Ämter oder ver­schie­de­ne Auf­ga­ben in der Kirche

Schlagwörter: Gemeinde/Kirche

In die­sem Arti­kel wer­den wir über unser Ver­ständ­nis von den ver­schie­de­nen Auf­ga­ben in der Kir­che schrei­ben. Gemäß 1. Korin­ther­brief 12,5 bevor­zu­gen wir es, von Auf­ga­ben und nicht von Ämtern zu spre­chen, denn Chris­tus beruft uns dazu, in sei­ner Kir­che zu die­nen und nicht nach Posi­tio­nen zu stre­ben. Nach­dem wir eini­ge Grund­sät­ze bezüg­lich die­ses The­mas berüh­ren, wer­den wir kurz die Kir­chen­struk­tur, so wie sie in der Zeit des Neu­en Tes­ta­men­tes war, beschrei­ben und mit der Situa­ti­on in heu­ti­gen insti­tu­tio­nel­len Kir­chen ver­glei­chen. Am Schluss wer­den wir die Grün­de auf­zei­gen, war­um wir kei­nen Pas­tor haben, und erklä­ren, war­um wir zur Kir­chen­struk­tur der Gemein­den des Neu­en Tes­ta­men­tes zurück­ge­kehrt sind.

Diese Mauer besteht aus Bausteinen unterschiedlicher Größe und Farbe, die aber gut zusammenpassen. So bauen Christen die Kirche mit ihren unterschiedlichen Gaben. Kein Stein ist wichtiger als der andere.

1 Alle Chris­ten sind Brü­der und Schwestern

Jesus Chris­tus ist das Haupt der Kir­che. Er hat eine direk­te und leben­di­ge Bezie­hung mit jedem Chris­ten ohne einen ande­ren Mittler:

Denn einer ist Gott, und einer ist Mitt­ler zwi­schen Gott und Men­schen, der Mensch Chris­tus Jesus. (1. Timo­theus 2,5)

Alle Chris­ten sind Brü­der und Schwes­tern und gemein­sam sor­gen sie für die Kir­che – jeder gemäß den Gaben, die er emp­fan­gen hat:

Aber Gott hat den Leib zusam­men­ge­fügt und dabei dem Man­gel­haf­te­ren grö­ße­re Ehre gege­ben, damit kei­ne Spal­tung im Leib sei, son­dern die Glie­der die­sel­be Sor­ge für­ein­an­der hät­ten. (1. Korin­ther 12,24.25)

Ihr aber sollt euch nicht Rab­bi nen­nen las­sen; denn nur einer ist euer Meis­ter, ihr alle aber seid Brü­der. Auch sollt ihr nie­mand auf Erden euren Vater nen­nen, denn nur einer ist euer Vater, der im Him­mel. Auch sollt ihr euch nicht Leh­rer nen­nen las­sen, denn nur einer ist euer Leh­rer, Chris­tus. Der Größ­te von euch soll euer Die­ner sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird ernied­rigt, und wer sich selbst ernied­rigt, wird erhöht wer­den. (Mat­thä­us 23,8–12)

Unter den Chris­ten gibt es Unter­schie­de in Erfah­rung, Kennt­nis der Bibel und Gehor­sam zu Gott. Wir sol­len uns die­ser Unter­schie­de bewusst sein, sie aber nie­mals als fun­da­men­tal anse­hen. Wir kön­nen Chris­ten nicht in zwei Grup­pen unter­tei­len – die einen, die befä­higt sind, Got­tes Wil­len auf­zu­zei­gen und die ande­ren, die ihnen fol­gen (z. B. Ordens­leu­te und Lai­en; sol­che, die mit dem Hei­li­gen Geist getauft sind, und sol­che, die das nicht sind etc.). Am Ende des Arti­kels wer­den wir eini­ge Stel­len erklä­ren, die oft in die­sem Zusam­men­hang falsch ver­wen­det werden.

