Gibt es Wunder?

Nach der Devise, dass die heutige Wissenschaft bereits alles mehr oder weniger erklären kann, wird diese Frage üblicherweise verneint. Aber kann die Naturwissenschaft darauf eine Antwort geben? Die Frage, ob es Wunder gibt, birgt mehr in sich, als man im ersten Augenblick meint. Da sie eine Wirklichkeit anspricht, die über die sichtbare und mit unseren Sinnesorganen erfassbare Realität hinausgeht, führt sie direkt zur Frage nach Gott.

Was sind Wunder?

Was kann man als Wunder bezeichnen? Manche antworten darauf, dass man doch nicht an Märchen glauben kann, dass Wunder daher völlig realitätsfremd wären. Andere wiederum denken an Errungenschaften oder Leistungen der Menschheit wie z. B. kolossale Bauwerke aus der Antike, die sogenannten sieben Weltwunder. Eine andere Antwort ist, dass wir von Wundern, zumindest Wunderbarem, umgeben sind. Man denke an den wunderbaren Anblick farbenreicher Schmetterlinge in einer prachtvollen Blumenwiese oder an ein nebelverhangenes Tal, oder einfach an das Erlebnis, wie rasch und vollständig unser Körper eine Wunde wieder heilt. Ist nicht die Geburt eines Kindes, eines neuen Menschen, ein Wunder?

Die wahrscheinlich häufigste Antwort ist aber, dass es ein Ereignis sein müsste, das die Naturgesetze bricht, also ein unerwartetes, überraschendes und völlig unübliches Geschehen. Damit verbunden ist üblicherweise die Ansicht, dass man sich lieber auf die Naturwissenschaft verlässt, da diese immerhin Beweise liefert.

Wenn wir in diesem Artikel über Wunder sprechen, dann meinen wir Wunder, die einen Sinn haben und nicht irrational und märchenhaft sind.

Würden die Wunder von Märchen mit all ihren Hexen, Kobolden und Ungeheuern Wirklichkeit werden, wäre das Leben ein Albtraum. Uns geht es hier auch nicht um schöne, ja wunderbare Augenblicke oder Erlebnisse, weil diese doch sehr mit unseren Gefühlen verbunden sind (obwohl sie sehr wohl darauf hinweisen, dass es mehr als das Sichtbare gibt bzw. eine Ahnung vermitteln, dass die Welt über das Natürliche hinausgeht). Es geht uns vielmehr um „handgreifliche“, reale Ereignisse, die nicht mit wissenschaftlichen Argumenten erklärt werden können.

Kann die Naturwissenschaft Wunder erklären?

Die Naturwissenschaft kann das Geschehen von Wundern zwar feststellen, kann die Ursache von Wundern aber nicht erklären, weil diese einem Bereich angehören, der außerhalb der Zuständigkeit der Wissenschaft liegt. Wir sprechen deshalb bei Wundern auch vom Übernatürlichen.

So wie man einen Arzt lieber nicht um eine statische Berechnung für eine Straßenbrücke bittet, kann auch der Naturwissenschaftler keine Erklärung für Wunder geben, da er sich nur mit Messbarem und Beobachtbarem der Natur und ihrer Vorgänge beschäftigt. Das Übernatürliche übersteigt diesen Bereich und muss auf andere Weise ergründet werden.

Die Wissenschaft beschäftigt sich mit der Abfolge von Ursache und Wirkung und leitet daraus Gesetzmäßigkeiten ab. Gibt sie damit eine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit? Zum Beispiel ist die Ursache (im naturwissenschaftlichen Sinn), dass ich in einem Bus sitze, der von Ort A nach Ort B fährt, dass ich in diesen Bus eingestiegen bin. Der Grund für meine Reise ist aber ein ganz anderer. Ich möchte meine Freunde in Ort B besuchen, was mich veranlasst hat, diese Reise in Angriff zu nehmen. Die Wissenschaft gibt mit der Ursache‐Wirkung‐Forschung nur eine begrenzte Erklärung der Wirklichkeit. Das ist aber nicht alles, was unser Leben ausmacht.

Naturgesetze bringen die Wirklichkeit, in der wir leben, nicht hervor, sondern beschreiben deren Vorgänge mithilfe von Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Auch wenn Wunder dem ersten Anschein nach Naturgesetze brechen, da sie ein außergewöhnliches Ereignis sind, das unserem bekannten Erleben der Umwelt entgegensteht, ist dies nicht der Fall. Allerdings kann man sagen, dass sie die Naturgesetze unterbrechen bzw. für eine Zeit lang außer Kraft setzen.

