Früh­christ­li­ches Leben: Zita­te zeit­ge­nös­si­scher Autoren

Schlagwörter: Gemeinde/Kirche

Die Chris­ten des 2. und 3. Jahr­hun­derts hiel­ten sich von welt­li­chen Ver­gnü­gun­gen fern und nah­men nicht an öffent­li­chen Fes­ten, Spie­len oder reli­giö­sen Fei­er­lich­kei­ten teil. Sie mahn­ten die Men­schen, ihre Sün­den los­zu­las­sen und ihr Leben zu ändern. Dadurch erfuh­ren sie viel Ableh­nung und wur­den in der Gesell­schaft als Außen­sei­ter betrach­tet. Es wur­den schau­er­li­che Gerüch­te über sie ver­brei­tet. Wäh­rend der staat­li­chen Ver­fol­gun­gen wur­den vie­le ver­ur­teilt, ohne dass ihnen irgend­ein Ver­ge­hen nach­ge­wie­sen wer­den konnte.

Die­se Samm­lung von Tex­ten früh­christ­li­cher Autoren gibt einen ers­ten Ein­blick in die dama­li­ge Situa­ti­on und ist eine Ergän­zung zu unse­rem Arti­kel über das Leben der ers­ten Chris­ten.

1 Jus­tin

Im Fol­gen­den zitie­ren wir Aus­zü­ge aus der ers­ten und zwei­ten Apo­lo­gie von Jus­tin dem Mär­ty­rer (ca. 100–165 n. Chr.).

1.1 Jen­seits­hoff­nun­gen der Christen

Daß wir aber die­ses zu eurem Bes­ten dar­ge­legt haben, erken­net dar­aus, daß es ja bei uns stün­de zu leug­nen, wenn wir ver­hört wer­den. Aber wir wol­len nicht mit Lügen leben. Denn in der Sehn­sucht nach dem ewi­gen und rei­nen Leben stre­ben wir nach dem Zusam­men­sein mit Gott, dem Vater und Schöp­fer des Alls, und eilen zum Bekennt­nis­se, da wir über­zeugt sind und fest glau­ben, daß die­ses Leben die­je­ni­gen erlan­gen kön­nen, die Gott durch Wer­ke bewie­sen haben, daß sie ihm anhan­gen und nach dem Auf­ent­hal­te bei ihm ver­lan­gen, wo kei­ne Schlech­tig­keit Pein ver­ur­sacht. Dies also ist es, kurz gesagt, was wir erwar­ten und was wir von Chris­tus gelernt haben und leh­ren. Pla­ton hat übri­gens in glei­cher Wei­se gesagt, daß Rad­aman­thys und Minos die Unge­rech­ten, wenn sie vor ihnen erschei­nen,  bestra­fen wer­den; wir aber sagen, daß das Glei­che gesche­hen wer­de durch Chris­tus und daß sie in ihren ursprüng­li­chen Lei­bern mit ihren See­len eine ewig wäh­ren­de Stra­fe erdul­den wer­den, nicht nur eine tau­send­jäh­ri­ge, wie jener annahm. Will man das für unglaub­lich oder für unmög­lich erklä­ren, so geht doch die­ser Irr­tum nur uns, nicht einen andern an, solan­ge wir nicht eines tat­säch­li­chen Ver­ge­hens über­führt wer­den.[1]

1.2 Aus­sprü­che Chris­ti über die Keusch­heit und Nächstenliebe

Über die Keusch­heit sag­te er fol­gen­des: „Wer nach einem Wei­be sieht, um es zu begeh­ren, der hat schon im Her­zen vor Gott Ehe­bruch began­gen“. Und: „Wenn dein rech­tes Auge dich ärgert, reiß es aus; denn es ist dir bes­ser, ein­äu­gig in das Him­mel­reich ein­zu­ge­hen, als mit bei­den Augen in das ewi­ge Feu­er gewor­fen zu wer­den“. Und: „Wer eine von einem ande­ren Mann Ent­las­se­ne hei­ra­tet, bricht die Ehe“. Und: „Es gibt sol­che, die von den Men­schen ver­schnit­ten wor­den sind; es gibt auch sol­che, die als Ver­schnit­te­ne gebo­ren wur­den; es gibt aber auch sol­che, die sich selbst ver­schnit­ten haben um des Him­mel­rei­ches wil­len, nur fas­sen das nicht alle“. Also sind nach dem Urtei­le unse­res Leh­rers sowohl die, wel­che eine vom mensch­li­chen Geset­ze erlaub­te zwei­te Ehe schlie­ßen, Sün­der als auch die, wel­che ein Weib anse­hen, um es zu begeh­ren. Denn nicht nur, wer tat­säch­lich die Ehe bricht, ist nach ihm ver­wor­fen, son­dern auch, wer ehe­bre­chen will, da Gott nicht bloß die Hand­lun­gen, son­dern auch die Gedan­ken offen­bar sind. Und gar vie­le Män­ner und Frau­en, die von Jugend auf Schü­ler Chris­ti gewe­sen sind, blei­ben mit sech­zig oder sieb­zig Jah­ren keusch, und ich getraue mir, sol­che in jedem Stan­de von Men­schen auf­zu­wei­sen, ganz zu schwei­gen von der unzäh­li­gen Men­ge derer, die nach einem zügel­lo­sen Leben sich bekehrt und die­se Grund­sät­ze ange­nom­men haben. Denn nicht die Gerech­ten und Ent­halt­sa­men hat Chris­tus zur Sin­nes­än­de­rung beru­fen, son­dern die Gott­lo­sen, die Aus­schwei­fen­den und die Unge­rech­ten. Denn so hat er gespro­chen: „Nicht bin ich gekom­men, Gerech­te zur Buße zu beru­fen, son­dern Sün­der“. Will doch der himm­li­sche Vater die Buße des Sün­ders mehr als sei­ne Bestra­fung.[2]

1.3 Chris­ti Leh­ren von der Geduld, Wahr­haf­tig­keit und werk­tä­ti­gen Frömmigkeit

Über die Pflicht, gedul­dig, gegen alle dienst­fer­tig und sanft­mü­tig zu sein, spricht er sich also aus: „Wer dich auf die Wan­ge schlägt, dem bie­te auch die ande­re dar, und wer dir den Rock oder den Man­tel nimmt, dem weh­re es nicht. Wer zürnt, der ist des Feu­ers schul­dig. Mit jedem, der dich zu einer Mei­le nötigt, gehe zwei mit. Es sol­len leuch­ten eure guten Wer­ke vor den Men­schen, damit die­se sie sehen und euren Vater im Him­mel bewun­dern“. Wir dür­fen also nicht Wider­stand leis­ten, und er hat kei­nes­wegs gewollt, daß wir es den Bösen nach­tun, er hat uns viel­mehr ermahnt, durch Geduld und Sanft­mut alle von der Schan­de und von der Lust am Schlech­ten abzu­brin­gen. Das kön­nen wir auch an vie­len, die frü­her bei euch waren, nach­wei­sen: sie haben ihr gewalt­tä­ti­ges und her­ri­sches Wesen abge­legt, über­wun­den ent­we­der durch den Anblick des gedul­di­gen Lebens ihrer Nach­barn oder durch Beach­tung der außer­or­dent­li­chen Sanft­mut über­vor­teil­ter Rei­se­ge­nos­sen oder dadurch, daß sie die­se an sol­chen erprob­ten, mit denen sie Geschäf­te machten.

Daß wir fer­ner in kei­nem Fal­le schwö­ren, aber immer die Wahr­heit sagen sol­len, dazu hat er uns mit die­sen Wor­ten auf­ge­for­dert: „Schwö­ret gar nicht; es sei aber euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein; was dar­über ist, das ist vom Bösen“. Daß man fer­ner Gott allein anbe­ten soll, hat er mit fol­gen­den Wor­ten vor­ge­schrie­ben: „Das höchs­te Gebot ist: Den Herrn dei­nen Gott sollst du anbe­ten und ihm allein die­nen aus dei­nem gan­zen Her­zen und mit dei­ner gan­zen Kraft, Gott den Herrn, der dich erschaf­fen hat“. Und als einer zu ihm hin­trat und ihn „guter Meis­ter“ anre­de­te, erwi­der­te er: „Nie­mand ist gut, als Gott allein, der alles erschaf­fen hat“.