2 Kir­chen­struk­tur in der Zeit des Neu­en Testamentes

2.1 Ältes­te

In der Apos­tel­ge­schich­te kön­nen wir ver­schie­de­ne Bei­spie­le fin­den, in denen die Apos­tel Ältes­te einsetzten:

Als sie ihnen aber in jeder Gemein­de Ältes­te gewählt hat­ten, bete­ten sie mit Fas­ten und befah­len sie dem Herrn, an den sie gläu­big gewor­den waren.  (Apos­tel­ge­schich­te 14,23)

Die Ältes­ten (Grie­chisch: älter = pres­by­te­ros ) sind also die Vor­ste­her (Grie­chisch: Vor­ste­her = epi­sko­pos; wört­lich eigent­lich Auf­se­her, aber auf­grund nega­ti­ver Asso­zia­tio­nen aus der NS‐Zeit ver­wen­den wir das Wort Auf­se­her nicht) und Hir­ten (Grie­chisch: poime­nes ) der Kirche.

Von Milet aber sand­te er nach Ephe­sus und ließ die Ältes­ten der Gemein­de zu sich rufen. (Apos­tel­ge­schich­te 20,17)

… und im glei­chen Zusam­men­hang über die­sel­ben Leute:

Habt Acht auf euch selbst und auf die gan­ze Her­de, in wel­cher der Hei­li­ge Geist euch als Auf­se­her ein­ge­setzt hat, die Gemein­de Got­tes zu hüten, die er sich erwor­ben hat durch das Blut sei­nes eige­nen Soh­nes. (Apos­tel­ge­schich­te 20,28)

Die Aus­tausch­bar­keit die­ser Begrif­fe zeigt, dass sie kei­ne unter­schied­li­chen Stu­fen einer Hier­ar­chie beschrei­ben. Sie beschrei­ben nur unter­schied­li­che Aspek­te der­sel­ben Funk­ti­on. In der Bibel bedeu­tet „epi­sko­pos“ ein­fach Ältes­ter. Mit einem Bischofs­amt, wie es in der heu­ti­gen Zeit üblich ist, hat das nichts zu tun. Erst im 2. Jahr­hun­dert ging die Ent­wick­lung dahin, eine Per­son zum Füh­rer einer Gemein­de in einer Stadt zu machen. Anders war es in der Zeit der Apos­tel, als die Gemein­schaf­ten nicht von einer Per­son gelei­tet wur­den, son­dern von meh­re­ren Ältesten.

Im Phil­ip­per­brief 1,1 und im 1. Petrus­brief 5,1–5 wer­den „Ältes­te“ im Plu­ral angesprochen:

Pau­lus und Timo­theus, Knech­te Chris­ti Jesu, an alle Hei­li­gen in Chris­tus Jesus, die in Phil­ip­pi sind, mit ihren Bischö­fen und Dia­ko­nen … (Phil­ip­per 1,1)

Eure Ältes­ten ermah­ne ich, da ich ein Ältes­ter bin wie sie und ein Zeu­ge der Lei­den Chris­ti … (1. Petrus 5,1–5)

In Apos­tel­ge­schich­te 14,23 und Titus 1,5 lesen wir, dass meh­re­re Ältes­te ernannt wurden.

Die­se Struk­tur war eine Art Schutz vor Irr­leh­ren. Wenn einer der Ältes­ten vom rech­ten Weg abkam, konn­te er von den ande­ren kor­ri­giert und geta­delt werden.

Habt Acht auf euch selbst und auf die gan­ze Her­de, in wel­cher der Hei­li­ge Geist euch als Auf­se­her ein­ge­setzt hat, … und aus eurer eige­nen Mit­te wer­den Män­ner auf­ste­hen, die ver­kehr­te Din­ge reden, um die Jün­ger abzu­zie­hen hin­ter sich her. (Apos­tel­ge­schich­te 20,28.30)

Es war auch ein Schutz vor der Gefahr, dass eine ein­zel­ne Per­son eine hohe Posi­ti­on erwirbt, was im 3. Johan­nes­brief Vers 9 kri­ti­siert wird:

Ich habe der Gemein­de geschrie­ben. Aber Dio­tre­phes, der unter ihnen der Ers­te sein will, erkennt uns nicht an.

