Got­tes Gerech­tig­keit und Vergebung

Schlagwörter: Erlösung

Heut­zu­ta­ge neh­men vie­le an, dass Gerech­tig­keit und Barm­her­zig­keit zwei ein­an­der wider­spre­chen­de Eigen­schaf­ten in  Got­tes Wesen sei­en. Man geht davon aus, dass einer­seits Got­tes Gerech­tig­keit Stra­fe für Sün­de for­dert und er ande­rer­seits barm­her­zig ist, uns ver­gibt und er Sün­der nicht stra­fen möch­te. Die Ansicht, dass es einen Kon­flikt zwi­schen Got­tes Gerech­tig­keit und Barm­her­zig­keit gäbe, hat das Erlö­sungs­ver­ständ­nis vie­ler Men­schen heu­te geprägt.

In die­sem Arti­kel wol­len wir zei­gen, dass es solch einen Wider­spruch inner­halb des Wesens Got­tes nicht gibt und dass Jesus auch nicht gesandt wur­de, um die­sen Kon­flikt zu lösen. Jesus wur­de als Mensch gebo­ren, leb­te gehor­sam, starb und erstand von den Toten, um so ein voll­kom­me­ner Mitt­ler zwi­schen Mensch und Gott zu sein. Er kam, um uns eine Bezie­hung zum Vater und zu sich selbst anzu­bie­ten – eine Bezie­hung, die durch das ewi­ge Leben besie­gelt wird. Die bibli­schen Aus­drü­cke  „Recht“ und „Gerech­tig­keit“ müs­sen im Zusam­men­hang mit die­ser Bezie­hung ver­stan­den wer­den und nicht als ein aper­so­na­les gesetz­mä­ßi­ges Prin­zip, das erfüllt wer­den muss.

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, Holzschnitt von Rembrandt: Der Vater umarmt zärtlich seinen verarmten Sohn, der um Vergebung bittet

1 Got­tes Gerech­tig­keit, Treue und Barmherzigkeit

In den Köp­fen der meis­ten Men­schen ist der Begriff „Gerech­tig­keit Got­tes“ mit sei­nem unpar­tei­ischen und unvor­ein­ge­nom­me­nen Gericht ver­bun­den. Die­ser Aspekt von Got­tes Gerech­tig­keit wird z. B. in fol­gen­den Bibel­stel­len ausgedrückt:

Da wird der Mensch gebeugt und der Mann ernied­rigt, und die Augen der Hoch­mü­ti­gen wer­den ernied­rigt. Und der HERR der Heer­scha­ren wird im Gericht erha­ben sein, und Gott, der Hei­li­ge, sich hei­lig erwei­sen in Gerech­tig­keit (hebrä­isch: zeda­qah). (Jesa­ja 5,15–16)

Nach­dem nun Gott die Zei­ten der Unwis­sen­heit über­se­hen hat, gebie­tet er jetzt den Men­schen, dass sie alle über­all Buße tun sol­len, weil er einen Tag fest­ge­setzt hat, an dem er den Erd­kreis rich­ten wird in Gerech­tig­keit (grie­chisch: dikai­o­sy­ne) durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen dadurch den Beweis gege­ben, dass er ihn auf­er­weckt hat aus den Toten. (Apos­tel­ge­schich­te 17,30–31)

Die Bedeu­tung des Wor­tes „Gerech­tig­keit“ – hebrä­isch: zeda­qah, grie­chisch: dikai­o­sy­ne -, das in den hier zitier­ten Bibel­stel­len vor­kommt, ist nicht auf ein „unpar­tei­isches und unvor­ein­ge­nom­me­nes Gericht“ beschränkt. Das soll­te uns nicht über­ra­schen, wenn wir den Reich­tum des Wesens Got­tes als Aus­gangs­punkt unse­rer Über­le­gun­gen neh­men. Wenn wir Got­tes Gerech­tig­keit ver­ste­hen wol­len, dann müs­sen wir von dem Fakt aus­ge­hen, dass Gott Lie­be ist (1. Johan­nes 4,16). Es gibt kei­nen Wider­spruch im Wesen Got­tes. Des­halb kön­nen wir Got­tes Gerech­tig­keit[1] nicht von sei­ner Barm­her­zig­keit, Treue, Güte, Gna­de und Ver­ge­bung tren­nen und auch nicht im Gegen­satz dazu sehen – da alle die­se Eigen­schaf­ten gera­de sei­ne Lie­be ausdrücken.

Für Juden zu bibli­schen Zei­ten waren die­se Begrif­fe auch kei­ne Wider­sprü­che, son­dern in ihrer Spra­che – im Hebräi­schen – hat­te das Wort „Gerech­tig­keit“ eine brei­te­re Bedeu­tung und drück­te in ver­schie­de­ner Wei­se die Bezie­hung zwi­schen Gott und Mensch aus. Ein Punkt soll­te in die­sem Zusam­men­hang erwähnt wer­den: Als die Juden das Alte Tes­ta­ment vom Hebräi­schen ins Grie­chi­sche über­setz­ten (die­se Über­set­zung wird Sep­tuag­in­ta genannt), über­setz­ten sie das hebräi­sche Wort für Gerech­tig­keit zeda­qah meist mit dem grie­chi­schen Wort dikai­o­sy­ne (das übli­che grie­chi­sche Wort für „Gerech­tig­keit“), manch­mal aber auch mit einem Wort, das „Barm­her­zig­keit“[2] bedeu­tet. An eini­gen ande­ren Stel­len über­setz­ten sie das hebräi­sche Wort für „Gna­de“ (chä­säd) ins Grie­chi­sche mit dikai­o­sy­ne (was „Gerech­tig­keit“ bedeu­tet).[3] Sie hat­ten die Frei­heit, ver­schie­de­ne Wör­ter dafür zu wäh­len, da sie kei­nen Wider­spruch zwi­schen Gerech­tig­keit, Gna­de und Barm­her­zig­keit sahen.[4]

