Teil 1: Der Anspruch des Papsttums und wie Jesus die Gemeinde wollte
Der Papst bezeichnet sich selbst als Nachfolger des Apostels Petrus. Was wissen wir eigentlich über diesen berühmten Jünger Jesu? Worauf beziehen sich Jesu Verheißungen an Petrus?

Simon – so sein ursprünglicher Name[1] – war ein Fischer aus Bethsaida,[2] am Nordufer des Sees Genezareth gelegen. Vermutlich im Zusammenhang mit seiner Verehelichung zog er in das nahegelegene Kapharnaum um.[3]
Als Johannes der Täufer auftrat, wurde Simon gemeinsam mit seinem Bruder Andreas einer der Jünger des Täufers. Andreas war dabei, als Johannes der Täufer Jesus als das Lamm Gottes bezeichnete, und schloss sich Jesus an. Tags darauf sagte Andreas zu seinem Bruder Simon: „Wir haben den Messias[4] gefunden.“ und führte ihn zu Jesus. Jesus gab Simon den neuen Namen Kefa[5].[6]
Seit damals folgte Petrus seinem Herrn Jesus nach. Lukas berichtet von einem wunderbaren Fischfang, durch den sich Petrus seiner Sündhaftigkeit bewusst wurde. Von Jesus erhielt er den Auftrag, nicht mehr Fische, sondern Menschen zu fangen.[7]
Als Jesus unter seinen Jüngern zwölf auswählte, „die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten“,[8] war Simon einer von ihnen. Er wird in allen Auflistungen der Namen der Zwölf, die auch Apostel („Gesandte“) genannt wurden, an erster Stelle genannt.[9]
In einigen Situationen des öffentlichen Wirkens Jesu war Simon einer von drei Jüngern, mit denen Jesus zusammen war. Hier ist die Verklärung Jesu[10] zu nennen, auf die auch Petrus selbst in seinem 2. Brief hinwies.[11] Er wurde gemeinsam mit Johannes und Jakobus gewürdigt, die künftige Herrlichkeit des Messias in einer Vision zu schauen.
Als Jesus verhaftet wurde, war Simon willens, seinen Meister mit dem Schwert zu verteidigen. Jesus ließ das nicht zu und heilte das Ohr des von Simon verletzten Knechts des Hohepriesters.[12]
Anders als die meisten anderen Jünger wollte er Jesus auch in der Zeit der Bedrängnis nahe sein, verleugnete aber, als er befragt wurde, Jesus als seinen Herrn. Unmittelbar danach wurde er sich der Tragweite seines Tuns unter Tränen bewusst und bereute seine Sünde tief.[13]
Jesus wurde gekreuzigt, blieb aber nicht im Tod. Petrus war der erste der Apostel, dem Jesus nach seiner Auferstehung erschien.[14]
Petrus hatte gelernt, sich nicht auf seine eigene Kraft, sondern nur auf Gott zu verlassen. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten wurde auch er in seinem Mut gestärkt und rief die Juden zur Umkehr zu Jesus auf.[15] So entstand die Kirche,[16] in der Petrus gemeinsam mit Johannes[17] eine führende Stellung einnahm. In Verfolgung war Petrus bereit, ins Gefängnis zu gehen.[18]
Infolge einer durch Saulus (Paulus) initiierten Verfolgung verkündete Philippus das Evangelium erstmals auch Nichtjuden, den Samaritern. Erst als Petrus und Johannes den bekehrten Samaritern die Hände auflegten, empfingen diese den Heiligen Geist.[19]
Durch Petrus nahm Kornelius als erster Heide das Evangelium an.[20] Petrus war auch an der Entscheidung, dass die Heidenchristen das Gesetz nicht zu halten haben, wesentlich beteiligt.[21] Er war aber auch bereit, die Ermahnung von Paulus wegen Inkonsequenz in diesem Punkt anzunehmen.[22]
Aus späterer Zeit erfahren wir nur noch wenig über ihn. Die zentrale Position, die Petrus in den Anfangsjahren der Kirche hatte, gab es später offensichtlich nicht mehr. Aus dem ersten Petrusbrief dürfen wir vermuten, dass er in verschiedenen Provinzen Kleinasiens missionierte.[23]
Vermutlich kam er nach dem Jahr 62 nach Rom, wo er während der Verfolgung durch Nero den Märtyrertod starb.[24]
Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus (pétros) und auf diesen Felsen (pétra) werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias sei. Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
Im Gegensatz zu anderen Menschen, die Jesus für „Johannes den Täufer, Elija, Jeremia oder sonst einen Propheten“ hielten, bekannte Simon: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Das war keine grundsätzlich neue Erkenntnis. Bereits Andreas hatte seinem Bruder Simon ganz am Anfang gesagt: „Wir haben den Messias gefunden.“[25] Während dieses erste Bekenntnis des Andreas aufgrund des Zeugnisses Johannes‘ des Täufers geschah, bekannte Simon Jesus als Messias, nachdem er bereits mehr als ein Jahr mit ihm zusammen war und erkennen musste, dass Jesus nicht dem politischen Messiasbild entsprach, das er wie die meisten Juden hatte. Aber alles, was er von Jesus hörte, und alles, was er von seinem Leben sah, schenkte ihm mit Gottes Hilfe die Gewissheit der Messianität Jesu. Jesus sagte, dass Petrus das nicht von Fleisch und Blut wusste, sondern vom Vater im Himmel.
