Wie erken­ne ich mei­ne Berufung?

Schlagwörter: katholisch

Man­che reli­giö­se Men­schen fra­gen sich: Wie kann ich mei­ne Beru­fung erken­nen? Was ist mein Lebens­weg? Hat mich Gott zum Klos­ter­le­ben beru­fen, zum Pries­ter oder zum Leben in der Ehe?

Wenn wir sicher gehen wol­len, weder der Stim­me unse­rer eige­nen Wün­sche noch den Erwar­tun­gen der Umge­bung, son­dern Got­tes Stim­me fol­gen zu wol­len, wer­den wir auf­merk­sam dar­über nach­den­ken, was die Hei­li­ge Schrift über die Beru­fung des Men­schen sagt: Mit wel­chem Ziel rief Gott uns ins Dasein und wozu ruft Jesus Chris­tus jeden Men­schen auf?

Mit die­sen Fra­gen fan­gen wir auch des­halb an, weil sie grund­le­gend sind, um Got­tes Wil­len für unser Leben zu ver­ste­hen. Im wei­te­ren Ver­lauf wol­len wir unse­re Auf­merk­sam­keit auf ver­schie­de­ne Beru­fun­gen im Lich­te des Neu­en Tes­ta­ments legen.

Eine regnerische Landschaft mit einem geraden, breiten Betonweg und einem unebenen, schmaleren Feldweg.

1 Wozu beruft uns Gott?

Wozu uns Gott beru­fen hat, drückt das Gebot aus, das Mose den Israe­li­ten gege­ben und das Jesus als das wich­tigs­te Gebot vor allen ande­ren her­vor­ge­ho­ben hat:

Höre, Isra­el, der Herr, unser Gott, ist der ein­zi­ge Herr. Dar­um sollst du den Herrn, dei­nen Gott, lie­ben mit gan­zem Her­zen und gan­zer See­le, mit dei­nem gan­zen Den­ken und mit dei­ner gan­zen Kraft. (Mar­kus 12,29b-30)

Die­ses Gebot drückt aus, wie Gott möch­te, dass das Leben eines jeden Men­schen aus­sieht. Er hat jeden geschaf­fen und beru­fen zu einer Bezie­hung mit ihm. Nur das kann uns Erfül­lung geben in die­sem Leben und in der Ewigkeit.

Nie­mand, der in Ewig­keit bei Gott sein möch­te, kann ihn in die­sem Leben als Neben­sa­che behan­deln. Des­halb kann es eine Beru­fung zu einem Leben, in dem Gott bloß eine von vie­len Lebens­in­ter­es­sen dar­stellt, nicht geben.

Damit wir ver­ste­hen kön­nen, was es heißt, Gott mit gan­zem Her­zen und gan­zer Kraft zu lie­ben, sand­te er sei­nen Sohn, damit er für uns alle das Bei­spiel die­ser Lie­be werde.

1.1 Alle sind beru­fen, Chris­tus nachzufolgen

Jesus leb­te ein Leben in Lie­be zu Gott und rief alle, die ihm zuhör­ten, auf, ihm in sei­ner Lie­be nachzufolgen.

Zu allen sag­te er: Wenn einer hin­ter mir her­ge­hen will, ver­leug­ne er sich selbst, neh­me täg­lich sein Kreuz auf sich und fol­ge mir nach. Denn wer sein Leben ret­ten will, wird es ver­lie­ren; wer aber sein Leben um mei­net­wil­len ver­liert, der wird es ret­ten. (Lukas 9,23–24)

Jesus zeig­te, dass die wah­re Lie­be nicht sein eige­nes Glück sucht, son­dern das Wohl der ande­ren. Er sag­te auch, dass nie­mand zu Gott kom­men kann, außer durch Selbstverleugnung.

Eben­so kann kei­ner von euch mein Jün­ger sein, wenn er nicht auf sei­nen gan­zen Besitz ver­zich­tet. (Lukas 14,33)

Mit die­sen Wor­ten mein­te Jesus nicht, dass wir prin­zi­pi­ell auf alle mate­ri­el­len Din­ge ver­zich­ten müs­sen, son­dern dass wir Got­tes Wil­len suchen und ihn über unse­ren eige­nen stel­len, dass wir für Gott und nicht für uns selbst leben dür­fen, unab­hän­gig davon, wel­chen Ver­zicht es auch immer bedeu­ten mag.

1.2 Alle sind beru­fen zur Umkehr und zum Leben mit Gott

Vie­len Men­schen ist bewusst, dass ihr Leben doch anders aus­sieht: Sie wis­sen, dass sie für eige­ne Zie­le leben, dass sie von ihrem Ego­is­mus gelei­tet wer­den und dass sie dies alles ändern sollten.

Ihr Wunsch nach Ände­rung ist schwach, sie sind für die­se dazu not­wen­di­ge Anstren­gung nicht bereit.

Die­se Ein­stel­lung hat Jesus im Gleich­nis über das gro­ße Gast­mahl angesprochen:

Ein Mann ver­an­stal­te­te ein gro­ßes Fest­mahl und lud vie­le dazu ein. Zur Stun­de des Fest­mahls schick­te er sei­nen Die­ner aus und ließ denen, die er ein­ge­la­den hat­te, sagen: Kommt, alles ist bereit! Aber alle fin­gen an, einer nach dem ande­ren, sich zu ent­schul­di­gen. Der ers­te ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss drin­gend gehen und ihn besich­ti­gen. Bit­te, ent­schul­di­ge mich! Ein ande­rer sag­te: Ich habe fünf Och­sen­ge­span­ne gekauft und bin auf dem Weg, um sie zu prü­fen. Bit­te, ent­schul­di­ge mich! Wie­der ein ande­rer sag­te: Ich habe gehei­ra­tet und kann des­halb nicht kom­men. Der Die­ner kehr­te zurück und berich­te­te dies sei­nem Herrn. Da wur­de der Haus­herr zor­nig und sag­te zu sei­nem Die­ner: Geh schnell hin­aus auf die Stra­ßen und Gas­sen der Stadt und hol die Armen und die Krüp­pel, die Blin­den und die Lah­men hier­her! Und der Die­ner mel­de­te: Herr, dein Auf­trag ist aus­ge­führt; und es ist immer noch Platz. Da sag­te der Herr zu dem Die­ner: Geh zu den Wegen und Zäu­nen und nöti­ge die Leu­te her­ein­zu­kom­men, damit mein Haus voll wird. Denn ich sage euch: Kei­ner von denen, die ein­ge­la­den waren, wird an mei­nem Mahl teil­neh­men. (Lukas 14,16–24)

Der Gast­ge­ber lud vie­le ein (oder rief sie auf, berief sie)[1], doch die Ein­ge­la­de­nen (oder die Beru­fe­nen) fin­gen an, Aus­re­den zu suchen. Obwohl sie ihm gegen­über nicht offen unhöf­lich sein woll­ten, erach­te­ten sie sei­ne Ein­la­dung nicht wert genug, ihre Lebens­plä­ne und das, was für sie wich­tig war, auf­zu­ge­ben. Jesu Reich steht für alle offen, aber nur die, für die Gott am wich­tigs­ten ist, wer­den dort hineingehen.

Lei­der leh­nen vie­le auch heu­te die Ein­la­dung zum Leben mit Gott auf ähn­li­che Wei­se ab. Viel­leicht betrü­gen sie sich damit, ähn­lich wie die Men­schen im Gleich­nis mei­nen, dass Gott Ver­ständ­nis dafür zei­gen wird, dass sie sich in ihrem Leben mit etwas ande­rem beschäf­ti­gen woll­ten. Jesus sagte:

Ich bin nicht gekom­men, um Gerech­te, son­dern Sün­der zur Umkehr zu rufen. (Lukas 5,32)

Jesus ruft (beruft) Men­schen, die bereit sind zuzu­ge­ben, dass Sün­de und Unge­hor­sam sie von Gott tren­nen, zur Umkehr und zur Ver­söh­nung mit Gott auf. Wir ver­wer­fen die Beru­fung zur Umkehr, wenn wir den­ken, dass unser Leben doch nicht so schlimm ist, dass wir doch ganz gute Men­schen sind. Das ist eben die Denk­wei­se der „Gerech­ten“. Aber die­je­ni­gen, die bereit sind, ihre Sün­den zu sehen und eine Sehn­sucht nach Ver­än­de­rung in ihrem Leben haben, befreit Gott von den Sün­den und ver­än­dert ihr Leben durch den Hei­li­gen Geist. Wenn wir Jesus ganz glau­ben und ver­trau­en, wird er unse­ren Glau­ben stär­ken und uns hel­fen, uns von allem radi­kal zu tren­nen, was uns zur Sün­de ver­führt und auch dar­in, in die­ser Ent­schei­dung aus­zu­har­ren. Wenn wir den Wert der Gemein­schaft mit Gott, sei­ne Nähe und Lie­be vor Augen haben, wer­den wir nicht fürch­ten, dass dies unse­re Kräf­te übersteigt.

