Sol­len Chris­tin­nen eine Kopf­be­de­ckung tragen?

Themenbereiche: Kontroverse Fragen

Die Fra­ge, ob Chris­tin­nen in der Gemein­de­ver­samm­lung eine Kopf­be­de­ckung tra­gen sol­len, wird sehr unter­schied­lich beant­wor­tet. Beson­ders sich als bibel­treu sehen­de Evan­ge­li­ka­le betrach­ten die­se Anwei­sung von Pau­lus im 1. Korin­ther­brief als ein wich­ti­ges Gebot für christ­li­che Frau­en. Wie hat das der Apos­tel gemeint?

Junge Ordensfrauen der Old Order Brethren tragen Kopfbedeckungen.

1 Die Anwei­sung von Pau­lus im Kontext

Es geht um fol­gen­den Text:

Ich lobe euch aber, daß ihr in allem mei­ner gedenkt und die Über­lie­fe­run­gen, wie ich sie euch über­lie­fert habe, fest­hal­tet. Ich will aber, daß ihr wißt, daß der Chris­tus das Haupt eines jeden Man­nes ist, das Haupt der Frau aber der Mann, des Chris­tus Haupt aber Gott. Jeder Mann, der betet oder weis­sagt und [dabei etwas] auf dem Haupt hat, ent­ehrt sein Haupt. Jede Frau aber, die mit unver­hüll­tem Haupt betet oder weis­sagt, ent­ehrt ihr Haupt; denn sie ist ein und das­sel­be wie die Gescho­re­ne. Denn wenn eine Frau sich nicht ver­hüllt, so wer­de [ihr] auch [das Haar] abge­schnit­ten; wenn es aber für eine Frau schänd­lich ist, daß [ihr das Haar] abge­schnit­ten oder gescho­ren wird, so soll sie sich ver­hül­len. Denn der Mann frei­lich soll sich das Haupt nicht ver­hül­len, da er Got­tes Bild und Abglanz ist; die Frau aber ist des Man­nes Abglanz. Denn der Mann ist nicht von der Frau, son­dern die Frau vom Mann; denn der Mann wur­de auch nicht um der Frau wil­len geschaf­fen, son­dern die Frau um des Man­nes wil­len. Dar­um soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben, um der Engel wil­len. Den­noch ist im Herrn weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann ist, so ist auch der Mann durch die Frau; alles aber von Gott. Urteilt bei euch selbst: Ist es anstän­dig, daß eine Frau unver­hüllt zu Gott betet? Oder lehrt euch nicht selbst die Natur, daß, wenn ein Mann lan­ges Haar hat, es eine Schan­de für ihn ist, wenn aber eine Frau lan­ges Haar hat, es eine Ehre für sie ist? Denn das Haar ist ihr anstatt eines Schlei­ers gege­ben. Wenn es aber jemand für gut hält, streit­süch­tig zu sein, [so soll er wis­sen:] wir haben eine der­ar­ti­ge Gewohn­heit nicht, auch nicht die Gemein­den Got­tes. (1. Korin­ther 11,2–16)

