Gott­heit Jesu

Themenbereiche: Gott: Wer ist er?

Eine wich­ti­ge Fra­ge für das Ver­ständ­nis von Jesu Wir­ken, sei­ner Bot­schaft und sei­ner Erlö­sungs­tat ist die nach sei­nem Wesen. Was lehrt das Neue Tes­ta­ment über sei­ne Per­son? Gera­de die­se Fra­ge führt von den ers­ten Jahr­hun­der­ten an bis jetzt immer wie­der zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Wir wol­len uns in die­ser Fra­ge auf das Zeug­nis der Hei­li­gen Schrift kon­zen­trie­ren, da sie Quel­le unse­res Glau­bens ist. Wir ver­trau­en Gott aufs Tiefs­te, dass er auf alle Glau­bens­fra­gen kla­re und ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten in sei­nem Wort schenkt, sodass alle wahr­heits­su­chen­den Men­schen zum glei­chen Ver­ständ­nis fin­den. Wir set­zen hier das völ­li­ge Mensch‐Sein Jesu vor­aus – er, der sich selbst Men­schen­sohn nann­te. Sei­ne voll­kom­me­ne Rein­heit und Hin­ga­be an Gott und den Men­schen wären für uns nicht ein Bei­spiel, wenn wir sie allein sei­ner gött­li­chen Natur zuschrei­ben wür­den. Unser Ziel aber ist zu zei­gen, dass Jesus gemäß des Neu­en Tes­ta­men­tes wahr­haft Gott ist – wesens­gleich dem Vater. Das stimmt mit dem Zeug­nis früh­christ­li­cher Schrif­ten überein.

Eine Leiter, die auf einer Wiese mit Löwenzahn in die Wolken führt, ist für uns eine Treppe in den Himmel - wie Jesus selbst.

1 Die Gött­lich­keit des Mes­si­as ist dem Alten Tes­ta­ment nicht unbekannt

Schon das Alte Tes­ta­ment deu­tet die Gött­lich­keit des Mes­si­as an eini­gen Stel­len an, auch wenn die meis­ten Aus­sa­gen über Isra­els Ret­ter die­se Schluss­fol­ge­rung nicht zulas­sen. Unter den weni­gen Aus­nah­men sticht Dani­el 7,13–14 beson­ders heraus.

Ich schau­te in Gesich­ten der Nacht: und sie­he, mit den Wol­ken des Him­mels kam einer wie der Sohn eines Men­schen. Und er kam zu dem Alten an Tagen, und man brach­te ihn vor ihn. Und ihm wur­de Herr­schaft und Ehre und König­tum gege­ben, und alle Völ­ker, Natio­nen und Spra­chen dien­ten ihm. Sei­ne Herr­schaft ist eine ewi­ge Herr­schaft, die nicht ver­geht, und sein König­tum, dass es nicht zer­stört wird. (Dani­el 7,13–14)

Der hier beschrie­be­ne Men­schen­sohn, der klar von dem „Alten an Tagen“ unter­schie­den wird, emp­fängt gött­li­che Ver­eh­rung. Das ara­mäi­sche Wort „pelah“, das übli­cher­wei­se die Anbe­tung Got­tes aus­drückt, wird in Vers 14 für ihn ver­wen­det. Die­se Stel­le bewog Jesus wohl dazu, sich selbst über­wie­gend als Men­schen­sohn zu bezeichnen.

Laßt mich die Anord­nung des HERRN bekannt­ge­ben! Er hat zu mir gespro­chen: „Mein Sohn bist du, ich habe dich heu­te gezeugt.“ (Psalm 2,7)

Dein Thron, o Gott, ist immer und ewig, ein Zep­ter der Gerad­heit ist das Zep­ter dei­ner Herr­schaft. (Psalm 45,7)

Obwohl Psalm 2,7 und 45,7f nicht so klar bezüg­lich der Gott­heit des Mes­si­as wie Dani­el 7 sind, kann man hier die­ses Ver­ständ­nis auch nicht aus­schlie­ßen. Auf jeden Fall schei­tern die übli­chen Erklä­run­gen, damit sei­en Salo­mo oder ande­re jüdi­sche Köni­ge gemeint, allein schon weil ihre Per­sön­lich­keit und ihre Bedeu­tung bei Wei­tem nicht an den Herr­scher her­an­rei­chen, der an die­sen Stel­len geprie­sen wird. Auf Psalm 45 grei­fen wir spä­ter noch ein­mal zurück.

