie­ben Brie­fe, in denen ein Haupt­the­ma die Unter­ord­nung unter den Bischof ist. Igna­ti­us war sehr bestrebt, das mon­ar­chi­sche Bischofs­amt, das damals im Ent­ste­hen begrif­fen war, zu för­dern.[17]

Umso auf­fal­len­der ist es, dass er in sei­nem Brief an die Römer das mon­ar­chi­sche Bischofs­amt nur im Zusam­men­hang mit der Gemein­de in Syri­en, nicht aber mit Rom erwähnt.

Wir zitie­ren aus dem 9. Kapi­tel des Brie­fes von Igna­ti­us an die Römer:

Geden­ket in eurem Gebe­te der Kir­che von Syri­en, deren Hir­te an mei­ner statt Gott ist. Jesus Chris­tus allein wird ihr Bischof sein

Die For­mu­lie­rung in Vers 1, dass jetzt Gott an sei­ner statt Hir­te der Kir­che von Syri­en ist, zeigt, dass das mon­ar­chi­sche Bischofs­amt damals noch in den Anfän­gen war, dass es nicht selbst­ver­ständ­lich war, dass auf Igna­ti­us ein ande­rer mon­ar­chi­scher Bischof folg­te. Offen­sicht­lich brei­te­te sich damals im Osten des Rei­ches das mon­ar­chi­sche Bischofs­amt immer mehr aus. In Rom hin­ge­gen gab es wei­ter­hin die alte auf die Apos­tel zurück­ge­hen­de Struk­tur mit meh­re­ren Ältesten.

Es gab also min­des­tens bis zum Jah­re 110 – ver­mut­lich noch län­ger – kei­nen Bischof von Rom. Wenn es nun mehr als vier­zig Jah­re nach dem Tod Petri noch kei­nen Bischof von Rom gab, wie kann dann behaup­tet wer­den, die­ser sei des­sen Nachfolger?

Wir zitie­ren den katho­li­schen Kir­chen­his­to­ri­ker Nor­bert Brox:

Der mon­ar­chi­sche Bischof ist nicht in allen Kir­chen gleich­zei­tig ein­ge­führt wor­den. Igna­ti­us setz­te […] gera­de in sei­nem Brief nach Rom nicht vor­aus, dass die Kir­che dort schon einen mon­ar­chi­schen Bischof hat – in auf­fäl­li­gem Gegen­satz zu den klein­asia­ti­schen Gemein­den, an die er schrieb, und in denen er jeweils Ein­zelbi­schö­fe amtie­ren wuss­te und zum Teil mit Namen nann­te […]. Und noch um 140[18] ist die kol­le­gia­le Lei­tungs­form für die Kir­che in Rom durch ein dort geschrie­be­nes Buch doku­men­tiert (Past Herm Vis. II,4,3; III,1,8; 5,1; Sim. IX, 27,2). Um die­se Zeit sind noch Pres­by­ter die ver­ant­wort­li­chen Spre­cher der römi­schen Gemein­de (Epi­pha­ni­us, pan. 42,2,2). Was nach Igna­ti­us um das Jahr 110 anders­wo schon ein­ge­führt war, dass näm­lich ein ein­zi­ger Bischof an der Spit­ze der Gemein­de stand, kann für Rom nicht vor den Jah­ren 140–150 ange­nom­men wer­den. Erst seit der Jahr­hun­dert­mit­te, also seit den Bischö­fen Ani­ket (155–166) und Soter (166–175) kann die­ses neue Amt auch in Rom zwei­fels­frei vor­aus­ge­setzt wer­den. […] Die Kon­se­quen­zen für die Papst­ge­schich­te lie­gen auf der Hand. Man kann für die Zeit vor 140/150 nicht von ein­zel­nen, auf­ein­an­der­fol­gen­den Bischö­fen Roms aus­ge­hen, die sich als Päps­te der Gesamt­kir­che ver­ste­hen konn­ten. Das Papst­tum war folg­lich in der Früh­zeit noch nicht vor­han­den.[19]

3.2.3 Ver­gleich der Quel­len der Apos­to­li­schen Sukzession

Wir wen­den uns nun den Tex­ten zu, die über die Nach­fol­ger des Apos­tels Petrus als Bischof von Rom spre­chen. Der ers­te die­ser Tex­te bil­det die Grund­la­ge für die offi­zi­el­le Lis­te der Päps­te. Ande­re Tex­te zei­gen aber ein ande­res Bild.