Unser Anlie­gen ist es, anhand eini­ger bibli­scher Bei­spie­le auf­zu­zei­gen, wie Got­tes Gerech­tig­keit mit sei­ner Treue, Hil­fe, Güte und sei­ner Barm­her­zig­keit ver­bun­den sind. Dabei möch­ten wir das Leben eines Gerech­ten in der Zeit des Alten Tes­ta­ments her­aus­grei­fen, um die­sen Zusam­men­hang zu verdeutlichen:

Danach mach­te David sich auf, ging aus der Höh­le hin­aus und rief hin­ter Saul her: Mein Herr und König! Und Saul sah sich um, und David neig­te sein Gesicht zur Erde und warf sich nie­der. Da sag­te David zu Saul: War­um hörst du auf die Wor­te von Men­schen, die sagen: Sie­he, David sucht dein Unglück? Sie­he, an die­sem Tag haben dei­ne Augen gese­hen, dass der HERR dich heu­te in mei­ne Hand gege­ben hat in der Höh­le. Und man dräng­te mich, dich umzu­brin­gen. Aber ich habe dich ver­schont und dach­te: Ich will mei­ne Hand nicht an mei­nen Herrn legen, denn er ist der Gesalb­te des HERRN! … Und es geschah, als David die­se Wor­te an Saul been­det hat­te, sag­te Saul: Ist das nicht dei­ne Stim­me, mein Sohn David? Und Saul erhob sei­ne Stim­me und wein­te. Dann sag­te er zu David: Du bist gerech­ter als ich. Denn du hast mir Gutes erwie­sen, ich aber habe dir Böses erwie­sen. (1. Samu­el 24,9–11.17–18)

Getrie­ben von Eifer­sucht ver­folg­te der König Saul David bis in die Wüs­te. Unter­wegs ging Saul in eine Höh­le, um sei­ne Not­durft zu ver­rich­ten. Er war sich nicht bewusst, dass sich David in die­ser Höh­le ver­steckt hielt – eine ein­zig­ar­ti­ge Gele­gen­heit für David, sei­nen Erz­feind zu ver­nich­ten und ihm gerech­ter­wei­se sei­ne Taten zu ver­gel­ten. Sei­ne Beglei­ter for­der­ten ihn auf zu han­deln: „Da sag­ten die Män­ner Davids zu ihm: Sie­he, das ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Sie­he, ich wer­de dei­nen Feind in dei­ne Hand geben, damit du mit ihm tun kannst, wie es gut ist in dei­nen Augen. Und David stand auf und schnitt heim­lich einen Zip­fel von dem Ober­kleid Sauls ab“ (1. Samu­el 24,5). David han­del­te gerecht, aber nicht in dem Sin­ne, dass er Saul gerech­ter­wei­se straf­te. Es schlug ihm das Herz (Vers 6), denn er woll­te Saul auf kei­nen Fall in irgend­ei­ner Wei­se scha­den. David war barm­her­zig und zeig­te damit, dass er nur das Bes­te für Saul woll­te, auch wenn er es nicht ver­dient hat­te. Durch Davids Barm­her­zig­keit erkann­te Saul, dass David „gerech­ter“ war als er. Wenn David, ein got­tes­fürch­ti­ger Mann, kei­nen Wider­spruch dar­in sah, barm­her­zig gegen­über Saul zu sein, obwohl er ihn gerech­ter­wei­se hät­te stra­fen kön­nen, um wie viel weni­ger steht für den Vater der Erbar­mun­gen[5] Got­tes Gerech­tig­keit im Gegen­satz dazu, den Men­schen gegen­über barm­her­zig zu sein, die es nicht ver­dient haben?

1.1 Got­tes Gerech­tig­keit gegen­über sei­nem Volk

In einer der schwers­ten Zei­ten der jüdi­schen Geschich­te bete­te Dani­el für sein Volk:

HERR! Bei uns ist die Beschä­mung des Ange­sichts, bei unse­ren Köni­gen, unse­ren Obers­ten und unse­ren Vätern, weil wir gegen dich gesün­digt haben. Bei dem Herrn, unse­rem Gott, ist das Erbar­men und die Ver­ge­bung. Denn wir haben uns gegen ihn auf­ge­lehnt … Und so war der HERR auf das Unglück bedacht und ließ es über uns kom­men. Denn der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen sei­nen Taten, die er tut. Aber wir haben nicht auf sei­ne Stim­me gehört.  (Dani­el 9,8–9.14)

Dann setzt er fort:

Wir haben gesün­digt, wir haben gott­los gehan­delt. Herr, nach all den Taten dei­ner Gerech­tig­keit mögen doch dein Zorn und dei­ne Erre­gung sich wen­den von dei­ner Stadt Jeru­sa­lem, dem Berg dei­nes Hei­lig­tums! Denn wegen unse­rer Sün­den und wegen der Ver­ge­hen unse­rer Väter sind Jeru­sa­lem und dein Volk zum Hohn gewor­den für alle rings um uns her. (Dani­el 9,15b-16)

Im hebräi­schen Text kommt das Wort “gerecht” in den Ver­sen 14 und 16 vor. In Vers 14 spricht er über Got­tes Gericht, wäh­rend in Vers 16 Dani­el, der auf Got­tes Treue sei­nem Bund gegen­über ver­traut, Gott ent­spre­chend sei­ner gerech­ten Taten um Barm­her­zig­keit bit­tet. Er tut dies, weil im Alten Tes­ta­ment Got­tes Gerech­tig­keit nicht auf sein unvor­ein­ge­nom­me­nes Gericht begrenzt ist. Es drückt sei­ne Treue sei­nem Bund und sei­nen Ver­hei­ßun­gen gegen­über aus. Sei­ne Gerech­tig­keit wird dadurch noch grö­ßer, weil er treu bleibt, auch wenn sein Volk untreu ist. Er ver­gibt ihnen und erfüllt sei­ne Ver­hei­ßun­gen, obwohl sein Volk ver­sagt hatte.

