Maria

Themenbereiche: Bibel und Tradition
Schlagwörter: katholisch

Wir glau­ben an Jesus als wah­ren Gott, der für uns Mensch gewor­den ist. Des­we­gen kann auch sei­ne Mut­ter für uns nicht bedeu­tungs­los sein. Wir wol­len uns um ein objek­ti­ves Bild der Mut­ter unse­res Herrn bemü­hen und uns dabei an die ein­zi­gen ver­läss­li­chen Quel­len zu ihrer Per­son hal­ten, d. h. die Evan­ge­li­en und die Apos­tel­ge­schich­te. Die Dar­stel­lung soll von Respekt vor dem Glau­ben der Frau geprägt sein, die sich selbst als die „Magd des Herrn“ (Lukas 1,38) bezeich­net hat, aber auch Kri­tik an einer Marien„verehrung“ zum Aus­druck brin­gen, die weder dem Wil­len Got­tes noch dem Wil­len sei­ner Magd entspricht.

In einer öden Wüstenlandschaft führt ein Mann einen Esel an der Hand. Auf dem Esel sitzt eine junge Frau mit einem Kind auf Ihrem Schoß. Josef und Maria auf der Flucht nach Äpypten.

1 Mari­am, die Mut­ter Jesu

Als im Jah­re 8 oder 7 v. Chr. das Mäd­chen Mari­am[1] aus dem gali­läi­schen Dorf Naza­reth plötz­lich mit dem Ruf Got­tes kon­fron­tiert wur­de, Mut­ter des Erlö­sers zu wer­den (Lukas 1,26–38), war das der Beginn eines neu­en Abschnit­tes in der Geschich­te Got­tes mit uns Men­schen. Mari­am sag­te Ja zu der Auf­ga­be, die ihr Gott anver­traut hat­te. Sie wur­de die Mut­ter des Erlö­sers der Mensch­heit, Jesus, der als ewi­ger Logos in ihr Mensch wur­de. In ihrem Sohn ver­ein­te sich in einer Per­son der unend­li­che Gott mit einem Geschöpf.

Als Mut­ter des Erlö­sers wur­de Mari­am von Anfang an in die Ernied­ri­gung ihres Soh­nes mit­ein­be­zo­gen. Bei sei­ner Geburt erfuhr sie Obdach­lo­sig­keit (Lukas 2,7), kur­ze Zeit danach muss­te sie mit Mann und Kind emi­grie­ren (Mat­thä­us 2,13–15). Als Mut­ter des zwölf­jäh­ri­gen Jesus erfuhr sie, wie sie ihre müt­ter­li­chen Gefüh­le der Bezie­hung ihres Soh­nes zum ewi­gen Vater unter­zu­ord­nen hat­te (Lukas 2,48–49).

Als Mari­am ihren Sohn am Anfang sei­nes öffent­li­chen Wir­kens, wenn auch nur indi­rekt, auf­for­der­te, zur Lösung eines aku­ten Pro­blems ein­zu­schrei­ten, mach­te ihr Jesus sehr direkt bewusst, dass der Ablauf des Pla­nes Got­tes nicht von ihrem Ein­grei­fen abhing:

Was habe ich mit dir zu schaf­fen, Frau? Ist mei­ne Stun­de nicht schon gekom­men? (Johan­nes 2,4)[2]

Mari­am ver­stand die­se Ermah­nung und über­ließ alles Wei­te­re Jesus. Wir kön­nen das letz­te uns aus ihrem Mun­de über­lie­fer­te Wort auch als Grund­satz ihres wei­te­ren Lebens auffassen:

Was er euch sagen mag, tut! (Johan­nes 2,5)

Sie muss­te mit­er­le­ben, wie durch das öffent­li­che Auf­tre­ten Jesu die eige­ne Fami­lie zer­ris­sen wur­de, da sei­ne Brü­der nicht an Jesus glaub­ten (Johan­nes 7,5). In der in Mar­kus 3,20–35 beschrie­be­nen Situa­ti­on woll­ten sie sich in das Wir­ken Jesu ein­mi­schen. Wir gehen davon aus, dass Mari­am als Mut­ter des Mes­si­as nie­mals ihr Ver­trau­en in ihren Sohn ver­lo­ren hat. In die­ser Situa­ti­on mach­te Jesus jedoch nicht nur sei­nen Ver­wand­ten, son­dern auch sei­ner Mut­ter klar, dass geist­li­che Ver­bin­dun­gen wich­ti­ger sind als leib­li­che Verwandtschaft:

