Jesus kommt bald wieder – lehrt die Bibel Naherwartung?
Viele Menschen, die sich mit der Bibel beschäftigen, meinen, dass die Wiederkunft Jesu nahe bevorstünde, weil in unserer heutigen Zeit die Zeichen der Endzeit deutlich zu sehen seien. In diesem Artikel wollen wir einige Bibelstellen, die wir in diesem Zusammenhang für entscheidend halten, genauer betrachten. Wir möchten zeigen, warum es nicht der christlichen Gesinnung entspricht, über den Zeitpunkt von Jesu zweitem Kommen nachzudenken. Jesus ruft uns auf, ihm nachzufolgen, ihm in Demut und Gehorsam treu zu dienen. Wir wissen, dass er kommt – wann das sein wird, ist für uns nicht entscheidend.

1 Können wir wissen, wann Jesus ungefähr wiederkommt?
Nach der Auferstehung des Herrn, als die Jünger voller Hoffnung den Beginn des Gottesreichs erwarteten, fragten sie ihn:
Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her? Er sprach zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde. (Apostelgeschichte 1,6–8)
Jesus weist sie mit seiner Antwort einerseits auf den Auftrag hin, den sie erfüllen sollten. Andererseits sagt er deutlich, dass eine Beschäftigung mit der Zeit seiner Wiederkunft nicht ihre Sache ist. „Zeiten“ und „Zeitpunkte“ (griechisch „chronos“ und „kairos“) umfassen sowohl Zeiträume als auch konkrete Zeitpunkte. Wenn Jesus nicht wollte, dass sich die Apostel mit der Frage nach Zeiten oder auch nach konkreten Zeitpunkten seiner Wiederkunft beschäftigen, gilt es genauso für uns heute.
Jesus hatte seinen Jüngern im Hinblick auf die Wiederkunft schon früher gesagt:
Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel in den Himmeln, auch nicht der Sohn, sondern der Vater allein. (Matthäus 24,36)
Den Zeitpunkt kennt also nicht einmal der Sohn selbst. Dennoch berufen sich einige auf die Worte Jesu und sagen, dass wir zwar den Tag und die Stunde nicht kennen, der ungefähre Zeitpunkt aber dennoch erkennbar sei. Jesus meinte aber nicht, dass er oder die Engel den Zeitpunkt nicht genau kennen, sondern dass sie ihn überhaupt nicht kennen. Er macht das auch durch seine Worte vom Dieb in der Nacht deutlich:
Wacht also! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommt, so hätte er wohl gewacht und nicht zugelassen, dass in sein Haus eingebrochen wird. Deshalb seid auch ihr bereit! Denn in der Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen. (Matthäus 24,42–44)
Auch Petrus (2. Petrus 3,10) und Paulus verwenden das Gleichnis vom Dieb in der Nacht, um damit zu zeigen, dass es unmöglich ist, die Zeit des Kommens Jesu vorauszusehen:
Was aber die Zeiten und Zeitpunkte betrifft, Brüder, so habt ihr nicht nötig, dass euch geschrieben wird. Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: Friede und Sicherheit!, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie, wie die Geburtswehen über die Schwangere; und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife; denn ihr alle seid Söhne des Lichtes und Söhne des Tages; wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. (1. Thessalonicher 5,1–5)
Die Parallele zu den Worten Jesu macht deutlich, dass „Tag und Stunde“ einfach eine andere Formulierung für „Zeiten und Zeitpunkte“ ist. Wir wissen nicht, wann der Herr kommt und wir können es auch nicht wissen. Für die Söhne des Lichts ist das auch nicht wichtig. Stattdessen erwarten sie freudig den Tag des Herrn, da sie jeden Tag nach seinem Willen leben und bereit sind, ihn zu empfangen.
2 Warum spricht der Herr von erkennbaren Zeichen?
Vieles von dem, was Jesus seinen Zeitgenossen sagte, gilt auch für alle nachfolgenden Generationen. Seine Ankündigung der Zerstörung Jerusalems[1] galt allerdings in erster Linie seinen Zuhörern, den Aposteln. Diese und die Christen Judäas sollten die Zeichen, die der Katastrophe vorausgehen, erkennen und entsprechend handeln. Es bewahrt uns vor voreiligen Schlüssen, wenn wir zuerst darüber nachdenken, was diejenigen verstehen sollten, zu denen Jesus gesprochen hat. Dies gilt vor allem für die sogenannten Endzeitreden in Matthäus 24, Markus 13 und Lukas 21.