1.3 Alle sind beru­fen zur Bru­der­lie­be und Gemeinschaft

Gott ist Lie­be – und er sand­te sei­nen Sohn, um uns sei­ne Lie­be zu leh­ren. Des­we­gen sind alle beru­fen, ein­an­der so zu lie­ben, wie er uns geliebt hat.

Ein neu­es Gebot gebe ich euch: Liebt ein­an­der! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr ein­an­der lie­ben. Dar­an wer­den alle erken­nen, dass ihr mei­ne Jün­ger seid: wenn ihr ein­an­der liebt. (Joh. 13,34–35)

Das ist das neue Gebot, das Jesus sei­nen Jün­gern kurz vor sei­nem Tod gege­ben hat. Es ist nicht das­sel­be wie das Gebot der Nächs­ten­lie­be, das unse­re Ein­stel­lung allen Men­schen gegen­über betrifft. Das neue Gebot betrifft kon­kret die Bezie­hung unter den Chris­ten. Es erfüllt sich in der Gemein­schaft, die nach der Sen­dung des Hei­li­gen Geis­tes alle Jün­ger Jesu so tief ver­bun­den hat, wie es woan­ders nicht zu fin­den ist. Davon geben die Apos­tel­ge­schich­te und die apos­to­li­schen Brie­fe Zeugnis:

Sie hiel­ten an der Leh­re der Apos­tel fest und an der Gemein­schaft, am Bre­chen des Bro­tes und an den Gebe­ten… Und alle, die glaub­ten, waren an dem­sel­ben Ort zusam­men und hat­ten alles gemein­sam. Sie ver­kauf­ten Hab und Gut und teil­ten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hat­te. Tag für Tag ver­harr­ten sie ein­mü­tig im Tem­pel, bra­chen in ihren Häu­sern das Brot und hiel­ten mit­ein­an­der Mahl in Freu­de und Lau­ter­keit des Her­zens… Die Men­ge derer, die gläu­big gewor­den waren, war ein Herz und eine See­le. Kei­ner nann­te etwas von dem, was er hat­te, sein Eigen­tum, son­dern sie hat­ten alles gemein­sam. (Apos­tel­ge­schich­te 2,42.44–46; 4,32)

Durch die täg­li­che Gemein­schaft und das Tei­len ihrer mate­ri­el­len Güter drück­ten die Chris­ten aus, dass sie für­ein­an­der genau­so wert­voll sind, wie jeder von ihnen für Gott.

Ihre Ver­samm­lun­gen bestan­den nicht aus Lit­ur­gie und Ritua­len, die es damals noch nicht gab, son­dern im gemein­sa­men Ken­nen­ler­nen von Got­tes Wort, in Gebet und gegen­sei­ti­ger geist­li­cher Unterstützung.

Auch heu­te wirkt der Hei­li­ge Geist die­se Gemein­schaft über­all dort, wo Men­schen Jesus wirk­lich lie­ben; dar­an kann man auch die Jün­ger Jesu erken­nen. Solch eine Gemein­schaft ist kei­ne „Form der Spi­ri­tua­li­tät“, die für man­che, beson­ders Eif­ri­ge bestimmt ist. Man sieht im Neu­en Tes­ta­ment, dass alle Gläu­bi­gen in glei­cher Wei­se dar­an teil­ge­nom­men haben.

Die Gemein­schaft der Chris­ten ist die Erfül­lung des Auf­trags Jesu, sie ist das Licht für die Welt, weil in ihr die Lie­be und die Leh­re Chris­ti gegen­wär­tig sind. Sie ist der Anfang der ewi­gen Gemein­schaft Got­tes mit sei­nen Kin­dern und auch das Wesen der Beru­fung, die Jesus allen Men­schen gege­ben hat.[2]

Ich bit­te nicht nur für die­se hier, son­dern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glau­ben. Alle sol­len eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sol­len auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. (Johan­nes 17,20–21)

2 Die Beru­fung – oder Berufungen?

Öfters wer­den jun­ge Men­schen ermun­tert, die eige­ne Beru­fung zu erken­nen. Man spricht von ver­schie­de­nen Beru­fun­gen: Jene zum Klos­ter­le­ben, zum Pries­ter­se­mi­nar, zum Leben in der Fami­lie … Als Basis für ihre Ent­schei­dun­gen wer­den sie auf ihr Gefühl, Kon­tem­pla­ti­on, Auto­ri­tät, bekann­te Per­sön­lich­kei­ten, Pre­dig­ten oder reli­giö­se Lite­ra­tur hin­ge­lenkt. Doch kaum wer­den sie ermun­tert, zuerst tief die Hei­li­ge Schrift ken­nen­zu­ler­nen und auf die­ser Basis nach­zu­den­ken, wozu uns Jesus beru­fen hat.

Wenn wir wol­len, dass unser Leben ein Dienst für Gott ist, müs­sen wir in sei­nem Wort genau nach­prü­fen, wie er möch­te, dass wir ihm die­nen. Was kön­nen wir über Beru­fun­gen im Neu­en Tes­ta­ment finden?

2.1 Gibt es in der Bibel ver­schie­de­ne Berufungen?

Das Alte Tes­ta­ment spricht von einer Beru­fung der Gläu­bi­gen zu ver­schie­de­nen beson­de­ren Auf­ga­ben und Diens­ten, zum Bei­spiel von der pro­phe­ti­schen oder der könig­li­chen Beru­fung. Ähn­lich dazu spricht das Neue Tes­ta­ment nur über die Beru­fung der Apos­tel (die zwölf Apos­tel: Mat­thä­us 4,21, Mar­kus 1,20; Apos­tel Pau­lus: Römer 1,1, 1.Korinther 1,1, Gala­ter 1,15 f.). Sie waren die Augen­zeu­gen der Auf­er­ste­hung Jesu, die sei­ne Leh­re der Welt wei­ter­ge­ben soll­ten. Außer die­ser beson­de­ren Beru­fung spricht das Neue Tes­ta­ment von einer gemein­sa­men Beru­fung aller Chris­ten zum ewi­gen Leben, zur Hei­li­gung und zur Gemein­schaft mit Gott. Es spricht aber nie von ver­schie­de­nen Arten von Beru­fun­gen. Der Apos­tel Pau­lus hat Fol­gen­des an Chris­ten geschrieben:

… und bemüht euch, die Ein­heit des Geis­tes zu wah­ren durch das Band des Frie­dens! Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch beru­fen seid zu einer Hoff­nung in eurer Beru­fung: ein Herr, ein Glau­be, eine Tau­fe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. (Ephe­ser 4,3–6)

2.2 Spricht die Hei­li­ge Schrift von der Laienberufung?

Die Unter­schei­dung in Lai­en­be­ru­fung und Beru­fung von Geist­li­chen gibt es im Neu­en Tes­ta­ment nicht. Das Wort „Laie“ fin­det man dort nicht. Sei­ne ursprüng­li­che Bedeu­tung ent­springt aus dem Kir­chen­la­tei­ni­schen lai­cus bzw. aus dem Grie­chi­schen lai­kos – „zum Volk gehö­rig“, „gemein“. „Geist­li­cher“ hin­ge­gen bedeu­tet „der, der den Hei­li­gen Geist hat“. Es ver­schafft den Ein­druck, als gäbe es zwei Klas­sen von Chris­ten: die einen, die Geist­li­chen, die das Leben in der völ­li­gen Hin­ga­be zu Gott gewählt haben, und die ande­ren, die Welt­li­chen, die haupt­säch­lich mit den Din­gen die­ser Welt beschäf­tigt sind. Die­se „Geist­li­chen“ hät­ten angeb­lich mehr vom Hei­li­gen Geist als die von der Welt, was sie zu Mitt­lern zwi­schen Lai­en und Gott macht. Die­se Unter­schei­dung wider­spricht dem Wil­len Jesu, der lehr­te: „Nur einer ist euer Meis­ter, ihr alle aber seid Brü­der“ (Mat­thä­us 23,8).

Jesus hat auch alle auf­ge­for­dert, sich ganz Gott hin­zu­ge­ben, und warn­te sie, indem er sag­te, dass „kein Skla­ve zwei Her­ren die­nen kann“ (Gott und den Din­gen die­ser Welt, z. B. Geld …) (Lukas 16,13).

Nicht das Dies­sei­ti­ge, son­dern das Ewi­ge ist die Freu­de eines Chris­ten. Pau­lus hat die christ­li­che Denk­wei­se so beschrieben:

Rich­tet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdi­sche! Denn ihr seid gestor­ben und euer Leben ist mit Chris­tus ver­bor­gen in Gott. Wenn Chris­tus, unser Leben, offen­bar wird, dann wer­det auch ihr mit ihm offen­bar wer­den in Herr­lich­keit. (Kolos­ser 3,2–4)

Wer also ein­mal mit Chris­tus sein will, der wird auch hier auf der Erde nicht für die Arbeit, für die Fami­lie oder für die mate­ri­el­len Güter leben. Die­se Din­ge sind gut und nötig, aber dür­fen nicht zum Lebens­ziel werden.