An einer ande­ren Stel­le sagt Gott:

Hört mir zu, ihr trot­zi­gen Her­zen, die ihr fer­ne seid von der Gerech­tig­keit! Ich habe mei­ne Gerech­tig­keit nahe gebracht; sie ist nicht fer­ne und mein Heil zögert nicht. Und ich gebe in Zion Heil, für Isra­el mei­ne Herr­lich­keit. (Jesa­ja 46,12–13)

Die Juden wer­den als trot­zig und fern von der Gerech­tig­keit gese­hen. Sie waren unwür­dig, Got­tes Ver­ge­bung zu bekom­men. Trotz­dem sagt Gott ihnen in sei­ner Treue und Lie­be das Heil und sei­ne Herr­lich­keit zu. In die­sem Text wird Got­tes Gerech­tig­keit mit sei­ner Erlö­sung gleich­ge­setzt und steht hier nicht für Gericht.

Sowohl an die­ser als auch an ande­ren Stel­len wird deut­lich, dass die Juden kei­nen Wider­spruch zwi­schen Got­tes Gerech­tig­keit und sei­ner Gna­de bzw. Ver­ge­bung gese­hen haben. Im Gegen­teil – durch sei­ne Barm­her­zig­keit bestä­tigt Gott sei­ne Gerech­tig­keit, weil er dadurch sei­ne Treue beweist, auch wenn sein Volk untreu ist.[6]

Als Gott mit sei­nem Volk einen Bund schloss, ver­sprach er, mit ihnen zu sein, sie zu füh­ren und sich ihnen zu offen­ba­ren. Dar­auf­hin ver­spra­chen auch die Juden, ihm zu gehor­chen, ihm zu fol­gen und treu zu sein, indem sie kei­ne ande­ren Göt­ter neben ihm haben wür­den. Die­se Treue – von­sei­ten Got­tes und des Men­schen – wird in der Bibel auch “Gerech­tig­keit“ genannt. Es ist gerecht, wenn Gott und Men­schen so han­deln, wie sie es ein­an­der ver­spro­chen haben.[7]

1.2 Got­tes Gerech­tig­keit gegen­über ein­zel­nen Men­schen im Alten Testament

Eini­ge Men­schen im Alten Tes­ta­ment geben Zeug­nis von Got­tes Gerech­tig­keit, die sie durch Ver­ge­bung und Gna­de erfuh­ren. In einem Psalm heißt es:

Sei mir gnä­dig, Gott, nach dei­ner Gna­de; til­ge mei­ne Ver­ge­hen nach der Grö­ße dei­ner Barm­her­zig­keit! (Psalm 51,3)

Die­se Wor­te sind eine Bit­te um Ver­ge­bung auf­grund einer schwer­wie­gen­den Sün­de. David wuss­te, dass er als Sün­der kein Recht auf Gna­de hat­te und dass Got­tes Gericht gerecht sein wird:

Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesün­digt und getan, was böse ist in dei­nen Augen; damit du im Recht bist mit dei­nem Reden, rein erfun­den in dei­nem Rich­ten. (Psalm 51,6)

In tie­fer Reue über sei­ne Sün­den ver­traut David allein auf Got­tes Barm­her­zig­keit. Ihm ist klar, dass er Gott kei­ne Wie­der­gut­ma­chung für sei­ne Sün­den anbie­ten kann. Er kann allein dar­auf hof­fen, dass ihm Gott sei­ne Sün­den aus unver­dien­ter Gna­de her­aus vergibt:

Ret­te mich von Blut­schuld, Gott, du Gott mei­nes Heils, so wird mei­ne Zun­ge dei­ne Gerech­tig­keit jubelnd prei­sen. Herr, tue mei­ne Lip­pen auf, dass mein Mund dein Lob ver­kün­de. Denn du hast kei­ne Lust am Schlacht­op­fer, sonst gäbe ich es; Brand­op­fer gefällt dir nicht. Die Opfer Got­tes sind ein zer­bro­che­ner Geist; ein zer­bro­che­nes und zer­schla­ge­nes Herz wirst du, Gott, nicht ver­ach­ten. (Psalm 51,16–19)

Die Zuver­sicht Davids lässt ihn freu­dig über Got­tes Gerech­tig­keit sin­gen. Wenn Gott Gna­de gewährt, zeigt das sei­ne Treue und bestä­tigt es sei­ne Gerechtigkeit.

Eben­so kön­nen wir in einem ande­ren Psalm lesen, dass sich der Schrei­ber sei­ner vie­len  Sün­den tief bewusst war. Den­noch bit­tet er Gott, dass er ihn nach sei­ner Treue, Güte, Erbar­men und Erlö­sung bewahrt. Er ver­kün­det vie­len zur Ermun­te­rung, dass dar­in Got­tes Gerech­tig­keit liegt:

Ich habe Gerech­tig­keit ver­kün­det in gro­ßer Ver­samm­lung; sie­he, mei­ne Lip­pen hemm­te ich nicht – HERR, du weißt es! Dei­ne Gerech­tig­keit habe ich nicht ver­bor­gen im Innern mei­nes Her­zens; dei­ne Zuver­läs­sig­keit und dei­ne Hil­fe habe ich aus­ge­spro­chen, dei­ne Gna­de und dei­ne Treue nicht ver­hehlt vor der gro­ßen Ver­samm­lung. Du, HERR, wirst dein Erbar­men nicht von mir zurück­hal­ten; dei­ne Gna­de und dei­ne Treue wer­den bestän­dig mich behü­ten! Denn Übel bis zur Unzahl haben mich umge­ben, mei­ne Sün­den haben mich erreicht, dass ich nicht auf­zu­bli­cken ver­mag; zahl­rei­cher sind sie als die Haa­re mei­nes Haup­tes, und mein Herz hat mich ver­las­sen. (Psalm 40,10–13)

Psalm 103 ist ein Lob­lied auf Got­tes Barm­her­zig­keit. Vers 6 spricht von Got­tes Gerech­tig­keit denen gegen­über, die in Bedräng­nis sind:

Der HERR ver­schafft Gerech­tig­keit und Recht allen, die bedrückt wer­den. (Psalm 103,6)