2.1 Die Frage der Jünger
Als er aber auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger für sich allein zu ihm und sprachen: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters? (Matthäus 24,3)
Wollten die Jünger tatsächlich wissen, wann ihr Herr wiederkommt? Würde das nicht voraussetzen, dass sie zu diesem Zeitpunkt[2] schon verstanden und angenommen hatten, dass Jesus abgelehnt, misshandelt und hingerichtet wird und dann aufersteht, zum Vater geht und erst dann wiederkommt? Zwar kann das griechische Wort „parousia“, das hier mit „Ankunft“ wiedergegeben wird, auch „Wiederkunft“ bedeuten, aber die Evangelien zeigen deutlich, dass die Jünger nicht einmal die direkten Leidensankündigungen verstanden haben (Lukas 18,31–34). Daher konnten sie hier nicht an eine mögliche Wiederkunft denken, als sie Jesus nach dem Zeichen seines Kommens fragten. In ihrer Frage verbanden die Jünger das Kommen Jesu mit dem sichtbaren Beginn seiner Herrschaft als Messias und unbestrittener König Israels. Ebenso bezieht sich die Frage nach der „Fülle der Zeit“ nicht auf das Ende der Welt, sondern auf die Herrschaft des verheißenen Königs – den Beginn des neuen, messianischen Zeitalters.
In seiner Antwort sprach Jesus zunächst von den Zeichen, die der Zerstörung Jerusalems vorausgehen. Anhand dieser Zeichen sollten die judäischen Christen erkennen, wann sein Tag kommen würde, das heißt, wann sie die Stadt verlassen müssten. Die Zerstörung Jerusalems war ein Gericht über das Judentum, das den Messias ermordet hatte. In diesem Gericht erscheint Jesus als der kommende Richter, der das ungehorsame Volk richtet. Ausgehend von diesem Ereignis spricht Jesus dann auch von seiner Wiederkunft, bei der er ebenfalls als Richter kommen wird. Dafür wird es jedoch keinerlei Vorzeichen geben.
2.2 Der Tag des Herrn
Es mag im ersten Moment unverständlich sein, warum Jesus die Zerstörung der Stadt als sein Kommen oder seinen Tag bezeichnet. Zum Verständnis dessen ist es hilfreich zu wissen, dass auch die alttestamentlichen Propheten manchmal mit denselben Ausdrücken das Gericht über das ungehorsame Volk verkündeten:
Wehe über den Tag! Denn nahe ist der Tag des HERRN, und er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen. (Joel 1,15)
So spricht der HERR: Unheil über Unheil, siehe es kommt! Ein Ende kommt; es kommt das Ende, es erwacht gegen dich, Bewohner des Landes. Es kommt die Zeit, nahe ist der Tag: Bestürzung und nicht Jauchzen auf den Bergen! (Hesekiel 7,5–7)
Das Ende, das Hesekiel verkündet, ist das der Stadt und des Tempels. Seine Worte erfüllten sich schon nach wenigen Jahren: Jerusalem und der erste Tempel wurden im Jahre 586 v. Chr. durch die Babylonier zerstört.
Ausgehend von seiner Ankündigung von der Zerstörung des Tempels spricht auch Jesus gegenüber seinen Jüngern vom Ende, und meint damit das Ende Jerusalems:
Wenn ihr aber von Kriegen und Empörungen hören werdet, so erschreckt nicht; denn dieses muss zuvor geschehen, aber das Ende ist nicht sogleich da. (Lukas 21,9)
Wenn ihr aber Jerusalem von Heerscharen umzingelt seht, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe gekommen ist. Dann sollen die Judäa auf die Berge fliehen und die in seiner Mitte sind, daraus entweichen, und die auf dem Land sind, nicht dort hineinkommen. Denn dies sind die Tage der Rache, dass alles erfüllt werde, was geschrieben steht. (Lukas 21,20–22)
An anderer Stelle nennt er das gleiche Ereignis den Tag des Menschensohns, denn auch hier mahnt er zur Flucht, die beim Weltende keinen Sinn machen würde:
Ebenso wird es an dem Tag sein, da der Sohn des Menschen offenbart wird. An jenem Tag – wer auf dem Dach sein wird und sein Gerät im Haus hat, der steige nicht hinab, um es zu holen; und wer auf dem Feld ist, wende sich ebenso wenig zurück. (Lukas 17,30 f.)
