Priester in Sünde – Vermittler von Gottes Gnade?
Die Antwort der katholischen Kirche auf diese Frage lautet seit Augustinus (4./5. Jahrhundert), dass die von einem geweihten katholischen Priester gespendeten Sakramente (Lossprechung bei der Beichte, Eucharistie, Taufe usw.) den Gläubigen die Gnade Gottes gültig vermitteln, und zwar unabhängig von schweren Sünden des Priesters. Es wirke ex opere operato – „aufgrund der vollzogenen sakramentalen Handlung, … unabhängig von der Einstellung dessen, der es tut.“[1]
Dieses Thema ist komplex, da es mit vielen anderen grundlegenden katholischen Lehren (Sakramente, Priestertum …) zusammenhängt, auf die wir in diesem Beitrag nicht eingehen werden. Im Folgenden möchten wir die im Titel gestellte Frage auf Grundlage der Bibel untersuchen.

Hindert ein Leben in Sünde das Wirken Gottes?
Im Johannesevangelium, Kapitel 9, wird von einem Mann berichtet, der von Geburt an blind war. Jesus heilte ihn von seiner Blindheit. Daraufhin geriet dieser Mann in einen heftigen Konflikt mit den religiösen Führern der Juden, die nicht glauben wollten, dass ein Wunder geschehen war. Wir zitieren aus der Beschreibung dieser Situation:
Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe. Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. (Johannes 9,24–34 – Einheitsübersetzung)
Der Geheilte war theologisch völlig ungebildet. Weil er aber ein aufrichtiges Herz hatte, wusste er, dass Gott nur den erhört und gebraucht, der Gott fürchtet und seinen Willen tut. Dieser Mann ging ganz selbstverständlich davon aus, dass das für jeden anderen aufrichtigen Menschen ebenso klar ist.
Die jüdischen Führer dagegen kannten die Schriften gut und waren in deren Auslegung geübt. Trotzdem konnten oder wollten sie diese einfache Schlussfolgerung nicht ziehen, obwohl die alttestamentlichen Schriften immer wieder über die Wichtigkeit des Gehorsams gegenüber Gottes Geboten sprechen:
Wendet einer sein Ohr ab, um die Unterweisung nicht zu hören, dann ist sogar sein Gebet ein Gräuel. (Sprüche 28,9 – Einheitsübersetzung)
Fern ist der Herr den Gottlosen, doch das Gebet der Gerechten hört er. (Sprüche 15,29 – Einheitsübersetzung)
Hätte ich Böses im Sinn gehabt, dann hätte der Herr mich nicht erhört. (Psalm 66,18 – Einheitsübersetzung)
Wenn ihr kommt, um vor meinem Angesicht zu erscheinen – wer hat von euch verlangt, dass ihr meine Vorhöfe zertrampelt? Bringt mir nicht länger nutzlose Gaben, Räucheropfer, die mir ein Gräuel sind! Neumond und Sabbat, das Ausrufen von Festversammlungen, ich ertrage nicht Frevel und Feier. Eure Neumonde und Feste sind mir in der Seele verhasst, sie sind mir zur Last geworden, ich bin es müde, sie zu ertragen. Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch. Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. (Jesaja 1,12–15 – Einheitsübersetzung)
Jetzt gilt dieses Gebot für euch, ihr Priester: Wenn ihr nicht hört und nicht von Herzen darauf bedacht seid, meinen Namen in Ehren zu halten – spricht der HERR der Heerscharen -, dann schleudere ich meinen Fluch gegen euch und verfluche den Segen, der auf euch ruht; ja, ich habe ihn schon verflucht, weil ihr nicht von Herzen darauf bedacht seid. (Maleachi 2,1–2 – Einheitsübersetzung)
Der letzte Abschnitt aus dem Buch Maleachi handelt von den alttestamentlichen (levitischen) Priestern, nicht von den Priestern der katholischen Kirche. Dort wird aber ganz klar, dass Gott keinen Segen geben will durch Menschen, die in Sünden leben und seinen Namen durch ihr schlechtes Leben entweihen und lästern.
Kann ein Blinder einen Blinden führen?
Wenn ein Mensch bewusst in Sünde lebt, kann er andere nicht zu Gott führen:
Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Weißt du, dass die Pharisäer, die dein Wort gehört haben, empört sind? Er antwortete ihnen: Jede Pflanze, die nicht mein himmlischer Vater gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Lasst sie, es sind blinde Blindenführer. Und wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen. (Matthäus 15,12–14 – Einheitsübersetzung)
Jesus hat hier deutlich gemacht, dass ein Mensch, der bewusst in Sünde lebt (geistlich blind ist), anderen nicht als geistlicher Führer, Vater oder Leiter helfen kann. Wenn er das versucht, wird es beiden zum Verhängnis werden.