Das Volk, das im Dun­kel lebt, sieht ein gro­ßes Licht. Die im Land der Fins­ter­nis woh­nen, Licht leuch­tet über ihnen. Du ver­mehrst den Jubel, du machst die Freu­de groß. Sie freu­en sich vor dir, wie man sich freut in der Ern­te, wie man jauchzt beim Ver­tei­len der Beu­te. Denn das Joch ihrer Last, den Stab [auf] ihrer Schul­ter, den Stock ihres Trei­bers zer­brichst du wie am Tag Midi­ans. Denn jeder Stie­fel, der dröh­nend einher­stampft, und [jeder] Man­tel, in Blut gewälzt, fällt dem Brand anheim, [wird] ein Fraß des Feu­ers. Denn ein Kind ist uns gebo­ren, ein Sohn uns gege­ben, und die Herr­schaft ruht auf sei­ner Schul­ter; und man nennt sei­nen Namen: Wun­der­ba­rer Rat­ge­ber, star­ker Gott, Vater der Ewig­keit, Fürst des Frie­dens. Groß ist die Herr­schaft, und der Frie­de wird kein Ende haben auf dem Thron Davids und über sei­nem König­reich, es zu fes­ti­gen und zu stüt­zen durch Recht und Gerech­tig­keit von nun an bis in Ewig­keit. Der Eifer des HERRN der Heer­scha­ren wird dies tun. (Jesa­ja 9,1–6)

Unter den Tex­ten der Pro­phe­ten ragt die Friedefürst‐Prophetie Jesa­ja 9,1–6 her­aus, denn obwohl der Pro­phet selbst wohl an den Thron­fol­ger Hiskia dach­te (sie­he auch Jesa­ja 7,14–17), sind doch sei­ne Wor­te so tief inspi­riert, dass kei­ner der irdisch‐politischen Herr­scher jemals die­sem Bild ent­spre­chen dürf­te. Es gibt wohl eini­ge Weis­sa­gun­gen, deren Fül­le und Aus­sa­ge­kraft von den Pro­phe­ten, die sie aus­spra­chen, nicht erfasst wur­den, da ihre Erfül­lung noch weit vor ihnen lag. Doch wel­chen unter den Men­schen wür­den wir je „Wun­der­ba­rer Rat­ge­ber, Star­ker Gott, Vater der Ewig­keit, Fürst des Frie­dens“ nennen?

2 Das Zeug­nis der syn­op­ti­schen Evangelien

Gera­de die­se Hoff­nung auf einen mäch­ti­gen, irdi­schen Herr­scher von der Art Davids war sehr tief im Den­ken der Juden ver­an­kert. Die­se übli­che Mes­si­as­vor­stel­lung – und damit auch das Got­tes­bild – sei­ner Zuhö­rer zu ver­än­dern, war das Ziel vie­ler Aus­sa­gen und Hand­lun­gen Jesu. Dies ist der Hin­ter­grund, auf dem sein Wir­ken erst ganz ver­ständ­lich wird. Alle vier Evan­ge­li­en zeich­nen die­ses Bild, jedoch ist ein Unter­schied in der Tie­fe der Beschrei­bung zwi­schen den Syn­op­ti­kern einer­seits und Johan­nes ande­rer­seits unverkennbar.