2 Sol­len alle Frau­en oder nur Ehe­frau­en eine Kopf­be­de­ckung tragen?

Eine ent­schei­den­de Fra­ge zum Ver­ständ­nis die­ser Stel­le ist, ob Pau­lus ver­hei­ra­te­te Frau­en meint oder ganz all­ge­mein jede Frau. Mann und Frau auf jeden Mann und jede Frau zu bezie­hen, also nicht auf Ehe­leu­te, wirft Fra­gen auf, die nicht sinn­voll beant­wor­tet wer­den kön­nen. Wer soll­te kon­kret das Haupt einer unver­hei­ra­te­ten Frau sein? Ihr Bru­der, ihr Vater, ihr ungläu­bi­ger Vater oder Bru­der, irgend­ein ande­rer Mann? Wem soll sie sich kon­kret unter­ord­nen? Dass sich Frau­en all­ge­mein Män­nern unter­ord­nen soll­ten, ist auch kei­ne zufrie­den­stel­len­de Lösung. Chris­ten wis­sen, dass sie sich ein­an­der unter­ord­nen sol­len (Ephe­ser 5,21). In dem­sel­ben Brief in 1. Korin­ther 7,34 lobt Pau­lus unver­hei­ra­te­te Frau­en, die sich ganz auf Gott und nicht auf einen Ehe­mann aus­rich­ten. 1. Korin­ther 11,3 auf alle Frau­en zu bezie­hen, wäre sehr unkon­kret; ganz anders aber ist es, wenn es um die Ehe geht. Die Ehe­frau soll sich dem Ehe­mann unter­ord­nen. Das ist kon­kret und ver­ständ­lich, ihr Haupt ist ihr Mann und nicht irgend­ein Mann. Der Gedan­ke, dass die Aus­sa­ge „Gott ist das Haupt Chris­ti“ ganz all­ge­mein gül­tig ist, ändert hier nichts. Pau­lus will hier sagen, dass sich die Frau­en ein Vor­bild in Chris­tus neh­men kön­nen, der selbst ein Haupt hat, näm­lich Gott. Jeder muss sich unter­ord­nen, die Ehe­frau ihrem Ehe­mann, die­ser dem Chris­tus und die­ser Gott. Das soll den Frau­en, die sich zu frei sahen und Schwie­rig­kei­ten mit der Unter­ord­nung hat­ten, eine Ermun­te­rung sein. Ihre Män­ner müs­sen sich auch in der Unter­ord­nung üben, näm­lich Chris­tus gegenüber.

Die grie­chi­schen Wör­ter für Frau (gyne, gynai­kos ist ein gram­ma­ti­ka­li­scher Fall von gyne) und für Mann (aner, andros ist ein gram­ma­ti­ka­li­scher Fall von aner) bedeu­ten nicht nur all­ge­mein Frau bzw. Mann, son­dern auch Ehe­frau bzw. Ehe­mann. Das sagen Wör­ter­bü­cher[1] und kann auch sehr ein­fach an ande­ren Stel­len gese­hen wer­den. In z. B. Ephe­ser 5,21–33 ste­hen die­se Wör­ter ein­deu­tig für Ehe­leu­te. Inter­es­sant ist bei Ephe­ser 5 im Unter­schied zu 1. Korin­ther 11, dass der Mann als Haupt der Frau bezeich­net wird, aber Chris­tus nicht als Haupt des Man­nes, son­dern als Haupt der Gemein­de. Damit ist Chris­tus auch das Haupt der Frau, und nicht nur des Man­nes. Wenn Pau­lus im Ephe­ser­brief vom „Haupt der Frau“ spricht, meint er damit das „Haupt der Ehe­frau­en“ und nicht aller Frau­en. Chris­tus ist das Haupt aller Chris­ten, der Ehe­män­ner, der Ehe­frau­en, aller Unver­hei­ra­te­ten sowie Wit­wen und Wit­wer. Zur Ver­an­schau­li­chung kann fol­gen­de Gra­fik dienen:

1. Korin­ther 11 Ephe­ser 5
Chris­tus Chris­tus
Haupt Haupt
Mann Gemein­de
alle Män­ner und Frauen
Haupt
Frau

Das­sel­be meint er im Korin­ther­brief. Wenn Pau­lus in Vers 4 im Korin­ther­brief „jeder Mann“ und in Vers 5 „jede Frau“ sagt, meint er nicht alle Chris­ten unab­hän­gig davon, ob sie ver­hei­ra­tet sind oder nicht. Er gibt als Apos­tel eine Anwei­sung, wie sich „alle“ Ehe­frau­en bei einer Ver­samm­lung ver­hal­ten sol­len. Ehe­frau­en sol­len eine Kopf­be­de­ckung tra­gen. Er möch­te aus­drü­cken, dass es hier kei­ne Aus­nah­men geben soll.

3 War­um spielt Pau­lus auf die Schöp­fungs­ord­nung an?

Jemand könn­te sagen, dass Pau­lus in den Ver­sen 8 und 9 die Unter­ord­nung der Frau mit der Schöp­fungs­ord­nung aus 1. Mose begrün­det und damit ganz grund­sätz­lich über Mann und Frau spricht. Die­ser Ein­wand erscheint im ers­ten Moment schlüs­sig. Es stimmt, dass die Schöp­fungs­ord­nung nicht nur in der Ehe ihre Gül­tig­keit hat, sie drückt durch­aus umfas­sen­der aus, dass die Frau dem Mann mit ihren etwas ande­ren Gaben von Gott eine Hil­fe sein soll. Bei­de, Mann und Frau, sol­len ihre Fähig­kei­ten in Ergän­zung zuein­an­der im Wil­len Got­tes ein­set­zen. Das macht auch Sinn für Unverheiratete.