Die anschließend berichtete Begebenheit, als Simon es ablehnte, dass Jesus leiden und sterben müsse, und deswegen von Jesus streng ermahnt wurde,[26] zeigt, wie stark er auch damals noch der jüdischen Messiaserwartung verhaftet war, die einen siegreichen Messias ersehnte, aber nichts von dessen Leiden und Tod wissen wollte.
Ich aber sage dir: Du bist Petrus (pétros) und auf diesen Felsen (pétra) werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Jesus antwortete auf das Bekenntnis Simons mit einer Aussage über ihn. Simon hatte gesagt: „Du bist der Messias.“ Jesus antwortete: „Du bist Petrus.“ Er erinnerte ihn an den Namen, den er ihm bereits bei der ersten Begegnung gegeben hatte. Das aramäische Wort Kefa, das Jesus in seiner Muttersprache verwendet hat,[27] hat dieselbe Bedeutung wie das griechische Wort Petros: Stein.
Der katholische Neutestamentler Rudolf Pesch[28] schreibt dazu:
Dass Kefas‐Petros vom aramäischen Wort kefa, einer Sachbezeichnung herkommt, ist unbestritten. Die Sachbezeichnung ist ebenso wenig wie das griechische Wort pétros in vorchristlicher Zeit als Personenname, Eigenname oder Beiname nachgewiesen. kefa bedeutet vorzüglich „Stein, Kugel, Klumpen, Knäuel“; „Fels“ ist als Nebenbedeutung nur in den Targumim bei Übersetzung des hebräischen sela‘ belegt. „Dass ein Aramäer vor Ostern nicht Fels/pétra, sondern ‚Stein, Ballen, Klumpen, Klotz‘ assoziierte, wenn er den Beinamen Kefa hörte“,[29] lehrt insbesondere die griechische Wiedergabe des Beinamens durch pétros statt pétra. Während pétra „den gewachsenen Felsen, felsige Gebirgszüge, Klippen, einzeln stehende Felshäupter, auch Grotten“ bezeichnet, bedeutet pétros „von Homer über LXX und Josephus bis in neutestamentliche Zeit hinein Stein […]; vom kleinen Stein, Feuer‐ und Schleuderstein, bis zum größeren, losgerissenen Felsbrocken.“[30]
Simon ist ein Stein, ein wichtiger Stein im Bauwerk der Kirche. Aber er ist nicht der Fels, auf dem die Kirche aufbaut. Das von Petrus abgelegte Bekenntnis zu Jesus als dem Messias, den Sohn des lebendigen Gottes, ist die bleibende Grundlage der Gemeinde der Jünger Jesu.
Paulus schreibt in 1. Korinther 3,11:
Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.
In 1. Petrus 2,4 nennt Petrus Jesus den
[…] lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist.
Auf ihm sollen sich die Christen als lebendige Steine aufbauen lassen.
Im weiteren Zusammenhang zitiert Petrus in Kombination mehrere alttestamentliche Stellen zum Thema Stein/Felsen (Jesaja 28,16; Psalm 118,22 und Jesaja 8,14) und wendet sie auf Jesus an. In Vers 8 nennt er Jesus den
[…] Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt.
Hier verwendet Petrus für den Felsen das griechische Wort pétra, das wir auch in Matthäus 16,18 für den Felsen finden, auf dem die Kirche aufgebaut ist. Petrus nennt Jesus den Fels. Da dieser Wortgebrauch sich auch aus dem zitierten alttestamentlichen Vers ergibt, ist dieses Argument gewiss nicht allzu stark. Aber es ist doch interessant, dass Petrus in diesem Zusammenhang mit keinem Wort erwähnt, dass er selbst der Fels sei, auf dem die Kirche erbaut ist. Das spricht dafür, dass Petrus sich selbst nicht so gesehen hat.