Er aber ant­wor­te­te und sprach zu dem, der es ihm sag­te: Wer ist mei­ne Mut­ter und wer sind mei­ne Brü­der? Und er streck­te sei­ne Hand aus über sei­ne Jün­ger und sprach: Sie­he da, mei­ne Mut­ter und mei­ne Brü­der! Denn wer den Wil­len mei­nes Vaters tut, der in den Him­meln ist, der ist mein Bru­der und mei­ne Schwes­ter und mei­ne Mut­ter. (Mat­thä­us 12,48–50)

Danach blieb Jesu Mut­ter wei­ter­hin im Hin­ter­grund. Vie­les am Ver­hal­ten ihres Soh­nes war ihr unver­ständ­lich. Sie hielt ihm aber die Treue bis zu sei­nem Tod am Kreuz. In die­ser Situa­ti­on ver­trau­te Jesus sie lie­ber sei­nem Jün­ger Johan­nes als sei­nen ungläu­bi­gen Ver­wand­ten an (Johan­nes 19,25–27). Nach der Auf­er­ste­hung und der Him­mel­fahrt Jesu fin­den wir Mari­am im Krei­se der Jün­ger Jesu, mit ihnen zum Gebet ver­sam­melt (Apos­tel­ge­schich­te 1,14). Danach ver­lie­ren sich die Spu­ren Mari­ams in der Geschich­te. Wir dür­fen anneh­men, dass sie auch wei­ter­hin mit Johan­nes zusam­men war und dass sie als gläu­bi­ge Jün­ge­rin starb. Das Schwei­gen der spä­te­ren Kapi­tel der Apos­tel­ge­schich­te und auch der gesam­ten Brief­li­te­ra­tur[3] des Neu­en Tes­ta­ments zei­gen, dass sie ihren Platz nicht an füh­ren­der Stel­le sah, son­dern in Unter­ord­nung und Demut ihren Bei­trag zum Auf­bau der Gemein­de leistete.

2 Mari­en­ver­eh­rung?

Maria selbst sagte:

Sie­he, von nun an wer­den mich glück­se­lig prei­sen alle Geschlech­ter. (Lukas 1,48)

Also kann es doch nur rich­tig sein, sich im Gebet ver­trau­ens­voll an die Mut­ter Jesu zu wenden? 

Wir prei­sen Maria selig, so wie auch Eli­sa­beth, ihre Ver­wand­te, es aus­ge­drückt hat:

Und glück­se­lig, die geglaubt hat, denn es wird zur Erfül­lung kom­men, was von dem Herrn zu ihr gere­det ist. (Lukas 1,45)

In der sel­ben Wei­se prei­sen wir, so wie auch Jesus es gesagt hat, alle Gläu­bi­gen selig:

Glück­se­lig sind, die nicht gese­hen und doch geglaubt haben! (Johan­nes 20,29)

In ihren oben ange­führ­ten Wor­ten folg­te Maria dem Vor­bild Leas, die anläss­lich der Geburt Aschers, immer­hin der Stamm­va­ter eines der zwölf Stäm­me Isra­els, ausrief:

Zu mei­ner Glück­se­lig­keit! Denn glück­se­lig prei­sen mich die Töch­ter. (Gene­sis 30,13)