Die kol­lek­ti­ve Füh­rung der christ­li­chen Gemein­schaft wie oben beschrie­ben bedeu­tet nicht, dass die Ältes­ten alles bestim­men. In Mat­thä­us 18,15–18 zeigt Jesus, dass die wich­tigs­ten Ent­schei­dun­gen von der gan­zen Kir­che getra­gen wer­den sollen:

Wenn dein Bru­der sün­digt, dann geh zu ihm und wei­se ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du dei­nen Bru­der zurück­ge­won­nen. Hört er aber nicht {auf dich,} dann nimm einen oder zwei Män­ner mit, denn jede Sache muss durch die Aus­sa­ge von zwei oder drei Zeu­gen ent­schie­den wer­den. Hört er auch auf sie nicht, dann sage es der Gemein­de. Hört er aber auch auf die Gemein­de nicht, dann sei er für dich wie ein Hei­de oder ein Zöll­ner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden bin­den wer­det, das wird auch im Him­mel gebun­den sein, und alles was ihr auf Erden lösen wer­det, das wird auch im Him­mel gelöst sein. (Mat­thä­us 18,15–18)

Jeder Christ ist für die Leh­re und für die wich­tigs­ten Ent­schei­dun­gen der Kir­che, die der Leib Chris­ti ist, ver­ant­wort­lich. Ein Ältes­ter soll­te nicht die Funk­ti­on des Lei­bes erset­zen, son­dern er soll­te sich um des­sen Gesund­heit bemühen.

2.2 Dia­ko­ne

Phil­ip­per 1,1 erwähnt Dia­ko­ne. Das grie­chi­sche Wort bedeu­tet „Die­ner“, „Hel­fer“ oder „Gesand­ter“. Ver­wand­te Aus­drü­cke fin­den wir in Apos­tel­ge­schich­te 6,1–6:

… ihre Wit­wen bei der täg­li­chen Ver­sor­gung über­se­hen wur­den. (Apos­tel­ge­schich­te 6,1 wört­lich: „täg­li­cher Dienst“, grie­chisch: diakonia)

… Es ist nicht recht, dass wir das Wort Got­tes ver­nach­läs­si­gen und uns dem Dienst an den Tischen wid­men. (Apos­tel­ge­schich­te 6,2 „die­nen“, grie­chisch: diakonein)

Die Streit­fra­ge ist hier die Ver­tei­lung des Essens an die bedürf­ti­gen Chris­ten. Die Apos­tel ernann­ten sie­ben Jün­ger, die die­sen Dienst über­nah­men. Die sie­ben aus­er­wähl­ten Män­ner waren voll des Geis­tes, der Weis­heit, des Glau­bens, der Gna­de und der Kraft Got­tes. Sie dien­ten in die­ser prak­ti­schen Auf­ga­be, die ihre Beur­tei­lung, Nüch­tern­heit, ihren Glau­ben, ihre Geduld, Mil­de und Weis­heit erfor­der­te. Sie wer­den an die­ser Stel­le nicht Dia­ko­ne genannt, aber es ist sehr wahr­schein­lich, dass der Begriff „Dia­kon“, der in Phil­ip­per 1,1 und 1. Timo­theus 3,8 ver­wen­det wird, auch mit dem Dienst der Orga­ni­sa­ti­on und der Ver­tei­lung mate­ri­el­ler Güter zu tun hatte.

Für den Dienst in prak­ti­schen Ange­le­gen­hei­ten war Offen­heit für die Füh­rung des Hei­li­gen Geis­tes erfor­der­lich. Ent­schei­dun­gen über mate­ri­el­le Din­ge muss­ten gemäß geist­li­chen Kri­te­ri­en getrof­fen werden.

Eine ande­re Beschrei­bung von Dia­ko­nen in 1. Timo­theus 3,1–13 zeigt, dass die Bedin­gun­gen für den Dienst als Dia­kon fast die­sel­ben sind wie für den Dienst als Ältester.