Das Alte Testament spricht an zahlreichen Stellen von Jahwe als dem Fels. Wir bringen hier nur eine Auswahl:
Verlasst euch stets auf den Herrn; denn der Herr ist ein ewiger Fels. (Jesaja 26,4)
Denn wer ist Gott als allein der Herr, wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott? (Psalm 18,32 – im selben Psalm auch noch in den Versen 3 und 46)
Ihr seid meine Zeugen: Gibt es einen Gott außer mir? Es gibt keinen Fels außer mir, ich kenne keinen. (Jesaja 44,8b)
Weitere Stellen: Deuteronomium 32,4.18.30; Psalm 19,14; 28,1; 42,9; 78,35; 144;1; Jesaja 17,10 …
Es gibt allerdings eine Stelle, in der nicht Gott, sondern ein Mensch symbolisch als “Fels” bezeichnet wird:
Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt und die ihr den Herrn sucht. Blickt auf den Felsen, aus dem ihr gehauen seid, auf den Schacht, aus dem ihr herausgebohrt wurdet. Blickt auf Abraham, euren Vater, und auf Sara, die euch gebar. Er war allein, als ich ihn rief; doch ich habe ihn gesegnet und ihm viele Nachkommen geschenkt. (Jesaja 51,1–2)
Hier ist Abraham „der Fels, aus dem ihr gehauen seid.“ Hier hat der Fels nicht die Funktion des Fundaments, auf dem ein Haus gebaut wird, sondern des „Materials“, aus dem das Volk Israel entstand. Man kann daher diese Stelle nicht als Parallele zum Wort Jesu an Petrus sehen. Überdies gab es im Volk Israel nie die Vorstellung von einem „Abrahamsamt“ ähnlich dem „Petrusamt“ bei den Katholiken.
Zur Begründung, dass mit dem „Felsen“ in Matthäus 16,18 Petrus gemeint sei, könnte man Epheser 2,20 und Offenbarung 21,14 anführen.
Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut. (Epheser 2,20–22)
Die Mauer der Stadt[31] hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. (Offenbarung 21,14)
In Epheser 2,20 schreibt Paulus über die einmalige Stellung der Apostel in der Kirche. Sie waren es, die gemeinsam mit den Propheten die Lehre der Gemeinde grundgelegt haben, die auf Jesus aufbaut und in ihm ihren Schlussstein findet, der alles zusammenhält. Diese Lehre finden wir in den Schriften des Neuen Testaments. Mehr dazu unter Punkt 5.2. Von einer bleibenden Institution eines Petrus‐ oder Apostelamtes ist hier keine Rede.
Offenbarung 21,14 geht in dieselbe Richtung. Auch diese Stelle spricht über die bleibende einmalige Bedeutung der Apostel, nicht darüber, dass die Apostel Nachfolger haben müssen, die später dann die Funktion des Fundaments übernehmen sollten. Weder im Epheserbrief noch in der Offenbarung ist Petrus besonders hervorgehoben.