2.3 Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels als Gerichtszeichen
Durch ihre Auflehnung gegen das Gesetz verloren die Israeliten oft Gottes Schutz. Wann aber war der Widerstand Israels gegen Gott größer als zu der Zeit, in der er seinen einzigen, geliebten Sohn zu ihnen sandte, den sie abgewiesen haben? Und wer konnte deshalb das kommende Gericht klarer voraussehen als der Menschensohn selbst?
Und als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn Tage werden über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall um dich aufschütten und dich umzingeln und dich von allen Seiten einengen; und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür, dass du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast. (Lukas 19,41–44)
Jesus wies auch bei anderen Gelegenheiten auf dieses Ereignis hin. So sagt er zu seinen Jüngern:
Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in die andere! Denn wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen sein wird. (Matthäus 10,23)
In den vorhergehenden Versen in Matthäus 10,16–22 kündigt Jesus ihnen schlimme Verfolgungen an, besonders durch ihre jüdischen Volksgenossen. Er tröstet sie damit, dass sie bis zu seinem Kommen, nämlich wenn Gott das Volk für die Ablehnung des Messias richten wird, immer eine Zuflucht finden werden. Hätte er hier seine Wiederkunft zu Lebzeiten seiner Jünger gemeint, dann hätte er sich geirrt.[3] Es ist aber kein Irrtum, sondern Jesus hebt mit diesem Wort die Bedeutung der Tempelzerstörung hervor, die einige der Jünger noch erleben werden. Das Gericht über Israel ist auch das Vorzeichen des Endgerichts, das letztlich über alle Menschen kommen wird.
Der geistliche Zusammenhang dieser beiden „Gerichtstage“ wird z. B. in folgender Aussage deutlich:
Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun. Wahrlich, ich sage euch: Es sind einige von denen, die hier stehen, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Sohn des Menschen haben kommen sehen in seinem Reich. (Matthäus 16,27–28)
Ohne Zweifel spricht Jesus in Vers 27 vom Gericht bei seiner Wiederkunft. Es liegt daher nahe, dass es auch in Vers 28 um ein Gerichtshandeln Jesu geht, das manche der Jünger sogar noch erleben werden. Dieses Gericht war die bereits erwähnte Zerstörung Jerusalems ungefähr 40 Jahre nach diesem Wort Jesu. Zu dieser Zeit waren manche der Jünger schon gestorben, aber einige waren noch am Leben.
3 Die Erfüllung der Zeit, die letzten Tage, die letzte Stunde
3.1 Die Erfüllung der Zeit
Jesus spricht schon am Anfang seines Wirkens von der Erfüllung der Zeit und mahnt seine Zuhörer zur Umkehr:
Und nachdem Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Markus 1,14–15)
Die Zeit war erfüllt – nicht, weil das Ende der Welt nahe war, sondern weil in Jesus die Gnade Gottes unter ihnen erschienen ist. Für die Juden war es an der Zeit, die falschen Vorstellungen über den Messias[4] und über ihre besondere Stellung vor Gott[5] aufzugeben. Sie sollten vielmehr lernen, dem Herrn im Glauben, d. h. in tiefem Vertrauen, zu dienen.
3.2 Die letzten Tage
Das Neue Testament zeigt uns, dass die letzten Tage mit dem Auftreten Jesu begonnen haben.
Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat. (Hebräer 1,1 f.)
Mit diesen Worten beginnt der Hebräerbrief[6]. Wir können daran sehen, dass nicht erst die Menschen des 20. oder 21. Jahrhunderts, sondern schon die ersten Christen in der Endzeit lebten. Jesu Leben im vollkommenen Gehorsam zeigt uns den Weg zum Vater, noch viel stärker als es die Propheten vorher taten. Darüber hinaus ist er als Sohn das Abbild des Wesens Gottes. Er ist die stärkste und somit letzte Offenbarung Gottes in der Geschichte. Das nächste heilsgeschichtliche Ereignis wird sein zweites Kommen sein. Der Ausdruck „am Ende dieser Tage“ muss im Zusammenhang der verschiedenen Epochen der Heilsgeschichte verstanden werden. Er sagt nichts über die Dauer dieser Periode aus.