Wir den­ken, dass die Unter­schie­de in den Auf­ga­ben, also ob sie mate­ri­el­ler oder geist­li­cher Natur waren, in der Kir­che nicht zu einer Art Hier­ar­chie führ­ten. Alle Chris­ten teil­ten einen gemein­sa­men Glau­ben und tru­gen für sich selbst und für­ein­an­der Verantwortung.

3 Die nach­apos­to­li­sche Kirchenstruktur

Nach dem Tod der Apos­tel Petrus und Pau­lus hat sich die Situa­ti­on nicht wesent­lich geän­dert. Das kön­nen wir anhand eines Brie­fes sehen, den die christ­li­che Gemein­de von Rom an die christ­li­che Gemein­de in Korinth um das Jahr 70 n. Chr. schrieb. Die­ser Brief ist als 1. Kle­mens­brief bekannt. Er gehört nicht zum Neu­en Tes­ta­ment, wir zitie­ren ihn hier nur als his­to­ri­sches Doku­ment. Das Haupt­an­lie­gen die­ses Brie­fes ist die rich­ti­ge Ach­tung von Ältes­ten. Es heißt dort:

Denn es wird für uns kei­ne klei­ne Sün­de sein, wenn wir Män­ner, die tadel­los und hei­lig­mä­ßig ihre Opfer dar­ge­bracht haben, aus ihrem Bischofs­am­te ver­trei­ben. Selig sind die Pres­by­ter, die ihren Lebens­weg bereits durch­lau­fen und eine voll­kom­me­ne, an Früch­ten rei­che Auf­lö­sung erreicht haben; denn sie müs­sen nicht fürch­ten, dass man sie ver­drängt von dem für sie fest­be­stimm­ten Plat­ze. Wir müs­sen es näm­lich erle­ben, dass ihr eini­ge, die einen guten Wan­del führ­ten, ver­trie­ben habt aus dem hei­li­gen Diens­te, dem sie durch tadel­lo­se Ver­wal­tung alle Ehre gemacht hat­ten. (1. Kle­mens­brief 44)

Es steht hier von Pres­by­tern (Ältes­te), die den Dienst eines Epi­sko­pos (Vor­ste­hers) erfül­len. Der Begriff „epi­sko­pos“ (Vor­ste­her) und „pres­by­te­ros“ (Ältes­ter) wer­den in die­sem Brief noch ein­mal syn­onym ver­wen­det, hin­ge­gen lesen wir nichts über einen ein­zel­nen Füh­rer. Wir kön­nen dar­an erken­nen, dass sich die neu­tes­ta­ment­li­che Kir­chen­struk­tur wie oben beschrie­ben auch nach dem Tod der Apos­tel nicht geän­dert hat. Die Apos­tel haben kei­ne ein­zel­nen Füh­rer über die loka­len Kir­chen ernannt, auch als sie die Welt hin­ter sich lie­ßen. So hat Pau­lus, als er schließ­lich die Gemein­de von Ephe­sus ver­ließ, obwohl er sich des­sen bewusst war, dass eini­ge Chris­ten in Gefahr waren abzu­fal­len, ein­fach gesagt:

Nun befeh­le ich euch Gott und dem Wort sei­ner Gna­de. (Apos­tel­ge­schich­te 20,32)

Bereits am Anfang des zwei­ten Jahr­hun­derts fin­den wir ein­zel­ne Füh­rer in ver­schie­de­nen loka­len christ­li­chen Gemein­den. Sie wur­den „epi­sko­poi“ (Vor­ste­her) genannt, was ursprüng­lich ein Syn­onym für Ältes­te war. Wir kön­nen über sie in den Brie­fen von Igna­ti­us von Antio­chi­en (35–110 n.Chr.) lesen. Hier gibt es kei­ne Bezug­nah­me auf eine beson­de­re Ernen­nung durch die Apos­tel (die römisch‐katholische und die ortho­do­xe Orga­ni­sa­ti­on behaup­ten, dass „Pries­ter“ von den Nach­fol­gern der Apos­tel ernannt wer­den müs­sen, z. B. von Bischö­fen = Apos­to­li­sche Suk­zes­si­on). Die Rol­le einer ein­zel­nen Per­son auf die­se Wei­se zu beto­nen ist dem Neu­en Tes­ta­ment völ­lig fremd. Igna­ti­us schreibt:

Alle sollt ihr dem Bischof gehor­chen wie Jesus Chris­tus dem Vater … Kei­ner tue etwas ohne den Bischof, was die Kir­che angeht. … Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Chris­tus ist, auch die katho­li­sche Kir­che ist. Ohne Bischof darf man nicht tau­fen noch das Lie­bes­mahl fei­ern; aber was immer er für gut fin­det, das ist auch Gott wohl­ge­fäl­lig, auf dass alles, was geschieht, sicher sei und gesetz­mä­ßig. … Es ist gut, Gott und den Bischof zu ken­nen. Wer den Bischof ehrt, wird von Gott geehrt; Wer ohne des Bischofs Wis­sen etwas tut, der dient dem Teu­fel. (Igna­ti­us an die Smyr­nä­er 8,1 – 9,1)

Die­se Ent­wick­lung setz­te sich fort, sodass am Ende des 2. Jahr­hun­derts Ire­nä­us von Lyon die epi­sko­poi als Nach­fol­ger der Apos­tel betrachtete.

4 Römisch‐katholische Kirchenstruktur

In den Doku­men­ten des römisch‐katholischen Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils (1965) heißt es:

Die Auf­ga­be aber, das geschrie­be­ne oder über­lie­fer­te Wort Got­tes ver­bind­lich zu erklä­ren, ist nur dem leben­di­gen Lehr­amt der Kir­che anver­traut, des­sen Voll­macht im Namen Jesu Chris­ti aus­ge­übt wird. Das Lehr­amt ist nicht über dem Wort Got­tes, son­dern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was über­lie­fert ist, weil es das Wort Got­tes aus gött­li­chem Auf­trag und mit dem Bei­stand des Hei­li­gen Geis­tes voll Ehr­furcht hört, hei­lig bewahrt und treu aus­legt und weil es alles, was es als von Gott geof­fen­bart zu glau­ben vor­legt, aus die­sem einen Schatz des Glau­bens schöpft. (Dei ver­bum 10)

Prak­tisch bedeu­tet das, dass man einen spe­zi­el­len „Schlüs­sel“ benö­tigt, um die Bibel zu „ent­schlüs­seln“. Nach der römisch‐katholischen Kir­che besit­zen die Pries­ter als Reprä­sen­tan­ten des Bischofs den Schlüs­sel, um die rich­ti­ge Bedeu­tung der Schrift zu erkennen.
Ganz anders schrieb der Apos­tel Johan­nes in sei­nem ers­ten Brief an alle Christen:

Dies habe ich euch im Blick auf die geschrie­ben, die euch ver­füh­ren. Und ihr! Die Sal­bung, die ihr von ihm emp­fan­gen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand beleh­re, son­dern wie sei­ne Sal­bung euch über alles belehrt, so ist es auch wahr und kei­ne Lüge. Und wie sie euch belehrt hat, so bleibt in ihm. (1. Johan­nes­brief 2,26.27)

Der Schlüs­sel für das Ver­ständ­nis der Hei­li­gen Schrift ist der Hei­li­ge Geist, der in allen Chris­ten wohnt. Das bedeu­tet die Sal­bung, auf die sich Johan­nes bezieht.
In der römisch‐katholischen Kir­che wird die Auto­ri­tät der Bischö­fe oft mit der der Apos­tel ver­gli­chen. Wir betrach­ten die Auto­ri­tät der Apos­tel wegen ihrer per­sön­li­chen Erfah­rung mit Jesus und die Rol­le, die sie bei der Grün­dung der Kir­che spiel­ten, als einzigartig.