Mit der Leh­re über die ver­schie­de­nen Beru­fun­gen ist ins­be­son­de­re die Fra­ge nach Ehe und Fami­li­en­grün­dung ver­bun­den. Für die meis­ten bedeu­tet eine Lai­en­be­ru­fung Ehe­schlie­ßung oder eine Beru­fung als Geist­li­cher oder Ordensmann/‐frau, das Zölibat.

Im Neu­en Tes­ta­ment enga­gier­ten sich christ­li­che Ehe­män­ner und christ­li­che Ehe­frau­en in glei­cher Wei­se wie die Ledi­gen im Dienst für Gott und die Kir­che. Zum Bei­spiel nah­men Petrus, der schon vor dem Ken­nen­ler­nen Jesu ver­hei­ra­tet war, wie auch ande­re ver­hei­ra­te­te Apos­tel ihre gläu­bi­gen Frau­en mit, wenn sie zur Unter­stüt­zung von Gemein­den in ent­fern­te­ren Gegen­den gebraucht wur­den (1. Korin­ther 9,5). Aqui­la mit sei­ner Frau Pri­scil­la stell­ten jah­re­lang jeden Abend ihr Haus für die sich dort tref­fen­de Gemein­de zur Ver­fü­gung. Sie ver­kün­dig­ten auch gemein­sam das Wort und reis­ten im Dienst der Gemein­de (Apos­tel­ge­schich­te 18,2.26; Römer 16,3–5 u. a.). Pau­lus erwähnt Androni­kus und Junia[3]: „… die her­aus­ra­gen unter den Apos­teln und sich schon vor mir zu Chris­tus bekannt haben“ (Römer 16,7). Sie waren kei­ne Apos­tel im enge­ren Sin­ne des Wor­tes, aber haben aktiv an der Ver­brei­tung des Evan­ge­li­ums mit­ge­ar­bei­tet. Auch die Tat­sa­che, dass sich Chris­ten jeden Stan­des täg­lich getrof­fen haben, zeigt, dass für sie die Glau­bens­an­ge­le­gen­hei­ten Prio­ri­tät vor dem Fami­li­en­le­ben hat­ten, was von ihrer selbst­lo­sen Lie­be Gott und ande­ren gegen­über zeugte.

Der Apos­tel Pau­lus hat den Chris­ten fol­gen­den Rat gege­ben: „Bist du an eine Frau gebun­den, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche kei­ne!“ (1. Korin­ther 7,27).

Die Fra­ge ob und wen man hei­ra­ten soll, darf nicht im Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit eines Chris­ten ste­hen. Fami­li­en­grün­dung ist ein natür­li­cher Wunsch, doch darf die­ser Wunsch die Fra­ge, wie Gott von uns möch­te, dass wir ihm die­nen, nicht ver­drän­gen. Ansons­ten wird es in der Fra­ge nach unse­rer Beru­fung nicht vor allem um Gott gehen, son­dern um unse­re eige­nen Wün­sche und Plä­ne. Die Auf­ga­be der Chris­ten in die­ser Welt ist nicht, einen Mann oder eine Frau zu fin­den, son­dern Gott zu die­nen. Wenn Gott uns eine Frau/einen Mann geben möch­te, wird er uns sie/ihn sicher geben. Wir aber sol­len zuerst sein Reich suchen.

Sucht aber zuerst sein Reich und sei­ne Gerech­tig­keit; dann wird euch alles ande­re dazu­ge­ge­ben. (Mat­thä­us 6,33)

Ein ande­rer wich­ti­ger Lebens­be­reich, den man oft für die Beru­fung des Men­schen hält, ist die Wahl des Beru­fes. Arbeit ist eine wich­ti­ge Pflicht; sie ist ein Teil in Got­tes Plan. Gott hat die Mensch­heit als ein Gan­zes gedacht, wor­in jeder auf die Hil­fe der ande­ren ange­wie­sen ist. Doch für vie­le dient die Arbeit zur Selbst­ver­wirk­li­chung, wird ein Mit­tel zum Errei­chen eige­ner Zie­le und nicht zum Dienst an den ande­ren, wodurch sie ver­sklavt und von Gott weg­zieht. Geld und Kar­rie­re sind die Göt­zen der moder­nen Welt.

Wie Jesus sagte:

Das aber ist das ewi­ge Leben: dass sie dich, den ein­zi­gen wah­ren Gott, erken­nen und den du gesandt hast, Jesus Chris­tus… Vater, ich will, dass alle, die du mir gege­ben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sol­len mei­ne Herr­lich­keit sehen, die du mir gege­ben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grund­le­gung der Welt. (Johan­nes 17,3.24)

Gott hat für uns Men­schen nichts Wich­ti­ge­res vor­ge­se­hen. Das ist das Ziel von allem, was Gott für uns getan hat. Unser Erden­le­ben gibt uns die Mög­lich­keit, Gott ken­nen­zu­ler­nen und eine tie­fe blei­ben­de Ent­schei­dung, ihn zu lie­ben, zu tref­fen. Es sind die Men­schen, die ihren Wert und ihre Iden­ti­tät in den Din­gen die­ser Welt suchen. Gott hat nie­man­den zu einem Leben beru­fen, in dem die Fami­lie, die Arbeit, das Stu­di­um oder das Ent­fal­ten sei­ner Talen­te der Inhalt oder das Ziel sei­nes Lebens sind. Die­se Din­ge kön­nen das Bemü­hen um die Bezie­hung mit Gott nicht erset­zen. Der Apos­tel Pau­lus schrieb:

Denn ich sage euch, Brü­der: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so ver­hal­ten, als habe er kei­ne, wer weint, als wei­ne er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als wür­de er nicht Eigen­tü­mer, wer sich die Welt zunut­ze macht, als nut­ze er sie nicht; denn die Gestalt die­ser Welt ver­geht. (1. Korin­ther 7,29–31)

2.3 Spricht die Bibel von einer Ordensberufung?

Viel­leicht fällt dir auf, dass die Men­schen um dich her­um dem nach­ja­gen, was sie zer­stört oder zugrun­de rich­tet, und du willst die­sen Weg nicht gehen? Viel­leicht hast du den Wunsch, dein Leben ganz für Gott und Men­schen ein­zu­set­zen, und über­legst, ob er möch­te, dass du einem Orden bei­trittst? Was sagt die Schrift darüber?

2.3.1 „Sie sind nicht von die­ser Welt …“

Man­che Orden sind geschlos­se­ner, ande­re offe­ner für die Welt, doch die Abson­de­rung ist per Defi­ni­ti­on eine Bedin­gung für das ordi­nier­te Leben. Wie der Codex des Kano­ni­schen Rech­tes (CIC) sagt:

Das öffent­li­che Zeug­nis, das die Ordens­leu­te für Chris­tus und die Kir­che able­gen sol­len, bringt jene Tren­nung von der Welt mit sich, die der Eigen­art und dem Zweck eines jeden Insti­tu­tes eigen­tüm­lich ist. (Canon 607 – § 3)

Was hat Jesus dar­über gesagt? Im Johan­nes­evan­ge­li­um, Kapi­tel 17 hat er für alle so gebetet:

Ich habe dei­nen Namen den Men­schen offen­bart, die du mir aus der Welt gege­ben hast. Sie gehör­ten dir und du hast sie mir gege­ben und sie haben dein Wort bewahrt.… Ich habe ihnen dein Wort gege­ben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bit­te nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, son­dern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Hei­li­ge sie in der Wahr­heit; dein Wort ist Wahr­heit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. (Johan­nes 17,6.14–18)

Mit „Welt“ mein­te Jesus die gro­ße Mehr­heit der Men­schen, für die Gott nicht wich­tig ist. Jesus bat den Vater nicht, dass er sei­ne Jün­ger aus ihrer Mit­te weg­nimmt, son­dern dass er sie von ihrem schlech­ten Ein­fluss bewahrt. Die­se Bewah­rung ist mit der Hei­li­gung ver­bun­den, die aus dem Ver­ste­hen und Umset­zen des Wor­tes Got­tes kommt. Die Tren­nung von der Welt, um die Jesus den Vater bat, betrifft nicht nur eini­ge Jün­ger, son­dern alle. Die Wor­te Jesu, die die Wahr­heit sind, befä­hi­gen jeden, den Ver­su­chun­gen und Sün­den, die in der Welt herr­schen, zu widerstehen.