Mat­thä­us und Lukas beschrei­ben jeweils am Anfang ihrer Evan­ge­li­en die Umstän­de der Emp­fäng­nis und Geburt Jesu, wobei ihre Dif­fe­ren­zen – die man aller­dings größ­ten­teils leicht har­mo­ni­sie­ren kann – auf zwei unter­schied­li­che Infor­ma­ti­ons­quel­len schlie­ßen las­sen. An ent­schei­den­der Stel­le jedoch, näm­lich dass nicht Josef, son­dern Gott Jesu Vater ist, der ihn auf wun­der­ba­re Wei­se im Mut­ter­leib der Jung­frau Maria zeug­te, stim­men bei­de Berich­te aber über­ein, was die Glaub­wür­dig­keit die­ser Tat­sa­che auf jeden Fall steigert.

Mar­kus‘ Schwei­gen dar­über hat offen­sicht­lich nur struk­tu­rel­le Grün­de (er berich­tet nichts über Jesu Her­kunft und Geburt), doch mit sei­nem „Sohn der Maria“ in Mar­kus 6,3 (ver­glei­che die Par­al­le­len in Mat­thä­us 13,55 und Lukas 4,22) lässt auch er durch­schei­nen, dass ihm die unge­wöhn­li­chen Umstän­de um die Zeu­gung Jesu wohl­be­kannt sind. Es war näm­lich damals üblich, einen Men­schen nach sei­nem Vater zu benen­nen. Dass die Leu­te jedoch Jesus als „Sohn der Maria“ bezeich­nen, deu­tet an, dass sie Josef nicht für sei­nen Vater halten.

Somit lie­fern die­se Evan­ge­li­en einen star­ken Hin­weis auf Jesu gött­li­che Natur, wel­che ansons­ten nur noch aus eini­gen weni­gen Stel­len geschlos­sen wer­den kann, so z. B. Mat­thä­us 11,25–30; 23,37–39; Mar­kus 2,1–12. Da es aber in den ent­spre­chen­den Situa­tio­nen nicht Jesu ers­te Absicht war, sei­ne Gött­lich­keit zu offen­ba­ren, kann man die­se hier auch nicht zwin­gend her­lei­ten, obwohl ein umfas­sen­des Ver­ständ­nis die­ser Pas­sa­gen erst durch die Aner­ken­nung der Gott­heit Jesu mög­lich ist. Dage­gen spricht Mat­thä­us 25,31 schon in sich selbst stark dafür, da hier der Men­schen­sohn, der in Herr­lich­keit kommt, zugleich der Wel­ten­rich­ter ist, was schlecht­hin die Rol­le Got­tes ist.

Des Wei­te­ren beschreibt der Evan­ge­list die Anbe­tung Jesu durch die Jün­ger in sol­chen Wor­ten, die exklu­siv für die Anbe­tung Got­tes ver­wen­det wur­den (Mat­thä­us 28,9.17), womit er zu erken­nen gibt, für wen er Jesus hält. Und schließ­lich drückt Jesus aus, dass er als Sohn das­sel­be Wesen wie der Vater und der Hei­li­ge Geist hat, indem er in Mat­thä­us 28,19 den Jün­gern befiehlt, „auf den Namen des Vaters, des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes“ zu taufen.

3 Die Gott­heit Jesu in den Paulusbriefen

Das glei­che Zeug­nis soll­ten wir auch in den Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments erwar­ten, aus denen wir vom Leben und der Leh­re der ers­ten Chris­ten erfah­ren, vor allem den Pau­lus­brie­fen. Es ist aller­dings zu bemer­ken, dass Pau­lus kei­nen Anlass hat, sei­nen Adres­sa­ten Jesu Natur zu erklä­ren, er teilt ja mit jenen den­sel­ben Glau­ben. Für ihn heißt Glau­be an Jesus Erret­tung, was in sich selbst schon Jesu Gott­heit erfor­dert. Trotz­dem fin­den wir hier eini­ge Stel­len, in denen die Leug­nung der Gott­heit Jesu gleich­sam eine Ver­än­de­rung des Tex­tes bedeu­ten würde.