Die Apostel hatten von Jesus Vollmacht empfangen, zu heilen und Dämonen auszutreiben (Matthäus 10,1). Sie machten aber auch die Erfahrung, dass Kleinglaube Gott daran hinderte, durch sie zu wirken. Einmal kam ein verzweifelter Vater und bat sie, einen bösen Geist aus seinem Sohn auszutreiben, was ihnen aber nicht gelang (Matthäus 17,19–20). Diese Begebenheit zeigt, dass Gottes Gnadenwirken vom persönlichen Glauben und Leben des Menschen abhängt, durch den Gott wirken will.
Bei denen, die in der Gemeinde Verantwortung tragen, legte Paulus besonderen Wert auf Aufrichtigkeit vor Gott und eine gute Lebensführung:
Auch die Diakone in der Gemeinde sollen geachtete Leute sein, ehrlich und glaubwürdig in ihrem Reden; sie sollen nicht zu viel Wein trinken und nicht darauf aus sein, sich durch unehrliche Geschäfte zu bereichern. Denn das Geheimnis, das ihnen mit dem Glauben anvertraut wurde, können sie nur in einem reinen Gewissen bewahren. Die Diakone müssen sich ebenfalls zuerst bewähren.[2] Nur wenn an ihnen nichts auszusetzen ist, darf man sie zum Dienst zulassen. (1. Timotheus 3,8–10 – Hoffnung für alle)
Gott erwartet natürlich von jedem Christen, dass er sich nicht betrinkt oder bereichert. Aber wer in der Gemeinde pastorale Verantwortung tragen wollte, sollte auch in seinem Leben vor der Umkehr schon gut gelebt haben.[3] Diese Anweisungen von Paulus machen deutlich, dass es für Gott nicht egal ist, wie ein Mensch gelebt hat und lebt, der Verantwortung für den Glauben anderer tragen will.
Sünde wirkt wie Sauerteig
Zum Schluss noch ein Zitat aus einem der Paulusbriefe:
Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid! Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. […] Nun aber habe ich euch geschrieben: Habt nichts zu schaffen mit einem, der sich Bruder nennt und dennoch Unzucht treibt, habgierig ist, Götzen verehrt, lästert, trinkt oder raubt; mit einem solchen Menschen sollt ihr auch keine Tischgemeinschaft haben. Was geht es mich denn an, die Außenstehenden zu richten? Habt ihr nicht die zu richten, die zu euch gehören? Die Außenstehenden wird Gott richten. Schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte! (1. Korinther 5,6–7.11–13 – Einheitsübersetzung)
Hier schreibt Paulus nicht darüber, ob ein Mann in Sünde ein Ältester in der Kirche sein kann, sondern ob ein Mann in schwerer Sünde überhaupt zu Gottes Kirche gehören kann. Wenn die Gemeinde dies zulässt, wird die Sünde wie ein Sauerteig die ganze Gemeinde verderben.
Wie viel ernster ist die Situation, wenn Amtsträger der katholischen Kirche in Sünde leben, während die Glaubwürdigkeit ihres „Amtes“ dogmatisch fixiert ist – und sogar diejenigen, die das in Frage stellen, verurteilt werden!
Das Konzil von Trient 1547 hat es so formuliert:
„Wer sagt, der Ausspender, der sich im Stand der Todsünde befinde, bringe kein Sakrament zustande oder teile keines mit, obwohl er alles Wesentliche beobachtet, was zum Zustandebringen und Mitteilen des Sakramentes gehört, der sei ausgeschlossen.“[4]
Gottes Gnade empfängt der Mensch nicht wie von einem Automaten, der das gewünschte Produkt auf Knopfdruck ausgibt. Wenn wir unsere Sünden loslassen wollen, um Gott nahe zu kommen, ist eine tiefe, persönliche Beziehung zu ihm möglich. So kann er uns seine Gnade schenken. Wenn ein Mensch Gott liebt und seinen Willen tut, dann kann Gottes Gnade auch durch ihn in das Leben anderer Menschen hineinwirken.
Fußnoten
- Zitiert nach: Wikipedia, Ex opere operato.
- … wie auch die Aufseher (wörtl. Übersetzung von gr. episkopoi), über die Paulus direkt davor schreibt (1. Timotheus 3,1–7).
- Mehr dazu findest du in unserem Artikel über Ämter und veschiedene Aufgaben in der Kirche.
- Konzil von Trient (1547), in: Neuner‐Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, 12. Auflage, Verlag Friedrich Pustet.