So wie der Vater den Sohn sand­te, damit er die Welt zur Umkehr ruft, sand­te Jesus auch die Gemein­schaft sei­ner Jün­ger in die Welt, damit sie mit ihren Wor­ten und Taten Men­schen hel­fen, die sich ver­än­dern und umkeh­ren wol­len. Das Leben von Jesus war das Licht. Auch das Leben sei­ner Jün­ger soll Licht und Zeug­nis für die Men­schen um sie her­um sein:

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht ver­bor­gen blei­ben. Man zün­det auch nicht eine Leuch­te an und stellt sie unter den Schef­fel, son­dern auf den Leuch­ter; dann leuch­tet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Men­schen leuch­ten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Him­mel prei­sen. (Mat­thä­us 5,14–16)

Wenn sich jemand von ande­ren z. B. durch eine Ordens­tracht, das Leben in einem Klos­ter oder durch Regeln des Schwei­gens unter­schei­det, erweckt er, ob er will oder nicht, den Ein­druck, dass er zu Men­schen einer „ande­ren Kate­go­rie“ gehört. Wenn ihn jemand so sieht, stellt er sich einer­seits vor, dass es fromm ist, und ande­rer­seits aber, dass der­je­ni­ge ein Leben führt, das nichts für ihn selbst ist. Mit sei­nem Leben ruft er nicht alle zur Nach­fol­ge auf, wenn sei­ne Lebens­wei­se nur ein Weg für eini­ge ist. Er ist nicht ein Bei­spiel für „nor­ma­le“ Men­schen, weil er nicht unter ihnen lebt. Auch er selbst hat kei­nen Anteil an ihrem Leben und All­tags­pro­ble­men. Des­we­gen ent­spricht eine äuße­re Abson­de­rung von der Welt nicht dem Cha­rak­ter des Auf­tra­ges Jesu.

Ordens­leu­te son­dern sich nicht nur von den Ungläu­bi­gen ab, son­dern auch von der Mehr­heit derer, die sie für ihre Glau­bens­ge­schwis­ter hal­ten. Das betrifft sowohl Lai­en als auch Ordens­leu­te ande­ren Geschlechts und ande­rer Orden und im Fal­le der Schwei­ge­or­den fast alle. Womit begrün­det man die Abson­de­rung von jenen, mit denen man vor­hat, die gan­ze Ewig­keit zu verbringen?

2.3.2 Die beson­de­re Hingabe?

Gemäß der katho­li­schen Leh­re ist der Ordens­stand die völ­li­ge und voll­kom­men Hin­ga­be zu Gott:

Das durch die Pro­feß der evan­ge­li­schen Räte geweih­te Leben besteht in einer auf Dau­er ange­leg­ten Lebens­wei­se, in der Gläu­bi­ge unter Lei­tung des Hei­li­gen Geis­tes in beson­ders enger Nach­fol­ge Chris­ti sich Gott, dem höchst­ge­lieb­ten, gänz­lich hin­ge­ben und zu sei­ner Ver­herr­li­chung wie auch zur Auf­er­bau­ung der Kir­che und zum Heil der Welt eine neue und beson­de­re Bin­dung ein­ge­hen, um im Diens­te am Reich Got­tes zur voll­kom­me­nen Lie­be zu gelan­gen und, ein strah­len­des Zei­chen in der Kir­che gewor­den, die himm­li­sche Herr­lich­keit anzu­kün­di­gen. (Can. 573 — § 1. CIC)

Der Ver­gleichs­punkt für die „beson­ders enge Nach­fol­ge“, die „gänz­li­che Hin­ga­be“, die „voll­kom­me­ne Lie­be“ ist das Leben eines Durch­schnitts­ka­tho­li­ken. Die Ein­set­zung einer beson­de­ren Form des ordi­nier­ten Lebens schränkt den Ruf Chris­ti nach einer voll­stän­di­gen Hin­ga­be zu Gott auf eini­ge Gläu­bi­ge ein. Die obi­gen For­mu­lie­run­gen gehen davon aus, dass sich Gott ganz hin­zu­ge­ben und ihn mehr als alles ande­re zu lie­ben kei­ne Bedin­gung der Erlö­sung, son­dern eine Zusatz­leis­tung ist. Doch Jesus gab allen Men­schen nur einen ein­zi­gen Maß­stab der Nach­fol­ge und Hin­ga­be: sein eige­nes Bei­spiel. Das, was nach der katho­li­schen Tra­di­ti­on die Auf­ga­be der Mön­che ist, betrifft nach der Schrift jeden Chris­ten ohne Aus­nah­me. Dies ist aus der fol­gen­den Gegen­über­stel­lung von Zita­ten aus dem kano­ni­schen Recht und dem Neu­en Tes­ta­ment ersichtlich:

… So voll­zieht der Ordens­an­ge­hö­ri­ge sei­ne völ­li­ge Hin­ga­be gleich­sam als ein Gott dar­ge­brach­tes Opfer, wodurch sein gan­zes Dasein zu einer bestän­di­gen Ver­eh­rung Got­tes in der Lie­be wird. (Can. 607 — § 1. CIC)

Ich ermah­ne euch also, Brü­der und Schwes­tern, kraft der Barm­her­zig­keit Got­tes, eure Lei­ber als leben­di­ges, hei­li­ges und Gott wohl­ge­fäl­li­ges Opfer dar­zu­brin­gen – als euren geis­ti­gen Got­tes­dienst. Und gleicht euch nicht die­ser Welt an, son­dern lasst euch ver­wan­deln durch die Erneue­rung des Den­kens, damit ihr prü­fen und erken­nen könnt, was der Wil­le Got­tes ist: das Gute, Wohl­ge­fäl­li­ge und Voll­kom­me­ne! (Pau­lus an die Chris­ten in Rom, Römer 12,1–2)

Die ers­te und vor­züg­li­che Ver­pflich­tung aller Ordens­leu­te hat in der Betrach­tung der gött­li­chen Din­ge und in der stän­di­gen Ver­bin­dung mit Gott im Gebet zu bestehen. (Can. 663 — § 1. CIC)

Betet ohne Unter­lass!“ (1.Thessalonicher 5,17)

Die Ordens­leu­te sol­len in der Hin­wen­dung des Her­zens zu Gott ver­wei­len … (Can. 664. CIC)

Im Übri­gen, Brü­der und Schwes­tern: Was immer wahr­haft, edel, recht, was lau­ter, lie­bens­wert, anspre­chend ist, was Tugend heißt und lobens­wert ist, dar­auf seid bedacht! (Phil­ip­per 4,8)

Das jedem Insti­tut eige­ne brü­der­li­che Leben, durch das alle Mit­glie­der gewis­ser­ma­ßen zu einer Fami­lie eige­ner Art in Chris­tus ver­eint wer­den … (Can. 602. CIC)

Und er streck­te die Hand über sei­ne Jün­ger aus und sag­te: Sie­he, mei­ne Mut­ter und mei­ne Brü­der. Denn wer den Wil­len mei­nes himm­li­schen Vaters tut, der ist für mich Bru­der und Schwes­ter und Mut­ter. (Jesus in Mat­thä­us 12,49–50)

Die Leh­re von der Ordens­be­ru­fung weicht die kla­ren For­de­run­gen, die Jesus stell­te, auf: Sein Ruf nach völ­li­ger Hin­ga­be wird zu einer For­de­rung für eini­ge Weni­ge und die Nach­fol­ge ist nicht mehr das Selbst­ver­ständ­li­che für jeden Chris­ten. Auf die­se Wei­se ent­ste­hen zwei Klas­sen: die „nor­ma­len“ und die beson­ders hin­ge­ge­be­nen Gläubigen.

Die Leh­re von den ver­schie­de­nen Beru­fun­gen ent­stellt das bibli­sche Bild der Kir­che: nach dem oben zitier­ten Canon 573 CIC sol­len eini­ge Chris­ten das Zei­chen der vol­len Hin­ga­be für den Rest der Kir­che wer­den (für die übri­gen Gläu­bi­gen). Nach der Hei­li­gen Schrift sol­len alle Chris­ten, also die gan­ze Kir­che, die­ses Zei­chen für die Welt sein, das heißt für die Men­schen, die nicht mit Gott leben.[4]

2.3.3 Evan­ge­li­sche Räte und Ordensgelübde

Man wird Mönch oder Non­ne, indem man ein Gelüb­de ablegt, meist sind es die drei: Keusch­heit, Armut und Gehor­sam. Das ers­te ist ein Ver­spre­chen im Zöli­bat zu leben, das zwei­te bedeu­tet ein Ver­zicht auf die Fähig­keit, Eigen­tum zu erwer­ben und zu besit­zen, das drit­te beinhal­tet eine bedin­gungs­lo­se Unter­ord­nung den Vor­ge­setz­ten und dem Papst gegenüber.

Gemäß der katho­li­schen Leh­re spie­geln die Ordens­ge­lüb­de die „Evan­ge­li­schen Räte“ wider. Die­se sei­en gedacht als Hin­wei­se in den Evan­ge­li­en, die der Herr Jesus denen gege­ben hät­te, die ihm im Gegen­satz zu ande­ren auf eine voll­kom­me­ne Wei­se nach­fol­gen woll­ten. Das Wort „Räte“, im Unter­schied zu Gebo­ten, soll aus­drü­cken, dass es um Din­ge geht, die er nur von sol­chen Men­schen erwartet.