Paulus schreibt an Timotheus über die letzten Tage:
1 Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden; 2 denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, 3 lieblos, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, 4 Verräter, unbesonnen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, 5 die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen. Und von diesen wende dich weg! (2.Timotheus 3,1–5)
Leider waren durch alle Zeitepochen hindurch die meisten Menschen selbstsüchtig, geldliebend, prahlerisch, wie schon die Sintflutgeschichte lehrt. Paulus spricht hier nicht über eine Epoche, die erst viel später beginnen würde. Es hätte keinen Sinn, an Timotheus über die Verdorbenheit der Menschen des 21. Jahrhunderts zu schreiben. Wie Vers 5 zeigt, leben ja beide schon in den letzten Tagen, denn Timotheus soll sich von solchen Zeitgenossen fernhalten. In der Zeit nach Jesus wird es viele Menschen geben, die sich Gott nahe fühlen und „ …die eine Form der Gottseligkeit haben, aber deren Kraft verleugnen“. Paulus sieht damit anhand der Entwicklung in seiner eigenen Zeit schon das Scheinchristentum voraus, dessen Wurzeln tatsächlich bis ins erste Jahrhundert reichen. Das geht auch aus Kapitel 4,1–5 hervor. Er warnt davor, dass sich viele Gläubige oder am Glauben Interessierte von der Wahrheit abkehren und sich Fabeln zuwenden werden, und mahnt Timotheus deshalb, unbeirrt an der richtigen Lehre festzuhalten. Dass diese Situation nicht erst in späterer Zeit eintrifft, sondern in Ansätzen schon in der Zeit des Paulus Realität war, wird ferner aus 1. Timotheus 4,1–11, 6,20 f. und Apostelgeschichte 20,29 f. deutlich.
3.3 Die letzte Stunde und das Kommen des Antichristen
Die Verdrehung der christlichen Lehre ist auch der Hintergrund, wenn der Apostel Johannes vom Kommen des Antichristen spricht:
Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist. (1.Johannes 2,18)
Johannes hat die Leser seines Briefes nicht auf die baldige Wiederkunft Jesu einstimmen wollen.[7] Dafür gibt es auch im Rest des Briefes keinen Anhaltspunkt. Das Auftreten der ersten Irrlehrer in den neutestamentlichen Gemeinden bestätigt die Wahrhaftigkeit der folgenden Aussage Jesu:
… Es ist unmöglich, dass nicht Verführungen kommen. Wehe aber dem, durch den sie kommen! Es wäre ihm nützlicher, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde, als dass er einem dieser Kleinen Anlass zur Sünde gäbe! (Lukas 17,1–2)
Verführungen werden also kommen. Die frühen Gemeinden wurden vor allem durch das Wirken der Judaisten[8] und den Einfluss der Gnosis[9] bedroht. Selbsterdachte Lehren gab es schon vor Jesus. Die Klarheit seiner Worte und sein absoluter Wahrheitsanspruch haben jedoch auch die Verführungen viel raffinierter werden lassen. Der Apostel Johannes zeigt uns in seinem Brief, dass neben den Differenzen im Lehrinhalt vor allem die fehlende Bruderliebe ein sicheres Zeugnis für die Falschheit der Irrlehrer ist. Dies gilt auch heute, sodass es für einen offenen Menschen trotz vieler Irrlehren möglich ist, zu beurteilen, ob eine Gemeinschaft den Geboten Jesu treu folgt oder nicht.