Trotz­dem ist es eine Tat­sa­che, dass Adam und Eva das ers­te Paar waren. Alle Men­schen gehen auf sie zurück; viel­leicht könn­te man sagen, dass sie das Urbild der Ehe sind. Pau­lus spielt also in den Ver­sen 8 und 9 auf die Schöp­fungs­ord­nung (im Sin­ne von Unter­ord­nung) im Hin­blick auf die Ehe an.

4 Was bedeu­tet „um der Engel willen“?

In Vers 10 spricht Pau­lus über Engel; auch hier geht es um den Gedan­ken der Schöp­fungs­ord­nung. Nach Strack und Bil­ler­beck, die das Neue Tes­ta­ment mit­hil­fe des Tal­mud und Midrasch erklä­ren, gab es die jüdi­sche Vor­stel­lung, dass Engel „als die von Gott ver­ord­ne­ten Hüter aller natür­li­chen Ord­nun­gen in der Welt ein selbst­ver­ständ­li­ches Inter­es­se dar­an haben, dass die Frau die uralte Schöp­fungs­ord­nung ihrer Unter­stel­lung unter den Mann aner­kennt“.[2]

Die Inter­pre­ta­ti­on, dass Engel Chris­ten zuschau­en, um ihren Gehor­sam zu sehen, ist nicht sinn­voll. Engel benö­ti­gen kei­ne Zei­chen, um sich am Gehor­sam der Gläu­bi­gen zu erfreu­en. Auch wenn sie nicht so wie Gott als Her­zens­ken­ner in die Gedan­ken der Men­schen hin­ein­schau­en kön­nen, heißt das noch nicht, dass sie äuße­re Sym­bo­le benö­ti­gen, um zu erken­nen, ob Chris­ten gehor­sam sind. Wenn wir als Men­schen durch das Ver­hal­ten und Reden von jemand auf des­sen Gesin­nung schlie­ßen kön­nen, um wie viel mehr Engel. Dass Engel Äuße­res nötig hät­ten, um etwas vom Her­zen des Gläu­bi­gen zu erken­nen, ist eine ver­ein­fa­chen­de Sicht geist­li­cher Wirk­lich­kei­ten. Außer­dem schreibt Pau­lus hier nicht, dass Engel Chris­ten zuschau­en wür­den. Er schreibt nur „um der Engel willen“.

5 Wann tru­gen Frau­en in neu­tes­ta­ment­li­cher Zeit eine Kopfbedeckung?

Strack und Bil­ler­beck erläu­tern zu 1. Kor. 11, dass ver­hei­ra­te­te jüdi­sche Frau­en in der Öffent­lich­keit immer (!) eine Kopf­be­de­ckung bzw. eine spe­zi­el­le Haar­tracht tru­gen, die die Macht über ihnen, näm­lich ihre Män­ner, aus­drück­te.[3] In Korinth gab es sicher­lich auch Juden.

Über die grie­chi­sche und römi­sche Haar­tracht des 1. Jahr­hun­derts ist die Fak­ten­la­ge nicht so ein­deu­tig. Jedoch scheint es auch in der heid­ni­schen Welt üblich gewe­sen zu sein, dass Ehe­frau­en ihr Ver­hei­ra­tet­sein an ihrem Äuße­ren erkennt­lich gemacht haben. Es gibt vie­le Dar­stel­lun­gen von Frau­en mit Kopf­be­de­ckun­gen, aber es ist nicht klar, ob das aus­schließ­lich Ehe­frau­en so gehand­habt haben. Dar­stel­lun­gen allei­ne kön­nen das nicht beweisen.