Keusch­heit, Mäßi­gung und Gehor­sam zu Gott sol­len aber alle Chris­ten kenn­zeich­nen und nicht nur man­che. Doch Jesus hat nie­man­dem Anwei­sun­gen gege­ben, wie sie die katho­li­sche Tra­di­ti­on angibt:

Der … evan­ge­li­sche Rat des Gehor­sams ver­pflich­tet zur Unter­wer­fung des Wil­lens gegen­über den recht­mä­ßi­gen Obe­ren als Stell­ver­tre­tern Got­tes, wenn sie im Rah­men der eige­nen Kon­sti­tu­tio­nen befeh­len. (Can. 601. CIC)

Was ein Ordens­an­ge­hö­ri­ger durch eige­nen Ein­satz oder im Hin­blick auf das Insti­tut erwirbt, erwirbt er für das Insti­tut. Was ihm auf­grund einer Pen­si­on, einer Unter­stüt­zung oder einer Ver­si­che­rung irgend­wie zukommt, wird für das Insti­tut erwor­ben… Ein Pro­fess[5], der auf­grund der Eigen­art des Insti­tuts voll­stän­dig auf sein Ver­mö­gen ver­zich­tet hat, ver­liert die Erwerbs‐ und Besitz­fä­hig­keit und setzt infol­ge­des­sen dem Armuts­ge­lüb­de wider­spre­chen­de Rechts­hand­lun­gen ungül­tig … (Can. 668,3.5 CIC)

Jesus hat selbst ein Bei­spiel der Unter­ord­nung sei­nes Wil­lens unter Gott gege­ben, als er bete­te: „… nicht mein, son­dern dein Wil­le gesche­he“ (Lukas 22,42). Doch er hat uns nicht auf­ge­for­dert, auf den eige­nen Wil­len zu ver­zich­ten, zuguns­ten ande­rer Men­schen, die stell­ver­tre­tend für Gott stün­den. Petrus bekann­te vor dem jüdi­schen Hohen Rat, der die höchs­te reli­giö­se Auto­ri­tät sei­ner Zeit war: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das ent­schei­det selbst“ (Apos­tel­ge­schich­te 4,19). Pau­lus hat den Gala­tern geschrie­ben: „Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Him­mel euch ein ande­res Evan­ge­li­um ver­kün­de­ten als das, das wir ver­kün­det haben – er sei ver­flucht“ (Gala­ter 1,8). Vol­ler Gehor­sam Gott gegen­über erfor­dert immer das Recht, aus Gewis­sens­grün­den zu wider­spre­chen und die Mei­nun­gen ande­rer in Fra­ge zu stellen.

Wie der Codex des Kano­ni­schen Rech­tes die Rat­schlä­ge, die Jesus in den Evan­ge­li­en gege­ben hat, deu­tet, erweckt den Ein­druck, als ob der Wil­le und das Eigen­tums­recht die Hin­der­nis­se wären, die besei­tigt wer­den müs­sen, um sich Gott voll­kom­men hin­ge­ben zu können.

2.3.4 Armuts­ge­lüb­de und das Neue Testament

Chris­ten im Neu­en Tes­ta­ment ver­zich­te­ten nicht auf ihr Eigen­tums­recht, son­dern erach­te­ten ihr Eigen­tum als etwas, was allen gehört.

Die Men­ge derer, die gläu­big gewor­den waren, war ein Herz und eine See­le. Kei­ner nann­te etwas von dem, was er hat­te, sein Eigen­tum, son­dern sie hat­ten alles gemein­sam. (Apos­tel­ge­schich­te 4,32)

Als geist­li­che Fami­lie teil­ten sie natür­li­cher­wei­se mit allen das, was sie hat­ten, und das war das Anlie­gen nicht nur man­cher Gläu­bi­gen. Die Wohl­ha­ben­de­ren ver­kauf­ten ihre Besitz­tü­mer, damit in der Kir­che nie­mand an Armut lei­den muss­te. Als einer von ihnen, Ana­ni­as, einen Teil des Gewinns aus dem Ver­kauf sei­nes Ackers unauf­rich­tig ver­steck­te, sag­te Petrus zu ihm:

Hät­te es nicht dein Eigen­tum blei­ben kön­nen und konn­test du nicht auch nach dem Ver­kauf frei über den Erlös ver­fü­gen? (Apos­tel­ge­schich­te 5,4a)

Petrus ermahn­te Ana­ni­as nicht dafür, dass er nicht auf sei­ne „Erwerbs‐ und Besitz­fä­hig­keit“ ver­zich­tet hat­te, son­dern für den Man­gel an Got­tes­furcht und wegen der Heu­che­lei den Glau­bens­ge­schwis­tern gegenüber.

Auch das Kon­zept der Bet­tel­or­den, nach dem die Ordens­ge­mein­schaft von Spen­den lebt, weicht von der apos­to­li­schen Leh­re ab. Die Apos­tel bestan­den dar­auf, dass Chris­ten von der Arbeit ihrer Hän­de leben und nie­man­dem zur Last fallen:

Setzt eure Ehre dar­ein, ruhig zu leben, euch um die eige­nen Auf­ga­ben zu küm­mern und mit euren Hän­den zu arbei­ten, wie wir euch auf­ge­tra­gen haben. So sollt ihr vor denen, die nicht zu euch gehö­ren, ein recht­schaf­fe­nes Leben füh­ren und auf nie­man­den ange­wie­sen sein. (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4,11–12)

Es ent­spricht nicht der Lie­be und Hin­ga­be, dass ande­re für uns arbei­ten. Des­we­gen hat der Apos­tel Pau­lus den Gläu­bi­gen ange­ord­net „… in Ruhe ihrer Arbeit nach­zu­ge­hen und ihr eige­nes Brot zu essen“ (2. Thes­sa­lo­ni­cher 3,12).

2.3.5 Keusch­heits­ge­lüb­de und die Bruderliebe

Seit den Anfän­gen des Klos­ter­le­bens im 4. Jahr­hun­dert bil­de­ten Män­ner und Frau­en getrenn­te Kon­ven­te. Gibt es dafür irgend­wel­che Grund­la­gen im Neu­en Tes­ta­ment? Zusam­men mit den Apos­teln folg­ten Jesus auch Frau­en, die an ihn glaubten:

Und es geschah in der fol­gen­den Zeit: Er wan­der­te von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und ver­kün­de­te das Evan­ge­li­um vom Reich Got­tes. Die Zwölf beglei­te­ten ihn und auch eini­ge Frau­en, die von bösen Geis­tern und von Krank­hei­ten geheilt wor­den waren: Maria, genannt Mag­da­le­na … Johan­na, die Frau des Chu­z­as, eines Beam­ten des Hero­des, Susan­na und vie­le ande­re. Sie unter­stütz­ten Jesus und die Jün­ger mit ihrem Ver­mö­gen. (Lukas 8,1–3)

Die Schrift sagt auch, dass die Jün­ger nach dem Tod Jesu zusam­men mit den Frau­en im Gebet und in Gemein­schaft ver­harr­ten (Apos­tel­ge­schich­te 1,15). Das Bewusst­sein, dass der Auf­er­stan­de­ne unter ihnen ist und ihm alle ange­hö­ren, hei­lig­te ihre Bezie­hun­gen. In den Gemein­den der ers­ten Chris­ten trenn­ten sich Män­ner und Frau­en nicht von­ein­an­der, denn Jesus woll­te, dass sei­ne Gemein­schaft als ein Leib ver­eint ist:

Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brau­che dich nicht. Der Kopf wie­der­um kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brau­che euch nicht … damit im Leib kein Zwie­spalt ent­ste­he, son­dern alle Glie­der ein­träch­tig für­ein­an­der sor­gen. (1. Korin­ther 12,21.25)

Sün­den der Unrein­heit machen uns unfä­hig zu lie­ben, Gott zu die­nen und zer­stö­ren geist­li­che Bezie­hun­gen.[6] Unter den Men­schen, die Gott mit gan­zem Her­zen lie­ben, ist eine rei­ne Bru­der­lie­be etwas Natür­li­ches. Das Prin­zip der Auf­tei­lung der Orden in Frauen‐ und Män­ner­klös­ter schafft eine künst­li­che Rea­li­tät, die den Man­gel an die­ser Lie­be zeigt.