So seid ihr nun nicht mehr Frem­de und Nicht­bür­ger, son­dern ihr seid Mit­bür­ger der Hei­li­gen und Got­tes Haus­ge­nos­sen. Ihr seid auf­ge­baut auf der Grund­la­ge der Apos­tel und Pro­phe­ten, wobei Chris­tus Jesus selbst Eck­stein ist. (Ephe­ser 2,19.20)

Der Apos­tel Pau­lus ver­bin­det sei­ne Apos­to­li­zi­tät eben­so mit der Tat­sa­che, dass er Jesus gese­hen hat:

Bin ich nicht frei? Bin ich nicht Apos­tel? Habe ich nicht Jesus, unse­ren Herrn, gese­hen? Seid nicht ihr mein Werk im Herrn? (1. Korin­ther 9,1)

5 Die übli­che Kir­chen­struk­tur in evan­ge­li­schen Kir­chen und  Freikirchen

Die meis­ten Pro­tes­tan­ten und Frei­kir­chen leh­nen die römisch katho­li­sche Leh­re der Lehr­ge­walt der Bischö­fe ab. Gleich­zei­tig sehen sie aber übli­cher­wei­se die Not­wen­dig­keit, einen Pas­tor über Ältes­te ein­zu­set­zen. Der Pas­tor über­nimmt in der Gemein­de die Auf­ga­be der Pre­digt und in wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen hat er das letz­te Wort. Um das zu unter­stüt­zen, wer­den als Argu­ment oft Timo­theus und Titus ange­führt, die Mit­ar­bei­ter von Pau­lus waren und in Ephe­sus und Kre­ta eine bedeu­ten­de Auto­ri­tät hat­ten (1. Timo­theus 1,3; Titus 1,5). Die­se Begrün­dung lässt die Tat­sa­che, dass die­se Mit­ar­bei­ter in die­sen Städ­ten zurück­ge­las­sen wur­den, um das Werk des Apos­tels zu voll­enden, außer Acht. Sie blie­ben dort nicht auf unbe­stimm­te Zeit und es wur­de auch kei­ne Posi­ti­on oder Amt ein­ge­führt, um ihre Rol­le nach ihrer Abrei­se weiterzuführen.
Hie­ro­ny­mus, einer der Kir­chen­vä­ter des vier­ten Jahr­hun­derts, betrach­te­te die­se weit­ver­brei­te­te Form der Lei­tung der Kir­che nicht als eine vom Herrn gege­be­ne, son­dern als eine spä­ter inner­halb der Kir­che ent­wi­ckel­te. Er schrieb:

… Bevor in [unse­rer] Reli­gi­on durch Anstif­tung des Teu­fels Par­tei­un­gen ent­stan­den und bevor unter den Men­schen gesagt wur­de: „Ich gehö­re zu Pau­lus, ich zu Apol­los und ich zu Kephas“, wur­den die Gemein­den gemein­sam von einem Pres­by­te­ri­um­rat gelei­tet. Sobald jeder von ihnen begann, die von ihm getauf­ten als sei­ne Eige­nen zu betrach­ten, und nicht als von Chris­tus, war es für die gan­ze Welt ent­schie­den, dass ein Ein­zel­ner, wel­cher aus dem Kreis der Pres­by­ter [in jeder Gemein­de – Anmer­kung des Über­set­zers] gewählt wur­de, über den Rest gesetzt wer­den soll­te, um für die gan­ze Gemein­de Sor­ge zu tra­gen. Auf die­se Wei­se wur­den die Samen des Schis­mas ent­fernt. … Aus die­sem Grund soll­ten Vor­ste­her beach­ten, dass sie gemäß einer über­kom­me­nen Gewohn­heit und nicht wegen eines Gebo­tes des Herrn über Pres­by­ter ein­ge­setzt sind. Sie soll­ten die Gemein­de gemein­sam lei­ten, indem sie Mose nach­ah­men, der, obwohl er allei­ne Isra­el hät­te füh­ren kön­nen, sieb­zig Män­ner wähl­te, mit denen er das Volk gemein­sam rich­te­te. (Hie­ro­ny­mus, Com­men­ta­ri­us in epis­tu­lam Pau­li ad Titum 1,5)

Aber eine von Men­schen gemach­te „Gewohn­heit“ ein­zu­füh­ren ist kei­ne geist­li­che Lösung für ein Problem.