Ein Bild, das mehrere weibliche Kopfbedeckungen des antiken Griechenlands zeigt.
Weib­li­che Kopf­trach­ten des anti­ken Grie­chen­lands. (Quel­le: Trach­ten, Haus‑, Feld‐ und Kriegs­ge­rät­schaf­ten der Völ­ker alter und neu­er Zeit von Fried­rich Hot­ten­roth, Ver­lag Gus­tav Wei­se, Stutt­gart, 1884)

Jeden­falls war die Sit­te einer Kopf­be­de­ckung für Ehe­frau­en bekannt, schon allein durch die Juden. Eine Rei­he von Alter­tums­wis­sen­schaft­lern sind der Ansicht, dass es im anti­ken Grie­chen­land für eine ver­hei­ra­te­te Frau üblich war, in der Öffent­lich­keit eine Kopf­be­de­ckung zu tra­gen.[4] Zeig­te sie sich ohne Kopf­be­de­ckung in der Öffent­lich­keit, galt dies als Aus­druck ehe­li­cher Untreue.

6 Was bedeu­tet es, dass für Män­ner lan­ges Haar eine Schan­de ist?

In Vers 14 sagt Pau­lus, dass lan­ges Haar für Män­ner eine Schan­de ist. Hat er das ganz grund­sätz­lich für immer gemeint? Der Sohn Davids Absa­lom war in vie­lem gott­los, eigen­ar­ti­ger­wei­se wird sein lan­ges Haar aber nicht kri­ti­siert.[5] Im Gegen­teil, sogar gepriesen:

Von sei­ner Fuß­soh­le bis zu sei­nem Schei­tel war kein Makel an ihm. Und wenn er sein Haupt sche­ren ließ — es geschah näm­lich am Ende jedes Jah­res, daß er es sche­ren ließ, denn es war ihm zu schwer, so ließ er es sche­ren —, dann wog sein Haupt­haar zwei­hun­dert Sche­kel nach könig­li­chem Gewicht. (2. Samu­el 14,25–26)

Noch mehr gilt das für Sim­son, der als Nasi­rä­er sei­ne Haa­re nie sche­ren ließ (Rich­ter 13,5). Lan­ges Haar scheint bei Nasi­rä­ern eine Sym­bo­lik für Hin­ga­be zu sein (4. Mose 6,5).

Der Schwar­ze Obe­lisk vom assy­ri­schen König Sal­ma­nas­sar III aus dem Jahr 825 v. Chr. zeigt Jehu, den König Isra­els, mit sei­ner Dele­ga­ti­on, wie sie dem assy­ri­schen König Tri­but ent­rich­ten. Das lan­ge Haar der Israe­li­ten ist in die­sem Reli­ef­stein gut erkennbar.

Ausschnitt aus dem im Jahr 825 v. Chr. errichteten Schwarzen Obelisken mit Israeliten, die dem assyrischen König Tribut entrichten. Die israelitische Delegation ist mit schulterlanger Frisur dargestellt.
Aus­schnitt aus dem im Jahr 825 v. Chr. errich­te­ten Schwar­zen Obe­lis­ken mit Israe­li­ten, die dem assy­ri­schen König Tri­but entrichten

Ein ande­res Bei­spiel für Israe­li­ten mit eher lan­gem Haar ist eine Stein­wand­ta­fel im Palast des assy­ri­schen Königs Tiglat‐Pileser III in Nim­rud, die israe­li­ti­sche Gefan­ge­ne der ost­jor­da­ni­schen Stadt Aschta­rot zeigt, wie sie von einem assy­ri­schen Sol­da­ten abge­führt wer­den. Tiglat‐Pileser hat­te den Nor­den und Osten Isra­els 734–732 v. Chr. erobert.

Vier israelitische Deportierte aus der israelitischen Stadt Aschtaroth werden von einem assyrischen Soldaten eskortiert. Die Szene ist auf einer Steintafel im Palast des assyrischen Königs Tiglat-Pileser III. in Nimrud dargestellt.
Vier israe­li­ti­sche Depor­tier­te aus Aschta­rot wer­den von einem assy­ri­schen Sol­da­ten eskor­tiert. Stein­ta­fel im Palast des assy­ri­schen Königs Tiglat‐Pileser III in Nim­rud (© The Trus­tees of the Bri­tish Museum)