So fin­den wir im Phil­ip­per­brief die Gleich­set­zung von Jesu Geist mit dem Hei­li­gen Geist (1,19) und gleich danach (1,23) nennt er das „bei Gott sein“ „bei Chris­tus sein“. Beson­ders auf­fäl­lig ist dann Kapi­tel 2,5–11, da er hier Jesu Natur der Natur Got­tes gleich­setzt und dar­über hin­aus Jesus gött­li­che Ver­eh­rung zuteil wer­den lässt.

Die­se Gesin­nung sei in euch, die auch in Chris­tus Jesus [war], der in Gestalt Got­tes war und es nicht für einen Raub ach­te­te, Gott gleich zu sein. Aber er mach­te sich selbst zu nichts und nahm Knechts­ge­stalt an, indem er den Men­schen gleich gewor­den ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch erfun­den, ernied­rig­te er sich selbst und wur­de gehor­sam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. Dar­um hat Gott ihn auch hoch erho­ben und ihm den Namen ver­lie­hen, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beu­ge, der Himm­li­schen und Irdi­schen und Unter­ir­di­schen, und jede Zun­ge beken­ne, daß Jesus Chris­tus Herr ist, zur Ehre Got­tes, des Vaters. (Phil­ip­per 2,5–11)

Die­se Wor­te ver­mit­teln, dass die Geburt Jesu nicht der Anfang sei­ner Exis­tenz war, wie es bei jedem Men­schen der Fall ist. Jesus wil­lig­te ein, einer von uns zu wer­den. Pau­lus beschreibt sein Kom­men auf die Erde als eine Ernied­ri­gung und sei­ne Auf­er­ste­hung als eine Erhö­hung zurück in sei­ne gött­li­che Herr­lich­keit im Himmel.

Im Koloss­erbrief 1,13–20 sagt er: „Er ist das Bild des unsicht­ba­ren Got­tes, der Erst­ge­bo­re­ne aller Schöp­fung …“, ein Aus­druck, der den Ver­wandt­schafts­grad, also die Nähe zum Vater im Unter­schied zur Schöp­fung, im Blick hat, und fährt dann fort mit: „…alles ist durch ihn und für ihn geschaf­fen …“, was nicht zutref­fend wäre, wäre Chris­tus nicht selbst Gott. Etwas spä­ter (2,9) schreibt er. „Denn in ihm wohnt die gan­ze Fül­le der Gott­heit leib­haf­tig“, was man schwer­lich als „gerin­ger als Gott“ aus­le­gen kann. In Titus 2,13f drückt er klar die Hoff­nung aller Chris­ten aus, näm­lich die auf die Erschei­nung der Herr­lich­keit unse­res gro­ßen Got­tes und Hei­lan­des Jesus Chris­tus. Zwei­fels­oh­ne kann nur Gott der Ret­ter sein.

… indem wir die glück­se­li­ge Hoff­nung und Erschei­nung der Herr­lich­keit unse­res gro­ßen Got­tes und Hei­lan­des Jesus Chris­tus erwar­ten. (Titus 2,13)

Manch­mal wird ein­ge­wandt, dass Pau­lus an eini­gen Stel­len einen unter Gott ste­hen­den Chris­tus leh­re (so z. B. in 1. Korin­ther 15,27f – jedoch spricht die­se Stel­le wie auch das gan­ze Kapi­tel über den Auf­er­stan­de­nen und die Auf­er­ste­hung und somit über etwas, das nur Men­schen betrifft). Durch die­sen Ein­wand kann man aber die Aus­sa­ge­kraft der vor­her erwähn­ten Stel­len nicht redu­zie­ren. Viel­mehr ist es so, dass Pau­lus über Chris­tus manch­mal im Hin­blick auf sei­ne gött­li­che und manch­mal im Hin­blick auf sei­ne mensch­li­che Natur schreibt, ohne dies streng zu unter­schei­den. Somit ver­tieft er die Leh­re, dass sich in Chris­tus gött­li­ches und mensch­li­ches Wesen vereinen.