Im „Evangelisch‐katholischen Kommentar zum Neuen Testament“ unterscheidet Ulrich Luz drei verschiedene Deutungen dieser Stelle:[32]
Diese Deutung ist laut Luz
[…] schon bei Origenes vorhanden und prägt dann die ganze griechische Exegese. Das Bekenntnis des Petrus „ist nicht dem Petrus allein eigen, sondern geschah für alle Menschen: Indem er (Jesus) sein Bekenntnis einen Felsen nannte, machte er deutlich, dass er darauf die Kirche bauen werde“ (Theodor von Mopsuestia, ähnlich Eusebius, Johannes Chrysostomos und andere). Die Deutung stützt sich auf den Kontext von V 18: Als Antwort auf das Glaubensbekenntnis des Petrus hatte Jesus ihn seliggepriesen und ihm die Verheißung von V 18 zugesprochen. […] Durch Ambrosius, Hilarius und den Ambrosiaster wurde sie auch im Westen bekannt und dann in der westlichen Auslegung durch das ganze Mittelalter hindurch neben der augustinischen Deutung vertreten. […]
Auch diese Deutung hat ihre Wurzeln bei Origenes, der zum ersten Mal auf 1Kor 10,4 als Parallelstelle hinwies, bei Tertullian und bei Euseb. Ihr eigentlicher Vater aber ist Augustin, der sie immer und immer wieder vertreten hat: „Denn nicht von Petrus hat die Petra, sondern Petrus von der Petra … den Namen“. Den Fels, der Christus ist (1Kor 10,4), hat Petrus bekannt. „Auf diesem Fundament ist auch Petrus selbst erbaut. Denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist, welches ist Jesus Christus“ (1Kor 3,11)[33] […] Die augustinische Deutung ist im Mittelalter im Westen zur schlechthin herrschenden geworden. […]
Die wichtigsten Grundtexte aus dem 5. Jh. sind die dritte und vierte Predigt Leos d. Gr. zum Jahrestag seiner Bischofsweihe. […] In Petrus ruht auch die Vollmacht des Papstes, denn alles, was der Papst anordnet, ist der gegenwärtigen Wirksamkeit des Petrus durch ihn zuzuschreiben. Petrus ist also nicht in erster Linie der „erste Papst“, sondern als „Petrus vivus“ ist er in seinen Nachfolgern gegenwärtig. Für die Folgezeit ist bedeutsam, dass die „päpstliche“ Auslegung unseres Textes vor allem und fast nur in Dekreten zu finden ist. […] In die katholische Exegese hat die päpstliche Deutung erst mit der Gegenreformation Einzug gehalten. […]
Die heute im katholischen Bereich normale Erklärung, dass der Fels, auf dem die Kirche aufbaut, Petrus und die Päpste seien, entspricht nicht der Auslegungstradition der Antike und des Mittelalters. Die traditionelle Auslegung sah im Felsen entweder 1) das von Petrus abgelegte Bekenntnis zu Jesus als dem Messias und Sohn Gottes oder 2) Jesus Christus selbst. Diese beiden Auslegungen weisen beide auf Jesus hin, nicht auf den Papst, und entsprechen auch dem biblischen Kontext. Die 3) „päpstliche“ Interpretation wurde bis zur Gegenreformation fast nur zur Untermauerung des Papsttums verwendet, nicht aber in exegetischen Texten.
Ist mit den Schlüsseln des Himmelreiches der Jurisdiktionsprimat[34] gemeint? Geht es hier nur um Petrus oder auch um dessen Nachfolger?
Wir können im Leben Petri Ereignisse finden, in denen er tatsächlich eine Schlüsselfunktion hatte.
Wir finden also genügend Punkte im Leben Petri, in denen diese „Schlüsselgewalt“ sichtbar wird. Petrus hat sozusagen das Himmelreich für die Samariter und die Heiden aufgeschlossen.[36] Es gibt keine Notwendigkeit, nach einer Bedeutung dieses Wortes für eventuelle Nachfolger Petri zu suchen.
Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder. Darauf sagte Petrus zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Jesus erwiderte: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.
Jesus macht hier Petrus Mut, auch nach der Verleugnung und der darauf folgenden Umkehr seine Aufgabe an seinen Brüdern zu sehen und sie zu stärken. In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte können wir lesen, wie Petrus das getan hat. Von einem eventuellen Nachfolger des Petrus ist hier keine Rede. Im weiteren Sinn hat natürlich jeder Jünger Jesu die Aufgabe, seine Brüder zu stärken.
Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!
Auch diese Stelle ist im Zusammenhang mit der dreimaligen Verleugnung Jesu durch Petrus zu sehen. Weil Petrus Jesus dreimal verleugnet hat, wird er von diesem dreimal gefragt, ob er ihn liebe. Die dreimalige Aufforderung „Weide meine Schafe!“ zeigt, dass die Beziehung zu Jesus wieder ganz in Ordnung gebracht ist, und er wieder für seine Geschwister im Glauben sorgen soll. Die anschließenden Worte, in denen Jesus den Märtyrertod Petri ankündigt, zeigen, dass es hier um Petrus geht, nicht um jemanden, der sein Nachfolger ist. Die im Teil 1 dieser Serie zitierte Auslegung aus der Bulle „Unam Sanctam“ ist daher völlig unbegründet.
Jesus hat Petrus die Verantwortung für seine Geschwister anvertraut, nachdem Petrus seine Liebe zu Jesus bekräftigt hat. Jesus zu lieben ist die unbedingte Voraussetzung für jede Autorität, die es in der Kirche geben kann. Wenn jemand Jesus nicht liebt, dann kann Jesus diesem Menschen nicht die Sorge für seine Jünger anvertrauen. Die Liebe wird aber nicht durch ein „Amt“ weitergegeben.