3.2.3.1. Ire­nä­us von Lyon (ca. 135–ca. 200)

Weil es aber zu weit­läu­fig wäre, in einem Wer­ke wie dem vor­lie­gen­den die apos­to­li­sche Nach­fol­ge aller Kir­chen auf­zu­zäh­len, so wer­den wir nur die apos­to­li­sche Tra­di­ti­on und Glau­bens­pre­digt der größ­ten und ältes­ten und all­be­kann­ten Kir­che, die von den bei­den ruhm­rei­chen Apos­teln Petrus und Pau­lus zu Rom gegrün­det und gebaut ist, dar­le­gen, wie sie durch die Nach­fol­ge ihrer Bischö­fe bis auf unse­re Tage gekom­men ist. […]
Nach­dem also die seli­gen Apos­tel die Kir­che gegrün­det und ein­ge­rich­tet hat­ten, über­tru­gen sie dem Linus

erwähnt Pau­lus in sei­nem Brie­fe an Timo­theus. Auf ihn folgt Anakletus

Auf genann­ten Kle­mens folg­te Evaristus

Ire­nä­us schrieb in der 2. Hälf­te des 2. Jahr­hun­derts gegen die damals auf­tre­ten­de Irr­leh­re der Gno­sis. Er woll­te durch die Lis­te der römi­schen Bischö­fe dar­auf hin­wei­sen, dass sei­ne Kir­che – im Gegen­satz zu den Gnos­ti­kern – auf die Apos­tel zurückgeht.

In die­sem berech­tig­ten Anlie­gen setz­te er sich aber über his­to­ri­sche Fak­ten hin­weg. Wie wir bereits wei­ter oben auf­ge­zeigt haben, wur­de die Gemein­de in Rom nicht von Petrus und Pau­lus gegrün­det. Mög­li­cher­wei­se hat Ire­nä­us die­se “Grün­dung” in einem sehr all­ge­mei­nen Sinn ver­stan­den, näm­lich dass Petrus und Pau­lus in der dor­ti­gen Gemein­de waren und dort auch ihr Leben been­det haben.

3.2.3.2 Ter­tul­li­an (nach 150–nach 220)

Wenn dage­gen eini­ge Häre­si­en die Kühn­heit haben, sich in das apos­to­li­sche Zeit­al­ter ein­zu­drän­gen und des­we­gen von den Apos­teln über­lie­fert erschei­nen wol­len, weil sie zur Zeit der Apos­tel exis­tier­ten, so kön­nen wir erwi­dern: Gebt also die Ursprün­ge eurer Kir­chen an, ent­rollt eine Rei­hen­fol­ge eurer Bischö­fe, die sich von Anfang an durch Abfol­ge so fort­setzt, dass der ers­te Bischof einen aus den Apos­teln oder den apos­to­li­schen Män­nern, jedoch einen sol­chen, der bei den Apos­teln aus­harr­te, zum Gewährs­mann und Vor­gän­ger hat. Denn das ist die Wei­se, wie die apos­to­li­schen Kir­chen ihren Ursprung nach­wei­sen; wie z. B. die Kir­che von Smyr­na berich­tet, dass ihr Poly­karp von Johan­nes auf­ge­stellt, die römi­sche eben­so, dass ihr Kle­mens von Petrus ordi­niert wor­den sei. (Ter­tul­li­an, Die Pro­zess­ein­re­den gegen die Häre­ti­ker – De praescrip­tio­ne hae­re­ti­corum 32)

Ter­tul­li­an, ein Kir­chen­schrift­stel­ler, der um 200 schrieb, hat­te mit die­sem Werk das­sel­be Ziel wie Ire­nä­us. Im Gegen­satz zu die­sem behaup­te­te er jedoch, dass Kle­mens direkt von Petrus ein­ge­setzt wor­den sei. Ire­nä­us nennt Kle­mens nur als drit­ten nach Petrus.

3.2.3.3 Epi­pha­ni­us von Sala­mis (gestor­ben 403)

Petrus setz­te Kle­mens ein, der um des Frie­dens wil­len, sei­nen Platz Linus über­ließ. (Epi­pha­ni­us, Haere­ses 27,6)

Hier gewin­nen wir den Ein­druck, dass sich Epi­pha­ni­us der unter­schied­li­chen Anga­ben von Ire­nä­us und Ter­tul­li­an bewusst war und einen Lösungs­an­satz dazu bie­ten wollte.

3.2.3.4 Hie­ro­ny­mus (347–420)

Kle­mens […] war der vier­te Bischof nach Petrus, der zwei­te war Linus, der drit­te Anakle­tus, obwohl die Mehr­heit der „Latei­ner“ Kle­mens als den zwei­ten nach dem Apos­tel Petrus betrach­ten. (Hie­ro­ny­mus, De viris illus­tri­bus, 15)

Auch Hie­ro­ny­mus wuss­te im 4./5. Jahr­hun­dert um die unter­schied­li­chen Überlieferungen.

3.2.3.5 Augus­ti­nus (354–430)

Dem Petrus folg­te näm­lich Linus

Die Bischofs­lis­te des Augus­ti­nus reicht bis in sei­ne Zeit. Was die ers­ten Bischö­fe betrifft, so hat er auch nicht genau die­sel­be Lis­te wie die anderen.