2.3.6 Beru­fung zum Gebet

Eini­ge glau­ben, dass ihre Beru­fung dar­in besteht, sich von der Welt abzu­son­dern, um für ande­re zu beten. Jesus selbst gibt uns das bes­te Bei­spiel für ein Leben im anhal­ten­den Gebet. Er bete­te viel, z. B. nachts, was nichts dar­an änder­te, dass er tags­über für ande­re da war. Er wand­te sich zum Vater im Gebet, um sei­ne Füh­rung im Dienst an ande­ren Men­schen zu fin­den, sie zu lie­ben und zu tra­gen, um zu sehen, was sie brau­chen und mit wel­chen Wor­ten und Taten er den Vater ver­herr­li­chen soll:

Am Abend, als die Son­ne unter­ge­gan­gen war, brach­te man alle Kran­ken und Beses­se­nen zu Jesus. Die gan­ze Stadt war vor der Haus­tür ver­sam­melt … In aller Frü­he, als es noch dun­kel war, stand er auf und ging an einen ein­sa­men Ort, um zu beten. Simon und sei­ne Beglei­ter eil­ten ihm nach, und als sie ihn fan­den, sag­ten sie zu ihm: Alle suchen dich. (Mar­kus 1,32–33.35–37)

Im Neu­en Tes­ta­ment gibt es kein ein­zi­ges Bei­spiel dafür, dass ein Christ in der Ein­sam­keit als Ein­sied­ler oder Ere­mit lebt. Wenn jemand ande­re auf Dau­er mei­det, um sich bes­ser auf das Gebet für sie zu kon­zen­trie­ren, dann betet er nicht wie Jesus mit Lie­be und Bereit­schaft, Gott und ande­ren zu die­nen, wo auch immer es gera­de not­wen­dig ist.

Es gibt Situa­tio­nen im Neu­en Tes­ta­ment, in denen Gläu­bi­ge ihre Arbeit eine Zeit­lang auf­ge­ge­ben haben, um einen bestimm­ten Dienst in der Gemein­de erfül­len zu kön­nen. Aber das Gebet und die Kon­zen­tra­ti­on auf die eige­ne Bezie­hung zu Gott gehör­ten nicht zu sol­chen Diens­ten. Es ist wich­tig, sich tief an Gott zu wen­den, aber war­um soll­te es eine Beru­fung nur für eini­ge sein? Was ist mit denen, die arbei­ten müs­sen? Das Bei­spiel des Apos­tel Pau­lus, der alle Chris­ten ermu­tig­te: „Betet ohne Unter­lass!“ (1. Thes­sa­lo­ni­cher 5,1), zeigt, dass das Gebet zum All­tag des Gläu­bi­gen gehört und kei­ne beson­de­re Akti­vi­tät ist, die einen spe­zi­el­len Lebens­stil erfor­dert. Arbeit schränkt die Hin­ga­be an Gott nicht ein, son­dern bringt sie zum Aus­druck, wenn sie nicht der Erfül­lung eige­ner mate­ri­el­ler Zie­le dient, son­dern der Ver­ant­wor­tung für sich selbst und der Unter­stüt­zung ande­rer. Ein Aus­har­ren im Gebet inmit­ten der täg­li­chen Akti­vi­tä­ten wie beim Kochen, auf dem Weg zur Schu­le oder bei der Arbeit ist ein Prüf­stein unse­res Glaubens.

2.3.7 Demut und Hochmut

Wenn sich ein Mensch von der Welt zurück­zieht, wen­det er sich von vie­len Mög­lich­kei­ten der Selbst­ver­wirk­li­chung ab. Die­ser Ver­zicht unter­stützt jedoch eine ande­re, sub­ti­le­re Art des Ehr­gei­zes: Den Wunsch, zu denen zu gehö­ren, die beson­ders demü­tig und Gott erge­ben sind, die direkt von ihm beru­fen wur­den. Stolz kann sich auch als über­trie­be­ne Demut zei­gen, die ein demü­ti­ger Mensch nicht braucht. Jesus hat sich nicht mit Aske­se umge­ben und sei­ne Armut zur Schau gestellt, weil er wuss­te, dass das, was uns Gott näher­bringt, im Her­zen geschieht. Die äuße­ren Fröm­mig­keits­for­men kön­nen nur Men­schen, aber nicht Gott beein­dru­cken. Der Gedan­ke, Aner­ken­nung zu suchen, war Jesus völ­lig fremd:

Ehre von Men­schen neh­me ich nicht an … Wie könnt ihr zum Glau­ben kom­men, wenn ihr eure Ehre von­ein­an­der annehmt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt? (Johan­nes 5,41.44)

In einem sei­ner Brie­fe warn­te Pau­lus Chris­ten vor dem Ein­fluss nicht­christ­li­cher, aske­ti­scher und mys­ti­scher Strö­mun­gen, die wahr­schein­lich auf jüdi­schen und gnos­ti­schen Ele­men­ten beruhen:

Nie­mand soll euch den Kampf­preis abspre­chen, der sich gefällt in Unter­wür­fig­keit und Ver­eh­rung, die er den Engeln erweist, der als Ein­ge­weih­ter mit Visio­nen prahlt und sich ohne Grund nach welt­li­cher Art wich­tig macht. Er hält sich nicht an das Haupt, von dem aus der gan­ze Leib durch Gelen­ke und Bän­der ver­sorgt und zusam­men­ge­hal­ten wird und durch Got­tes Wir­ken wächst. Wenn ihr mit Chris­tus den Ele­men­tar­mäch­ten der Welt gestor­ben seid, war­um lasst ihr euch dann, als wür­det ihr noch in der Welt leben, vor­schrei­ben: Berüh­re das nicht, iss das nicht, fass das nicht an! Das alles wird ver­braucht und dadurch ver­nich­tet. Mensch­li­che Sat­zun­gen und Leh­ren sind es. Man sagt zwar, in ihnen lie­ge Weis­heit, es sei frei­wil­li­ge Fröm­mig­keit und Unter­wür­fig­keit, den Leib nicht zu scho­nen. Doch das bringt kei­ne Ehre ein, son­dern dient nur zur Befrie­di­gung irdi­scher Eitel­keit. (Kolos­ser 2,18–23)

2.4 Gibt es im Neu­en Tes­ta­ment die Beru­fung zum Priestertum?

Von der pries­ter­li­chen Beru­fung spricht das Neue Tes­ta­ment nur ein­mal – in Hebrä­er 5,4. Dort geht es um die Beru­fung von dem Levi­ten Aaron und sei­nen Nach­kom­men zur Zeit des Alten Tes­ta­ments, um Schlacht‐ und Spei­se­op­fer im Zelt der Begeg­nung (und spä­ter im Tem­pel von Jeru­sa­lem) dar­zu­brin­gen. Der Hebrä­er­brief erklärt, dass der Hohe­pries­ter im Neu­en Bund Chris­tus ist, der sich uns ein für alle­mal als Opfer des Gehor­sams und der Lie­be hin­ge­ge­ben hat. Die­ses Opfer ist kein Ritu­al wie die Opfer des Alten Bun­des, son­dern die auf­op­fern­de Lie­be Jesu, die sich in sei­nem Leben und Tod aus­drückt. In Chris­tus haben das Pries­ter­tum und die Opfer des Alten Tes­ta­ments ihre Erfül­lung gefun­den, wes­halb es im Neu­en Bund kei­ne Pries­ter und Opfer mehr gibt, weil Jesus für immer lebt und der ein­zi­ge Mitt­ler zwi­schen Gott und Mensch ist.

So ist auch Jesus zum Bür­gen eines bes­se­ren Bun­des gewor­den. Auch folg­ten dort vie­le Pries­ter auf­ein­an­der, weil der Tod sie hin­der­te zu blei­ben; er aber hat, weil er in Ewig­keit bleibt, ein unver­gäng­li­ches Pries­ter­tum. Dar­um kann er auch die, die durch ihn vor Gott hin­tre­ten, für immer ret­ten; denn er lebt alle­zeit, um für sie ein­zu­tre­ten. Ein sol­cher Hohe­pries­ter ziem­te sich in der Tat für uns: einer, der hei­lig ist, frei vom Bösen, makel­los, abge­son­dert von den Sün­dern und erhöht über die Him­mel; einer, der es nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohe­pries­ter zuerst für die eige­nen Sün­den Opfer dar­zu­brin­gen und dann für die des Vol­kes; denn das hat er ein für alle­mal getan, als er sich selbst dar­ge­bracht hat. (Hebrä­er 7,22–27)

Im über­tra­ge­nen Sin­ne spricht das Neue Tes­ta­ment noch vom uni­ver­sel­len Pries­ter­tum aller Chris­ten, wobei jeder sein gan­zes Leben, sei­nen Dienst in Lie­be Gott als Opfer dar­bringt (z. B. 1. Petrus 2,5.9; Offen­ba­rung 1,6; 5,10; 20,6; Römer 12,1–2). Sonst exis­tiert der Begriff des christ­li­chen Pries­ters im Neu­en Tes­ta­ment nicht. Das grie­chi­sche Wort hie­reus (Pries­ter) wird nur zur Beschrei­bung jüdi­scher oder heid­ni­scher Pries­ter ver­wen­det. In der Urkir­che gab es kei­ne Funk­ti­on einer Per­son, die beim Abend­mahl auf dem Altar die Wand­lung voll­zieht. Die Chris­ten teil­ten Brot und Wein am gemein­sa­men Tisch, an dem sie sich auch vor­her zum Essen tra­fen (Apos­tel­ge­schich­te 2,42.46 oder 1. Korin­ther 10 und 11). Chris­tus war in Brot und Wein, die sie teil­ten, auf der Grund­la­ge ihrer Lie­be und Ein­heit, die die Gemein­schaft ver­ein­te, gegen­wär­tig. Das Neue Tes­ta­ment spricht auch nicht dar­über, dass nur aus­ge­wähl­te Per­so­nen die Tau­fe spen­den, Sün­den­be­kennt­nis­se ent­ge­gen­neh­men oder Zeu­gen einer Ehe­schlie­ßung sein können.

