Teil 4: Ist der Papst unfehlbar?

Themenbereiche: Das Papsttum

Wir möch­ten päpst­li­che Titel wie Hei­li­ger Vater, Stell­ver­tre­ter Chris­ti auf Erden, Pon­ti­fex Maxi­mus und Die­ner der Die­ner genau­er unter­su­chen. Pas­sen sie zu dem, was Jesus uns lehr­te? Des­wei­te­ren wer­den wir auf den Anspruch der Unfehl­bar­keit des Paps­tes eingehen.

Symbol des Vatikanstaates: miteinander verflochtene Schlüssel, über denen die dreistöckige päpstliche Krone (Tiara) thront.

4.1 Zu den Titeln des Papstes

4.1.1 Papst – Hei­li­ger Vater

Das deut­sche Wort „Papst“ lei­tet sich vom latei­ni­schen papa bzw. grie­chi­schen páp­pas mit der Bedeu­tung „Vater“ ab. „Hei­li­ger Vater“ ist die übli­che Anre­de an den Papst.

Die­ser Titel bzw. die­se Anre­de steht in offe­nem Gegen­satz zu den Wor­ten Jesu:

Auch sollt ihr nie­mand auf Erden euren Vater nen­nen; denn nur einer ist euer Vater, der im Him­mel. (Mat­thä­us 23,9)

In der Bibel wird nur Gott als „Hei­li­ger Vater“ ange­spro­chen. Jesus betet in Johan­nes 17,11b:

Hei­li­ger Vater, bewah­re sie in dei­nem Namen, den du mir gege­ben hast, damit sie eins sind wie wir.

Die Wor­te Jesu in Mat­thä­us 23,9 wen­den sich natür­lich nicht dage­gen, dass jemand sei­nen bio­lo­gi­schen Vater auch Vater nennt. Jesus sprach gegen reli­giö­se Titel.

Man könn­te ein­wen­den, dass auch Pau­lus manch­mal über sich selbst als Vater sprach:

Hät­tet ihr näm­lich auch unge­zähl­te Erzie­her in Chris­tus, so doch nicht vie­le Väter. Denn in Chris­tus Jesus bin ich durch das Evan­ge­li­um euer Vater gewor­den. (1. Korin­ther 4,15)

Ihr wisst auch, dass wir, wie ein Vater sei­ne Kin­der, jeden Ein­zel­nen von euch ermahnt, ermu­tigt und beschwo­ren haben zu leben, wie es Got­tes wür­dig ist, der euch zu sei­nem Reich und zu sei­ner Herr­lich­keit beruft. (1. Thes­sa­lo­ni­cher 2,11–12)

Ich bit­te dich für mein Kind One­si­mus, dem ich im Gefäng­nis zum Vater gewor­den bin. (Phi­le­mon 10)

Des Wei­te­ren:

[…] an Timo­theus, sei­nen ech­ten Sohn durch den Glau­ben. […] (1. Timo­theus 1,2)[1]

[…] bei euch, mei­nen Kin­dern, für die ich von neu­em Geburts­we­hen erlei­de, bis Chris­tus in euch Gestalt annimmt. (Gala­ter 4,19)

In all die­sen Stel­len geht es nicht um bio­lo­gi­sche Vater­schaft. Aber es geht auch nicht um einen Titel. Pau­lus hat von den Korin­thern nicht erwar­tet, dass sie ihn als „Vater Pau­lus“ anspre­chen. Er hät­te es auch nicht akzep­tiert. Aber die Korin­ther haben ihr geist­li­ches Leben durch Pau­lus erhal­ten. So wur­de er ihr Vater. Das trifft auch für die Gemein­de in Thes­sa­lo­nich, für Timo­theus, Titus und One­si­mus zu.

Wenn Pau­lus in Gala­ter 4,19 über sei­ne Geburts­we­hen für die Gala­ter spricht, dann passt das Bild zu einer müt­ter­li­chen Bezie­hung, eben­so wie 1. Thes­sa­lo­ni­cher 2,7–8, wo Pau­lus sich mit einer Mut­ter (oder Amme) vergleicht.

Pau­lus führ­te nicht den Titel „Vater“, aber er hat­te die Funk­ti­on eines Vaters für die, die durch ihn ihr ewi­ges Leben in Jesus Chris­tus gefun­den haben.

4.1.2 Stell­ver­tre­ter Jesu Chris­ti – Vica­ri­us Jesu Christi

Jesus sag­te:

Denn wo zwei oder drei in mei­nem Namen ver­sam­melt sind, da bin ich mit­ten unter ihnen. (Mat­thä­us 18,20)

[…] Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mat­thä­us 28,20)

Ein Stell­ver­tre­ter ist dann nötig, wenn die zu ver­tre­ten­de Per­son nicht anwe­send ist. Jesus ist unter sei­nen Jün­gern gegen­wär­tig. Er braucht kei­nen Stellvertreter.