Die nun, deren Lebens­wan­del nicht so befun­den wird, wie er gelehrt hat, sol­len nicht als Chris­ten ange­se­hen wer­den, auch wenn sie mit der Zun­ge die Leh­re Chris­ti beken­nen; denn er hat gesagt, daß nicht die, wel­che bloß spre­chen, son­dern die, wel­che auch die Wer­ke voll­brin­gen, zur Selig­keit gelan­gen wer­den. Er sprach näm­lich also: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr wird in das Him­mel­reich ein­ge­hen, son­dern wer den Wil­len mei­nes Vaters tut, der im Him­mel ist. Denn wer mich hört und tut, was ich sage, hört auf den, der mich gesandt hat. Vie­le wer­den zu mir sagen: Haben wir nicht in dei­nem Namen geges­sen und getrun­ken und Wun­der gewirkt? Und dann wer­de ich zu ihnen spre­chen: Wei­chet von mir, ihr Übel­tä­ter. Dann wird Heu­len und Zäh­ne­knir­schen sein, wenn die Gerech­ten leuch­ten wie die Son­ne, die Unge­rech­ten aber ins ewi­ge Feu­er gewie­sen wer­den. Denn vie­le wer­den kom­men in mei­nem Namen, die äußer­lich in Schafs­pel­ze geklei­det, inner­lich aber rei­ßen­de Wöl­fe sind; an ihren Wer­ken wer­det ihr sie erken­nen. Jeder Baum aber, der nicht gute Früch­te bringt, wird aus­ge­hau­en und ins Feu­er gewor­fen“. Daß aber sol­che, die nicht sei­nen Leh­ren ent­spre­chend leben und nur Chris­ten hei­ßen, gestraft wer­den, das ver­lan­gen wir auch von euch.[3]

1.4 Über unge­rech­te Gege­richt­lichs­ver­fah­ren gegen Christen

Eine Frau, die frü­her aus­schwei­fend gewe­sen war, leb­te mit einem las­ter­haf­ten Man­ne zusam­men. Nach­dem sie die Leh­ren Chris­ti ken­nen gelernt hat­te, war sie züch­tig gewor­den und such­te nun auch ihren Mann zu einem züch­ti­gen Wan­del zu bewe­gen, indem sie ihm die Leh­ren vor­leg­te und die Stra­fe vor­hielt, die den Unzüch­ti­gen und ver­nunft­wid­rig Leben­den im ewi­gen Feu­er bevor­steht. Der aber ver­blieb in dem­sel­ben Las­ter­le­ben und ent­frem­de­te sich durch sei­ne Hand­lungs­wei­se sei­ne Gat­tin. Denn da die Frau es für Sün­de hielt, für­der­hin mit einem Man­ne das Lager zu tei­len, der gegen das Gesetz der Natur und gegen alles Recht auf jede Wei­se sei­ne Wol­lust zu befrie­di­gen such­te, woll­te sie sich vom Ehe­ban­de tren­nen. Indes­sen von den Ihri­gen gedrängt, die ihr wei­ter­hin in der Ehe zu blei­ben rie­ten, weil sich eine Bes­se­rung des Man­nes doch noch hof­fen las­se, bezwang sie sich und blieb. Als aber ihr Mann nach Ägyp­ten gereist war und Nach­rich­ten kamen, daß er es dort noch ärger trieb, da trenn­te sie sich von ihm, um nicht an sei­nen Las­ter­ta­ten und Fre­veln, wenn sie in der Ehe ver­blieb und Tisch und Bett mit ihm gemein­sam hat­te, Anteil zu haben, und gab ihm nach römi­scher Sit­te den Schei­de­brief. Ihr treff­li­cher Gat­te aber, der sich hät­te freu­en sol­len, daß sie, die frü­her mit Die­nern und Söld­lin­gen leicht­fer­tig gelebt hat­te und dem Trun­ke und allem Las­ter erge­ben war, von die­sen Din­gen abge­kom­men war und auch ihn davon abzu­brin­gen such­te, erhob gegen sie, da sie sich von ihm gegen sei­nen Wil­len getrennt hat­te, die Ankla­ge, sie sei eine Chris­tin. Da reich­te sie bei dir, Kai­ser, eine Bitt­schrift ein, es möge ihr gestat­tet sein, zuerst ihre häus­li­chen Ange­le­gen­hei­ten zu ord­nen und erst nach ihrer Rege­lung sich über die Ankla­ge zu ver­ant­wor­ten. Und das hast du ihr zuge­stan­den. Ihr ehe­ma­li­ger Gemahl aber, der ihr einst­wei­len vor Gericht nichts anha­ben konn­te, wand­te sich nun gegen einen gewis­sen Pto­le­mä­us, der von Urbi­kus, weil er jene in der christ­li­chen Leh­re unter­rich­tet hat­te, vor­ge­la­den wur­de, und zwar auf fol­gen­de Wei­se. Den ihm befreun­de­ten Haupt­mann, der den Pto­le­mä­us ver­haf­te­te, bere­de­te er, den Pto­le­mä­us vor­zu­la­den und nur das eine zu fra­gen, ob er ein Christ sei. Als nun Pto­le­mä­us, der die Wahr­heit lieb­te und Lug und Trug ver­ab­scheu­te, sich als Christ bekann­te, ließ ihn der Haupt­mann ein­ker­kern und pei­nig­te ihn lan­ge Zeit im Gefäng­nis­se. Schließ­lich wur­de der Mensch dem Urbi­kus vor­ge­führt, aber auch hier in glei­cher Wei­se nur das eine gefragt, ob er ein Christ sei. Und wie­der­um bekann­te er sich im Bewußt­sein des Guten, das er dem christ­li­chen Unter­rich­te ver­dank­te, zu der Leh­re Chris­ti. Denn wer etwas ableug­net, der leug­net ent­we­der, weil er die Sache ver­ur­teilt, oder er will sich nicht zu einer Sache beken­nen, weil er sich ihrer für unwür­dig und fremd hält; bei­des trifft bei einem wah­ren Chris­ten nicht zu. Und als nun Urbi­kus ihn abzu­füh­ren befahl, da sprach ein gewis­ser Luci­us, der auch Christ war, ange­sichts die­ses so ver­nunft­wid­rig gefäll­ten Urteils­spru­ches zu Urbi­kus: „Aus wel­chem Grun­de hast du die­sen Men­schen, der weder ein Ehe­bre­cher noch ein Mäd­chen­schän­der noch ein Mör­der noch ein Dieb oder Räu­ber noch sonst eines Ver­bre­chens über­führt ist, son­dern sich nur zum christ­li­chen Namen bekannt hat, abfüh­ren las­sen? Dein Urteil macht dem Kai­ser Pius und des Kai­sers weis­heits­lie­ben­dem Soh­ne und dem hei­li­gen Sena­te kei­ne Ehre, Urbi­kus“. Der aber ant­wor­te­te nichts wei­ter, als daß er zu Luci­us sprach: „Auch du scheinst mir ein sol­cher zu sein“. Und als nun Luci­us ant­wor­te­te: „Ja“, da ließ er auch ihn zum Tode füh­ren. Er aber erklär­te, er sei ihm dafür noch dank­bar in Anbe­tracht des­sen, daß er von der­ar­tig schlech­ten Herr­schern befreit wer­de und zum Vater und Köni­ge des Him­mels wan­de­re. Auch noch ein Drit­ter, der hin­zu­kam, wur­de zu der glei­chen Stra­fe ver­ur­teilt.[4]