Deut­lich wird außer­dem, dass er, der doch mit der Schrift, dem AT, so ver­traut war, durch Zita­te und Anspie­lun­gen eben aus die­ser das Gott­sein Jesu unter­strich, so z. B. 1. Korin­ther 2,8 vgl. Psalm 24,7–9 und 2. Mose 24,16; 1. Korin­ther 10,4.9 vgl. Psalm 78,15 und 2. Mose 17,6f oder Römer 10,9–13 vgl. Joel 3,5 und Psalm 145,18.

4 Auch die Apos­tel­ge­schich­te und ande­re Brie­fe bezeu­gen Jesu Gottheit

Betrach­ten wir den Rest des Neu­en Tes­ta­ments – außer den johannei­schen Schrif­ten – fin­den wir auch hier Argu­men­te. So gibt Lukas die letz­ten Wor­te des Ste­pha­nus in Apos­tel­ge­schich­te 7,54–60 in einer Wei­se wie­der, dass Jesu Mes­sia­ni­tät, Gott‐ und Mensch­sein sehr eng ver­bun­den sind. So ist das Gebet von Ste­pha­nus zu Jesus ein frü­hes Zeug­nis des Glau­bens an die zwei Natu­ren Jesu.

Im Hebrä­er­brief wird gleich ein­gangs durch Zita­te des Alten Tes­ta­ments Jesu Gott­heit bezeugt. So über­setzt der Autor das hebräi­sche „Elo­him“ aus dem mes­sia­ni­schen Psalm 45, was „Gott, Göt­ter“ oder auch „star­ker Herr“ bedeu­ten kann, mit dem grie­chi­schen „The­os“ (Hebrä­er 1,8–9), was nur mit „Gott“ zu über­set­zen ist. Daher kann Jesus nicht gerin­ger als Gott gese­hen wer­den. Gleich dar­auf (Hebrä­er 1,10–12) rich­tet er das Got­tes­lob aus Psalm 102,26–28 an Chris­tus, was zeigt, dass die Chris­ten ihn als Schöp­fer betrachteten.

Und schließ­lich zeigt auch Petrus durch sei­ne häu­fi­ge Wie­der­ho­lung der Begrif­fe „Herr“ und „Hei­land“ im 2. Petrus­brief sei­ne Über­zeu­gung. Direkt für Jesus ver­wen­det er jene in 1,1.2.8.11.14.16; 2,1.20; 3,2.18; eher für Gott in 2,9.11; 3,8 ff. 15; obwohl auch hier eine Anwen­dung auf Jesus mög­lich wäre, wor­aus deut­lich wird, dass er das Gott­sein Jesu voraussetzt.

5 Das größ­te Zeug­nis: Die Schrif­ten des Apos­tels Johannes

All die­se Zeug­nis­se wer­den in den Schrif­ten des Johan­nes bestä­tigt, ver­tieft und damit über­trof­fen. Anstel­le einer Beschrei­bung der Umstän­de von Jesu Geburt lädt er sei­ne Leser gleich am Beginn sei­nes Evan­ge­li­ums ein, die Tie­fen und das Geheim­nis in Chris­ti Wesen zu sehen, um Got­tes gro­ße Lie­be zu sei­ner Schöp­fung zu beleuch­ten und den Grund für Jesu Kom­men zu erklären.