Petrus war nicht der einzige Hirte in der frühen Kirche. Er selbst schreibt:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, als Mitältester und Zeuge der Leiden Christi, aber zugleich auch als Mitgenosse der einst sich offenbarenden Herrlichkeit: Weidet die euch anvertraute Herde Gottes und habt acht auf sie, nicht gezwungen, sondern aus freien Stücken, wie Gott es will; auch nicht aus schmutziger Gewinnsucht, sondern mit Hingabe, auch nicht als wäret ihr Herren des Erbes, sondern als Vorbilder der Herde. Wenn dann der höchste Hirte erscheint, werdet ihr den unverwelklichen Kranz der Herrlichkeit erlangen. (1. Petrus 5,1–4, Jerusalemer Bibel 1968)
Petrus ist nur der Mitälteste. Der oberste Hirte ist Jesus Christus.
Vermutlich führte Petrus ursprünglich zwei ähnlich klingende Namen, den hebräischen Namen Simeon (Apostelgeschichte 15,14 und 2. Petrus 1,1) und den griechischen Namen Simon.
Johannes 1,44.
Vergleiche Matthäus 8,5.14–15.
Das aramäische Wort bedeutet „Gesalbter“(griechisch: Christos). So nannten die Juden den von Gott verheißenen Erlöser, den sie meist als politischen Befreier von der Herrschaft der Römer verstanden.
Gräzisiert: Kephas; griechisch: Petros; lateinisch: Petrus; deutsch: Stein. Mehr zur Wortbedeutung unter Punkt 4.1.1.
Johannes 1,35–42.
Lukas 5,1–11.
Markus 3,14.
Matthäus 10,2–4; Markus 3,16–19; Lukas 6,14–16; Apostelgeschichte 1,13.
Matthäus 17,1–9.
2. Petrus 1,16–18.
Johannes 18,10–11; Lukas 22,50–51.
Lukas 22,54–62.
Lukas 24,34; 1. Korinther 15,4–5.
Apostelgeschichte 2,14–40.
Apostelgeschichte 2,41–47.
Vergleiche Apostelgeschichte 3,1–11; 4,13–19; 8,14–17.
Apostelgeschichte 4,18–19; 12,1–18.
Apostelgeschichte 8,5–24. Zum Thema Geistestaufe siehe: Die Taufe mit dem Heiligen Geist.
Apostelgeschichte 10,1–11,18.
Apostelgeschichte 15,1–29; Galater 2,1–10.
Vergleiche Galater 2,11–14.
1. Petrus 1,1.
1 Klemens 5,3–4: Stellen wir uns die guten Apostel vor Augen: einen Petrus, der wegen ungerechter Eifersucht nicht ein oder zwei, sondern vielerlei Mühseligkeiten erduldet hat und, nachdem er so sein Zeugnis (für Christus) abgelegt hatte, angelangt ist an dem ihn gebührenden Orte der Herrlichkeit. – Im Zusammenhang geht es um die Opfer der neronischen Verfolgung (Kapitel 6).
Johannes 1,41.
Wenn Jesus Petrus Satan nennt, so heißt das nicht, dass Petrus der Teufel war oder von diesem besessen war. Wir haben das Wort Satan in seiner ursprünglichen hebräischen Bedeutung als „Widersacher“ zu verstehen. Dadurch, dass Petrus gegen das Leiden und Sterben Jesu sprach, wurde er zu dessen Widersacher.
Vergleiche Johannes 1,42.
Rudolf Pesch, Simon‐Petrus, 1980, Seite 29, griechische, hebräische und aramäische Wörter transkribiert.
Pesch zitierte hier: P. Lampe, Das Spiel mit dem Petrusnamen, MATT XVI. 18, in: NTS 25 (1978/79), 238.
Wieder ein Zitat von Lampe, S. 240.
Des neuen Jerusalems.
Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, 2. Teilband Mt 8–17, 4. Auflage 2007, S. 476–479.
Vergleiche dazu: Augustinus, Vorträge über das Johannes‐Evangelium (Tractatus in Ioannis Euangelium) 124,5.
Dieser Ausdruck bezeichnet die höchste Rechtsgewalt in der Kirche.
Apostelgeschichte 15,1–21.
Wir haben unter 5.1.1 aufgezeigt, dass auch in diesen Situationen die Stellung Petri keine absolute war. Das bedeutet aber nicht, dass das Wort von den Schlüsseln nicht in diesen Situationen ihre Erfüllung gefunden hätte.