Got­tes Gerech­tig­keit kommt auch in der Ermah­nung eines Sün­ders zum Aus­druck. Doch weil sei­ne Lie­be, Geduld und Gna­de so groß sind, wird er nicht für immer zürnen:

Barm­her­zig und gnä­dig ist der HERR, lang­sam zum Zorn und groß an Gna­de. Er wird nicht immer rech­ten, nicht ewig zür­nen. Er hat uns nicht getan nach unse­ren Ver­ge­hen, nach unse­ren Sün­den uns nicht ver­gol­ten. Denn so hoch der Him­mel über der Erde ist, so über­mäch­tig ist sei­ne Gna­de über denen, die ihn fürch­ten. (Psalm 103,8–11)

Für die, die Gott fürch­ten, ver­bin­det sich sei­ne Gerech­tig­keit mit sei­ner Gnade:

Die Gna­de des HERRN aber währt von Ewig­keit zu Ewig­keit über denen, die ihn fürch­ten, sei­ne Gerech­tig­keit bis zu den Kin­des­kin­dern (Psalm 103,17)

Durch Got­tes Gerech­tig­keit haben Gläu­bi­ge Hoff­nung auf Erlösung:

Bei dir, HERR, habe ich mich gebor­gen; lass mich nie­mals zuschan­den wer­den; ret­te mich in dei­ner Gerech­tig­keit! (Psalm 31,2)

Der Psal­mist wuss­te, dass er auf­grund sei­ner eige­nen Sün­den die Hil­fe, die er bekam, nicht ver­dient hatte:

Denn in Kum­mer schwin­det mein Leben dahin und mei­ne Jah­re in Seuf­zen; mei­ne Kraft wankt durch mei­ne Schuld, und es ver­fal­len mei­ne Gebei­ne. (Psalm 31,11)

Sei­ne Hoff­nung war in Got­tes Treue gegrün­det, die er durch sei­ne Gna­de immer wie­der erfuhr.

1.3 Got­tes Gerech­tig­keit im Neu­en Testament

Das Neue Tes­ta­ment lehrt uns eben­so, dass Gott treu und gerecht ist und uns vergibt:

Wenn wir unse­re Sün­den beken­nen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sün­den ver­gibt und uns rei­nigt von jeder Unge­rech­tig­keit. (1. Johan­nes 1,9)

Gott braucht nie­man­dem Rechen­schaft dar­über able­gen, dass er gütig ist. Das wird auch im Gleich­nis mit den Arbei­tern im Wein­berg aus­ge­drückt, wenn der Herr des Wein­ber­ges sagt:

… Nimm das Dei­ne und geh hin! Ich will aber die­sem Letz­ten geben wie auch dir. Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Mei­nen zu tun, was ich will? Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin? (Mat­thä­us 20,14–15)

Nach mensch­li­chen Maß­stä­ben scheint es unge­recht zu sein, dass der­je­ni­ge, der nur eine Stun­de arbei­te­te, den glei­chen Lohn erhielt wie der, der sich zwölf Stun­den abmüh­te. Aber Gott ist nicht an mensch­li­che Maß­stä­be gebun­den. Sei­ne Groß­her­zig­keit, Güte und Lie­be gehen weit über alle mensch­li­chen Erwar­tun­gen von Gerech­tig­keit und Beloh­nung hinaus.

Jesus lehrt uns, zum Ver­ge­ben bereit zu sein, ohne eine Gegen­leis­tung oder Wie­der­gut­ma­chung zu erwarten:

Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich mei­nem Bru­der, der gegen mich sün­digt, ver­ge­ben? Bis sie­ben­mal? Jesus spricht zu ihm: Ich sage dir: Nicht bis sie­ben­mal, son­dern bis sieb­zig­mal sie­ben. Des­we­gen ist es mit dem Reich der Him­mel wie mit einem König, der mit sei­nen Knech­ten abrech­nen woll­te. Als er aber anfing, abzu­rech­nen, wur­de einer zu ihm gebracht, der zehn­tau­send Talen­te schul­de­te. Da er aber nicht zah­len konn­te, befahl der Herr, ihn und sei­ne Frau und die Kin­der und alles, was er hat­te, zu ver­kau­fen und [damit] zu bezah­len. Der Knecht nun fiel nie­der, bat ihn knie­fäl­lig und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezah­len. Der Herr jenes Knech­tes aber wur­de inner­lich bewegt, gab ihn los und erließ ihm das Dar­le­hen. Jener Knecht aber ging hin­aus und fand einen sei­ner Mit­knech­te, der ihm hun­dert Dena­re schul­dig war. Und er ergriff und würg­te ihn und sprach: Bezah­le, wenn du etwas schul­dig bist! Sein Mit­knecht nun fiel nie­der und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezah­len. Er aber woll­te nicht, son­dern ging hin und warf ihn ins Gefäng­nis, bis er die Schuld bezahlt habe. Als aber sei­ne Mit­knech­te sahen, was gesche­hen war, wur­den sie sehr betrübt und gin­gen und berich­te­ten ihrem Herrn alles, was gesche­hen war. Da rief ihn sein Herr her­bei und spricht zu ihm: Böser Knecht! Jene gan­ze Schuld habe ich dir erlas­sen, weil du mich batest. Soll­test nicht auch du dich dei­nes Mit­knech­tes erbarmt haben, wie auch ich mich dei­ner erbarmt habe? Und sein Herr wur­de zor­nig und über­lie­fer­te ihn den Fol­ter­knech­ten, bis er alles bezahlt habe, was er ihm schul­dig war. So wird auch mein himm­li­scher Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder sei­nem Bru­der von Her­zen ver­gebt. (Mat­thä­us 18,21–35)

Die Schuld, die der Knecht gegen­über dem König hat­te, war unbe­zahl­bar.[8] Nie­mand wür­de den König dafür ankla­gen, dass er unge­recht sei, wenn er güti­ger­wei­se sei­nem Schuld­ner die Schul­den erlässt. Wenn wir über die Barm­her­zig­keit des Königs hören, brennt unser Herz vor Freu­de und wir stim­men dem zu – ja, das ist gerecht, so ist es gut.