Die katho­li­sche Tra­di­ti­on meint neu­tes­ta­ment­li­che Pries­ter über­all dort in der Schrift zu sehen, wo die­se von den Ältes­ten der Kir­che spricht (grie­chisch pres­by­te­ros, wört­lich: ein älte­rer Mensch). Die Ältes­ten des Neu­en Tes­ta­ments waren jedoch kei­ne Pries­ter, son­dern erfah­re­ne Chris­ten, die einen anhal­ten­den Gehor­sam Gott gegen­über erwie­sen hat­ten und denen die Für­sor­ge um die Gemein­den und die Ver­ant­wor­tung für das Bewah­ren der rich­ti­gen Leh­re anver­traut war. Die Beschrei­bun­gen der Auf­ga­ben der Ältes­ten in 1. Timo­theus 3,1–7 und in Titus 1,5–9[7] erwäh­nen nicht das Fei­ern des Abend­mahls oder das Lei­ten von Gemein­de­ver­samm­lun­gen.[8] Bei­de Beschrei­bun­gen erwäh­nen auch die Tat­sa­che, dass ihr Fami­li­en­le­ben ein Zeug­nis sein soll­te – das Zöli­bat gab es damals nicht. Im Neu­en Tes­ta­ment gibt es auch den Begriff von Ordi­na­ti­on (Pries­ter­wei­he) nicht.

Ältes­ter zu sein ist kein Beruf, auf den man in einer spe­zi­el­len Uni­ver­si­tät vor­be­rei­tet wer­den kann. Vor­trä­ge kön­nen einem nicht Lie­be zu Gott, Gehor­sam dem Wort gegen­über, ein hei­li­ges Leben leh­ren; man kann in die­sen Din­gen kei­ne Prü­fung able­gen, um einen Titel zu erlan­gen. Das sind Ent­schei­dun­gen und Ein­stel­lun­gen, die aus der Bezie­hung zu Gott ent­sprin­gen und die durch die Gemein­schaft mit Chris­ten gestärkt wer­den. Heu­te wer­den in den Pries­ter­se­mi­na­ren unter ande­rem Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie, Füh­rungs­kräf­te­trai­ning, Aus­spra­che­trai­ning, Rhe­to­rik oder Gesang unter­rich­tet. Jesus berei­te­te sei­ne Jün­ger ganz anders vor: ohne auf Wis­sen und Fähig­kei­ten zu bau­en, son­dern auf das Wir­ken des Hei­li­gen Geis­tes in denen, die Gott lie­ben. Sol­che Men­schen such­te er und tat alles, was er konn­te, um sie in Erkennt­nis und Glau­ben zu stärken.

In die­ser Stun­de rief Jesus, vom Hei­li­gen Geist erfüllt, voll Freu­de aus: Ich prei­se dich, Vater, Herr des Him­mels und der Erde, weil du das vor den Wei­sen und Klu­gen ver­bor­gen und es den Unmün­di­gen offen­bart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefal­len. (Lukas 10,21)

2.4.1 Die Gefahr der reli­giö­sen Heuchelei

Jesus warn­te nach­drück­lich vor der Gefahr der Heu­che­lei, die beson­ders für Men­schen gilt, die als reli­giö­se Auto­ri­tä­ten betrach­tet wer­den. Damals waren das vor allem die Pha­ri­sä­er, Mit­glie­der einer beson­ders eif­ri­gen reli­giö­sen Par­tei, deren ursprüng­li­ches Ziel es war, das jüdi­sche Volk zu ermu­ti­gen, den Gebo­ten Got­tes zu gehor­chen. Lei­der ist die­ses Ide­al mit der Zeit ver­lo­ren gegan­gen. Jesus beur­teil­te die Pha­ri­sä­er sei­ner Zeit folgendermaßen:

Alles, was sie tun, tun sie, um von den Men­schen gese­hen zu wer­den: Sie machen ihre Gebets­rie­men breit und die Quas­ten an ihren Gewän­dern lang, sie lie­ben den Ehren­platz bei den Gast­mäh­lern und die Ehren­sit­ze in den Syn­ago­gen und wenn man sie auf den Markt­plät­zen grüßt und die Leu­te sie Rab­bi nen­nen … Weh euch, ihr Schrift­ge­lehr­ten und Pha­ri­sä­er, ihr Heuch­ler! Ihr hal­tet Becher und Schüs­seln außen sau­ber, innen aber sind sie voll von Raff­sucht und Gier. Du blin­der Pha­ri­sä­er! Mach den Becher zuerst innen sau­ber, dann ist er auch außen rein. Weh euch, ihr Schrift­ge­lehr­ten und Pha­ri­sä­er, ihr Heuch­ler! Ihr seid wie getünch­te Grä­ber, die von außen schön aus­se­hen, innen aber voll sind von Kno­chen der Toten und aller Unrein­heit. So erscheint auch ihr von außen den Men­schen gerecht, innen aber seid ihr voll Heu­che­lei und Gesetz­lo­sig­keit. (Mat­thä­us 23,5–7.25–28)

Das trau­ri­ge Bei­spiel der Pha­ri­sä­er ist eine War­nung vor äuße­rer Fröm­mig­keit, die zu einer Mas­ke wird, die vor ande­ren und vor sich selbst getra­gen wird. Klei­dung oder Sym­bo­le kön­nen nie­man­den inner­lich ver­än­dern. Im Gegen­teil, sie erzeu­gen einen Schein, der es ande­ren schwer macht zu erken­nen, wie wir wirk­lich sind. Nie­mand setzt Heu­che­lei beim ande­ren vor­aus, sie erscheint unmerk­lich und wirkt all­mäh­lich wie ein Sau­er­teig. Wenn wir äuße­re und unbi­bli­sche For­men der Fröm­mig­keit akzep­tie­ren, öff­nen wir uns für die­se Sünde.

Jesus sag­te:

Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuch­ler! Sie stel­len sich beim Gebet gern in die Syn­ago­gen und an die Stra­ßen­ecken, damit sie von den Leu­ten gese­hen wer­den. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhal­ten. Du aber, wenn du betest, geh in dei­ne Kam­mer, schließ die Tür zu; dann bete zu dei­nem Vater, der im Ver­bor­ge­nen ist! Dein Vater, der auch das Ver­bor­ge­ne sieht, wird es dir ver­gel­ten. (Mat­thä­us 6,5–6)

Jesu stren­ge Wor­te spie­geln Got­tes Cha­rak­ter wider: Er ist das Licht und liebt die Wahr­heit. Ihm ist nicht das kor­rek­te Ein­hal­ten der Form wich­tig, son­dern eine auf­rich­ti­ge Bezie­hung zum Men­schen, die auf Wahr­heit und Lie­be beruht. Mit sei­nem Wort erreicht Gott das Herz des Men­schen und führt ihn zu einer voll­stän­di­gen Ver­än­de­rung sei­nes Den­kens und Lebens. Die Durch­füh­rung von Ritua­len kann bis zu einem gewis­sen Grad den Man­gel an die­ser Ver­än­de­rung ver­ber­gen, aber sie kann ihn nicht kom­pen­sie­ren. Wie Gott das sieht, zeigt zum Bei­spiel der alt­tes­ta­ment­li­che Ruf des Pro­phe­ten Amos:

Ich has­se eure Fes­te, ich ver­ab­scheue sie und kann eure Fei­ern nicht rie­chen. Wenn ihr mir Brand­op­fer dar­bringt, ich habe kein Gefal­len an euren Gaben und eure fet­ten Heils­op­fer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm dei­ner Lie­der! Dein Har­fen­spiel will ich nicht hören, son­dern das Recht strö­me wie Was­ser, die Gerech­tig­keit wie ein nie ver­sie­gen­der Bach. (Amos 5,21–24)

Der Beruf des Pries­ters ist mit der Ent­wick­lung der „Insti­tu­ti­on Kir­che“ ent­stan­den und macht einen wich­ti­gen Bestand­teil dar­in aus; doch, wie die katho­li­schen Theo­lo­gen selbst zuge­ben, exis­tier­te er in der Urkir­che nicht. Wir möch­ten dazu ermun­tern, offen dar­über nach­zu­den­ken, ob die­se Funk­ti­on tat­säch­lich in Got­tes Augen Aner­ken­nung fin­det und sei­nen Zie­len dient. Jesus plan­te die Kir­che nicht als eine Insti­tu­ti­on, son­dern als eine Gemein­schaft, die auf der Ent­schei­dung, ihm nach­zu­fol­gen, grün­det. Wenn Men­schen, die ihm nicht nach­fol­gen, Sakra­men­te der kirch­li­chen Zuge­hö­rig­keit spen­den, han­deln sie dann im glei­chen Geist wie er? War es von Jesus so gedacht, dass, obwohl die lit­ur­gi­schen Ritua­le kon­ti­nu­ier­lich voll­zo­gen wer­den, das Leben der Teil­neh­mer weit von dem ent­fernt bleibt, was er lehrte?