3.2.4 Zusam­men­schau

Ire­nä­us

Ter­tul­li­an

Epi­pha­ni­us

Hie­ro­ny­mus

Augus­ti­nus

Petrus + Paulus Petrus Petrus Petrus Petrus
1. Linus 1. Kle­mens 1. Kle­mens 1. Linus 1. Kle­mens 1. Linus
2. Anakle­tus 1a. Linus 2. Anakle­tus 2. Kle­mens
3. Kle­mens 3. Kle­mens 3. Anakle­tus
4. Eva­ris­tus 4. Eva­ris­tus
5. Alex­an­der 5. Alex­an­der
6. Six­tus 6. Six­tus
7. Tele­spho­rus 7. Tele­spho­rus
8. Hygi­nus 8. Hygi­nus
9. Pius 9. Anice­tus
10. Anice­tus 10. Pius
11. Soter 11. Soter
12. Eleu­the­ri­us 12. Eleu­the­ri­us

Die Unter­schie­de zwi­schen den ver­schie­de­nen Tra­di­tio­nen betref­fen vor allem die unmit­tel­ba­re Nach­fol­ge des Petrus. War nun Linus der ers­te Bischof von Rom nach Petrus oder war es Kle­mens? War Anakle­tus vor oder nach Klemens?

Wenn wir das Zeug­nis der unter 5.2.2 auf­ge­lis­te­ten Doku­men­te berück­sich­ti­gen, lau­tet die Ant­wort, dass es nach dem Tod von Petrus über­haupt kei­nen mon­ar­chi­sches Bischof von Rom gab. Es gab damals meh­re­re Ältes­te, von denen wir man­che – wie Kle­mens, Linus, Anakle­tus – nament­lich ken­nen. Die­se tru­gen gemein­sam mit ande­ren Ältes­ten die Haupt­ver­ant­wor­tung für die Gemein­de in Rom. Als dann im Lau­fe des zwei­ten Jahr­hun­derts das mon­ar­chi­sche Bischofs­amt auch in Rom ein­ge­führt wur­de, hat man ver­sucht, die Namen die­ser Ältes­ten, die zugleich gewirkt haben, in eine zeit­li­che Rei­hen­fol­ge zu pres­sen, sodass man nun­mehr dach­te, dass sie auf­ein­an­der­folg­ten. Es gab dabei offen­sicht­lich Mei­nungs­un­ter­schie­de, wer nun der ers­te Bischof von Rom gewe­sen sei. Hät­te es tat­säch­lich unmit­tel­bar nach dem Tod des Petrus einen Bischof von Rom gege­ben, dann wür­den die Quel­len übereinstimmen.


Fußnoten

  1. Apos­tel­ge­schich­te 1,15–26.
  2. Apos­tel­ge­schich­te 6,1–6.
  3. Apos­tel­ge­schich­te 8,4–5.
  4. Apos­tel­ge­schich­te 10,1,-11,18.
  5. Apos­tel­ge­schich­te 15,1–21.
  6. In der Bibel wird das nicht aus­drück­lich erwähnt. Aber Petrus selbst ermahn­te in 1. Petrus 3,8–11 sei­ne Leser dazu, eines Sin­nes zu sein und dem Frie­den nach­zu­ja­gen. Petrus hat mit die­sen Wor­ten nicht nur ande­re belehrt, son­dern selbst nach die­sem Grund­satz gelebt.
  7. Ver­glei­che Apos­tel­ge­schich­te 2,10.
  8. Apos­tel­ge­schich­te 12,1–19.
  9. Apos­tel­ge­schich­te 12,17.
  10. Apos­tel­ge­schich­te 28,14–31.
  11. Apos­tel­ge­schich­te 12,1–2.
  12. Wir hal­ten an der Echt­heit des 2. Petrus­brie­fes fest. Falls die­ser Brief, wie viel­fach behaup­tet wird, nicht von Petrus stam­men soll­te, wür­de unse­re Argu­men­ta­ti­on in die­sem Fall sogar noch ver­stärkt, da der Text vor­aus­set­zen wür­de, dass es auch Jah­re bzw. Jahr­zehn­te nach dem Tod von Petrus kei­nen Nach­fol­ger von Petrus gab. Hät­te zur Zeit der Nie­der­schrift des 2. Petrus­brie­fes schon die Insti­tu­ti­on des Papst­tums gege­ben, in der ganz klar war, wer der Nach­fol­ger von Petrus ist, hät­te der Fäl­scher die­ses Brie­fes dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich die Gläu­bi­gen nach dem Tod des Petrus an den jewei­li­gen Bischof von Rom wen­den können.
  13. Sie­he dazu unser Arti­kel „Ämter oder ver­schie­de­ne Auf­ga­ben in der Kir­che“, Kapi­tel Die nach­apos­to­li­sche Kir­chen­struk­tur.
  14. Wie auch im Neu­en Tes­ta­ment: Apos­tel­ge­schich­te 17,28; Titus 1,3–5.
  15. Die Datie­rungs­vor­schlä­ge schwan­ken zwi­schen „vor 85“ und 140–155.
  16. Heu­te Antak­ya in der Türkei.
  17. Die­se Erklä­rung geht von der Echt­heit der Igna­ti­us­brie­fe aus. Man­che gehen davon aus, dass die­se Brie­fe das Werk eines Fäl­schers sei­en. Dadurch wür­de sich die Ein­füh­rung des mon­ar­chi­schen Bischofs­am­tes noch um eini­ge Jahr­zehn­te verschieben.
  18. Man­che datie­ren die­ses Schrei­ben frü­her als Brox (sie­he Punkt 5.2.2.2), was an der grund­sätz­li­chen Argu­men­ta­ti­on nichts ändert. Nur die von ihm genann­ten Jah­res­zah­len sind mög­li­cher­wei­se etwas frü­her anzusetzen.
  19. Nor­bert Brox, Das Papst­tum in den ers­ten drei Jahr­hun­der­ten; in: Das Papst­tum I. Von den Anfän­gen bis zu den Päps­ten in Avi­gnon; Hsg. M. Gre­schat, Stutt­gart 1984, S. 29.