1.5 War­um die Chris­ten nicht Hand an sich selbst legen

Damit aber nie­mand sage: „Tötet euch selbst alle, gehet schon jetzt zu eurem Gott und macht uns kei­ne Sche­re­rei­en“, so will ich aus­ein­an­der­set­zen, war­um wir das nicht tun, und war­um wir doch, wenn wir ver­hört wer­den, furcht­los beken­nen. Wir sind gelehrt wor­den, daß Gott die Welt nicht zweck­los, son­dern für das Men­schen­ge­schlecht erschaf­fen habe; wir haben auch frü­her gesagt, daß er an denen, die sei­ne Voll­kom­men­hei­ten nach­ah­men, sei­ne Freu­de habe, kein Gefal­len aber an denen, die das Böse in Wort und Tat lie­ben. Woll­ten wir uns nun alle das Leben neh­men, so wür­den wir, soviel an uns liegt, schuld dar­an sein, daß kei­ner mehr gebo­ren und in den gött­li­chen Leh­ren unter­rich­tet wür­de und daß das Men­schen­ge­schlecht aus­stür­be; wir wür­den, wenn wir wirk­lich so täten, dem gött­li­chen Rat­schluß auch sel­ber ent­ge­gen­han­deln. Beim Ver­hö­re aber leug­nen wir nicht, weil wir uns kei­ner Schlech­tig­keit bewußt sind, es aber auch für Sün­de hal­ten, nicht in allem die Wahr­heit zu sagen, was nach unse­rer Über­zeu­gung auch Gott gefällt, und weil wir damit auch euch von eurem unge­rech­ten Vor­ur­teil befrei­en möch­ten.[5]

1.6 Die Stand­haf­tig­keit der Chris­ten ist der bes­te Beweis ihrer Unbescholtenheit

Denn auch ich selbst kam, als ich noch in Pla­tons Leh­ren mei­ne Befrie­di­gung fand und von den ver­leum­de­ten Chris­ten hör­te, beim Anblick ihrer Furcht­lo­sig­keit vor dem Tode und vor allem ande­ren, was für ent­setz­lich gilt, zu der Ein­sicht, daß sie unmög­lich in Las­ter­haf­tig­keit und Sin­nen­lust befan­gen sein könn­ten. Denn wel­cher Lüst­ling oder Schlem­mer, der gar Men­schen­fleisch für einen Lecker­bis­sen hält, könn­te wohl den Tod will­kom­men hei­ßen, um so sei­ner Genüs­se ver­lus­tig zu gehen? Wür­de er nicht, statt sich selbst zur Hin­rich­tung zu mel­den, viel­mehr um jeden Preis sein Leben hier auf immer fort­zu­füh­ren und vor der Obrig­keit ver­bor­gen zu blei­ben suchen? Frei­lich haben die bösen Dämo­nen jetzt durch eini­ge schlech­te Men­schen auch fol­gen­des aus­füh­ren las­sen. Als die­se auf Ange­be­rei hin, wie sie gegen uns üblich ist, eini­ge hin­rich­ten woll­ten, lie­ßen sie auch Skla­ven der Uns­ri­gen, jun­ge Bur­schen und Mäg­de, zur Fol­ter schlep­pen und zwan­gen sie durch ent­setz­li­che Mar­ter, jene erdich­te­ten Din­ge aus­zu­sa­gen, die sie selbst offen bege­hen, mit denen aber wir, da wir nichts davon an uns haben, nichts zu tun haben wol­len; haben wir doch den unge­zeug­ten und unnenn­ba­ren Gott zum Zeu­gen unse­rer Gedan­ken und Hand­lun­gen. Denn war­um könn­ten wir nicht auch die­se Din­ge öffent­lich für gut erklä­ren und sie als gött­li­che Weis­heit hin­stel­len, indem wir sag­ten, wir fei­er­ten in Men­schen­op­fern die Mys­te­ri­en des Kro­nos und wir täten, indem wir uns mit Blut berau­schen, wie man uns nach­sagt, das näm­li­che, was dem bei euch hoch­ge­ehr­ten Göt­zen­bil­de geschieht, das nicht bloß mit dem Blu­te unver­nünf­ti­ger Tie­re, son­dern auch mit Men­schen­blut besprengt wird, wobei ihr den bei euch ange­se­hens­ten und vor­nehms­ten Mann es mit dem Blu­te der Hin­ge­rich­te­ten begie­ßen las­set? Wenn wir fer­ner Män­ner schän­de­ten und scham­los mit Wei­bern ver­kehr­ten, täten wir es nur dem Zeus und den ande­ren Göt­tern nach und könn­ten uns dabei zu unse­rer Recht­fer­ti­gung auf die Schrif­ten Epi­kurs und der Dich­ter beru­fen. Da wir aber sol­che Grund­sät­ze und die, wel­che sol­che Unta­ten ver­übt haben und nach­ma­chen, zu flie­hen raten, wie wir auch in den hier vor­lie­gen­den Reden dage­gen gestrit­ten haben, wer­den wir auf aller­lei Wei­se ange­fein­det; aber das ficht uns nicht an, weil wir wis­sen, daß ein gerech­ter Gott alles sieht. Möch­te doch jetzt jemand eine hohe Büh­ne bestei­gen und mit mäch­ti­ger Stim­me her­ab­ru­fen: „Schämt euch, schämt euch, das, was ihr offen­kun­dig tut, auf Schuld­lo­se zu schie­ben, und was euch und euren Göt­tern anhaf­tet, sol­chen anzu­hef­ten, die auch nicht das Gerings­te damit zu tun haben! Ändert euch, kommt zur Besin­nung!“[6]

2 Athe­n­agoras

Im Fol­gen­den zitie­ren wir Aus­zü­ge aus der „Bitt­schrift für die Chris­ten“ des Athe­n­agoras von Athen (ca. 133–190 n. Chr.).

2.1 Über die Ver­ant­wort­lich­keit vor Gott und die Ewig­keits­hoff­nung der Christen

Fer­ner dich­ten sie uns gott­lo­se Mahl­zei­ten und Bei­la­ger an, einer­seits um sich ein­zu­re­den, daß sie uns mit Recht has­sen, ander­seits in der Erwar­tung, uns durch Ein­schüch­te­rung von unse­rer Lebens­wei­se abzu­brin­gen oder durch die Schwe­re der Ankla­gen die Behör­den gegen uns ein­zu­neh­men und zu scho­nungs­lo­sem Vor­ge­hen auf­zu­rei­zen; aber das ist doch nur ein dum­mer Spaß Leu­ten gegen­über, die in dem Kamp­fe der Schlech­tig­keit gegen die Tugend eine ganz gewöhn­li­che, uralte und nicht erst in der Gegen­wart her­vor­tre­ten­de Erschei­nung erbli­cken, wel­che die not­wen­di­ge Fol­ge eines gött­li­chen Geset­zes und Pla­nes ist. So starb Pytha­go­ras mit drei­hun­dert Gefähr­ten den Feu­er­tod; Hera­klit wur­de aus dem Staa­te der Ephe­sier, Demo­krit aus dem der Abde­ri­ten aus­ge­wie­sen, jeder, weil man ihn für wahn­sin­nig erklär­te; auch den Sokra­tes ver­ur­teil­ten die Athe­ner zum Tode. So wenig aber nun die öffent­li­che Mei­nung jenen Män­nern in Hin­sicht auf Tugend Abbruch tun konn­te, so wenig wirft auch auf uns die unver­stän­di­ge Ver­leum­dung, mit der gewis­se Leu­te uns angrei­fen, in Hin­sicht auf die Recht­lich­keit des Lebens einen Schat­ten, da wir bei Gott aner­kannt sind. Aber den­noch will ich auch die­sen Vor­wür­fen begeg­nen. Euch frei­lich sind schon mei­ne bis­he­ri­gen Dar­le­gun­gen gewiß eine aus­rei­chen­de Recht­fer­ti­gung; denn da Ihr an Ein­sicht alle über­ragt, so wißt Ihr auch, daß wir uns nie auch nur eine ganz kur­ze Gedan­ken­sün­de erlau­ben, denn da Gott die Richt­schnur für unser Leben bil­det, so ist es unser eif­rigs­tes Bestre­ben, daß das Leben eines jeden von uns in Got­tes Auge schuld­los und unta­de­lig sei. Hät­ten wir näm­lich den Glau­ben, daß sich unser Leben auf die­se Welt allein beschrän­ke, so könn­ten wir wohl auch in den Ver­dacht kom­men zu sün­di­gen, etwa indem wir den Regun­gen des Flei­sches und Blu­tes nach­ge­ben oder der Gewinn­sucht und Begehr­lich­keit unter­lie­gen. Nach­dem wir aber wis­sen, Gott wacht Tag und Nacht über unse­re Gedan­ken und Wor­te, er sieht, da er ganz Licht ist, auch unser Inne­res, nach­dem wir fer­ner über­zeugt sind, wir wer­den nach die­sem Leben ein ande­res Leben füh­ren, ent­we­der ein bes­se­res als das gegen­wär­ti­ge, ein himm­li­sches, kein irdi­sches, inso­fern wir bei Gott und mit Gott sein wer­den, durch nichts mehr in der See­le beein­flußt und beirrt, nicht als Fleisch, obwohl wir Fleisch noch haben wer­den, son­dern als himm­li­scher Geist, oder, wenn wir mit den übri­gen zusam­men­fal­len, ein schlech­te­res, ein Leben im Feu­er (denn Gott hat uns nicht wie Her­den­vieh und Zug­tie­re als Neben­sa­che erschaf­fen mit der Bestim­mung umzu­kom­men und zu ver­schwin­den), nach all dem ist nicht zu erwar­ten, daß wir Schlech­tes bege­hen und uns der Bestra­fung des gro­ßen Rich­ters aus­set­zen wol­len.[7]

