Wun­der und Glaube

In die­sem Arti­kel wol­len wir ins­be­son­de­re auf zwei Bibel­stel­len ein­ge­hen: Mar­kus 16,15–20 und Johan­nes 20,26–31.

Ein kleines Kind, das zum Himmel aufblickt.

Mar­kus 16,15–20: Wun­der zu allen Zeiten?

Am Ende des Mar­kus­evan­ge­li­ums wird berich­tet, dass Jesus den elf Apos­teln als Auf­er­stan­de­ner erscheint und sie aus­sen­det, das Evan­ge­li­um zu ver­kün­di­gen. Dabei spricht er von Wun­dern wie Dämo­nen­aus­trei­bun­gen und Hei­lun­gen, die die zum Glau­ben gekom­me­nen Jün­ger voll­brin­gen werden.

Häu­fig wird die­se Stel­le als Begrün­dung ver­wen­det, dass Chris­ten zu allen Zei­ten sol­che Wun­der tun wer­den. Doch das hat Jesus nicht gemeint. Der Bibel­text besagt Folgendes:

Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die gan­ze Welt und pre­digt das Evan­ge­li­um der gan­zen Schöp­fung. Wer gläu­big gewor­den und getauft wor­den ist, wird geret­tet wer­den; wer aber ungläu­big ist, wird ver­dammt wer­den. Die­se Zei­chen aber wer­den denen fol­gen, die glau­ben: In mei­nem Namen wer­den sie Dämo­nen aus­trei­ben; sie wer­den in neu­en Spra­chen reden; wer­den Schlan­gen auf­he­ben, und wenn sie etwas Töd­li­ches trin­ken, wird es ihnen nicht scha­den; Schwa­chen wer­den sie die Hän­de auf­le­gen, und sie wer­den sich wohl befin­den. Der Herr wur­de nun, nach­dem er mit ihnen gere­det hat­te, in den Him­mel auf­ge­nom­men und setz­te sich zur Rech­ten Got­tes. Jene aber zogen aus und pre­dig­ten über­all, wäh­rend der Herr mit­wirk­te und das Wort durch die dar­auf fol­gen­den Zei­chen bestä­tig­te. (Mar­kus 16,15–20)

Betrach­tet man die­sen Abschnitt genau­er, erkennt man dar­in nicht nur die Ver­hei­ßung Jesu, dass Gläu­bi­ge Wun­der­ta­ten voll­brin­gen wer­den, son­dern auch deren Erfül­lung, dass dies bereits gesche­hen ist.

In Vers 17 spricht Jesus von den Zei­chen, die den Jün­gern fol­gen wer­den. Jesus spricht hier über die Zukunft. In Vers 20 heißt es, dass Gott die Ver­kün­di­gung der Gläu­bi­gen durch die­se Zei­chen bestä­tigt hat. Es wird in die­sem Satz also dar­auf zurück­ge­blickt, dass das ver­kün­de­te Evan­ge­li­um schon durch Wun­der bestä­tigt wur­de. Was Jesus ver­hei­ßen hat, ist bereits ein­ge­trof­fen; Jesus mein­te die nahe Zukunft, in der sei­ne Jün­ger das Evan­ge­li­um ver­kün­den. Es geht in die­ser Stel­le also nicht dar­um, was in fer­ner Zukunft gesche­hen wird.[1] Der Abschnitt Mar­kus 16,15–20 gibt Zeug­nis dar­über, dass die Erst­ver­kün­di­gung[2] des Evan­ge­li­ums durch Wun­der bestä­tigt wur­de, wie es Jesus ver­hei­ßen hatte.

Johan­nes 20,26–31: Glück­se­lig, die nicht gese­hen und doch geglaubt haben!