Die Bedeu­tung der Geburt Jesu über­trifft die Bedeu­tung der Geburt eines Stamm­va­ters bei Wei­tem. Sie betrifft alle Geschlech­ter. Alle Geschlech­ter haben dar­um Grund, sich über den Glau­ben Mari­as zu freu­en. Doch genau so wenig, wie die Töch­ter Isra­els zu Lea bete­ten, beten Chris­ten zur Mut­ter ihres Erlö­sers. Gebet gebührt ein­zig nur Gott! Das Gebet, in dem Maria ihre Freu­de über ihre Erwäh­lung zur Mut­ter des Erlö­sers aus­drückt, ist völ­lig auf Gott aus­ge­rich­tet, den sie ihren Hei­land (Lukas 1,47) nennt. Weder in den Wor­ten Mari­as noch irgend­wo sonst in den Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments fin­den wir auch nur den gerings­ten Grund, Maria im Gebet zu ver­eh­ren oder sie auch nur um ihre Für­bit­te anzu­ru­fen. Die Bibel ist voll mit Gebe­ten. Doch alle Gebe­te rich­ten sich an Gott oder an Jesus. Kein ein­zi­ges Gebet betrifft einen Men­schen, so voll­kom­men und hei­lig er auch gelebt haben mag.

Du sollst den Herrn, dei­nen Gott, anbe­ten und ihm allein die­nen! (Mat­thä­us 4,10)

Die häu­fi­ge Aus­sa­ge soge­nann­ter Mari­en­ver­eh­rer, dass sie ja Maria nicht anbe­ten, son­dern sie nur um ihre Für­bit­te ersu­chen, so wie man eben jeden ande­ren Chris­ten dar­um bit­ten kann, für uns zu beten, schei­tert nicht nur an der feh­len­den bibli­schen Begrün­dung, son­dern auch an der Tat­sa­che, dass Maria jetzt nicht mehr unter uns weilt, son­dern in der Gegen­wart Got­tes lebt. Maria lebt und ist nicht tot. Aber die Gren­zen zwi­schen die­ser ver­gäng­li­chen Welt und der ewi­gen Welt Got­tes bestehen nach wie vor. Auch auf Maria trifft zu, was ein alt­tes­ta­ment­li­cher Pro­phet über Abra­ham und Isra­el (= Jakob), die Stamm­vä­ter des Vol­kes Isra­el, gesagt hat:

Denn du bist unser Vater. Denn Abra­ham weiß nichts von uns und Isra­el kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater, unser Erlö­ser von alters her, das ist dein Name. (Jesa­ja 63,16)

Wer unter allen Jün­gern kann­te Maria bes­ser als Johan­nes, der sie nach dem Tode Jesu zu sich genom­men hat? Aller Wahr­schein­lich­keit nach hat Johan­nes Maria um eini­ges über­lebt und auch all sei­ne neu­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten erst nach ihrem Tode voll­endet. Hät­te Johan­nes Maria nach ihrem Tode um ihre Für­bit­te ange­ru­fen, müss­te das Spu­ren in sei­nen Schrif­ten und auch in der Tra­di­ti­on des 2. Jahr­hun­derts hin­ter­las­sen haben. Doch davon ist nichts zu bemer­ken. Wer sind wir, dass wir in die­sem Punkt bes­ser Bescheid wis­sen soll­ten als die Apos­tel? Wer Maria die ihr gebüh­ren­de Ehre erweist, folgt dem Bei­spiel der Mut­ter Jesu und erhebt den Herrn und preist Gott, sei­nen Ret­ter! (Lukas 1,46–47).

3 Maria, die Mittlerin?

Zum The­ma Mitt­ler­schaft fin­den wir in der Bibel kla­re Aussagen:

Denn einer ist Gott und einer ist Mitt­ler zwi­schen Gott und Men­schen, der Mensch Chris­tus Jesus. (1. Timo­theus 2,5)

Daher kann er [Jesus] die auch völ­lig erret­ten, die sich durch ihn Gott nahen, weil er immer lebt, um sich für sie zu ver­wen­den. (Hebrä­er 7,25)

„Mari­en­ver­eh­rer“ stim­men die­sen Aus­sa­gen for­mal zu, aber machen aus Maria die „Mitt­le­rin zum Mitt­ler“. So behaup­te­te Papst Leo XIII:

Wie des­halb zum höchs­ten Vater nie­mand hin­tre­ten kann außer durch den Sohn, so kann gewis­ser­ma­ßen nie­mand zu Chris­tus hin­tre­ten außer durch die Mut­ter. /Leo XIII, Enzy­kli­ka „Octo­bri Mense“ (1891)/

Wenn wir aber den Zugang zu Jesus doch wie­der nur über Maria haben, wird aus die­ser for­ma­len Zustim­mung eine prak­ti­sche Leug­nung der ein­zig­ar­ti­gen Mitt­ler­schaft Jesu.