Doch wie sol­len wir in die­sem Zusam­men­hang fol­gen­de Wor­te von Pau­lus verstehen?

Wir sind also Gesand­te an Chris­ti statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bit­ten an Chris­ti statt: Lasst euch mit Gott ver­söh­nen! (2. Korin­ther 5,20)

Hier ver­wen­det Pau­lus zwei­mal den Aus­druck „an Chris­ti statt“. Aber er spricht hier nicht über Petrus als den „Stell­ver­tre­ter Chris­ti“. Mit dem „Wir“ meint er sicher ein­mal sich selbst, dann auch alle Apos­tel, dann aber alle Chris­ten, durch die Gott ande­re ermahnt und zur Ver­söh­nung auf­ruft. Die­se Wor­te zei­gen uns, welch gro­ße Ver­ant­wor­tung mit der Ermah­nung unter Chris­ten ver­bun­den ist. Jeder Christ, der ande­re ermahnt oder zur Ver­söh­nung auf­ruft, soll sich des­sen bewusst sein, dass hier Chris­tus durch ihn han­deln will. Die­ser Vers spricht also nicht über das „Amt“ eines Stell­ver­tre­ters Jesu, son­dern dar­über, dass Gott in jedem Bru­der und jeder Schwes­ter han­deln will. Pau­lus hat das in vor­bild­li­cher Wei­se an den Korin­thern getan, und nicht nur an ihnen. Der Auf­ruf zur Ver­söh­nung mit Gott ist der Auf­ruf an alle Men­schen, die Gott noch nicht ken­nen. Wenn Chris­ten ande­ren das Evan­ge­li­um ver­kün­den, dann möch­te Gott durch sie sprechen.

4.1.3 Pon­ti­fex Maximus

Im Zusam­men­hang mit dem Anspruch des Papst­tums wei­sen wir auch auf den Titel „Pon­ti­fex Maxi­mus“ hin.

Ursprüng­lich war der Pon­ti­fex Maxi­mus (latei­nisch für „Größ­ter Brü­cken­bau­er“[2] ) der Rang­höchs­te im heid­ni­schen Pries­ter­kol­le­gi­um der Pon­ti­fices im Römi­schen Reich und somit auch der höchs­te römi­sche Pries­ter. Seit Augus­tus waren alle römi­schen Kai­ser Pon­ti­fex Maxi­mus. Als sich die Kai­ser dem Chris­ten­tum zuwand­ten, ver­lor die­ser heid­ni­sche Titel bei ihnen an Bedeu­tung. Seit Kai­ser Gra­ti­an (Kai­ser 375–383) wur­de der Titel Pon­ti­fex Maxi­mus nicht mehr geführt.[3]

Im Zusam­men­hang mit dem Chris­ten­tum wird die­ser Titel das ers­te Mal von Ter­tul­li­an (gestor­ben um 220) genannt, der ent­we­der den römi­schen Bischof Calixt I. oder Bischof Agrip­pi­nus von Car­tha­go vol­ler Iro­nie „Pon­ti­fex Maxi­mus“ nannte:

Der obers­te Pon­ti­fex, das ist der Bischof der Bischö­fe erklärt: „Ich ver­ge­be auch die Sün­den des Ehe­bruchs und der Hure­rei denen, die Buße getan haben.“[4]

Was bei Ter­tul­li­an noch Iro­nie war und nur nega­tiv ver­stan­den wer­den konn­te, wur­de spä­ter zu einem Ehren­ti­tel der Päpste.

Kai­ser Theo­dosi­us nann­te im Jah­re 380, als er den katho­li­schen Glau­ben zur Staats­re­li­gi­on erklär­te, Dama­sus I. „Pon­ti­fex“ (aber nicht „Pon­ti­fex Maximus“).

Leo I. (Römi­scher Bischof 440–461) hat dann als ers­ter „Papst“ den Titel „Pon­ti­fex Maxi­mus“ getra­gen. Seit Gre­gor I. (Papst 590–604) ist die­ser Titel fest mit dem Papst­tum verbunden.

Wenn die römi­schen Bischö­fe einen Titel über­nah­men, den die „christ­li­chen“ Kai­ser als heid­nisch abge­lehnt haben, zeigt das, als wes­sen Nach­fol­ger sich die Päps­te wirk­lich ver­stan­den: als Nach­fol­ger der heid­ni­schen Ober­pries­ter Roms.

Für Chris­ten gibt es nur einen „größ­ten Brü­cken­bau­er“, der die Brü­cke zwi­schen Gott und den Men­schen ein für alle Mal geschla­gen hat: Jesus Christus.

Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mitt­ler zwi­schen Gott und den Men­schen: der Mensch Chris­tus Jesus. (1. Timo­theus 2,5)

4.1.4 Ser­vus Ser­vor­um Dei (Die­ner der Die­ner Gottes)

Die­ser von Gre­gor I. (Papst 590–604) ein­ge­führ­te Titel scheint doch tie­fe Demut aus­zu­drü­cken. Wer wirk­lich der Die­ner Got­tes und sei­ner Die­ner ist, drückt das nicht in einem Titel aus, den er dann noch für sein spe­zi­el­les Amt reser­vie­ren lässt, son­dern führt ein Leben in Ein­fach­heit, Beschei­den­heit und Demut.