Jesus lehr­te uns auch zu beten:

… und ver­gib uns unse­re Schul­den, wie auch wir unse­ren Schuld­nern ver­ge­ben haben (Mat­thä­us 6,12)

Wenn Gott von uns for­dert, dass wir frei­mü­tig ver­ge­ben, ist er dann nicht in der Lage, das Glei­che auch zu tun? Das Gleich­nis über den König, der mit sei­nen Knech­ten abrech­nen woll­te, zeigt, dass der König sehr wohl dazu fähig war zu ver­ge­ben, ohne eine Gegen­leis­tung zu for­dern, was er auch tat.

2 Wem kann ver­ge­ben werden?

Wenn Gott güti­ger Wei­se ver­ge­ben kann, war­um ver­gibt er dann nicht jedem? Jesa­ja lehrt uns, dass ein unbuß­fer­ti­ger Mensch Got­tes Gna­de miss­brau­chen wür­de, wenn er sie erführe:

Wird dem Gott­lo­sen Gna­de zuteil, lernt er nicht Gerech­tig­keit; im Land der Gerad­heit han­delt er unrecht und sieht nicht die Hoheit des HERRN. (Jesa­ja 26,10)

Wenn ein böser Mensch Ver­ge­bung erfüh­re, dann wür­de es ihn in sei­ner Bos­heit bestär­ken. Ihm zu ver­ge­ben wür­de dann nur dazu füh­ren, dass er die Ver­ge­bung miss­braucht. Gott ver­gibt die­sem Men­schen nicht, da er das Böse nicht unter­stüt­zen möch­te. Er ver­gibt nicht jedem.

… wenn ihr aber den Men­schen nicht ver­gebt, so wird euer Vater eure Ver­ge­hun­gen auch nicht ver­ge­ben. (Mat­thä­us 6,15)

 … wenn aber jemand gegen den Hei­li­gen Geist reden wird, dem wird nicht ver­ge­ben wer­den, weder in die­sem Zeit­al­ter noch in dem zukünf­ti­gen. (Mat­thä­us 12,32b)

Er ver­gibt denen, die sich demü­ti­gen, ihre Sün­den beken­nen und von Got­tes Gerech­tig­keit ler­nen, denn das ist die rech­te Ant­wort auf sei­ne Gnade.

Denn die Gna­de Got­tes ist erschie­nen, heil­brin­gend allen Men­schen, und unter­weist uns, damit wir die Gott­lo­sig­keit und die welt­li­chen Begier­den ver­leug­nen und beson­nen und gerecht und got­tes­fürch­tig leben in dem jet­zi­gen Zeit­lauf (Titus 2,11–12)

Jesu Ziel war es, uns Gott näher zu brin­gen und Reue für unse­re Sün­den und  Lie­be zu Gott in uns zu wecken. Das erleb­te auch eine Frau in der fol­gen­den Situation:

Es bat ihn aber einer der Pha­ri­sä­er, daß er mit ihm essen möch­te; und er ging in das Haus des Pha­ri­sä­ers und leg­te sich zu Tisch. Und sie­he, [da war] eine Frau in der Stadt, die eine Sün­de­rin war; und als sie erfah­ren hat­te, daß er in dem Haus des Pha­ri­sä­ers zu Tisch lie­ge, brach­te sie eine Ala­bas­ter­fla­sche mit Salb­öl, trat von hin­ten an sei­ne Füße her­an, wein­te und fing an, sei­ne Füße mit Trä­nen zu benet­zen, und trock­ne­te sie mit den Haa­ren ihres Haup­tes. [Dann] küß­te sie sei­ne Füße und salb­te sie mit dem Salb­öl. Als aber der Pha­ri­sä­er, der ihn gela­den hat­te, das sah, sprach er bei sich selbst und sag­te: Wenn die­ser ein Pro­phet wäre, so wür­de er erken­nen, wer und was für eine Frau [das ist], die ihn anrührt; denn sie ist eine Sün­de­rin. Und Jesus ant­wor­te­te und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sagt: Leh­rer, sprich! — Ein Gläu­bi­ger hat­te zwei Schuld­ner; der eine schul­de­te fünf­hun­dert Dena­re, der ande­re aber fünf­zig; da sie aber nicht zah­len konn­ten, schenk­te er es bei­den. Wer nun von ihnen wird ihn am meis­ten lie­ben? Simon aber ant­wor­te­te und sprach: Ich den­ke, dem er das meis­te geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geur­teilt. Und sich zu der Frau wen­dend, sprach er zu Simon: Siehst du die­se Frau? Ich bin in dein Haus gekom­men, du hast mir kein Was­ser für mei­ne Füße gege­ben; sie aber hat mei­ne Füße mit Trä­nen benetzt und mit ihren Haa­ren getrock­net. Du hast mir kei­nen Kuß gege­ben; sie aber hat, seit­dem ich her­ein­ge­kom­men bin, nicht abge­las­sen, mei­ne Füße zu küs­sen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Salb­öl mei­ne Füße gesalbt. Des­we­gen sage ich dir: Ihre vie­len Sün­den sind ver­ge­ben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig ver­ge­ben wird, der liebt wenig. (Lukas 7,36–47)

Sie war in Sün­den gefan­gen und hat­te zu wenig Kraft, ihre Situa­ti­on zu ändern. Ange­pran­gert von den „from­men“ Juden schien es kei­ne Hoff­nung für sie zu geben. Wahr­schein­lich hat­te sie Jesus schon irgend­wo reden hören und wur­de durch die Begeg­nung mit ihm von dem Wunsch nach rei­ner Lie­be und wirk­li­chem Leben erfüllt. Sie zöger­te nicht, das zum Aus­druck zu brin­gen. Sie woll­te nicht mehr sün­di­gen und drück­te ihre Bereit­schaft zur Umkehr aus. Des­halb konn­te ihr ver­ge­ben wer­den. Das glei­che Ange­bot ist auch für uns gül­tig. Wenn wir dem Ruf Jesu fol­gen – wie die­se Frau es tat –, dann kön­nen auch wir sei­ne Ver­ge­bung erfahren.