6 Unse­re Schlussfolgerungen

  1. Kein Mensch ist unfehl­bar. Jeder Christ braucht Kor­rek­tur. Jeder Christ soll wach­sen, um Ver­ant­wor­tung tra­gen zu kön­nen. Wir sehen es nicht als Got­tes Füh­rung, einen ein­zi­gen Lei­ter über die Kir­che oder eine ört­li­che christ­li­che Gemein­de einzusetzen.
  2. Eine Kir­che benö­tigt Ältes­te, die auf die rich­ti­ge Leh­re und rich­ti­ges Leben ach­ten. Ihre Auto­ri­tät soll nicht auf einen Uni­ver­si­täts­ab­schluss, son­dern auf christ­li­che Tugen­den, Erfah­rung und Lehr­fä­hig­keit gegrün­det sein. In der Kir­che gibt es Ältes­te, die nicht von jeman­dem oder den vor­her­ge­hen­den Ältes­ten offi­zi­ell ein­ge­setzt wur­den. Eine for­ma­le Ein­set­zung von Ältes­ten soll­te hel­fen klar­zu­ma­chen, wer die­se Auf­ga­be zu tra­gen imstan­de ist. Unter unse­ren Umstän­den sehen wir nicht die Not­wen­dig­keit, dies zu tun, weil unse­re Gemein­schaft Schritt für Schritt gewach­sen ist und wir ein­an­der gut ken­nen. Wir ken­nen auch unse­re Ältes­ten. Das ändert ihre Auf­ga­be nicht und alles, was wir über Ältes­te gesagt haben, kann auf sie ange­wandt wer­den. Sie neh­men teil an unse­rem Leben und wir an ihrem. Sie ver­die­nen ihr Geld bei nor­ma­len Arbeits­stel­len so, wie das auch die ande­ren tun. Sie brau­chen auch Ermun­te­rung und Ermah­nung, so wie auch die übri­gen. Auch sie beken­nen ihre Sün­den jedem der ande­ren Chris­ten. Die Ältes­ten sind nicht die Ein­zi­gen, die lehren.
  3. Wir sol­len nicht zusam­men­kom­men, um ein Pro­gramm zu kon­su­mie­ren, son­dern aktiv teil­neh­men. Es ist nicht schwer, an Ver­an­stal­tun­gen mit Pro­gramm teil­zu­neh­men. Das aber erzieht nicht dazu, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Wenn Chris­ten nicht ler­nen, für die Kir­che Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, ist eine Ent­wick­lung zur fal­schen Struk­tur unver­meid­lich. Ande­re zu lie­ben bedeu­tet, Ver­ant­wor­tung für sie zu tra­gen. Der Apos­tel Pau­lus ermun­tert uns dazu:

Mei­ne Brü­der, ich bin fest davon über­zeugt, dass ihr viel Gutes tut, dass ihr rei­che Erkennt­nis besitzt und selbst imstan­de seid, ein­an­der zurecht­zu­wei­sen. (Römer 15,14)

Wenn einer sich zu einer Ver­feh­lung hin­rei­ßen lässt, mei­ne Brü­der, so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanft­mut wie­der auf den rech­ten Weg brin­gen. Doch gib Acht, dass du nicht selbst in Ver­su­chung gerätst. (Gala­ter 6,1)

Indem wir dies tun, kön­nen wir Ein­heit auf­bau­en, die nicht von oben ange­ord­net wird, son­dern aus unse­rem Her­zen kommt. Sol­che Ein­heit kann auch ein Zeug­nis für die Welt sein.