Apos­tel­ge­schich­te 1,15–26.

Apos­tel­ge­schich­te 6,1–6.

Apos­tel­ge­schich­te 8,4–5.

Apos­tel­ge­schich­te 10,1,-11,18.

Apos­tel­ge­schich­te 15,1–21.

In der Bibel wird das nicht aus­drück­lich erwähnt. Aber Petrus selbst ermahn­te in 1. Petrus 3,8–11 sei­ne Leser dazu, eines Sin­nes zu sein und dem Frie­den nach­zu­ja­gen. Petrus hat mit die­sen Wor­ten nicht nur ande­re belehrt, son­dern selbst nach die­sem Grund­satz gelebt.

Ver­glei­che Apos­tel­ge­schich­te 2,10.

Apos­tel­ge­schich­te 12,1–19.

Apos­tel­ge­schich­te 12,17.

Apos­tel­ge­schich­te 28,14–31.

Apos­tel­ge­schich­te 12,1–2.

Wir hal­ten an der Echt­heit des 2. Petrus­brie­fes fest. Falls die­ser Brief, wie viel­fach behaup­tet wird, nicht von Petrus stam­men soll­te, wür­de unse­re Argu­men­ta­ti­on in die­sem Fall sogar noch ver­stärkt, da der Text vor­aus­set­zen wür­de, dass es auch Jah­re bzw. Jahr­zehn­te nach dem Tod von Petrus kei­nen Nach­fol­ger von Petrus gab. Hät­te zur Zeit der Nie­der­schrift des 2. Petrus­brie­fes schon die Insti­tu­ti­on des Papst­tums gege­ben, in der ganz klar war, wer der Nach­fol­ger von Petrus ist, hät­te der Fäl­scher die­ses Brie­fes dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich die Gläu­bi­gen nach dem Tod des Petrus an den jewei­li­gen Bischof von Rom wen­den können.

Sie­he dazu unser Arti­kel „Ämter oder ver­schie­de­ne Auf­ga­ben in der Kir­che“, Kapi­tel Die nach­apos­to­li­sche Kir­chen­struk­tur.

Wie auch im Neu­en Tes­ta­ment: Apos­tel­ge­schich­te 17,28; Titus 1,3–5.

Die Datie­rungs­vor­schlä­ge schwan­ken zwi­schen „vor 85“ und 140–155.

Heu­te Antak­ya in der Türkei.

Die­se Erklä­rung geht von der Echt­heit der Igna­ti­us­brie­fe aus. Man­che gehen davon aus, dass die­se Brie­fe das Werk eines Fäl­schers sei­en. Dadurch wür­de sich die Ein­füh­rung des mon­ar­chi­schen Bischofs­am­tes noch um eini­ge Jahr­zehn­te verschieben.

Man­che datie­ren die­ses Schrei­ben frü­her als Brox (sie­he Punkt 5.2.2.2), was an der grund­sätz­li­chen Argu­men­ta­ti­on nichts ändert. Nur die von ihm genann­ten Jah­res­zah­len sind mög­li­cher­wei­se etwas frü­her anzusetzen.

Nor­bert Brox, Das Papst­tum in den ers­ten drei Jahr­hun­der­ten; in: Das Papst­tum I. Von den Anfän­gen bis zu den Päps­ten in Avi­gnon; Hsg. M. Gre­schat, Stutt­gart 1984, S. 29.