Wie pas­sen die­se Bei­spie­le dazu, dass für einen Mann lan­ges Haar eine Schan­de sein soll? Das Pro­blem besteht aber nur, wenn man es als ein zeit­los gel­ten­des Prin­zip sieht. Der Begriff „Natur“ ist in Vers 14 nicht im übli­chen Sinn zu ver­ste­hen, son­dern drückt aus, dass etwas über einen lan­gen Zeit­raum zu einer gewohn­ten bzw. übli­chen Sache, also natür­li­chen Sache wird. Man ist dar­an gewöhnt, das Män­ner eher kur­zes und Frau­en eher lan­ges Haar haben. Lan­ges Haar ist aber rela­tiv. Nach Strack und Bil­ler­beck tru­gen Män­ner zur Zeit Jesu halb­lan­ges Haar,[6] das wir heut­zu­ta­ge als lang emp­fin­den wür­den. Sit­ten kön­nen sich über die Zeit ändern. Glo­bal gese­hen ist es heu­te das Üblichs­te bzw. das Unauf­fäl­ligs­te, wenn Män­ner kur­ze Haa­re tra­gen. Mit dem Aus­druck „Gewohn­heit“, was einer Sit­te oder einem Brauch bedeu­tungs­mä­ßig nahe­steht, been­det Pau­lus den Abschnitt über die Kopfbedeckung.

7 Geht es um ein Kopf­tuch oder um eine Kopf­be­de­ckung bzw. Haartracht?

Pau­lus ver­wen­det ver­schie­de­ne Aus­drü­cke wie „etwas auf dem Haupt haben“ und „ver­hüll­tes Haupt“, was übli­cher­wei­se mit einem Kopf­tuch in Ver­bin­dung gebracht wird. Ande­rer­seits spricht Pau­lus davon, dass Frau­en lan­ges Haar als Schlei­er gege­ben ist. Das könn­te dar­auf hin­wei­sen, dass sich Ehe­frau­en ihr lan­ges Haar auf ihren Kopf gebun­den haben.

Strack und Bil­ler­beck erklä­ren, dass die Kopf­be­de­ckung von jüdi­schen Ehe­frau­en eigent­lich eine Haar­tracht war, wobei sich die Frau­en ihr lan­ges Haar mit Bän­dern, Schlei­fen und Tüchern auf ihrem Kopf zusam­men­ban­den.[7] Dies ist eine ver­ständ­li­che Erklä­rung, aber ob man mit Sicher­heit sagen kann, dass es in Korinth nicht um ein Kopf­tuch, son­dern um eine Haar­tracht geht, blei­be dahingestellt.

8 Ist das Strei­ten oder das Tra­gen einer Kopf­be­de­ckung eine Gewohnheit/Sitte?

Die Inter­pre­ta­ti­on des Ver­ses 16, dass man­che Korin­ther viel­leicht über die­se Sache strei­ten wer­den und dies eine Gewohn­heit sei, die Pau­lus und ande­re Gemein­den nicht haben, kann nicht rich­tig sein. Streit­sucht ist Sün­de und kann bei Chris­ten nicht als eine Gewohn­heit bezeich­net wer­den. Pau­lus wür­de die christ­li­che Ethik auf ein Niveau brin­gen, das unver­ein­bar ist mit ande­ren Aus­sa­gen der Schrift (Titus 3,1–2, Jako­bus 3,14–16 – die Elber­fel­der über­setzt mit Eigen­nutz, Jako­bus 4,1 …). Pau­lus will hier mit die­sem Schluss­satz zu die­sem Abschnitt noch ein­mal zusam­men­fas­send aus­drü­cken, dass er und die Gemein­den Got­tes nicht die Gewohn­heit haben, dass (Ehe-)Frauen kei­ne Kopf­be­de­ckung tra­gen. Der Satz wür­de also sinn­ge­mäß fol­gen­der­ma­ßen lauten:

Wenn es aber jemand für gut hält, streit­süch­tig zu sein, indem er dar­auf besteht, dass Frau­en kei­ne Kopf­be­de­ckung tra­gen müs­sen (d. h. er mit uns dar­über strei­ten will), so soll er wis­sen: Wir haben eine der­ar­ti­ge Gewohn­heit nicht, dass Ehe­frau­en in der Ver­samm­lung das Zei­chen der Unter­ord­nung unter den Ehe­mann able­gen und sich so über Got­tes Ord­nung hinwegsetzen.