3 Eine Beru­fung für alle

Der Sinn der bibli­schen Beru­fung ist, Men­schen zu ver­ei­nen, und nicht, sie in ver­schie­de­ne Klas­sen ein­zu­tei­len. Jesus woll­te, dass es kei­ne Tren­nung unter sei­nen Jün­gern gibt in geist­lich und weni­ger geist­lich, aktiv und pas­siv, die Got­tes­na­hen und die Got­tes­fer­nen, die Füh­rer und ihre Untergebenen:

Ihr aber sollt euch nicht Rab­bi nen­nen las­sen; denn nur einer ist euer Meis­ter, ihr alle aber seid Brü­der. Auch sollt ihr nie­man­den auf Erden euren Vater nen­nen; denn nur einer ist euer Vater, der im Him­mel. Auch sollt ihr euch nicht Leh­rer nen­nen las­sen; denn nur einer ist euer Leh­rer, Chris­tus. (Mat­thä­us 23,8–10)

Der Sinn der Mensch­wer­dung des Soh­nes Got­tes und der Sen­dung des Hei­li­gen Geis­tes besteht dar­in, dass Gott in jedem, der ihn liebt und ihm gehor­chen will, mit der glei­chen Kraft woh­nen und wir­ken kann. Gott möch­te jeden zur Erkennt­nis sei­nes Wesens und Wil­lens füh­ren. Die­se Men­schen sind sei­ne Jün­ger, sein Tem­pel und sei­ne Priester.

Zwar gab es im Alten Tes­ta­ment vie­le Juden, die äußer­lich zum Volk gehör­ten, dem Her­zen nach aber nicht. Durch die Pro­phe­ten hat Gott jedoch ver­kün­det, dass er einen Neu­en Bund will, in dem es in sei­nem Volk kei­ne lau­en, äußer­li­chen Schein­gläu­bi­gen mehr gibt:

… Son­dern so wird der Bund sein, den ich nach die­sen Tagen mit dem Haus Isra­el schlie­ße – Spruch des HERRN: Ich habe mei­ne Wei­sung in ihre Mit­te gege­ben und wer­de sie auf ihr Herz schrei­ben. Ich wer­de ihnen Gott sein und sie wer­den mir Volk sein. Kei­ner wird mehr den andern beleh­ren, man wird nicht zuein­an­der sagen: Erkennt den HERRN!, denn sie alle, vom Kleins­ten bis zum Größ­ten, wer­den mich erken­nen – Spruch des HERRN. Denn ich ver­ge­be ihre Schuld, an ihre Sün­de den­ke ich nicht mehr. (Jere­mia 31,33–35)

Die­se Pro­phe­tie fin­det ihre Erfül­lung in der Gemein­schaft der Chris­ten. Die Auf­tei­lung in Lai­en und Geist­li­che kommt aus dem Miss­ver­ständ­nis des­sen, was Kir­che bedeu­tet. Die­se Stän­de stellt die Men­schen vor die Not­wen­dig­keit einer Wahl. Doch Got­tes Beru­fung ist eine für alle: ein Auf­ruf zur Umkehr, zur Nach­fol­ge Jesu und zum hei­li­gen Leben in brü­der­li­cher Gemein­schaft. Im Katho­li­zis­mus ist die Beru­fung die Wahl einer der mög­li­chen Wege für die­ses Leben. Im Neu­en Tes­ta­ment hin­ge­gen ist die Beru­fung die Wahl des schma­len Weges, der zur Ewig­keit führt: Die Wahl zwi­schen Tod und Leben.

Mit die­sem Text wol­len wir jeden unter­stüt­zen, der in Betracht zieht, sich ganz für Gott hin­zu­ge­ben – zual­ler­erst, indem man sich bewusst wird, wie sehr sich die von Jesus gelehr­te Hin­ga­be von den geläu­fi­gen Vor­stel­lun­gen unter­schei­det. Aber wir wol­len auch den Weg Jesu zusam­men mit ande­ren immer bes­ser ken­nen­ler­nen und gemein­sam gehen. Wir hof­fen, dass Du durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Bibel­stel­len und Gedan­ken die Fra­ge der Beru­fung aus einer neu­en Per­spek­ti­ve sehen kannst. Sicher­lich sind wir hier nicht auf alles ein­ge­gan­gen. Wenn Du Fra­gen oder Anre­gun­gen hast oder wenn Du dar­über nach­denkst, was wir geschrie­ben haben, wür­den wir uns freu­en, wenn Du uns kon­tak­tierst.


Fußnoten

  1. Grie­chisch kaleo bedeu­tet u. a. „rufen, auf­ru­fen, beru­fen, ein­la­den, benennen“.
  2. Mehr dar­über haben wir im Arti­kel Gott ist Lie­be geschrieben.
  3. Bis vor Kur­zem wur­de der Name Junia als männ­li­cher Name Juni­as über­setzt – so z. B. Schlach­ter. Wegen einer Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der gram­ma­ti­schen Form die­ses Wor­tes (die Schreib­wei­se wäre in bei­den Fäl­len gleich, der Akzent über dem letz­ten Buch­sta­ben macht den Unter­schied aus) und weil der Gedan­ke von einer Frau, die in der Kir­che Auto­ri­tät genießt, zu den spä­te­ren dok­tri­na­len Vor­stel­lun­gen nicht pass­te. Der männ­li­che Name Juni­as ist der alt­grie­chi­schen Lite­ra­tur nicht bekannt.
  4. Mehr über das bibli­sche Ver­ständ­nis über die Kir­che fin­dest du im Arti­kel Die Gemein­de im Neu­en Tes­ta­ment.
  5. Pro­fes­se ist eine Per­son, die ein Ordens­ge­lüb­de abge­legt hat.
  6. Mehr dazu im Arti­kel Über den Wert der Rein­heit.
  7. Die­se Stel­le ist auch ein Beweis, dass die bibli­schen Begrif­fe Ältes­te (pres­by­te­ros) und Bischof (epi­sko­pos – ein Auf­se­her) die­sel­ben Per­so­nen bezeich­nen – ver­glei­che Ver­se 5 und 7. Ähn­lich auch in Apos­tel­ge­schich­te 20,17.28.
  8. Mehr über die Ältes­ten fin­dest du im Arti­kel Ämter oder ver­schie­de­ne Auf­ga­ben in der Kir­che.


Grie­chisch kaleo bedeu­tet u. a. „rufen, auf­ru­fen, beru­fen, ein­la­den, benennen“.

Mehr dar­über haben wir im Arti­kel Gott ist Lie­be geschrieben.

Bis vor Kur­zem wur­de der Name Junia als männ­li­cher Name Juni­as über­setzt – so z. B. Schlach­ter. Wegen einer Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der gram­ma­ti­schen Form die­ses Wor­tes (die Schreib­wei­se wäre in bei­den Fäl­len gleich, der Akzent über dem letz­ten Buch­sta­ben macht den Unter­schied aus) und weil der Gedan­ke von einer Frau, die in der Kir­che Auto­ri­tät genießt, zu den spä­te­ren dok­tri­na­len Vor­stel­lun­gen nicht pass­te. Der männ­li­che Name Juni­as ist der alt­grie­chi­schen Lite­ra­tur nicht bekannt.

Mehr über das bibli­sche Ver­ständ­nis über die Kir­che fin­dest du im Arti­kel Die Gemein­de im Neu­en Tes­ta­ment.

Pro­fes­se ist eine Per­son, die ein Ordens­ge­lüb­de abge­legt hat.

Mehr dazu im Arti­kel Über den Wert der Rein­heit.

Die­se Stel­le ist auch ein Beweis, dass die bibli­schen Begrif­fe Ältes­te (pres­by­te­ros) und Bischof (epi­sko­pos – ein Auf­se­her) die­sel­ben Per­so­nen bezeich­nen – ver­glei­che Ver­se 5 und 7. Ähn­lich auch in Apos­tel­ge­schich­te 20,17.28.

Mehr über die Ältes­ten fin­dest du im Arti­kel Ämter oder ver­schie­de­ne Auf­ga­ben in der Kir­che.