Tho­mas, einer der 12 Apos­tel, war bei der ers­ten Erschei­nung Jesu vor den Jün­gern nicht zuge­gen. Eine Woche spä­ter erschien Jesus den Jün­gern zum zwei­ten Mal:

Und nach acht Tagen waren sei­ne Jün­ger wie­der drin­nen und Tho­mas bei ihnen. Da kommt Jesus, als die Türen ver­schlos­sen waren, und trat in die Mit­te und sprach: Frie­de euch! Dann spricht er zu Tho­mas: Rei­che dei­nen Fin­ger her und sieh mei­ne Hän­de, und rei­che dei­ne Hand her und lege sie in mei­ne Sei­te, und sei nicht ungläu­big, son­dern gläu­big! Tho­mas ant­wor­te­te und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gese­hen hast, hast du geglaubt. Glück­se­lig sind, die nicht gese­hen und doch geglaubt haben! (Johan­nes 20,26–29)

Obwohl es hier in der Situa­ti­on mit Tho­mas um das Sehen des Auf­er­stan­de­nen geht, drückt Jesus eine all­ge­mein wich­ti­ge geist­li­che Rea­li­tät aus, näm­lich dass das Sehen für den Glau­ben nicht not­wen­dig ist. Dar­auf geht der Apos­tel Johan­nes auch in den nächs­ten Ver­sen ein:

Auch vie­le ande­re Zei­chen hat nun zwar Jesus vor den Jün­gern getan, die nicht in die­sem Buch geschrie­ben sind. Die­se aber sind geschrie­ben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Chris­tus ist, der Sohn Got­tes, und damit ihr durch den Glau­ben Leben habt in sei­nem Namen. (Johan­nes 20,30–31)

Die Wun­der Jesu (der Apos­tel Johan­nes ver­wen­det stets den Begriff „Zei­chen“ für Wun­der) sind auf­ge­schrie­ben, um dadurch zum Glau­ben an ihn zu kom­men und das wah­re Leben zu haben. Sie müs­sen nicht erlebt wer­den. Über die Wun­der Jesu zu hören oder zu lesen ist aus­rei­chend, um zu glauben.

Genau das betrifft uns, die wir nicht in der Zeit des Mes­si­as leben. Wir kön­nen beim Lesen der Augen­zeu­gen­be­rich­te der Evan­ge­li­en mit unse­rem Her­zen mit­er­le­ben, wie Jesus Wun­der voll­brach­te, indem wir uns mit den Jün­gern der dama­li­gen Zeit iden­ti­fi­zie­ren. Das taten auch die Israe­li­ten mit ihren Vor­vä­tern, wenn sie in ihren Fes­ten heils­ge­schicht­li­che Ereig­nis­se der Ver­gan­gen­heit wie den Aus­zug aus der Skla­ve­rei in Ägyp­ten für sich immer wie­der neu mit­er­leb­ten. Glau­be ist nicht dar­auf ange­wie­sen, Wun­der selbst zu sehen.


Fußnoten

  1. Die­ses Ver­ständ­nis ist auch damit begrün­det, dass für das Verb „bestä­ti­gen“ in Vers 20 der Aorist als grie­chi­schen Zeit­form gewählt wur­de. Der Aorist wird für punk­tu­el­le und damit abge­schlos­se­ne Hand­lun­gen verwendet.
  2. Erst­ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums bedeu­tet, dass das Evan­ge­li­um in einem bestimm­ten Gebiet zum ers­ten Mal ver­brei­tet wur­de. Für Paläs­ti­na und das Römi­sche Reich betrifft das damit das 1. Jh. n. Chr.


Die­ses Ver­ständ­nis ist auch damit begrün­det, dass für das Verb „bestä­ti­gen“ in Vers 20 der Aorist als grie­chi­schen Zeit­form gewählt wur­de. Der Aorist wird für punk­tu­el­le und damit abge­schlos­se­ne Hand­lun­gen verwendet.

Erst­ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums bedeu­tet, dass das Evan­ge­li­um in einem bestimm­ten Gebiet zum ers­ten Mal ver­brei­tet wur­de. Für Paläs­ti­na und das Römi­sche Reich betrifft das damit das 1. Jh. n. Chr.