2.2 Über die Rein­heit in der Gesinnung

Zwar nimmt es uns nicht wun­der, wenn sie uns Din­ge andich­ten, die sie von ihren eige­nen Göt­tern aus­sa­gen; sie stel­len ja deren Lei­den­schaf­ten als Mys­te­ri­en dar; nur soll­ten sie dann, nach­dem sie ein­mal einen unge­zü­gel­ten und unter­schieds­lo­sen Geschlechts­ver­kehr für etwas Arges hal­ten, auch den Zeus ver­ab­scheu­en, der mit sei­ner Mut­ter Rhea und mit sei­ner Toch­ter Kore Kin­der erzeug­te und sei­ne eige­ne Schwes­ter zur Gemah­lin hat­te, oder den Erfin­der sol­cher Mären, den Orpheus, weil er den Zeus noch unhei­li­ger und befleck­ter als einen Thy­es­tes schil­der­te; auch die­ser hat einem Ora­kel­spru­che fol­gend sei­ner Toch­ter sich bei­gesellt, um sich Herr­schaft und Recht zu ver­schaf­fen. Wir hin­ge­gen sind von einem unter­schieds­lo­sen Geschlechts­ver­kehr so weit ent­fernt, daß uns nicht ein­mal ein begehr­li­cher Blick erlaubt ist. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begeh­ren,“ heißt es, „hat schon die Ehe gebro­chen in sei­nem Hei­zen.“ Was berech­tigt, an der Rein­heit des Lebens­wan­dels derer zu zwei­feln, die von den Augen kei­nen wei­te­ren Gebrauch machen dür­fen als den, wozu Gott sie bil­de­te, näm­lich daß sie uns Licht sei­en, denen also schon der sinn­li­che Blick als Ehe­bruch aus­ge­legt wird, weil die Augen ande­ren Zwe­cken die­nen, und bei denen das kom­men­de Gericht sich sogar auf das blo­ße Den­ken erstreckt? Denn unse­re Ver­ant­wor­tung erfolgt nicht nach Men­schen­sat­zun­gen, denen ein Böse­wicht wohl auch ent­ge­hen kann (schon anfangs such­te ich Euch von dem gött­li­chen Ursprung unse­rer Leh­re zu über­zeu­gen), son­dern wir haben ein Gesetz, einen Auf­trag, der bewirkt hat, daß wir in der rech­ten Selbst‐ und Nächs­ten­lie­be das Voll­maß der Gerech­tig­keit erbli­cken. Je nach dem Alter betrach­ten wir daher die einen als Söh­ne und Töch­ter, ande­re behan­deln wir wie Brü­der und Schwes­tern, die Älte­ren ehren wir wie Väter und Müt­ter. Und nun liegt uns alles dar­an, daß die Lei­ber derer, die wir für Brü­der anse­hen und Schwes­tern und was es sonst noch für Ver­wandt­schafts­na­men gibt, unent­weiht und unbe­fleckt blei­ben, da uns aber­mals der Logos sagt: „Wenn jemand des­we­gen zum zwei­ten­mal küßt, weil es ihm gefal­len hat“ und bei­fügt: „So also mit Vor­sicht muß man den Kuß oder viel­mehr den Gruß geben, da er uns des ewi­gen Lebens berau­ben wür­de, wenn er irgend­wie durch die Gesin­nung getrübt wür­de.“[8]

2.3 Über die Keusch­heit der Chris­ten – Ver­ur­tei­lung des Ehebruchs

Da wir also Hoff­nung auf ein ewi­ges Leben haben, so erstreckt sich unse­re Welt­ver­ach­tung selbst auf sol­che Genüs­se, die nur in Vor­stel­lun­gen bestehen. Jeder von uns hat auch nur ein Weib, das er nach den von uns auf­ge­stell­ten Geset­zen geehe­licht hat, und zwar nur zum Zwe­cke der Kin­der­er­zeu­gung. Denn wie der Land­mann, wenn er die Saat dem Scho­ße der Erde anver­traut hat, den Ern­te­tag abwar­tet, ohne neue Saat aus­zu­streu­en, so hat auch bei uns die Begier­de ihr Ziel in der Kin­der­er­zeu­gung. Indes kann man unter unse­ren Glau­bens­ge­nos­sen vie­le fin­den, Män­ner und Frau­en, die alt wer­den, ohne zu hei­ra­ten, in der Hoff­nung auf um so inni­ge­ren Ver­kehr mit Gott. Wenn das Ver­har­ren im jung­fräu­li­chen Stan­de bei­de Geschlech­ter Gott näher bringt, wenn schon ein Gedan­ke oder eine Begier­de von ihm weg­führt, so ver­ab­scheu­en wir noch viel mehr die Voll­brin­gung des­sen, was wir uns nicht ein­mal zu den­ken erlau­ben. Denn nicht im Aus­sin­nen schö­ner Sprü­che besteht unser Leben, son­dern in der Aus­füh­rung schö­ner Taten und in der Anlei­tung hie­zu, auf daß ein jeder blei­be, wie er gebo­ren ist, oder nur ein­mal sich ver­ehe­li­che. Denn die zwei­te Ehe ist nur ein ver­bräm­ter Ehe­bruch. „Denn wer sein Weib ent­läßt,“ sagt unser Leh­rer, „und eine ande­re hei­ra­tet, bricht die Ehe“; es ist also kei­nem gestat­tet, die­je­ni­ge zu ver­las­sen, deren Jung­f­rau­schaft er auf­ge­ho­ben, und eine zwei­te Hei­rat ein­zu­ge­hen. Wer sich näm­lich sei­nes ers­ten Wei­bes ent­le­digt (und eine ande­re hei­ra­tet), ist ein ver­steck­ter Ehe­bre­cher, selbst dann noch, wenn jene gestor­ben ist. Denn er über­tritt die Anord­nung Got­tes, der im Anfang nur einen Mann und nur ein Weib bil­de­te, und löst jenes eini­gen­de Band, das zum Zwe­cke eines geord­ne­ten Geschlechts­ver­kehrs zwi­schen Fleisch und Fleisch geknüpft ist.[9]