Heut­zu­ta­ge haben wir in unse­rem Umfeld eine ande­re Gewohnheit/Sitte, die Zuge­hö­rig­keit in der Ehe zum Aus­druck zu brin­gen – den Ehe­ring. Erscheint es uns nicht natür­lich und selbst­ver­ständ­lich, dass Ehe­paa­re am Ehe­ring zu erken­nen sind?

9 Was ist der Sinn von äuße­ren Zeichen?

Äuße­re Zei­chen sind vor allem für die Gesell­schaft wich­tig. Wenn die Korin­ther Gäs­te hat­ten und die­se Gäs­te sehen, dass die Frau­en kei­ne Kopf­be­de­ckung tra­gen, wären sie vor den Kopf gesto­ßen: Ord­nen sich Ehe­frau­en ihren Män­nern bei Chris­ten nicht unter? Äuße­re Zei­chen haben dort Sinn, wo sie ver­stan­den wer­den. Wo Zei­chen kei­nen bekann­ten Inhalt ver­mit­teln, wer­den sie zu einer Form­sa­che und die Ein­hal­tung einer Zei­chen­hand­lung zum Formalismus.

Des Wei­te­ren kann die Fra­ge gestellt wer­den, ob das Tra­gen einer Kopf­be­de­ckung nicht den For­ma­lis­mus för­dert, wenn eine Frau zwar eine Kopf­be­de­ckung in der Ver­samm­lung trägt, aber eine sünd­haf­te Gesin­nung hat – also äußer­lich gehor­sam zu sein scheint, aber inner­lich ist sie unge­hor­sam. Soll ein äuße­res Zei­chen solch eine Bedeu­tung haben? Es wird häu­fig von einem ewi­gen christ­li­chen Zei­chen gespro­chen, aber dies­be­züg­lich ist zu sagen, dass Sym­bo­le im Chris­ten­tum eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len. In ande­ren Reli­gio­nen und auch im Namens­chris­ten­tum ste­hen äuße­re Zei­chen im Zen­trum, der inne­re Gehor­sam Gott gegen­über wird aber ver­nach­läs­sigt bzw. das äußer­lich Sicht­ba­re ver­steckt heuch­le­risch das Unsicht­ba­re des Herzens.

10 Ist die Kopf­be­de­ckung ein ewi­ges christ­li­ches Zeichen?

Um die Wich­tig­keit des Tra­gens einer Kopf­be­de­ckung zu unter­mau­ern, wird gelehrt, dass die Kopf­be­de­ckung ein immer­wäh­ren­des christ­li­ches Zei­chen ist. Die Tau­fe und das Abend­mahl gehen auf Wor­te Jesu zurück. Das ist in den Evan­ge­li­en mehr­fach bezeugt, wir haben auch vie­le Stel­len im Neu­en Tes­ta­ment, dass Chris­ten die­se Gebo­te Jesu befolg­ten. Der Sinn die­ser Gebo­te und der mit ihnen ver­bun­de­nen Zei­chen­hand­lun­gen ist auch in sich sehr ver­ständ­lich. Ganz anders hier bei der Kopf­be­de­ckung. Es ist nicht ver­ständ­lich, dass Frau­en eine Kopf­be­de­ckung nur beim Beten und Weis­sa­gen tra­gen sol­len, sonst aber nicht. Also auch nicht in der Öffent­lich­keit, wo es ja gera­de wich­tig wäre zu bezeu­gen, dass sich die Frau dem Mann unterordnet.

In die­sem Zusam­men­hang wird häu­fig betont, dass es wich­tig sei, der Schrift Fol­ge zu leis­ten, auch wenn es für die heu­ti­ge Gesell­schaft unver­ständ­lich ist. Dar­in zei­ge sich die Bereit­schaft, alles für Gott zu tun und sei­ne Gebo­te zu befol­gen. Aber wor­in besteht nun das Beson­de­re, wenn christ­li­che Frau­en bei Ver­samm­lun­gen eine Kopf­be­de­ckung tra­gen? Das tun alle Frau­en bei sol­chen Zusam­men­künf­ten und damit ist es nicht son­der­lich schwie­rig, die­ses Gebot ein­zu­hal­ten. In der Öffent­lich­keit tra­gen sie kei­ne Kopf­be­de­ckung, wie Frau­en in vie­len west­li­chen Län­dern das nicht tun.