Fußnoten

  1. Das Hebräisch­wör­ter­buch (Hebräi­sches und Ara­mäi­sches Lexi­kon zum Alten Tes­ta­ment von Lud­wig Koeh­ler und Wal­ter Baum­gart­ner, Drit­te Auf­la­ge, Band II, Lei­den Bos­ton 2004; S. 941; Unter­punk­te zu Punkt 6) gibt uns 4 Bedeu­tun­gen an, wenn es dar­um geht, dass Gott (יְהוָה – Jah­we)  gerecht (צַדִּיק – zad­diq, das Adjek­tiv zu zeda­qah) ist: 1. gerecht (richtend/strafend) – Psalm 7,12; 129,4; Hiob 34,17 2. gerecht (Recht stif­tend oder set­zend) – Zefa­nia 3,5; Psalm 119,137 3. gerecht (im Recht gegen­über Anschul­di­gun­gen) – 2. Mose 9,27; Jere­mia 12,1; Kla­ge­lie­der 1,18; Dani­el 9,14; Neh­emia 9,33; 2. Chro­nik 12,6 4. gerecht (in der Bedeu­tung hilf­reich, treu) – 5. Mose 32,4; Jesa­ja 45,21; Psalm 11,7; Psalm 116,5 (par­al­lel mit gnä­dig: חַנּוּן – chan­nun), Psalm 145,17 (par­al­lel mit gütig: חָסִיד – cha­sid), Esra 9,15; Neh­emia 9,8.
  2. Psalm 24,5; 33,5; 103,6; Jesa­ja 1,27; 28,17; 56,1; 59,16 (wie auch in Dani­el 9,16 in der Theodotion‐Übersetzung aus ca. 200 n. Chr.).
  3. 1. Mose 24,27; 32,10; 2. Mose 15,13; 34,7; Jesa­ja 63,7.
  4. Eini­ge Gelehr­te (z. B. McGrath, Alis­ter E. Ius­ti­tia Dei: A Histo­ry of the Chris­ti­an Doc­tri­ne of Jus­ti­fi­ca­ti­on. Cam­bridge, 2002, 1–16.; Gop­pelt, Leon­hard. Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments. [Teil 2, Viel­falt und Ein­heit des apos­to­li­schen Chris­tus­zeug­nis­ses]. Göt­tin­gen, 1980, 465–471.; Buber, Mar­tin. Zur Ver­deut­schung des letz­ten Ban­des der Schrift, Abschnitt 1, 5–6. Bei­la­ge zu: Die Schrift. Stutt­gart, 1992, Band 4) sind der Ansicht, dass in der hebräi­schen Kul­tur der bibli­sche Begriff „Gerech­tig­keit“ (und ande­re Schlüs­sel­be­grif­fe wie „Gna­de“ oder „Opfer“) weit­ge­hend im Zusam­men­hang der Bezie­hung zu Gott (d. h. des Bun­des) ver­stan­den wur­de. Aus die­sem Grund war für die jüdi­schen Schrei­ber die Bedeu­tung von Wör­tern wie „Gerech­tig­keit“, „Treue“, „Barm­her­zig­keit“ und „Gna­de“ eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Sie drück­ten unter­schied­li­che Aspek­te der Bezie­hung zwi­schen Gott und dem Men­schen aus. Die grie­chi­sche und römi­sche Kul­tur, in deren Spra­che die Bibel über­setzt wur­de, waren nicht von die­sem Kon­zept einer Bezie­hung zu Gott geprägt. Für die Grie­chen war die Gesell­schaft der Maß­stab, nach dem beur­teilt wur­de, was gerecht und unge­recht ist. Für die Römer war es das Gesetz. Die­ser Umstand mach­te es ziem­lich schwer, eine grie­chi­sche bzw. latei­ni­sche Ent­spre­chung für das hebräi­sche zeda­qah (צְדָקָה – “Gerech­tig­keit”) zu fin­den. In den ers­ten bei­den Jahr­hun­der­ten des Chris­ten­tums war Grie­chisch die Spra­che der Kir­che und es wur­de die von Juden erstell­te grie­chi­sche Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments ver­wen­det. Ab dem zwei­ten Jahr­hun­dert begann die Kir­che im West­teil des Römi­schen Rei­ches mehr und mehr die latei­ni­sche Spra­che zu ver­wen­den und so wur­de die Bibel auch auf Latein über­setzt. Die Aus­drü­cke „Gerech­tig­keit“ oder „(jeman­den) gerecht machen“ wur­den ins Latei­ni­sche mit ius­ti­tia und iusti­fi­ca­re über­setzt. Bei­de Aus­drü­cke kom­men aus der Rechts­spre­chung und sind von daher geprägt. Das Den­ken vie­ler latei­ni­scher Kir­chen­vä­ter war durch juri­di­sches Den­ken geprägt, das die Grund­la­ge der römi­schen Bil­dung dar­stell­te. Im Lauf der Jahr­hun­der­te wur­de im Wes­ten das Bild einer Gerichts­ver­hand­lung das zen­tra­le Bild, mit dem die Erlö­sung erklärt wur­de. Die Sün­de wur­de mit einem Ver­bre­chen ver­gli­chen, der Sün­der mit dem schul­di­gen Täter, Gna­de mit dem Frei­spruch des Täters, Gerech­tig­keit mit der Bestra­fung des Schul­di­gen. In die­sem Zusam­men­hang wur­de dem Tod Jesu am Kreuz im west­li­chen Den­ken letzt­lich eine Funk­ti­on zuge­schrie­ben, die im Osten unbe­kannt war. Grie­chi­sche Kir­chen­vä­ter waren von die­sem Den­ken nicht beein­flusst und haben eine nicht juri­di­sche Sicht der Erlö­sung bewahrt und erklär­ten sie als eine Begeg­nung mit Gott, der unse­re mensch­li­che Natur annahm, damit wir in sei­ne Ähn­lich­keit ver­wan­delt wer­den. In die­ser Sicht­wei­se sind die Mensch­wer­dung und die Auf­er­ste­hung die Schlüs­sel­ele­men­te. So ver­stan­den etwa Ire­nä­us und Atha­na­si­us von Alex­an­dri­en die in Chris­tus geschenk­te Erlö­sung als durch sei­ne Mensch­wer­dung wirk­sam gewor­den. Die Kreu­zi­gung ist dabei ein inte­gra­ler Teil der Mensch­wer­dung (Ire­nä­us, Gegen die Häre­si­en III,18; Atha­na­si­us, Über die Mensch­wer­dung des Logos).
  5. 2. Korin­ther 1,3.
  6. Got­tes Treue bedeu­tet jedoch nicht, dass er immer ver­gibt. Es gibt auch zahl­rei­che Bei­spie­le im Alten Tes­ta­ment, in denen Gott nicht ver­gab. Über den got­tes­fürch­ti­gen König Josi­ja lesen wir: Vor Josia gab es kei­nen König wie ihn, der zu dem HERRN umge­kehrt wäre mit sei­nem gan­zen Her­zen und mit sei­ner gan­zen See­le und mit sei­ner gan­zen Kraft nach dem gan­zen Gesetz des Mose. Und auch nach ihm ist sei­nes­glei­chen nicht auf­ge­stan­den. Doch kehr­te sich der HERR nicht ab von der gro­ßen Glut sei­nes Zor­nes, mit der sein Zorn gegen Juda ent­brannt war, wegen all der Krän­kun­gen, mit denen Manas­se ihn gekränkt hat­te (2. Köni­ge 23,25–26). Der Grund dafür, dass die Gerech­tig­keit des Königs nicht den Zorn Got­tes weg­neh­men konn­te war der, dass sich trotz sei­nes Gehor­sams das Herz des Vol­kes nicht zu Gott bekehr­te. Über die glei­che Zeit lesen wir in Jere­mia: Und selbst bei all­dem ist ihre Schwes­ter Juda, die Treu­lo­se, nicht mit ihrem gan­zen Her­zen zu mir zurück­ge­kehrt, son­dern nur zum Schein, spricht der HERR (Jere­mia 3,10).
  7. Ver­glei­che dazu, was das Bibel­werk zum The­ma Gerech­tig­keit schreibt: Der hebräi­sche Begriff zedaka/Gerechtigkeit bezeich­net nicht die Über­ein­stim­mung mit einer abs­trak­ten Norm, son­dern ein an der Gemein­schaft ori­en­tier­tes Han­deln, das Tun der Gerech­tig­keit. So besteht die Gerech­tig­keit zwi­schen Gott und sei­nem Volk in der Treue zum  Bund: Gott erweist sei­ne Gerech­tig­keit, indem er sei­nem Volk hilft und es aus Gefahr ret­tet (Ps 40,11; 71,2.15; 85,14 u. ö.). Men­schen wer­den der Bezie­hung zu Gott gerecht, wenn sie sei­ne Gebo­te hal­ten (Dtn 6,25) und sei­nem Wort Ver­trau­en schen­ken (Gen 15,6).
  8. 1 Talent = 6 000 Dena­re; 1 Denar = 1 Tageslohn.