2.4 Chris­ten ver­ab­scheu­en Mord – Ver­ur­tei­lung der Abtreibung

Wel­cher Ver­stän­di­ge soll­te nun uns, Leu­te von sol­chen Grund­sät­zen, noch des Men­schen­mor­des bezich­ti­gen? Man müß­te ja, um Men­schen­fleisch essen zu kön­nen, zuvor einen Men­schen töten. Wie sie nun im ers­ten Stü­cke lügen, so auch im zwei­ten. Fragt man sie, ob sie denn schon gese­hen haben, was sie behaup­ten, so hat kei­ner die Frech­heit, ja zu sagen. Und doch haben wir auch Skla­ven, die einen mehr, die andern weni­ger, vor denen man nicht ver­bor­gen blei­ben kann. Aber selbst aus die­sen hat noch nie einer so etwas uns auch nur ange­dich­tet. Wie könn­te auch einer von Leu­ten, die es nicht ein­mal über sich brin­gen, bei einer gerech­ten Tötung zuzu­se­hen, Men­schen­mord und Men­schen­fraß aus­sa­gen? Wer rech­net die Gla­dia­to­ren­spie­le und Tier­kämp­fe, beson­ders die von Euch ver­an­stal­te­ten, nicht zu den Din­gen, die eif­ri­ge Beach­tung ver­die­nen? Doch macht es nach unse­rer Auf­fas­sung kei­nen gro­ßen Unter­schied, ob man bei einer Tötung zuschaut oder sie selbst voll­zieht, und des­halb haben wir den Anblick sol­cher Sze­nen ver­bo­ten. Wie soll­ten also wir, die nicht ein­mal zuse­hen, damit uns nicht Blut­schuld und Fre­vel befle­cke, jemand töten kön­nen? Wie soll­ten wir, die da behaup­ten, daß jene Frau­en, die zur Her­bei­füh­rung eines Abor­tus Medi­ka­men­te anwen­den, Men­schen­mör­de­rin­nen sind und sich einst bei Gott dar­über zu ver­ant­wor­ten haben, Men­schen umbrin­gen kön­nen? Es wäre doch sehr inkon­se­quent zu behaup­ten, auch der Embryo sei schon ein Mensch und Gegen­stand gött­li­cher Für­sor­ge, und ihn dann, wenn er das Licht der Welt erblickt hat, zu töten; und die Aus­set­zung eines Kin­des zu ver­bie­ten, weil Kinds­aus­set­zung einem Kinds­mor­de gleich­kommt, das­sel­be aber dann, wann es her­an­ge­wach­sen ist, zu besei­ti­gen. Wir sind aber in jeder Hin­sicht und in allen Din­gen sehr kon­se­quent; denn wir sind Die­ner der Ver­nunft, nicht Ver­dre­her der­sel­ben.[10]

3 Minu­ci­us Felix

Im Fol­gen­den zitie­ren wir Aus­zü­ge aus dem Werk „Octa­vi­us“ von Minu­ci­us Felix (3. Jahr­hun­dert). Es han­delt sich um „ein reli­giö­ses Streit­ge­spräch zwi­schen dem Chris­ten Octa­vi­us Ianu­a­r­i­us und dem Hei­den Cae­ci­li­us Nata­lis mit dem Ver­fas­ser Minu­ci­us Felix als Schieds­rich­ter.“[11] Die­ser Dia­log ver­an­schau­licht die wich­tigs­ten Argu­men­te des frü­hen Chrs­ten­tums und sei­ner heid­ni­schen Gegner.

3.1 Aus der Ankla­ge des Caecilius

1. Unter allen Völ­kern herrscht also eine fes­te Über­ein­stim­mung über das Dasein unsterb­li­cher Göt­ter, mag auch ihr Wesen oder ihr Ursprung noch so unge­wiß sein. Daher kann ich es nicht bil­li­gen, wenn jemand mit so gro­ßer Ver­mes­sen­heit und so gott­lo­ser Auf­ge­klärt­heit auf­tritt, daß er die­se so alte, so nütz­li­che, so heil­sa­me Reli­gi­on auf­zu­lö­sen oder zu schwä­cher trach­tet. 2. Mögen auch ein Theo­do­rus von Cyre­ne oder schon vor­her Dia­goras von Melos, wel­chem die Alten den Bei­na­men „Got­tes­leug­ner“ gege­ben, durch die Leug­nung der Göt­ter alle reli­giö­se Scheu, die vor­her die Mensch­heit beherrsch­te, sowie die Got­tes­ver­eh­rung auf­ge­ho­ben haben; nie wer­den sie mit die­ser gott­lo­sen Leh­re ihrer fal­schen Phi­lo­so­phie einen Namen und Bedeu­tung gewin­nen. 3. Die Athe­ner haben einen Prot­agoras von Abde­ra, wel­cher mehr mit ruhi­ger Über­le­gung, als fri­vol über die Gott­heit sich aus­sprach, aus ihrem Lan­de ver­bannt und sei­ne Schrif­ten in der Volks­ver­samm­lung ver­brannt. Ist es da nicht sehr zu bedau­ern, wenn Leu­te – ihr wer­det ent­schul­di­gen, wenn ich im Eifer für die über­nom­me­ne Sache mei­nen Gefüh­len frei­en Lauf las­se – ich sage Leu­te einer bejam­mern­swer­ten, uner­laub­ten und ver­zwei­fel­ten Gesell­schaft gegen die Göt­ter los­zie­hen? 4. Es sind das Leu­te, wel­che aus der unters­ten Hefe des Vol­kes Unwis­sen­de und leicht­gläu­bi­ge Wei­ber, die ja schon wegen der Schwä­che ihres Geschlechts leicht zu gewin­nen sind, sam­meln und eine ruch­lo­se Ver­schwö­rer­ban­de bil­den. Sie ver­brü­dert sich in nächt­li­chen Zusam­men­künf­ten und bei fei­er­li­chem Fas­ten und unmensch­li­chen Gela­gen nicht etwa durch eine hei­li­ge Zere­mo­nie, son­dern durch ein unsühn­ba­res Ver­bre­chen, ein duck­mäu­se­ri­ges und licht­scheu­es Volk, stumm in der Öffent­lich­keit, nur in den Win­keln gesprä­chig. Die Tem­pel ver­ach­ten sie als Grab­mä­ler, die Göt­ter ver­feh­men sie, über die Opfer lachen sie. Sie bemit­lei­den, selbst bemit­lei­dens­wert, wenn man so sagen darf, die Pries­ter, ver­schmä­hen Ehren­stel­len und Pur­pur­klei­der, obwohl sie selbst fast nicht fähig sind, ihre Blö­ße zu decken. 5. Welch merk­wür­di­ge Tor­heit und unglaub­li­che Keck­heit! Sie machen sich nichts aus gegen­wär­ti­gen Mar­tern, wäh­rend sie unge­wis­se in der Zukunft fürch­ten. Sie ster­ben auf Erden ohne Furcht, fürch­ten aber einen Tod nach dem Tode. So täuscht sie eine Hoff­nung hin­weg über die Angst und beschwich­tigt sie durch den Trost­blick auf ein neu­es Leben.[12]