Aber hat nicht Jesus am Kreuz sei­ne Mut­ter allen Men­schen zur Mut­ter gege­ben (Johan­nes 19,25–27)? Ist das nicht Grund, vol­ler Ver­trau­en zu ihr zu eilen? Wer kennt uns bes­ser als die Mutter? 

Tat­sa­che ist, dass davon in der Bibel nichts zu fin­den ist. Jesus hat als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Sohn sei­ne Mut­ter lie­ber sei­nem engs­ten Jün­ger als sei­nen damals noch ungläu­bi­gen Ver­wand­ten anver­traut. Noch am Kreuz zeig­te Jesus einer­seits sei­ne Ver­ant­wor­tung für sei­ne Mut­ter, ande­rer­seits aber auch, dass für ihn die geist­li­che Ver­wandt­schaft vor der leib­li­chen kommt.

Aber ist es nicht so, dass Jesus auf sei­ne Mut­ter beson­ders hört? Wie könn­te ein Sohn das fle­hent­li­che Bit­ten sei­ner Mut­ter verschmähen? 

Wer so denkt, leug­net die Lie­be Got­tes, der sich allen Men­schen ohne Anse­hen der Per­son zuwen­det. Wenn ich mich Gott mit rei­ner Gesin­nung nähe­re, hört er mich. Habe ich die­se Gesin­nung nicht, wird mir auch Maria nicht hel­fen kön­nen. Es ist Jesus, der uns zuruft:

Kommt her zu mir, alle ihr Müh­se­li­gen und Bela­de­nen! Und ich wer­de euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir! Denn ich bin sanft­mü­tig und von Her­zen demü­tig und ihr wer­det Ruhe fin­den für eure See­len; denn mein Joch ist sanft und mei­ne Last ist leicht. (Mat­thä­us 11,28–30)

Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kom­men, und wer zu mir kommt, den wer­de ich nicht hin­aus­sto­ßen. (Johan­nes 6,37)

4 Maria, die Sündenlose?

Nach dem Zeug­nis des Neu­en Tes­ta­ments war Jesus ohne Sünde:

Wer von Euch über­führt mich einer Sün­de? (Johan­nes 8,46)

Wer so spricht, ist ent­we­der grö­ßen­wahn­sin­nig oder er hat Recht. Wir glau­ben gemein­sam mit den ers­ten Chris­ten, dass Jesus als ein­zi­ger Mensch die­sen Satz sagen kann.

Denn wir haben nicht einen Hohen­pries­ter, der nicht Mit­leid haben könn­te mit unse­ren Schwach­hei­ten, son­dern der in allem in glei­cher Wei­se ver­sucht wor­den ist, doch ohne Sün­de. (Hebrä­er 4,15)

Denn ein sol­cher Hoher­pries­ter geziem­te sich auch für uns: hei­lig, sünd­los, unbe­fleckt … (Hebrä­er 7,26)

… der kei­ne Sün­de getan hat, noch ist Trug in sei­nem Mund gefun­den wor­den. (1. Petrus 2,22)

Über Maria hin­ge­gen fin­den wir kei­ne der­ar­ti­ge Aus­sa­ge in der Bibel. Dar­um wird als Schrift­be­leg übli­cher­wei­se der Gruß des Engels in Lukas 1,28 angeführt:

Sei gegrüßt, Begna­de­te! Der Herr ist mit dir.

In das Wort „begna­det“, das in der Vul­ga­ta[4] mit „gra­tia ple­na“, also „voll der Gna­de“, über­setzt wur­de, lesen „Mari­en­ver­eh­rer“ die gesam­te Theo­lo­gie der Sün­den­lo­sig­keit Mari­as hin­ein. Obwohl auch neue­re katho­li­sche Über­set­zun­gen schon längst die dem Grie­chi­schen „kecha­ri­tom­e­ne“ ent­spre­chen­de For­mu­lie­rung „Begna­de­te“ ver­wen­den, wird Maria trotz­dem immer noch als die „voll der Gna­de“ ver­ehrt. Der Aus­druck „begna­det“ weist aber gera­de dar­auf hin, dass sie der Gna­de Got­tes bedurf­te, kann also nicht als Hin­weis auf die Sün­den­lo­sig­keit Mari­as ver­wen­det wer­den. Bei Ste­pha­nus, über den wir fol­gen­de Aus­sa­ge finden:

Ste­pha­nus aber, voll Gna­de und Kraft, tat Wun­der und gro­ße Zei­chen unter dem Volk. (Apos­tel­ge­schich­te 6,8)

wer­den nicht die Schluß­fol­ge­run­gen wie bei Maria gezo­gen. Auch in Ste­pha­nus‘ Fall kön­nen wir bei aller Hoch­schät­zung vor dem Gehor­sam und der Hin­ga­be­be­reit­schaft des ers­ten Blut­zeu­gen nicht von Sün­den­lo­sig­keit sprechen.

Auch für Kir­chen­schrift­stel­ler der ers­ten Jahr­hun­der­te war klar, dass Maria gesün­digt hat­te. Als Bei­spiel sei hier nur Chry­sosto­mos ange­führt, der Mat­thä­us 12,46–50 wie folgt kommentierte:

Denn das, was sie tat, ent­sprang all­zu gro­ßer Eitel­keit. Sie woll­te vor dem Vol­ke zei­gen, dass sie Macht und Auto­ri­tät über ihren Sohn besit­ze, obgleich sie noch nicht die gerings­te Ahnung von sei­ner Grö­ße besaß. Des­halb kam sie auch zur Unzeit daher. /Johannes Chry­sosto­mos, Homi­li­en zum Mat­thä­us­evan­ge­li­um, Homi­lie 44/

Auch wenn Chry­sosto­mos die Situa­ti­on in Mat­thä­us 12 viel­leicht über­be­wer­tet hat, zeigt sein Bei­spiel doch, dass auch für einen katho­li­schen „Hei­li­gen“ des 4. Jahr­hun­derts die Sün­den­lo­sig­keit Mari­as noch kein Dog­ma war. So beken­nen auch wir mit Cle­mens von Alexandrien:

… des­halb ist er ja auch allein unser Rich­ter, weil er allein sünd­los ist. /Clemens von Alex­an­dri­en, Paed­ago­gus (Der Erzie­her), I,4,2/

5 Maria, die Mut­ter Gottes?

Das Kon­zil von Ephe­sus (431) nann­te Maria „Theo­to­kos“ (Got­tes­ge­bä­re­rin). Die­ser Aus­druck ist inso­fern rich­tig, als sie den gebar, der wah­rer Gott und wah­rer Mensch ist. Natür­lich ist klar, dass Gott, der ewi­ge Schöp­fer des Uni­ver­sums, ohne jeden Ursprung ist und daher weder Vater noch Mut­ter haben kann.

Genau­so wie Pau­lus schrei­ben konnte:

… so wür­den sie wohl den Herrn der Herr­lich­keit nicht gekreu­zigt haben (1. Korin­ther 2,8)

was heißt, dass sie Gott gekreu­zigt haben, kön­nen wir auch sagen, dass Maria Gott gebo­ren hat. Das ist aber eine Aus­sa­ge über Jesus, nicht über Maria. Lei­der hat die grund­sätz­lich rich­ti­ge, aber falsch akzen­tu­ier­te Leh­re des Kon­zils von Ephe­sus zu einer star­ken Inten­si­vie­rung des unbi­bli­schen Mari­en­kul­tes geführt. Die damals erfolg­te Auf­nah­me der heid­ni­schen Mas­sen in die Kir­che hat bewirkt, dass der heid­ni­sche Kult der Mut­ter­gott­heit, mit dem auch Pau­lus in Ephe­sus kon­fron­tiert wor­den war (Apos­tel­ge­schich­te 19,23–40), nun end­gül­tig Ein­zug ins Chris­ten­tum hal­ten konnte.