Wunder gehören zu einer anderen Wirklichkeit, dem Transzendenten; sie sind daher nicht wider die Natur, sondern übernatürlich. Bei Wundern wird etwas Neues in unsere erlebbare Realität eingeführt, wobei unser Blick weg vom Sichtbaren auf Unsichtbares und Übernatürliches gerichtet wird. Damit kommt Gott als Schöpfer in den Blickpunkt. Wunder werden nicht als Störung aufgefasst, sie werden in die Abfolge natürlicher Ereignisse aufgenommen und integriert und nicht wie etwas Fremdes zurückgewiesen (z. B. ein durch ein Wunder geheilter Mensch führt sein Leben nunmehr gesund weiter; das von Jesus auf wunderbare Weise vermehrte Brot wird von den Anwesenden wie normales Brot gegessen). Damit sind sie ein Teil der Wirklichkeit und unseres Lebens.

Sind Berichte über Wunder vergangener Zeiten glaubwürdig?

Oft wird Menschen früherer Zeiten, die über Wunder berichten, abgesprochen, darüber eine Aussage machen zu können, weil sie noch vor dem wissenschaftlichen Fortschritt lebten. Das ist völlig unzutreffend.

Menschen aller Zeiten wussten zwischen natürlichen und unerwarteten und unüblichen Ereignissen zu unterscheiden. Auch wenn sie die Formulierungen vieler Naturgesetze nicht kannten, konnten sie natürlich sehr wohl wissen, dass z. B. die durch Jesus bewirkte Heilung eines Blindgeborenen in einem Augenblick nicht mit natürlichen Gründen erklärt werden kann. Die Wissenschaft ist nicht nötig, um zu wissen, ob ein Wunder stattgefunden hat.

Wie ist das bei Wundern mit dem Glauben?

Wenn jemand von vornherein die Existenz Gottes oder etwas Übernatürliches ausschließt, ist es überflüssig, über Wunder nachzudenken. Wenn es nichts Übernatürliches bzw. keinen Schöpfergott gibt, der selbst ohne Ursprung und unabhängig und daher die Ursache alles Seienden ist, kann es auch keine Wunder geben.

Wunder, in welcher Form auch immer, sind ein Eindringen oder Eingreifen des Übernatürlichen in das Natürliche, eine Unterbrechung des natürlichen, uns bekannten Ereignisablaufs. Sie schaffen etwas Neues. Ein Mensch, der die Existenz Gottes leugnet, kann Wunder nicht für wahr halten, weil er sie schon von vornherein ausgeschlossen hat – er könnte nicht einmal von einem erlebten Wunder umgestimmt werden, da er es immer auch als Illusion oder, auch bei größter Unwahrscheinlichkeit, als Zufall erklären kann.

Erfahrungen sind keine Beweise im streng naturwissenschaftlichen Sinn, unsere Sinnesorgane können uns täuschen. Erfahrungen müssen mit dem Glauben verbunden werden. Wunder zwingen einen Menschen nicht, sie als real zu akzeptieren; die Freiheit des Menschen bleibt gewahrt. Jeder kann es ablehnen, an ein übernatürliches Wirken Gottes zu glauben.

Warum sollte es Wunder geben?

Allein die Tatsache, dass Gott die Welt erschuf, drückt bereits sein Interesse an seiner Schöpfung aus. Der deistische Standpunkt, wonach sich Gott nach seiner Schöpfungstat zurückzieht und die Welt sich selbst überlässt, verkennt diesen einfachen Gedanken. Sind nicht auch wir an allen von uns geschaffenen Dingen interessiert, allem was unserer Kreativität entspringt? Bei Gott, unserem Schöpfer, der vollkommen gut ist, ist das nicht anders.

Ein Gott der Liebe überlässt seine Geschöpfe nicht gleichgültig und tatenlos sich selbst, sondern wird alles Erdenkliche tun – unter Wahrung ihrer Freiheit –, um ihnen ein Leben in Frieden und tiefer Freude zu ermöglichen. Daher ist es sogar zu erwarten, dass Gott in seinem Walten die Welt nicht nur erhält, sondern auch direkt eingreift. Das wird für uns als Wunder erfahrbar.

Wunder sind Gottes nicht unwürdig. Gott der Schöpfer und damit Urgrund allen Seins zeigt durch Wunder seine Macht und Liebe. Übernatürliches wird in der sichtbaren Wirklichkeit, die neben der unsichtbaren Realität nur einen Teil darstellt, in Form von Wundern sichtbar. Auch wenn sie nicht die Regel sind, sind sie aber in gewisser Hinsicht auch keine Ausnahme – sie sind zentrale Ereignisse in der Heilsgeschichte.

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