1. Und wie das Böse stets beson­ders üppig wuchert, so wer­den die­se abscheu­li­chen Hei­lig­tü­mer einer ruch­lo­sen Gesell­schaft bei der täg­lich zuneh­men­den Sit­ten­ver­derb­nis bereits auf der gan­zen Erde immer häu­fi­ger. Gründ­lich aus­rot­ten und ver­flu­chen muß man unbe­dingt die­se Ver­ei­ni­gung. 2. Sie erken­nen sich an gehei­men Merk­ma­len und Zei­chen und lie­ben sich gegen­sei­tig fast, bevor sie sich ken­nen. Allent­hal­ben üben sie auch unter sich sozu­sa­gen eine Art von Sinn­lich­keits­kult; unter­schieds­los nen­nen sie sich Brü­der und Schwes­tern: so wird sogar die gewöhn­li­che Unzucht durch die­sen hei­li­gen Namen zur Blut­schan­de. So prahlt ihr gehalt‐ und sinn­lo­ser Aber­glau­be noch mit Schand­ta­ten. 3. Wenn dem kei­ne Wahr­heit zugrun­de läge, wür­de nicht das scharf­sich­ti­ge Gerücht von die­sen Leu­ten so ruch­lo­se Din­ge erzäh­len, die man, ohne vor­her um Ent­schul­di­gung zu bit­ten, gar nicht sagen darf. Höre ich doch, daß sie den Kopf eines Esels, die­ses ver­ächt­li­chen Tie­res, wei­hen und ich weiß nicht in wel­chem Wahn ver­eh­ren, ein Kult, wür­dig sol­cher Sit­ten und aus ihnen ent­sprun­gen. 4. Ande­re erzäh­len, sie ver­ehr­ten sogar die Geni­ta­li­en ihres Vor­ste­hers und Pries­ters und bete­ten so gleich­sam ihres Vaters Schöp­fer­kraft an. Die­ser Arg­wohn kann falsch sein, aber jeden­falls stimmt er zu ihren gehei­men und nächt­li­chen Fei­ern. Wer fer­ner einen Men­schen, der für ein Ver­bre­chen mit der här­tes­ten Stra­fe belegt wur­de, sowie das tod­brin­gen­de Kreu­zes­holz als Gegen­stand ihrer Ver­eh­rung anführt, schreibt ihnen Alta­re zu, wie sie für ver­lo­re­ne und ver­kom­me­ne Exis­ten­zen pas­sen; sie wür­den ver­eh­ren, was sie eigent­lich ver­die­nen. 5. Nun gar die Geschich­te von der Wei­he neu­er Mit­glie­der; sie ist eben­so abscheu­lich wie bekannt. Ein Kind, mit Teig­mas­se bedeckt, um die Arg­lo­sen zu täu­schen, wird dem Ein­zu­wei­hen­den vor­ge­setzt. Die­ses Kind wird von dem Neu­ling durch Wun­den getö­tet, die sich dem Auge völ­lig ent­zie­hen; er selbst hält durch die Teig­hül­le getäuscht die Sti­che für unschäd­lich. Das Blut des Kin­des – welch ein Greu­el –schlür­fen sie gie­rig, sei­ne Glied­ma­ßen ver­tei­len sie mit wah­rem Wett­ei­fer. Durch die­ses Opfer ver­brü­dern sie sich, durch die Mit­wis­sen­schaft um ein sol­ches Ver­bre­chen ver­bür­gen sie sich gegen­sei­ti­ges Still­schwei­gen. Sol­che hei­li­ge Gebräu­che sind schänd­li­cher als jeg­li­che Hei­lig­tums­schän­dung. 6. Bekannt sind auch Ihre Schmau­se­rei­en. Alles redet davon, auch unser Cir­ten­ser zeugt dafür in sei­ner Erör­te­rung. An einem fest­li­chen Tag ver­sam­meln sie sich mit allen Kin­dern, Schwes­tern, Müt­tern, Leu­te jeg­li­chen Geschlechts und Alters zum Schmau­se. Ist hier­auf nach einem reich­li­chen Gast­mahl die Tisch­ge­sell­schaft erhitzt und die Glut unrei­ner Lust durch Trun­ken­heit ent­brannt, so wird ein Hund, der an den Leuch­ter gebun­den ist, durch einen vor­ge­wor­fe­nen Bis­sen gereizt. Er stürzt los und springt zum Fang über die Län­ge der Schnur, mit wel­cher er gebun­den ist, hin­aus. Dadurch wird das ver­rä­te­ri­sche Licht umge­sto­ßen und erlischt. Nun schlin­gen sie in einer der Scham­lo­sig­keit güns­ti­gen Fins­ter­nis die Ban­de unsag­ba­rer Lei­den­schaft, wie es gera­de der Zufall fügt. So sind sie, wenn auch nicht alle durch die Tat, wenigs­tens durch ihr Mit­wis­sen in glei­cher Wei­se blut­schän­de­risch; ent­spricht ja alles, was durch die Hand­lung des ein­zel­nen gesche­hen mag, dem Wun­sche der Gesamt­heit.[13]

1. Nicht ein­mal von der Gegen­wart laßt ihr euch beleh­ren, wie trü­ge­risch die Ver­hei­ßun­gen und nich­tig die Wün­sche sind, durch wel­che ihr euch täu­schen läßt. Urteilt doch, ihr Unse­li­gen, nach den Erfah­run­gen in eurem Leben, was nach dem Tode euer Los sein wird. 2. Seht nur! Ein Teil von euch, und zwar der grö­ße­re und eurer Mei­nung nach der bes­se­re, lei­det Not und friert, hun­gert und plagt sich ab. Euer Gott dul­det das und tut, als sähe er das nicht. Er will oder kann den Sei­ni­gen nicht hel­fen: also ist er ent­we­der macht­los oder unge­recht! 3. Der du von einer Unsterb­lich­keit nach dem Tode träumst, merkst du noch nicht, wie es um dich steht, wenn dich eine lebens­ge­fähr­li­che Krank­heit durch­schau­ert, das Fie­ber dich durch­glüht, wenn du von Schmerz geplagt wirst? Erkennst du noch nicht dei­ne Hin­fäl­lig­keit? Wider Wil­len wirst du, Unglücks­mensch, dei­ner Gebrech­lich­keit über­wie­sen und doch willst du es nicht geste­hen! 4. Aber ich will nicht län­ger von all­ge­mei­nen Tat­sa­chen reden. Doch seht! Euch tref­fen dro­hen­de Erlas­se, Hin­rich­tun­gen, Fol­ter und Kreu­ze – aber nicht um sie anzu­be­ten son­dern um sie zu bestei­gen – auch Feu­ers­glu­ten, wie ihr es vor­aus­ver­kün­det und fürch­tet. Wo ist da jener Gott, wel­cher den Wie­der­auf­le­ben­den hel­fen kann, aber nicht den Leben­den? 5. Herr­schen und regie­ren nicht die Römer ohne euren Gott, sind sie nicht ohne ihn im Genus­se des gan­zen Erd­krei­ses und auch eure Gebie­ter? Ihr dage­gen seid stets in Sor­ge und Angst und ent­hal­tet euch der ehr­ba­ren Ver­gnü­gun­gen. Ihr besucht kei­ne Schau­spie­le, nehmt an den öffent­li­chen Pro­zes­sio­nen nicht teil; die öffent­li­chen Gast­mäh­ler und die hei­li­gen Spie­le fin­den ohne euch statt. Ihr ver­schmäht die Spei­sen, wel­che den Göt­tern geop­fert und die Geträn­ke, wel­che auf ihren Altä­ren geweiht wur­den. Dem­nach fürch­tet ihr doch die Göt­ter, die ihr leug­net! 6. Ihr bekränzt nicht mit Blu­men euer Haupt, gönnt dem Leib kei­ne Wohl­ge­rü­che. Ihr spart die Sal­ben auf für die Leich­na­me, ver­sagt aber dafür den Grä­bern die Blu­men­krän­ze, ihr schlot­tern­den Bleich­ge­sich­ter, wür­dig des Mit­leids – aber unse­rer Göt­ter. So ersteht ihr Armen weder nach dem Tode, noch lebt ihr vor dem­sel­ben. 7. Wenn ihr also noch ein biß­chen Klug­heit oder Ehr­ge­fühl habt, so höret auf, Him­mels­zo­nen, der Wel­ten Schick­sal und Geheim­nis­se zu ergrün­den. Es soll euch genü­gen, das zu erken­nen, was euch sozu­sa­gen vor den Füßen liegt, zumal für Leu­te ohne Gelehr­sam­keit und Bil­dung, ohne Erzie­hung und Lebens­art, die nichts von poli­ti­schen Din­gen ver­ste­hen, um wie­viel weni­ger gött­li­che Din­ge erör­tern kön­nen.[14]