4.2 Ist der Papst unfehlbar?

Nach katho­li­scher Leh­re ist der Papst in Fra­gen der Glaubens‐ und Sit­ten­leh­re unfehl­bar, wenn er „ex cathe­dra“ spricht.[5] Es ist gewiss Got­tes Wil­le, dass sei­ne Kir­che Klar­heit und Gewiss­heit in sol­chen Fra­gen hat. Dar­um hat Gott auch sein Wort geof­fen­bart, in dem er sei­nen Wil­len klar kund­ge­tan hat. Uns ist bewusst, dass es in der Bibel auch unkla­re Stel­len gibt und dass man­che Fra­gen in der Bibel nicht direkt ange­spro­chen wer­den. Des­we­gen braucht die Kir­che die bestän­di­ge Füh­rung des Hei­li­gen Geis­tes. Die Kir­che kann als Kir­che nur in Abhän­gig­keit von Gott leben.

Petrus sag­te vor dem Hohen Rat:

Zeu­gen die­ser Ereig­nis­se sind wir und der Hei­li­ge Geist, den Gott allen ver­lie­hen hat, die ihm gehor­chen. (Apos­tel­ge­schich­te 5,32)

Nur jemand, der Gott gehorcht, hat den Hei­li­gen Geist. Wie kann nun jemand, der sich mit „Hei­li­ger Vater“ anre­den lässt und so, wie oben gezeigt, in ganz kla­rem Wider­spruch zu den Wor­ten Jesu steht, bean­spru­chen, unfehl­bar zu sein? Nach den Wor­ten Petri, des­sen Nach­fol­ger der Papst sein will, hat er nicht den Hei­li­gen Geist.

Gott führt sei­ne Kir­che, die nicht mit der römisch‐katholischen iden­tisch ist, son­dern aus denen besteht, die Gott gehor­chen, die sich klar von Sün­de distan­zie­ren, die der von Gott gefor­der­ten Hei­lig­keit nach­stre­ben.[6] Er führt sie nicht durch die Auto­ri­tät eines blo­ßen Men­schen. Jesus Chris­tus hat sei­nen Jün­gern sei­ne Gegen­wart ver­spro­chen[7] und den Hei­li­gen Geist ver­hei­ßen. So führt Gott jene, die ihm gehor­chen, durch ihr gemein­sa­mes Nach­den­ken über sein Wort, durch die Bereit­schaft, auch Sün­den, Feh­ler und Irr­we­ge zuzu­ge­ben und von die­sen klar umzukehren.


Fußnoten

  1. Eben­so 2. Timo­theus 1,2; Titus 1,4.
  2. Das ist die weit­ver­brei­te­te volks­ety­mo­lo­gi­sche Deu­tung. Die genaue Ety­mo­lo­gie ist umstrit­ten. Mehr zur Ety­mo­lo­gie: Wiki­pe­dia: Pon­ti­fex, abge­ru­fen am 25.06.2015.
  3. Eine Aus­nah­me stell­te Kai­ser Ana­sta­si­us dar, der sich im Jah­re 516 in einem Schrei­ben an den römi­schen Bischof Pon­ti­fex nannte.
  4. Ter­tul­li­an, Über die Ehr­bar­keit – De Pudi­citia 1.
  5. Sie­he die unter Punkt 1 die­ses Arti­kels zitier­ten Doku­men­te Pas­tor Aeter­nus und Lumen Gentium.
  6. Strebt voll Eifer nach Frie­den mit allen und nach der Hei­li­gung, ohne die kei­ner den Herrn sehen wird! (Hebrä­er 12,14).
  7. Mat­thä­us 18,20; 28,20.


Eben­so 2. Timo­theus 1,2; Titus 1,4.

Das ist die weit­ver­brei­te­te volks­ety­mo­lo­gi­sche Deu­tung. Die genaue Ety­mo­lo­gie ist umstrit­ten. Mehr zur Ety­mo­lo­gie: Wiki­pe­dia: Pon­ti­fex, abge­ru­fen am 25.06.2015.

Eine Aus­nah­me stell­te Kai­ser Ana­sta­si­us dar, der sich im Jah­re 516 in einem Schrei­ben an den römi­schen Bischof Pon­ti­fex nannte.

Ter­tul­li­an, Über die Ehr­bar­keit – De Pudi­citia 1.

Sie­he die unter Punkt 1 die­ses Arti­kels zitier­ten Doku­men­te Pas­tor Aeter­nus und Lumen Gentium.

Strebt voll Eifer nach Frie­den mit allen und nach der Hei­li­gung, ohne die kei­ner den Herrn sehen wird! (Hebrä­er 12,14).

Mat­thä­us 18,20; 28,20.