4 Die Wiederkunft Jesu
Jesus hebt immer wieder hervor, wie wichtig Aufrichtigkeit und Wachsamkeit sind. In all den Worten, die wir in den Evangelien bezüglich der Wiederkunft finden, geht es nie um erkennbare Zeichen, sondern um ein Leben in Treue und Wahrhaftigkeit:
Es seien eure Lenden umgürtet und die Lampen brennend; und ihr, seid Menschen gleich, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen mag von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich aufmachen. Glückselig jene Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend finden wird! Wahrlich, ich sage euch: er wird sich umgürten und sie sich zu Tisch legen lassen und wird hinzutreten und sie bedienen. Und wenn er in der zweiten Wache kommt und in der dritten Wache kommt und findet sie so – glückselig sind jene! (Lukas 12,35–38)
Nur die aufrichtige Liebe zum Herrn bewahrt uns vor einem scheinheiligen Leben. Das bekräftigt Jesus mit den anschließenden Gleichnissen vom Dieb in der Nacht[10] und dem treuen und untreuen Knecht:
Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird! In Wahrheit sage ich euch, dass er ihn über seine ganze Habe setzen wird. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit mit dem Kommen und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß und wird ihn entzweischneiden und ihm seinen Teil setzen mit den Ungläubigen. (Lukas 12,43–46)
Jesus lehrt ausdrücklich, dass es immer darauf ankommt, ihm gehorsam und mit ungeteiltem Herzen zu dienen. Wir dürfen uns nicht von anderen Dingen binden lassen, insbesondere nicht von unseren eigenen Wünschen.
Darüber hinaus müssen wir uns vor Augen halten, dass die allermeisten Menschen den Tag der Wiederkunft erleben, wenn sie sterben. Der untreue Knecht steht nicht für die letzte Generation der Menschen. Nach Selbstverleugnung und Gehorsam zu streben ist immer nötig, denn Widerstand gegen die Gebote Gottes führt schon bald zur Verhärtung des Herzens. Wir sollen nicht nachsichtig mit uns selbst sein und meinen, wir könnten ja später immer noch umkehren. Das haben wir nicht in der Hand. Deshalb warnt Jesus seine Gemeinden und spricht von seinem Kommen, ohne zu meinen, dass seine Wiederkunft auf Erden nahe bevorstünde:
Wach auf und stärke das Übrige, das im Begriff stand zu sterben! Denn ich habe vor meinem Gott deine Werke nicht als völlig befunden. Denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es und tue Buße! Wenn du nun nicht wachst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. (Offenbarung 3,2 f.)
Das Bild vom Dieb benutzt Jesus hier, um die selbstsicheren Gläubigen der Gemeinde von Sardes zu warnen, damit sie ihre Errettung nicht verlieren. Es ist unmöglich, trotz Warnungen im Ungehorsam zu verharren und doch am Fest mit Jesus teilzuhaben.
4.1 Ein paar Worte zum Buch der Offenbarung
Eine der zentralen Botschaften des Buches der Offenbarung ist die Aufforderung zu bedingungsloser Treue und Gehorsam, selbst in Zeiten schwerer Verfolgung. Leider ist dieses Buch seit vielen Jahrhunderten Ausgangspunkt von Spekulationen über die Zeit der Wiederkunft. Es ist kein Zufall, dass viele frühere und jetzige Ausleger einen genauen Ablauf der Geschichte in die zahlreichen Bilder hineindeuten. Die Zukunft oder sogar die Wiederkunft voraussagen zu können, ist für manche sehr verlockend.
Christus hat uns aber die Offenbarung nicht als Quelle für Spekulationen gegeben, sondern damit wir uns nicht von der Welt verführen lassen. Dies zeigt sich auch daran, dass Jesus die Gemeinde in Philadelphia für ihren Gehorsam lobt und ihnen verspricht, sie in der Stunde der Versuchung zu bewahren.
Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen. Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme! Wer überwindet, den werde ich im Tempel meines Gottes zu einer Säule machen, und er wird nie mehr hinausgehen; und ich werde auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von meinem Gott, und meinen neuen Namen. Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,10–13)
4.2 „Ich komme bald“
Der Ausspruch „ich komme bald“ ist hier wie auch überhaupt in der Offenbarung als Ermutigung für die Gläubigen zu verstehen, am Gehorsam unter allen Umständen festzuhalten. Denn die Erlösung ist allen Gläubigen jederzeit nahe.
Bei der Auslegung dieser Aussage ist es wichtig zu berücksichtigen, dass das Buch der Offenbarung in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts, also vor fast 2000 Jahren, entstanden ist. Daher kann „bald“ auch in unserer Zeit nicht so verstanden werden, als stünde die Wiederkunft Jesu eindeutig unmittelbar bevor.
In Kapitel 3.2 haben wir erwähnt, dass das Judentum die Geschichte in heilsgeschichtliche Epochen unterteilt hat. Demnach gab es beispielsweise das Zeitalter der Patriarchen, der Richter, dann die Zeit des Königreichs und so weiter, bis hin zum Kommen der letzten Tage, die mit dem Wirken Jesu begannen und seitdem andauern.