3.2 Aus der Ver­tei­di­gungs­re­de des Octavius

3.2.1 Chris­ten haben ein rei­nes Gewissen

1. Wie sehr es aber unge­recht ist, ohne vor­he­ri­ge Kennt­nis­nah­me und Prü­fung abzu­ur­tei­len, wie ihr tut, das glaubt uns, die wir selbst das glei­che bedau­ern müs­sen. 2. Denn auch wir waren die glei­chen wie ihr; wir dach­ten gera­de­so wie ihr, solan­ge wir noch eins­tens ver­blen­det und ver­stockt waren, näm­lich daß die Chris­ten unge­heu­er­li­che Din­ge ver­ehr­ten, Kin­der frä­ßen, unzüch­ti­ge Gela­ge mit­ein­an­der fei­er­ten. Dabei haben wir nicht bemerkt, daß über sie sol­che Fabeln immer in Umlauf gesetzt, aber nie­mals unter­sucht oder bewie­sen wur­den und daß in der lan­gen Zeit kein ein­zi­ger den Ver­rä­ter spiel­te, nicht um Ver­zei­hung der Schuld, son­dern um den Dank für die Anzei­ge zu ern­ten; ja daß es sich so wenig um etwas Böses hand­le, daß der ange­klag­te Christ weder errö­te­te noch ver­zag­te, nur eines bedau­er­te, nicht frü­her schon Christ gewor­den zu sein. 3. Wir aber, die wir doch in ein­zel­nen Fäl­len Tem­pel­räu­ber und Blut­schän­der, sogar Vater­mör­der zur Ver­tei­di­gung und Ver­tre­tung über­nah­men, glau­ben sie gar nicht anhö­ren zu müs­sen. Ja bis­wei­len wüte­ten wir aus Mit­leid um so grau­sa­mer gegen sie; wir fol­ter­ten die Beken­ner, um sie vor dem Tod zu ret­ten, bis zum Wider­ruf. So wand­ten wir bei ihnen eine wider­sin­ni­ge Unter­su­chungs­art an, die nicht die Wahr­heit ergrün­den, son­dern zur Lüge nöti­gen soll­te. 4. Wenn dann ein Schwä­che­rer, von Schmerz erdrückt und über­wäl­tigt, sein Chris­ten­tum abge­leug­net hat­te, dann waren wir ihm gewo­gen, wie wenn er durch Abschwö­rung des Chris­ten­na­mens schon alle sei­ne Schand­ta­ten durch die­se Ver­leug­nung gut­ma­chen wür­de. 5. Erkennt ihr nun, daß wir ganz gleich gedacht und gehan­delt haben, wie ihr denkt und han­delt?…[15]

3.2.2 Ver­ur­tei­lung von Mord und Abtreibung

1. Jetzt möch­te ich mich an den wen­den, wel­cher behaup­tet oder glaubt, wir wür­den unse­re Auf­nah­me erhal­ten durch die Ermor­dung und das Blut eines Kin­des. Hältst du das für mög­lich, daß ein so wei­cher und klei­ner Kör­per für tod­brin­gen­de Wun­den emp­fäng­lich ist, daß jemand solch jun­ges Blut eines Neu­ge­bo­re­nen, der kaum schon ein Mensch ist, durch Hin­mor­den ver­gie­ße, aus­sprit­ze und schlür­fe. Nie­mand kann das glau­ben, außer wer fähig ist, es auch zu tun. 2. Euch aller­dings sehe ich die neu­ge­bo­re­nen Kin­der bald den wil­den Tie­ren und Vögeln aus­set­zen, bald durch Erdros­seln auf jäm­mer­li­che Wei­se aus dem Leben schaf­fen. Man­che Wei­ber ver­nich­ten im eige­nen Lei­be durch ein­ge­nom­me­ne Arz­nei­en den Keim künf­ti­gen Lebens und bege­hen einen Kinds­mord, ehe sie gebä­ren. 3. Die­se Din­ge kom­men aller­dings vom Bei­spiel eurer Göt­ter her. …[16]

3.2.3 Über die Keusch­heit, Beschei­den­heit und brü­der­li­che Lie­be der Christen

1. Über unzüch­ti­ge Gast­mäh­ler hat sodann die Dämo­nen­ban­de eine groß­ar­ti­ge Fabel gegen uns erson­nen, um den Ruhm der Keusch­heit durch Aus­streu­ung häß­li­cher Schmach zu besu­deln; so woll­ten sie die Men­schen vor der Erkennt­nis der Wahr­heit durch den Schre­cken einer schlech­ten Mei­nung von uns abwen­dig machen. Auch dein Fron­to z. B. hat dar­über nicht ein bestä­ti­gen­des Zeug­nis abge­legt, son­dern sich in rhe­to­ri­schen Schmäh­reden aus­ge­las­sen. Doch sol­che Din­ge sind eher bei euren Leu­ten vor­ge­kom­men. Bei den Per­sern gilt der geschlecht­li­che Ver­kehr mit den Müt­tern für erlaubt; bei den Ägyp­tern und Athe­nern sind Ehen mit den Schwes­tern gesetz­mä­ßig. Eure Geschich­ten und Tra­gö­di­en, die ihr ger­ne lest und hört, prah­len mit Fäl­len der Blut­schan­de. So ver­ehrt ihr auch unzüch­ti­ge Göt­ter, die mit Mut­ter, Toch­ter und Schwes­ter ehe­lich sich ver­bun­den haben. 4. Natür­li­che Fol­ge davon ist, daß man bei euch Blut­schan­de oft trifft, immer aber zuläßt. Auch ohne Wis­sen, ihr Armen, könnt ihr in uner­laub­te Ver­hält­nis­se gera­ten. Wäh­rend ihr blind­lings der Lie­be frönt, aller­or­ten Kin­der zeugt, auch oft die im Hau­se gebo­re­nen Kin­der frem­dem Mit­leid preis­gebt, müßt ihr not­wen­dig auf die euri­gen zurück­kom­men, zu den leib­li­chen Kin­dern euch ver­ir­ren. So schmie­det ihr eine Tra­gö­die der Blut­schan­de, auch ohne euch des­sen bewußt zu sein. 5. Wir dage­gen zei­gen unse­re Scham­haf­tig­keit nichts durch Äuße­re, son­dern, durch unse­re Gesin­nung. Wir blei­ben wil­lig dem Ban­de einer Ehe treu, wis­sen ent­we­der nur von einem Wei­be, um unser Geschlecht fort­zu­pflan­zen, oder von kei­nem. Die Gast­mäh­ler, die wir ver­an­stal­ten, sind nicht nur züch­tig, son­dern auch maß­voll. Wir hul­di­gen nicht Schmau­se­rei­en oder zie­hen das Mahl durch Trink­ge­la­ge in die Län­ge, son­dern wir wis­sen den Froh­sinn durch Ernst zu zügeln. Keusch in Wor­ten und noch keu­scher dem Lei­be nach erfreu­en sich sehr vie­le der ewi­gen Jung­fräu­lich­keit eines unbe­fleck­ten Lei­bes, ohne sich des­sen zu rüh­men. So fer­ne liegt uns die Begier­de nach Blut­schan­de, daß man­che sich schä­men, selbst eine züch­ti­ge Ver­bin­dung ein­zu­ge­hen. 6. Wenn wir fer­ner eure Ehren­stel­len und Pur­pur­klei­der ver­schmä­hen, so folgt dar­aus noch nicht ohne wei­te­res, daß wir aus der Hefe des Vol­kes bestehen. Eben­so­we­nig sind wir par­tei­süch­tig, wenn wir alle für ein Gut begeis­tert sind, gleich fried­fer­tig in Gesell­schaft wie allein, Auch sind wir nicht „nur in Win­keln red­se­lig“, wenn ihr euch schämt oder fürch­tet, uns öffent­lich zu hören. 7. Wenn sich fer­ner unse­re Zahl täg­lich mehrt, so ist das nicht ein Beweis für Ver­ir­run­gen, son­dern ein ruhm­vol­les Zeug­nis. Denn einer schö­nen Lebens­wei­se blei­ben die alten Freun­de treu und schlie­ßen sich neue an. 8. So erken­nen wir uns auch leicht nicht etwa an einem kör­per­li­chen Merk­mal, son­dern am Wahr­zei­chen der Unschuld und Beschei­den­heit. So haben wir, wor­über ihr euch ärgert, gegen­sei­ti­ge Lie­be, weil wir von Haß nichts wis­sen. So nen­nen wir uns – das erregt euren Neid – Brü­der als Men­schen des einen gött­li­chen Vaters, als Glau­bens­ge­nos­sen und Mit­er­ben der Hoff­nung. Ihr dage­gen zollt ein­an­der kei­ne Aner­ken­nung, brecht wütend in gegen­sei­ti­gen Zorn aus und erkennt euch nicht als Brü­der an, außer etwa um einen Bru­der­mord zu bege­hen.[17]