Beson­ders von theo­lo­gisch nicht geschul­ten Men­schen wird der Begriff „Got­tes­ge­bä­re­rin“ (oder noch ver­ein­facht: „Got­tes­mut­ter“) häu­fig falsch ver­stan­den und auch noch mit ent­spre­chen­den Emo­tio­nen belegt. Dem „Him­mels­va­ter“ wird die „Him­mels­mut­ter“ zur Sei­te gestellt. Trotz for­ma­ler Bei­be­hal­tung des Mono­the­is­mus wird ein prak­ti­scher Poly­the­is­mus ein­ge­führt. Die Mehr­zahl der Gebe­te rich­tet sich dann auch an die Him­mels­kö­ni­gin (Ver­glei­che Jere­mia 7,18). Die Vater­gott­heit ist in wei­te Fer­ne gerückt. Maria muss die stra­fen­de Hand ihres Soh­nes zurück­hal­ten.[5]

Die Bibel lehrt einen ande­ren Gott. Der Gott, von dem die Bibel spricht, ist uns nicht ferne:

… dass sie Gott suchen, ob sie ihn viel­leicht tas­tend füh­len und fin­den möch­ten, obwohl er ja nicht fern ist von jedem von uns. Denn in ihm leben und weben und sind wir … (Apos­tel­ge­schich­te 17,27–28)

Der Gott der Bibel ist nicht in den Rah­men von Mann und Frau, Vater‐ und Mut­ter­gott­heit zu pres­sen. Der unend­li­che Schöp­fer des Uni­ver­sums steht über die­sen Kate­go­rien. Des­we­gen fin­den wir in der Bibel neben zahl­rei­chen Stel­len, die uns Gott als Vater zei­gen, auch Aus­sa­gen, die ihn mit einer Mut­ter vergleichen:

Ver­gißt etwa eine Frau ihren Säug­ling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Lei­bes? Soll­ten selbst die­se ver­ges­sen, ich wer­de dich nie­mals ver­ges­sen. (Jesa­ja 49,15)

Wie einen, den sei­ne Mut­ter trös­tet, so will ich euch trös­ten. (Jesa­ja 66,13)

Ihm allein, der uns viel mehr ist als Vater und Mut­ter, wol­len wir die­nen, unse­rem ein­zi­gen Gott und Ret­ter, so wie auch Maria es tat, inmit­ten der Gemein­schaft der Jün­ger Jesu.


Fußnoten

  1. Das ist der Name der Mut­ter Jesu an vie­len Stel­len des Neu­en Tes­ta­ments, wie etwa in Lukas 1,27.30.34.
  2. Der Zusam­men­hang legt nahe, die­sen Satz im Gegen­satz zu den übli­chen Über­set­zun­gen als Fra­ge zu über­set­zen. Der Urtext kann­te kei­ne Satz­zei­chen. Die grie­chi­sche Wort­fol­ge erlaubt die­se Übersetzung.
  3. Gala­ter 4,4 „gebo­ren von einer Frau“ ist nicht als beson­de­re Erwäh­nung Mari­as zu wer­ten, son­dern soll die vol­le Mensch­wer­dung des Soh­nes Got­tes unterstreichen.
  4. Latei­ni­sche Bibel­über­set­zung durch Hie­ro­ny­mus im 5. Jahrhundert.
  5. Aus­sa­ge „Mari­as“ bei der von der römisch‐katholischen Kir­che aner­kann­ten Erschei­nung in La Salette.


Das ist der Name der Mut­ter Jesu an vie­len Stel­len des Neu­en Tes­ta­ments, wie etwa in Lukas 1,27.30.34.

Der Zusam­men­hang legt nahe, die­sen Satz im Gegen­satz zu den übli­chen Über­set­zun­gen als Fra­ge zu über­set­zen. Der Urtext kann­te kei­ne Satz­zei­chen. Die grie­chi­sche Wort­fol­ge erlaubt die­se Übersetzung.

Gala­ter 4,4 „gebo­ren von einer Frau“ ist nicht als beson­de­re Erwäh­nung Mari­as zu wer­ten, son­dern soll die vol­le Mensch­wer­dung des Soh­nes Got­tes unterstreichen.

Latei­ni­sche Bibel­über­set­zung durch Hie­ro­ny­mus im 5. Jahrhundert.

Aus­sa­ge „Mari­as“ bei der von der römisch‐katholischen Kir­che aner­kann­ten Erschei­nung in La Salette.