Christ­li­che Ehe­frau­en tru­gen eine Kopf­be­de­ckung nicht nur bei den Gemein­de­zu­sam­men­künf­ten, son­dern auch in der Öffent­lich­keit (so wie es Jüdin­nen taten). Dadurch drück­ten sie die Unter­ord­nung ihren Män­nern gegen­über in der Gesell­schaft aus. Die Kopf­be­de­ckung nur in der Ver­samm­lung zu tra­gen, macht kei­nen Sinn. Die Glau­bens­ge­schwis­ter benö­ti­gen sol­che Zei­chen nicht, da sie ein­an­der auf­grund enger Gemein­schaft sehr gut ken­nen. Chris­ten sind Brü­der und Schwes­tern, die ein­an­der geist­lich unter­stüt­zen, ein­an­der ihre Sün­den beken­nen, beson­ders auch Gedan­ken und Gesin­nun­gen. Sie sind damit nicht auf äußer­li­che Zei­chen angewiesen.

11 Sol­len Chris­tin­nen nur oder auch beim Weissagen/Gebet eine Kopf­be­de­ckung tragen?

An die­ser Stel­le möch­ten wir noch auf die Fra­ge ein­ge­hen, war­um Pau­lus das bedeck­te Haupt in einen Zusam­men­hang mit Gebet oder Weis­sa­gung bringt. Wie schon gesagt tru­gen christ­li­che Ehe­frau­en in der Öffent­lich­keit eine Art Kopf­be­de­ckung, die sie als ver­hei­ra­te­te Frau­en kennt­lich mach­te. Wenn sich man­che in den Gemein­de­zu­sam­men­künf­ten zu frei ver­hiel­ten und es nicht für nötig sahen, das Zei­chen der Unter­ord­nung unter ihren Ehe­mann in der Ver­samm­lung zu tra­gen, sah Pau­lus dar­in einen Man­gel an Unter­ord­nung unter Got­tes Ordnung.

Die­se fal­sche Hal­tung der man­geln­den Unter­ord­nung unter Gott war beson­ders unpas­send und schäd­lich, wenn sich die betrof­fe­nen Schwes­tern an Gott wen­den (Gebet) oder Wor­te von Gott zu ande­ren spre­chen woll­ten (Weis­sa­gung). Fal­sche Hal­tun­gen hin­dern unse­re Gebe­te und wir kön­nen nicht auf Got­tes Füh­rung bau­en, wenn wir in der Gemein­de geist­lich hel­fen wol­len (was der Sinn der Weis­sa­gung ist). Es ging Pau­lus also nicht dar­um, dass Chris­tin­nen nur beim Weis­sa­gen und Gebet, son­dern dass sie auch beim Weis­sa­gen und Gebet ihren Kopf bedecken.


Fußnoten

  1. Z. B. Bau­er, W. (1963). Griechisch‐deutsches Wör­ter­buch zu den Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments und der übri­gen urchrist­li­chen Lite­ra­tur (5. Aufl., S. 131, 334). Ber­lin: Ver­lag Alfred Töpelmann.
  2. Bil­ler­beck, P. (1926). Die Brie­fe des Neu­en Tes­ta­ments und die Offen­ba­rung Johan­nis. In H. L. Strack & P. Bil­ler­beck (Hrsg.), Kom­men­tar zum Neu­en Tes­ta­ment. Aus Tal­mud und Midrasch (Bd. 3, 5. Aufl., S. 439). Mün­chen: Beck.
  3. Bil­ler­beck (1926), S. 427 und 435–436.
  4. Der ame­ri­ka­ni­sche Alt­phi­lo­lo­ge Pres­ton T. Mas­sey, der deut­sche Prä­his­to­ri­ker Walt­her Bre­mer (1887–1926) und der Wali­ser Pro­fes­sor für anti­ke Geschich­te Lloyd Llewellyn‐Jones.
  5. Das Argu­ment, Absa­lom sei kein gutes Bei­spiel bezüg­lich der Haar­tracht, weil er nicht got­tes­fürch­tig war, ist hier nicht ziel­füh­rend. Es geht nicht um eine ethi­sche Fra­ge, son­dern um Gewohn­hei­ten und Sitten.
  6. Bil­ler­beck (1926), S. 440–441.
  7. Bil­ler­beck (1926), S. 427–428.


Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi, (Epheser 5,21)

und [so] ist er geteilt. Die unverheiratete Frau und die Jungfrau ist für die [Sache] des Herrn besorgt, damit sie heilig sei an Leib und Geist; die Verheiratete aber ist für die [Sache] der Welt besorgt, wie sie dem Mann gefallen möge. (1. Korinther 7,34)

Ich will aber, daß ihr wißt, daß der Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, das Haupt der Frau aber der Mann, des Christus Haupt aber Gott. (1. Korinther 11,3)

Z. B. Bau­er, W. (1963). Griechisch‐deutsches Wör­ter­buch zu den Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments und der übri­gen urchrist­li­chen Lite­ra­tur (5. Aufl., S. 131, 334). Ber­lin: Ver­lag Alfred Töpelmann.

Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi, die Frauen den eigenen Männern als dem Herrn! Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch der Christus das Haupt der Gemeinde ist, er als des Leibes Heiland. Wie nun die Gemeinde sich dem Christus unterordnet, so auch die Frauen den Männern in allem. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, [sie] reinigend durch das Wasserbad im Wort, damit er die Gemeinde sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern daß sie heilig und tadellos sei. So sind auch die Männer schuldig, ihre Frauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Gemeinde. Denn wir sind Glieder seines Leibes. `Deswegen wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis ist groß, ich aber deute es auf Christus und die Gemeinde. Jedenfalls auch ihr — jeder von euch liebe seine Frau so wie sich selbst; die Frau aber, daß sie Ehrfurcht vor dem Mann habe. (Epheser 5,21–33)

Bil­ler­beck, P. (1926). Die Brie­fe des Neu­en Tes­ta­ments und die Offen­ba­rung Johan­nis. In H. L. Strack & P. Bil­ler­beck (Hrsg.), Kom­men­tar zum Neu­en Tes­ta­ment. Aus Tal­mud und Midrasch (Bd. 3, 5. Aufl., S. 439). Mün­chen: Beck.

Bil­ler­beck (1926), S. 427 und 435–436.

Der ame­ri­ka­ni­sche Alt­phi­lo­lo­ge Pres­ton T. Mas­sey, der deut­sche Prä­his­to­ri­ker Walt­her Bre­mer (1887–1926) und der Wali­ser Pro­fes­sor für anti­ke Geschich­te Lloyd Llewellyn‐Jones.

Das Argu­ment, Absa­lom sei kein gutes Bei­spiel bezüg­lich der Haar­tracht, weil er nicht got­tes­fürch­tig war, ist hier nicht ziel­füh­rend. Es geht nicht um eine ethi­sche Fra­ge, son­dern um Gewohn­hei­ten und Sitten.

Denn siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Ein Schermesser soll nicht auf sein Haupt kommen, denn ein Nasiräer Gottes soll der Junge sein von Mutterleib an. Er wird anfangen, Israel aus der Hand der Philister zu retten. (Richter 13,5)

Alle Tage des Gelübdes seiner Weihe soll kein Schermesser über sein Haupt kommen. Bis die Tage erfüllt sind, die er sich für den HERRN geweiht hat, soll er heilig sein; er soll das Haar seines Hauptes frei wachsen lassen. (4. Mose 6,5)

Bil­ler­beck (1926), S. 440–441.

Bil­ler­beck (1926), S. 427–428.

Erinnere sie, [staatlichen] Gewalten [und] Mächten untertan zu sein, Gehorsam zu leisten, zu jedem guten Werk bereit zu sein, niemand zu lästern, nicht streitsüchtig zu sein, milde, gegen alle Menschen alle Sanftmut zu erweisen. (Titus 3,1–2)

Wenn ihr aber bitteren Neid und Eigennutz in euren Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit. Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, sinnliche, teuflische. Denn wo Neid und Eigennutz ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat. (Jakobus 3,14–16)

Woher [kommen] Kriege und woher Streitigkeiten unter euch? Nicht daher: Aus euren Lüsten, die in euren Gliedern streiten? (Jakobus 4,1)