Wunder und Glaube

Markus 16,17–18 und Johannes 20,29

Markus 16,15–20

Am Ende des Markusevangeliums wird berichtet, dass Jesus den elf Aposteln als Auferstandener erscheint und sie aussendet, das Evangelium zu verkündigen. Dabei spricht er von Wundern wie Dämonenaustreibungen und Heilungen, die die zum Glauben gekommenen Jünger vollbringen werden.

Häufig wird diese Stelle als Begründung verwendet, dass Christen zu allen Zeiten solche Wunder tun werden. Doch das hat Jesus nicht gemeint. Der Bibeltext besagt Folgendes:

Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung. Wer gläubig geworden und getauft worden ist, wird gerettet werden; wer aber ungläubig ist, wird verdammt werden. Diese Zeichen aber werden denen folgen, die glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Schwachen werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden. Der Herr wurde nun, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. Jene aber zogen aus und predigten überall, während der Herr mitwirkte und das Wort durch die darauf folgenden Zeichen bestätigte. (Markus 16,15–20)

Betrachtet man diesen Abschnitt genauer, erkennt man darin nicht nur die Verheißung Jesu, dass Gläubige Wundertaten vollbringen werden, sondern auch deren Erfüllung, dass dies bereits geschehen ist.

In Vers 17 spricht Jesus von den Zeichen, die den Jüngern folgen werden. Jesus spricht hier über die Zukunft. In Vers 20 heißt es, dass Gott die Verkündigung der Gläubigen durch diese Zeichen bestätigt hat. Es wird in diesem Satz also darauf zurückgeblickt, dass das verkündete Evangelium schon durch Wunder bestätigt wurde. Was Jesus verheißen hat, ist bereits eingetroffen; Jesus meinte die nahe Zukunft, in der seine Jünger das Evangelium verkünden. Es geht in dieser Stelle also nicht darum, was in ferner Zukunft geschehen wird.1 Der Abschnitt Markus 16,15–20 gibt Zeugnis darüber, dass die Erstverkündigung2 des Evangeliums durch Wunder bestätigt wurde, wie es Jesus verheißen hatte.

Johannes 20,26–31

Thomas, einer der 12 Apostel, war bei der ersten Erscheinung Jesu vor den Jüngern nicht zugegen. Eine Woche später erschien Jesus den Jüngern zum zweiten Mal:

Und nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und trat in die Mitte und sprach: Friede euch! Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben! (Johannes 20,26–29)

Obwohl es hier in der Situation mit Thomas um das Sehen des Auferstandenen geht, drückt Jesus eine allgemein wichtige geistliche Realität aus, nämlich dass das Sehen für den Glauben nicht notwendig ist. Darauf geht der Apostel Johannes auch in den nächsten Versen ein:

Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor den Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen. (Johannes 20,30–31)

Die Wunder Jesu (der Apostel Johannes verwendet stets den Begriff „Zeichen“ für Wunder) sind aufgeschrieben, um dadurch zum Glauben an ihn zu kommen und das wahre Leben zu haben. Sie müssen nicht erlebt werden. Über die Wunder Jesu zu hören oder zu lesen ist ausreichend, um zu glauben.

Genau das betrifft uns, die wir nicht in der Zeit des Messias leben. Wir können beim Lesen der Augenzeugenberichte der Evangelien mit unserem Herzen miterleben, wie Jesus Wunder vollbrachte, indem wir uns mit den Jüngern der damaligen Zeit identifizieren. Das taten auch die Israeliten mit ihren Vorvätern, wenn sie in ihren Festen heilsgeschichtliche Ereignisse der Vergangenheit wie den Auszug aus der Sklaverei in Ägypten für sich immer wieder neu miterlebten. Glaube ist nicht darauf angewiesen, Wunder selbst zu sehen.


Fußnoten

  1. Dieses Verständnis ist auch damit begründet, dass für das Verb „bestätigen“ in Vers 20 der Aorist als griechischen Zeitform gewählt wurde. Der Aorist wird für punktuelle und damit abgeschlossene Handlungen verwendet. ↩︎
  2. Erstverkündigung des Evangeliums bedeutet, dass das Evangelium in einem bestimmten Gebiet zum ersten Mal verbreitet wurde. Für Palästina und das Römische Reich betrifft das damit das 1. Jh. n. Chr. ↩︎

Zurück zum Seitenanfang ↑