Im Zusammenhang mit der Heilsgeschichte ist das nächste und zugleich letzte Ereignis die Wiederkunft Jesu zusammen mit der Auferstehung und dem Jüngsten Gericht. Da dieses nächste Ereignis „bald“ eintreten wird, ist es unabhängig davon, ob bis dahin Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergehen. Deshalb konnte der Apostel Paulus auch an die Christen in Rom schreiben: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe“ (Römer 13,12).
Für diejenigen, die Jesus lieben und wirklich auf sein Kommen warten, ist auch eine lange Zeit kurz. Es ist wie ähnlich wie bei Jakob, der seine langjährigen, schweren Jahre des Dienstes für Rahel nur als wenige Tage empfand:
So diente Jakob für Rahel sieben Jahre; und sie waren in seinen Augen wie einige ‹wenige› Tage, weil er sie liebte. (1. Mose 29,20)
Ebenso ist für Jesus aufgrund seiner Liebe zu uns der Tag unserer Begegnung mit ihm nahe:
Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, würde ich euch gesagt haben: Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin. (Johannes 14,2–3)
5 Schlusswort
Es gibt noch viele andere Bibelstellen, in denen Jesus und die Apostel uns aufrufen, die Lehre rein zu bewahren und danach zu leben. Wir hoffen, dass wir dir trotz unserer kurzen und dieses Thema nur teilweise erschöpfenden Gedanken helfen konnten, die Bibelstellen über die Endzeit tiefer zu verstehen. Wir freuen uns, interessierte Menschen kennenzulernen, die gerne ihre Gedanken mit uns über diese oder andere Fragen des Glaubens austauschen möchten.
Fußnoten
- Jerusalem wurde im Jahr 70, also 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu, durch die Römer im Krieg zerstört.
- Wahrscheinlich im letzten Jahr seines Wirkens.
- Diese Ansicht ist unter liberalen Theologen verbreitet. Sie widerspricht allerdings einer anderen fest verankerten Annahme in der modernen Theologie, nämlich dass ein großer Teil der Worte Jesu in den Evangelien in Wahrheit Worte von Männern aus den Gemeinden des späten ersten Jahrhunderts seien. So wird behauptet, die Christen damals hätten geglaubt, dass Jesus noch zu ihrer Lebzeit wiederkäme. Da dieses nicht geschah, habe man Jesu Worte umgedeutet oder verändert, um das Verzögern zu erklären. Warum ein so drastischer Irrtum wie in Matthäus 10,23 nicht ausgemerzt wurde, bleibt dann allerdings unverständlich.
- Das hebräische Wort Messias bedeutet auf Griechisch „Christos“, auf Latein „Christus“, auf Deutsch “der Gesalbte“ – nach jüdischer Vorstellung jemand, der zum König gesalbt wurde. Die Erwartung eines starken politischen Führers, eines neuen Davids, war groß.
- Siehe dazu Lukas 3,7–9.
- Ungefähr im Jahre 65 geschrieben.
- Wenn man sich die Zeit als die gleichmäßig vergehenden Jahre auf einem Zeitstrahl vorstellt, könnte man meinen, Johannes habe gedacht, das Ende aller Zeit stünde unmittelbar bevor. Im jüdischen Denken jedoch ist der Inhalt der Zeit wichtiger als ihre bloße Dauer. Es hat keine Bedeutung, wie lange es noch dauert, bis Jesus wiederkommt. Zeitliche Begriffe wie Tag oder Stunde darf man in solchen Zusammenhängen nicht wörtlich verstehen, als ob die letzte Stunde der letzte Zeitraum der letzten Tage seien, sowenig wie die letzten Tage das Endstadium der letzten Zeit darstellen.
- Juden, die zwar Jesus für den Messias hielten, jedoch das Einhalten des mosaischen Gesetzes auch für Heidenchristen als notwendig zum Heil ansahen.
- Sammelbegriff für aus dem Griechentum stammende Lehren, die in der materiellen Existenz den Grund für das Böse sahen. Gnostiker hatten Interesse am Christentum und verwendeten christliches Vokabular, füllten dieses aber mit eigenen, der apostolischen Lehre widersprechenden Inhalten.
- Lukas 12,39–40; siehe auch unter 2.