Wenn aber alle pro­phe­tisch reden, und ein Ungläu­bi­ger oder Unkun­di­ger kommt her­ein, dann wird ihm von allen ins Gewis­sen gere­det und er fühlt sich von allen ins Ver­hör genom­men; was in sei­nem Her­zen ver­bor­gen ist, wird auf­ge­deckt. Und so wird er sich nie­der­wer­fen, Gott anbe­ten und aus­ru­fen: Wahr­haf­tig, Gott ist bei euch! (1. Korin­ther 14,24–25)

Jeden Tag ler­nen wir, die­se Ver­ant­wor­tung zu tra­gen, indem wir die Demut üben. Die Demut ist es, die uns fähig macht, auf die ande­ren zu hören – auf unse­re älte­ren, aber auch jün­ge­ren geist­li­chen Brü­der und Schwes­tern (1. Petrus 5,5).

7 Stel­len, die ange­führt wer­den, um die heu­ti­ge Struk­tur zu rechtfertigen

Zwei Stel­len gibt es, in denen das Wort „Vor­ste­her“ (epi­sko­pos) in Ein­zahl vor­kommt. Das sind 1. Timo­theus 3,2 und Titus 1,7. Titus 1,5 bezieht sich auf die glei­chen Per­so­nen wie Vers 7 im sel­ben Kapi­tel, wor­an man sehen kann, dass meh­re­re Ältes­te oder Vor­ste­her in einer Gemein­de vor­aus­ge­setzt wer­den. Pau­lus beschreibt hier die Vor­aus­set­zun­gen, die für den Dienst als Vor­ste­her in der Gemein­de nötig sind, will aber nicht sagen, dass es nur einen Vor­ste­her geben soll. Dage­gen spricht auch nicht, dass in 1. Timo­theus 3,8 ent­ge­gen Vers 2 im sel­ben Kapi­tel die Die­ner in Mehr­zahl erwähnt sind. Es sind ein­fach unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten, wesent­li­che Vor­aus­set­zun­gen für die jewei­li­gen Auf­ga­ben zu nennen.

Im Hebrä­er 13 wer­den zwei­mal Füh­rer erwähnt. Im Vers 7 sind damit die Apos­tel und Ältes­ten aus der ers­ten Zeit gemeint, im Vers 17 die Ältes­ten zur Zeit der Abfas­sung des Brie­fes. Es ist ein­fach eine ande­re Bezeich­nung für den Dienst der Ältes­ten oder Vor­ste­her, was wie­der ein Hin­weis ist, dass es unter den ers­ten Chris­ten kei­ne Ämter mit fix abge­grenz­ten Bezeich­nun­gen gab.

Jako­bus, der Her­ren­bru­der, wird oft als Lei­ter der Jeru­sa­le­mer Gemein­de bezeich­net, weil er an eini­gen Stel­len geson­dert erwähnt wird (z. B. in Apos­tel­ge­schich­te 12,17 und 21,18). Auch sprach er beim soge­nann­ten Apos­tel­kon­zil  das letz­te Wort. Es ist unbe­strit­ten, dass er eine gro­ße Auto­ri­tät unter den Chris­ten besaß. Sein Gehor­sam und sein tie­fes Ver­ständ­nis der Leh­re Jesu wer­den auch im Jako­bus­brief deut­lich. Selbst von Nicht­chris­ten wur­de er als Jako­bus der Gerech­te bezeich­net. Es ist aber ein gro­ßer Unter­schied, ob ein Gläu­bi­ger durch sei­ne beson­de­re Hin­ga­be auch beson­de­re Auto­ri­tät genießt oder ob es das Amt des Gemein­de­lei­ters gibt. Eine sol­che Posi­ti­on gab es damals in kei­ner Gemein­de. Wie bereits oben erwähnt, wur­de der Ver­such, der Ers­te sein zu wol­len, vom Apos­tel Johan­nes scharf kri­ti­siert (3. Johannes).

Zur Per­son des Petrus und ob er Bischof von Rom oder gar der ers­te Papst war, ver­wei­sen wir auf unser The­ma über das Papst­tum.