3.2.4 Über die Rein­heit und Unbe­schol­ten­heit der Christen

1. Und doch wer­den die Men­schen durch die Bücher der gelehr­tes­ten Män­ner und die Gesän­ge der Dich­ter an jenen feu­ri­gen Strom und jene Glut erin­nert, wel­che immer wie­der vom Sty­gi­schen Sumpf aus ihren Umlauf beginnt. Bei­des haben sie als ewi­ge Pei­ni­gungs­mit­tel aus den Mit­tei­lun­gen der Dämo­nen und den Aus­sprü­chen der Pro­phe­ten erkannt und gelehrt. 2. Und des­halb schwört nach ihnen sogar Jupi­ter selbst, der Göt­ter­kö­nig, bei den ver­sen­gen­den Gesta­den und dem fins­te­ren Schlund in hei­li­ger Scheu: er weiß eben die Stra­fe, die ihm und sei­nen Anbe­tern harrt, vor­aus und erschau­dert davor. 3. Und für die­se Mar­tern gibt es weder Maß noch Ende. Dort brennt ein klug berech­nen­des Feu­er die Glie­der und heilt sie wie­der, zer­frißt sie und nährt sie wie­der­um. Und wie das Feu­er des Blit­zes den Kör­per berührt, aber nicht ver­zehrt, wie die Feu­er des Ätna­ber­ges und des Vesuvs und sons­ti­ger Erd­brän­de lodern, ohne sich zu ver­brau­chen, so wird jenes stra­fen­de Feu­er nicht durch Ver­zeh­rung der bren­nen­den Kör­per genährt, son­dern durch deren unauf­hör­li­che Zer­flei­schung erhal­ten. 4. Daß aber die­je­ni­gen, wel­che Gott nicht ken­nen, mit Recht gemar­tert wer­den, als Ruch­lo­se, als Unge­rech­te, das kann nur ein Gott­lo­ser bezwei­feln; ist es ja gewiß kein gerin­ge­rer Fre­vel, den Vater des Alls und Herrn des Alls nicht zu ken­nen, als ihn zu belei­di­gen. 5. Es reicht nun zwar schon die Unkennt­nis Got­tes zur Straf­wür­dig­keit hin, wie sei­ne Erkennt­nis zur Aus­sicht auf Ver­zei­hung bei­trägt. Indes­sen wer­den wir Chris­ten im Ver­gleich mit euch, wenn auch bei eini­gen unse­re Vor­schrif­ten zu wenig aus­ge­prägt sind, viel bes­ser als ihr befun­den. 6. Denn ihr ver­bie­tet den Ehe­bruch und begeht ihn; wir sind als Ehe­män­ner nur für unse­re Ehe­frau­en auf der Welt. Ihr straft Ver­ge­hen, die ihr zulaßt; bei uns gilt schon der blo­ße Gedan­ke dar­an als Sün­de. Ihr fürch­tet die Mit­wis­ser, wir sogar das Gewis­sen allein schon, ohne das wir nicht sein kön­nen. Von euren Leu­ten end­lich wim­meln die Gefäng­nis­se; Christ ist dort kei­ner, es sei denn, er ist wegen sei­ner Reli­gi­on ange­klagt oder abtrün­nig gewor­den.[18]

3.2.5 Über die Armut und das Aus­har­ren in Bedrängnissen

3. Wenn wir übri­gens zum gro­ßen Teil für arm gel­ten, so ist das kei­ne Schan­de, son­dern ein Ruhm für uns. Wohl­le­ben schwächt den Geist, Mäßig­keit kräf­tigt ihn. 4. Doch wie kann arm sein, wer kei­ne Bedürf­nis­se fühlt, wer nicht nach frem­dem Gut begehrt, wer reich ist in den Augen Got­tes? Weit mehr ist der arm, wel­cher immer noch mehr begehrt, wie­wohl er schon viel hat, 5. Doch ich möch­te sagen, wie ich den­ke: nie­mand kann so arm sein, wie er bei sei­ner Geburt war. Die Vögel leben ohne Erb­gut und das Vieh fin­det jeden Tag sein Fut­ter, und doch sind die­se Geschöp­fe nur unsert­we­gen auf der Welt und wir besit­zen all das, wenn wir es nicht begeh­ren. 6. Wie nun der, wel­cher auf der Stra­ße wan­dert, um so bes­ser dar­an ist, je leich­ter sein Bün­del ist, so ist auf dem Lebens­weg glück­li­cher dar­an, wer sich durch Armut leicht macht und nicht unter der Last des Reich­tums seufzt. 7. Und doch wür­den wir Reich­tü­mer, wenn wir sie für nütz­lich hiel­ten, von Gott erbit­ten. Er könn­te jeden­falls uns einen Anteil davon geben; es ist alles sein Eigen­tum. Aber wir wol­len lie­ber die Reich­tü­mer ver­schmä­hen, als sie fest­hal­ten. Wir wün­schen uns lie­ber Unbe­schol­ten­heit, bit­ten lie­ber um Erge­bung, wol­len lie­ber gut sein, als verschwenderisch.

8. Wenn wir fer­ner mensch­li­che Schwä­chen des Kör­pers füh­len und dar­un­ter lei­den, so ist das nicht Stra­fe, son­dern eine Kamp­fes­übung. Denn die See­len­stär­ke wird durch sol­che Schwä­chen erhöht und das Unglück ist oft genug eine Tugend­schu­le. Ja, ohne Übung und Anstren­gung erlah­men die Geistes‐ und Kör­per­kräf­te. Sind doch sogar eure Hel­den, wel­che ihr als Vor­bil­der hin­stellt, sämt­lich durch ihre Drangsa­le berühmt gewor­den. 9. So kann auch uns Gott zu Hil­fe kom­men und ver­ach­tet uns nicht, da er ja der Herr des Alls ist und die Sei­nen liebt. Aber in den Wider­wär­tig­kei­ten erforscht und prüft er einen jeden, in den Gefah­ren wägt er den Cha­rak­ter der ein­zel­nen, bis zum letz­ten Todes­rö­cheln erprobt er die Gesin­nung des Men­schen, ohne besor­gen zu müs­sen, daß ihm etwas ent­geht. So wer­den wir, wie das Gold im Feu­er, durch Anfech­tun­gen geprüft.[19]


Fußnoten

  1. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 1. Apo­lo­gie, Kapi­tel 8.
  2. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 1. Apo­lo­gie, Kapi­tel 15.
  3. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 1. Apo­lo­gie, Kapi­tel 16.
  4. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 2. Apo­lo­gie, Kapi­tel 2.
  5. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 2. Apo­lo­gie, Kapi­tel 3 (4).
  6. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 2. Apo­lo­gie, Kapi­tel 12.
  7. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 31.
  8. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 32.
  9. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 33.
  10. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 35.
  11. Wiki­pe­dia: Mini­ci­us Felix, 26.05.2026.
  12. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel VIII.
  13. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel IX.
  14. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XII.
  15. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXVIII.
  16. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXX.
  17. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXXI.
  18. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXXV.
  19. Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXXVI.


Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 1. Apo­lo­gie, Kapi­tel 8.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 1. Apo­lo­gie, Kapi­tel 15.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 1. Apo­lo­gie, Kapi­tel 16.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 2. Apo­lo­gie, Kapi­tel 2.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 2. Apo­lo­gie, Kapi­tel 3 (4).

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Jus­tin, 2. Apo­lo­gie, Kapi­tel 12.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 31.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 32.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 33.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Athe­n­agoras, Bitt­schrift für die Chris­ten, Kapi­tel 35.

Wiki­pe­dia: Mini­ci­us Felix, 26.05.2026.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel VIII.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel IX.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XII.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXVIII.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXX.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXXI.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXXV.

Zitiert aus: Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Mini­ci­us Felix, Dia­log Octa­vi­us, Kapi­tel XXXVI.