Dabei erklärt er schon in den ers­ten Aus­sa­gen, dass das Wort Got­tes – auf Grie­chisch der „Logos“ – wesens­gleich mit Gott, dem Vater, ist (Johan­nes 1,1–3). Er sagt, dass die­ses Wort Fleisch wur­de, womit wie­der­um die gött­li­che und die mensch­li­che Natur Jesu bezeugt sind. In Vers 18 wird durch die Aus­sa­ge vom „ein­ge­bo­re­nen Sohn“, oder nach eben­falls alten Hand­schrif­ten „ein­ge­bo­re­nem Gott, der in des Vaters Schoß ist“, die Wesens­gleich­heit auf­grund der Zeu­gung deut­lich. Da Gott Geist ist und von Ewig­keit her exis­tiert, d.h. der Urgrund und Schöp­fer aller, auch der für uns unfass­ba­ren Din­ge ist, kann die­se Zeu­gung nur eine ewi­ge sein. Es geht also nicht um die Beschrei­bung eines spä­te­ren Beginns der Exis­tenz des Soh­nes, son­dern um die tref­fen­de Cha­rak­te­ri­sie­rung der inni­gen Bezie­hung zwei­er wesens‐ und gesin­nungs­mä­ßig voll­kom­men in Ein­heit befind­li­chen Personen.

Die­se Bot­schaft wird nun in den Kapi­teln, die Jesu Wir­ken beschrei­ben mehr oder weni­ger deut­lich wie­der­holt und bestä­tigt, wobei Johan­nes aber das Mensch­sein Jesu nicht etwa außer Acht lässt. Im Gegen­teil, die­ses Evan­ge­li­um – wel­ches sozu­sa­gen aus ers­ter Hand kommt, denn der Autor war einer der dem Herrn am nächs­ten ste­hen­den Per­so­nen – bezeugt in leben­di­ger und glaub­wür­di­ger Wei­se das erstaun­li­che Wir­ken Jesu und auch die Gedan­ken der Jün­ger, wel­che all die ein­schnei­den­den und her­aus­for­dern­den Tat­sa­chen ver­in­ner­li­chen muss­ten. So macht er die erleb­te Geschich­te mit der dar­aus erwach­se­nen Erkennt­nis in tief­grei­fen­der Wei­se dem Leser deut­lich und glaubhaft.

Das Selbst­ver­ständ­nis Jesu als voll­kom­me­ner Gesand­ter und Eben­bild des Vaters wird in zahl­rei­chen Pas­sa­gen bezeugt. Dabei ist es ver­ständ­lich, dass Jesus mit kla­ren Aus­sa­gen über sei­ne gött­li­che Natur spar­sam umging, da ja schon sein mes­sia­ni­scher Anspruch mehr und mehr Wider­spruch her­vor­rief. Doch gera­de in den hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen mit sei­nen Haupt­geg­nern konn­te und woll­te Jesus die Wahr­heit über sei­ne Per­son nicht ver­ber­gen, nicht zuletzt auch wegen der Anwe­sen­heit der Jün­ger und der ver­bor­ge­nen Anhän­ger wegen. So fin­den wir in  Johan­nes 8,37–59 im Zuge des Strei­tes um die Abra­ham­kind­schaft durch eine wohl­durch­dach­te Hin­füh­rung eine Anspie­lung auf sein gött­li­ches Wesen, wel­che durch sei­ne Fein­de gleich in aller Schär­fe und Spon­ta­ni­tät abge­lehnt wird. Dabei über­trifft Jesus die ohne­hin schon für die Pha­ri­sä­er inak­zep­ta­ble Behaup­tung, Abra­ham habe ihn gese­hen (Vers 56), noch bei wei­tem, wenn er sagt:

Wahr­lich, wahr­lich, ich sage euch: Ehe Abra­ham war, BIN ICH (Vers 58).

Die­se Aus­sa­ge lässt kei­ne ande­re Aus­le­gung als nur „Ich bin Gott“ zu. Die­ser offen­sicht­li­che gram­ma­ti­sche Feh­ler (Prä­sens folgt auf die Ver­gan­gen­heit) wur­de durch die Jahr­hun­der­te hin­durch von allen Abschrei­bern nicht kor­ri­giert, denn jeder ver­stand die Bedeu­tung die­ses „ICH BIN“ – es ist der Name Got­tes aus 2. Mose 3,13.