Das Hebräisch­wör­ter­buch (Hebräi­sches und Ara­mäi­sches Lexi­kon zum Alten Tes­ta­ment von Lud­wig Koeh­ler und Wal­ter Baum­gart­ner, Drit­te Auf­la­ge, Band II, Lei­den Bos­ton 2004; S. 941; Unter­punk­te zu Punkt 6) gibt uns 4 Bedeu­tun­gen an, wenn es dar­um geht, dass Gott (יְהוָה – Jah­we)  gerecht (צַדִּיק – zad­diq, das Adjek­tiv zu zeda­qah) ist:
1. gerecht (richtend/strafend) – Psalm 7,12; 129,4; Hiob 34,17
2. gerecht (Recht stif­tend oder set­zend) – Zefa­nia 3,5; Psalm 119,137
3. gerecht (im Recht gegen­über Anschul­di­gun­gen) – 2. Mose 9,27; Jere­mia 12,1; Kla­ge­lie­der 1,18; Dani­el 9,14; Neh­emia 9,33; 2. Chro­nik 12,6
4. gerecht (in der Bedeu­tung hilf­reich, treu) – 5. Mose 32,4; Jesa­ja 45,21; Psalm 11,7; Psalm 116,5 (par­al­lel mit gnä­dig: חַנּוּן – chan­nun), Psalm 145,17 (par­al­lel mit gütig: חָסִיד – cha­sid), Esra 9,15; Neh­emia 9,8.

Psalm 24,5; 33,5; 103,6; Jesa­ja 1,27; 28,17; 56,1; 59,16 (wie auch in Dani­el 9,16 in der Theodotion‐Übersetzung aus ca. 200 n. Chr.).