Eben­falls zum Stei­ne­wer­fen her­aus­ge­for­dert sahen sich die Juden in der Situa­ti­on, die in Johan­nes 10,22–38 geschil­dert wird, denn auch hier bean­sprucht Jesus Voll­macht über Leben und Erlö­sung. Sein „Ich und der Vater sind eins“ muss den ohne­hin nega­tiv ein­ge­stell­ten Zuhö­rern als uner­hör­te Läs­te­rung vor­ge­kom­men sein – und in der Tat, auch wenn die­se Aus­sa­ge streng­ge­nom­men noch die Aus­le­gung: „Ich und der Vater sind eines Sin­nes, wir ver­fol­gen das glei­che Ziel“ zulässt, so ist doch das Nen­nen bei­der Per­so­nen in einem Atem­zug und in die­ser Rei­hen­fol­ge bes­tens geeig­net, den Anspruch der Eben­bür­tig­keit zu ver­stär­ken, der in den vor­an­ge­hen­den Aus­sa­gen schon erho­ben wird. Die anschlie­ßen­de Ver­tei­di­gung Jesu wirkt zwar im ers­ten Moment wie ein Rück­zug, doch ent­kräf­tet er damit nur die Ankla­gen der Wider­sa­cher, um letzt­lich doch nichts zurück­zu­neh­men. Eigent­lich hät­ten die Juden hier doch ihren Wider­stand auf­ge­ben müs­sen, da das Zeug­nis der Wer­ke Jesu die Wahr­haf­tig­keit sei­ner Wor­te bestä­tig­te. Doch selbst das größ­te aller Zei­chen, wel­ches alle ande­ren noch in den Schat­ten stell­te – die Auf­er­we­ckung des schon vier Tage toten Laza­rus – änder­te nichts an ihrer Gesin­nung. Im Gegen­teil, die­ses gab den letz­ten Aus­schlag, die blin­de Wut und Stur­heit in einen kon­kre­ten Mord­plan umzuformen.

Am letz­ten Abend vor sei­ner Kreu­zi­gung offen­bar­te Jesus sei­nen Ver­trau­ten noch vie­le wich­ti­ge Din­ge, wobei er die Glaub­wür­dig­keit sei­ner Wor­te (z. B. „Glaubt an Gott – glaubt an mich“; „Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben“; „Wer mich sieht, sieht den Vater; Ich bin im Vater und der Vater in mir“) wie­der durch das Zeug­nis sei­ner Taten unter­strich (14,11). Auch eröff­ne­te er ihnen einen tie­fe­ren Ein­blick in sei­ne Bezie­hung zum Vater und die Rol­le des Hei­li­gen Geis­tes. Auch wenn hier noch das Unver­ständ­nis der Jün­ger durch diver­se Fra­gen und Aus­sa­gen (Johan­nes 14, 5.8.22 und 16,17 f. 29 f.)) deut­lich wird, so geht doch lang­sam aber bestän­dig die Frucht die­ser Saat auf. Dies zeigt das spon­ta­ne Bekennt­nis „Mein Herr und mein Gott“ (20,28) des Zweif­lers Tho­mas (sie­he 20,24f), der hier wohl das aus­spricht, was die ande­ren auch schon gese­hen hat­ten. Und dies ist der Glau­be, den Johan­nes in sei­nem gan­zen Evan­ge­li­um ver­mit­teln bzw. fes­ti­gen will.

Auch die Offen­ba­rung des Johan­nes bezeugt dies. Jesus, das Lamm Got­tes, ist der Ers­te und der Letz­te, der von Ewig­keit her lebt (Kapi­tel 1,17f), dem alles Lob genau­so gebührt wie dem, der auf dem Thron sitzt (Kapi­tel 5,12–14) und der wie die­ser (Kapi­tel 1,8) das A und O ist (Kapi­tel 22,13). Gera­de die Ver­wen­dung kla­rer mono­the­is­ti­scher Aus­sa­gen des AT (sie­he Jesa­ja 44,6; 48,12) soll­te Leug­ner der Gott­heit Jesu zur Auf­ga­be ihres Stand­punk­tes brin­gen. Johan­nes und auch alle ande­ren Autoren des Neu­en Tes­ta­ments woll­ten den jüdi­schen Ein‐Gott‐Glauben nicht unter­mi­nie­ren. Statt­des­sen offen­bart der all­mäch­ti­ge Gott, dass er selbst der mes­sia­ni­sche Ret­ter des Vol­kes und über­haupt aller Men­schen ist, indem er im ein­zig gezeug­ten Sohn sei­ne immer­wäh­ren­de Lie­be den Men­schen zeigt.



Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt, und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn. Da er aber voll Heiligen Geistes war und fest zum Himmel schaute, sah er die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen; und er sprach: Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen! Sie schrien aber mit lauter Stimme, hielten ihre Ohren zu und stürzten einmütig auf ihn los. Und als sie ihn aus der Stadt hinausgestoßen hatten, steinigten sie ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes mit Namen Saulus. Und sie steinigten den Stephanus, der betete und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Und niederkniend rief er mit lauter Stimme: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu! Und als er dies gesagt hatte, entschlief er. (Apostelgeschichte 7,54–60)

von dem Sohn aber: `Dein Thron, o Gott, ist in alle Ewigkeit, und das Zepter der Aufrichtigkeit ist Zepter deines Reiches; du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehaßt; darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit Freudenöl vor deinen Gefährten. (Hebräer 1,8–9)

Und: `Du, Herr, hast im Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind Werke deiner Hände; sie werden untergehen, du aber bleibst; und sie alle werden veralten wie ein Kleid, und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, und sie werden wie ein Kleid gewechselt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht aufhören. (Hebräer 1,10–12)

Du hast einst die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden umkommen, du aber bleibst. Sie alle werden veralten wie ein Kleid; wie ein Gewand wechselst du sie, und sie werden verwandelt. Du aber bist derselbe, und deine Jahre enden nicht. (Psalm 102,26–28)

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist. (Johannes 1,1–3)

Ich weiß, dass ihr Abrahams Nachkommen seid; aber ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet. Ich rede, was ich bei dem Vater gesehen habe; auch ihr nun tut, was ihr von eurem Vater gehört habt. Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so würdet ihr die Werke Abrahams tun; jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan. Ihr tut die Werke eures Vaters. Sie sprachen nun zu ihm: Wir sind nicht durch Hurerei geboren; wir haben einen Vater, Gott. Jesus sprach zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr mich lieben, denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; denn ich bin auch nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang an und stand nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben. Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht. Wer von euch überführt mich einer Sünde? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes. Darum hört ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. Die Juden antworteten und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, dass du ein Samariter bist und einen Dämon hast? Jesus antwortete: Ich habe keinen Dämon, sondern ich ehre meinen Vater, und ihr verunehrt mich. Ich aber suche nicht meine Ehre: Es ist einer, der sie sucht und der richtet. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Die Juden sprachen nun zu ihm: Jetzt erkennen wir, dass du einen Dämon hast. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wenn jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. Bist du etwa größer als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machst du aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist es, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Und ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn; und wenn ich sagte: Ich kenne ihn nicht, so würde ich euch gleich sein: ein Lügner. Aber ich kenne ihn, und ich bewahre sein Wort. Abraham, euer Vater, jubelte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus. (Johannes 8,37-59)

Es war damals das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; es war Winter. Und Jesus ging in dem Tempel umher, in der Säulenhalle Salomos. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir; aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins. Da hoben die Juden wieder Steine auf, dass sie ihn steinigten. Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater gezeigt. Für welches Werk unter ihnen steinigt ihr mich? Die Juden antworteten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen Lästerung, und weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst. Jesus antwortete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter“? Wenn er jene Götter nannte, an die das Wort Gottes erging – und die Schrift kann nicht aufgelöst werden –, sagt ihr von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn? Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht! Wenn ich sie aber tue, so glaubt den Werken, wenn ihr auch mir nicht glaubt, damit ihr erkennt und versteht, dass der Vater in mir ist und ich in dem Vater! (Johannes 10,22-38)