1. Mose 24,27; 32,10; 2. Mose 15,13; 34,7; Jesa­ja 63,7.

Eini­ge Gelehr­te (z. B. McGrath, Alis­ter E. Ius­ti­tia Dei: A Histo­ry of the Chris­ti­an Doc­tri­ne of Jus­ti­fi­ca­ti­on. Cam­bridge, 2002, 1–16.; Gop­pelt, Leon­hard. Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments. [Teil 2, Viel­falt und Ein­heit des apos­to­li­schen Chris­tus­zeug­nis­ses]. Göt­tin­gen, 1980, 465–471.; Buber, Mar­tin. Zur Ver­deut­schung des letz­ten Ban­des der Schrift, Abschnitt 1, 5–6. Bei­la­ge zu: Die Schrift. Stutt­gart, 1992, Band 4) sind der Ansicht, dass in der hebräi­schen Kul­tur der bibli­sche Begriff „Gerech­tig­keit“ (und ande­re Schlüs­sel­be­grif­fe wie „Gna­de“ oder „Opfer“) weit­ge­hend im Zusam­men­hang der Bezie­hung zu Gott (d. h. des Bun­des) ver­stan­den wur­de. Aus die­sem Grund war für die jüdi­schen Schrei­ber die Bedeu­tung von Wör­tern wie „Gerech­tig­keit“, „Treue“, „Barm­her­zig­keit“ und „Gna­de“ eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Sie drück­ten unter­schied­li­che Aspek­te der Bezie­hung zwi­schen Gott und dem Men­schen aus. Die grie­chi­sche und römi­sche Kul­tur, in deren Spra­che die Bibel über­setzt wur­de, waren nicht von die­sem Kon­zept einer Bezie­hung zu Gott geprägt. Für die Grie­chen war die Gesell­schaft der Maß­stab, nach dem beur­teilt wur­de, was gerecht und unge­recht ist. Für die Römer war es das Gesetz. Die­ser Umstand mach­te es ziem­lich schwer, eine grie­chi­sche bzw. latei­ni­sche Ent­spre­chung für das hebräi­sche zeda­qah (צְדָקָה – “Gerech­tig­keit”) zu finden.
In den ers­ten bei­den Jahr­hun­der­ten des Chris­ten­tums war Grie­chisch die Spra­che der Kir­che und es wur­de die von Juden erstell­te grie­chi­sche Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments ver­wen­det. Ab dem zwei­ten Jahr­hun­dert begann die Kir­che im West­teil des Römi­schen Rei­ches mehr und mehr die latei­ni­sche Spra­che zu ver­wen­den und so wur­de die Bibel auch auf Latein über­setzt. Die Aus­drü­cke „Gerech­tig­keit“ oder „(jeman­den) gerecht machen“ wur­den ins Latei­ni­sche mit ius­ti­tia und iusti­fi­ca­re über­setzt. Bei­de Aus­drü­cke kom­men aus der Rechts­spre­chung und sind von daher geprägt.
Das Den­ken vie­ler latei­ni­scher Kir­chen­vä­ter war durch juri­di­sches Den­ken geprägt, das die Grund­la­ge der römi­schen Bil­dung dar­stell­te. Im Lauf der Jahr­hun­der­te wur­de im Wes­ten das Bild einer Gerichts­ver­hand­lung das zen­tra­le Bild, mit dem die Erlö­sung erklärt wur­de. Die Sün­de wur­de mit einem Ver­bre­chen ver­gli­chen, der Sün­der mit dem schul­di­gen Täter, Gna­de mit dem Frei­spruch des Täters, Gerech­tig­keit mit der Bestra­fung des Schuldigen.
In die­sem Zusam­men­hang wur­de dem Tod Jesu am Kreuz im west­li­chen Den­ken letzt­lich eine Funk­ti­on zuge­schrie­ben, die im Osten unbe­kannt war.
Grie­chi­sche Kir­chen­vä­ter waren von die­sem Den­ken nicht beein­flusst und haben eine nicht juri­di­sche Sicht der Erlö­sung bewahrt und erklär­ten sie als eine Begeg­nung mit Gott, der unse­re mensch­li­che Natur annahm, damit wir in sei­ne Ähn­lich­keit ver­wan­delt wer­den. In die­ser Sicht­wei­se sind die Mensch­wer­dung und die Auf­er­ste­hung die Schlüs­sel­ele­men­te. So ver­stan­den etwa Ire­nä­us und Atha­na­si­us von Alex­an­dri­en die in Chris­tus geschenk­te Erlö­sung als durch sei­ne Mensch­wer­dung wirk­sam gewor­den. Die Kreu­zi­gung ist dabei ein inte­gra­ler Teil der Mensch­wer­dung (Ire­nä­us, Gegen die Häre­si­en III,18; Atha­na­si­us, Über die Mensch­wer­dung des Logos).

2. Korin­ther 1,3.

Got­tes Treue bedeu­tet jedoch nicht, dass er immer vergibt.
Es gibt auch zahl­rei­che Bei­spie­le im Alten Tes­ta­ment, in denen Gott nicht ver­gab. Über den got­tes­fürch­ti­gen König Josi­ja lesen wir:
Vor Josia gab es kei­nen König wie ihn, der zu dem HERRN umge­kehrt wäre mit sei­nem gan­zen Her­zen und mit sei­ner gan­zen See­le und mit sei­ner gan­zen Kraft nach dem gan­zen Gesetz des Mose. Und auch nach ihm ist sei­nes­glei­chen nicht auf­ge­stan­den. Doch kehr­te sich der HERR nicht ab von der gro­ßen Glut sei­nes Zor­nes, mit der sein Zorn gegen Juda ent­brannt war, wegen all der Krän­kun­gen, mit denen Manas­se ihn gekränkt hat­te (2. Köni­ge 23,25–26).
Der Grund dafür, dass die Gerech­tig­keit des Königs nicht den Zorn Got­tes weg­neh­men konn­te war der, dass sich trotz sei­nes Gehor­sams das Herz des Vol­kes nicht zu Gott bekehr­te. Über die glei­che Zeit lesen wir in Jeremia:
Und selbst bei all­dem ist ihre Schwes­ter Juda, die Treu­lo­se, nicht mit ihrem gan­zen Her­zen zu mir zurück­ge­kehrt, son­dern nur zum Schein, spricht der HERR (Jere­mia 3,10).

Ver­glei­che dazu, was das Bibel­werk zum The­ma Gerech­tig­keit schreibt: Der hebräi­sche Begriff zedaka/Gerechtigkeit bezeich­net nicht die Über­ein­stim­mung mit einer abs­trak­ten Norm, son­dern ein an der Gemein­schaft ori­en­tier­tes Han­deln, das Tun der Gerech­tig­keit. So besteht die Gerech­tig­keit zwi­schen Gott und sei­nem Volk in der Treue zum  Bund: Gott erweist sei­ne Gerech­tig­keit, indem er sei­nem Volk hilft und es aus Gefahr ret­tet (Ps 40,11; 71,2.15; 85,14 u. ö.). Men­schen wer­den der Bezie­hung zu Gott gerecht, wenn sie sei­ne Gebo­te hal­ten (Dtn 6,25) und sei­nem Wort Ver­trau­en schen­ken (Gen 15,6).

1 Talent = 6 000 Dena­re; 1 Denar = 1 Tageslohn.